(13) Geschichtengenerator in Aktion

IMG_0079

Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich als Autorin so etwas wie das „letzte Wort“ hätte, was die Interpretation der von mir verfassten Texte betrifft, dass ich besser wüsste als andere, „was in ihnen steht“. In Texte wandern oft auch Inhalte und Verbindungen, die dort nicht strategisch von der Autorin platziert wurden. „Texte sind oft klüger als ihre Autoren“, sagte der großartige Autor Jurek Becker dazu.

Auch Schreibanregungen sind Texte und auch Schreibanregungen können Möglichkeiten enthalten, die die Autorin zunächst nicht gesehen hat, so wie es mir in der letzten Woche geschah: Das beigefügte Foto enthielt das vollständige „Generator-Personal“ und eine leere Karte aus der Idee heraus: Es kommt auf die Namen, die Figuren gar nicht an – allein die vorgeschlagene Textsorte „Beichte“ zählt.

A51A7DC7-D781-44A7-9EC2-B09F4082B225

Aber das Bild war offenbar stärker als der Text:  Alle Figuren an einem Ort – was für eine Freude! Da müsste sich doch etwas mit anfangen lassen, dachten gleich mehrere und so sind wunderbare und auch wunderbar komische Texte entstanden, in denen sie alle ihren Auftritt hatten: Hier sind sie (bzw. die Links zu ihnen) versammelt.

Und Gerda (die ja schon so viele herrliche Generator-Geschichten verfasst hat), beschenkte mich darüberhinaus in ihrem Beitrag als Einstieg mit diesem Zitat, das wie geschaffen scheint als Motto für die Idee des Geschichten-Generators:

„Luigi Pirandello behauptet (in seinem Vorwort zu dem Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor von 1926), dass er eine Magd habe, Fantasia mit Namen, und “die macht sich einen Spaß daraus, mir Leute ins Haus zu schleppen, damit ich Novellen, Romane und Theaterstücke aus ihnen mache; es sind die unzufriedensten Leute der Welt, Männer, Frauen, Kinder, die in Geschehnisse verwickelt sind, aus denen sie keinen Ausweg mehr finden, die gescheitert sind in ihren Plänen, betrogen in ihren Hoffnungen, und der Umgang mit ihnen kostet natürlich oft große Mühe. – Nun kam meiner Magd Phantasie (…) der unglückliche Gedanke oder, sagen wir, der verhängnisvolle Einfall, mir eine ganze Familie ins Haus zu führen. Ich könnte nicht sagen, wo oder wie sie sie aufgegabelt hatte. Ihrer Ansicht nach hätte ich jedenfalls den Stoff für einen wunderbaren Roman aus ihr herausholen können.” Mir ging es wie Pirandello, mit dem Unterschied, dass ich weiß, wer mir die Figuren ins Haus geschleppt hat: Jutta Reichelt mit ihrem Geschichtengenerator …“

Und heute? Heute haben wir es mit Viktor zu tun, den ich mir als einen jüngeren Mann vorstelle. Aber könnte er nicht auch schon älter sein? Früher stand er im Ruf, Schwierigkeiten mit dem „Nein-Sagen“ zu haben, aber das ist schon länger her. Ein bisschen kopflos ist vielleicht er noch immer. Oder ist auch das nur ein Gerücht? Hat er „die anderen“ vielleicht im Gedränge verloren oder befindet er sich in echter Gefahr?

Wie immer freue ich mich auf Ideen, Anfänge, kleine oder größere Skizzen, Bilder oder was auch immer euch (ganz entgegen meinen ursprünglichen Absichten) alles einfallen mag!

‚“Show Your Work“ (Austin Kleon) oder: Der Blog als Arbeitsjournal

51JJmS22OcL._SY494_BO1,204,203,200_Gekauft hatte ich dieses Buch um Anregungen für einen Workshop zu erhalten, also in gewisser Weise „für andere“, aber schon beim Durchblättern brachte es mich auf neue Ideen – für mich selbst. Und das hatte vor allem mit dem 3. Kapitel zu tun: „Share something small every day!“

Dabei fiel meine erste Reaktion auf diesen Vorschlag keineswegs positiv aus. Wann soll ich das denn noch machen?, dachte ich. Um dann zu grummeln: Woher soll ich denn um Gottes Willen jeden Tag etwas nehmen, das ich „teilen“, das ich „verbreiten“ kann? Dann fiel mir Susanne Haun ein und ihr toller Blog und dass ich sie in der Vergangenheit manchmal beneidet hatte, weil bildnerische Prozesse und Produkte sich „natürlich“ leichter darstellen, abbilden, zeigen lassen. Zudem hatte Susanne erwähnt, dass sie ihren Blog als Archiv nutzt, um ihre Arbeit zu dokumentieren und auch darum hatte ich sie beneidet – vollkommen sicher, dass das für mich als Autorin nicht in einer halbwegs vergleichbaren Weise möglich wäre.

Ist es vielleicht auch nicht. Aber ausprobieren und experimentieren möchte ich mit dieser Idee. Es gibt im Moment so viele unterschiedliche Projekte und Ideen, denen ich nachgehe. Oft stoße ich bei Recherchen auf einzelne Sätze oder Gedanken, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch andere interessieren. Und schon lange reizt mich der Gedanke, diesen Blog als eine Art“Arbeitsjournal“ zu nutzen. Ich glaube, was mir gefehlt hat, war das Wort „small“. „Jeden Tag“ werde ich nicht so ernst nehmen, aber „small“! Einen Gedanken, eine Idee, ein Zitat. Und vielleicht ergibt sich daraus ja auch etwas Neues. Ein Austausch, eine Resonanz. Wenn ich es richtig sehe, wäre das ganz im Sinne von Austin Kleon.

Und was meint ihr dazu?

Kurzer Versuch über die Notwendigkeit literarischer Texte

Warum diese Geschichte und nicht eine andere? Sehr lebhaftes Gefühl, dass ich bei den meisten gängigen Romanen und Filmen habe, selbst den guten; deprimierendes Gefühl: Das ist „gut“, doch ich sehe nicht die Notwendigkeit, das zu erzählen, so ungeheure Mühe aufzuwenden, um das herzustellen“, schreibt Roland Barthes in „Die Vorbereitung des Romans“ und eine Seite weiter: „Einerseits gibt es keine NOTWENDIGKEIT, andererseits sieht sich der Schriftsteller – derjenige, der liest oder schreiben will -, ohne dass er sich dem entziehen könnte, dazu aufgerufen, das Geschriebene als Notwendigkeit zu fundieren oder (als auctor) zu garantieren (2008, S. 300, Wiedergabe wie im Original).

Wer nicht schreibt, könnte denken, zumindest die subjektive Notwendigkeit eines Textes für die Autorin, für den Autor ließe sich mittels Entschlusses herbeiführen: Ab heute schreibe ich nur noch, was mir notwendig erscheint! Oder: Neben dem kommerziellen Quatsch, den ich wochentags schreibe, wird von nun an am Sonntag nur noch Notwendiges geschrieben!
Vielleicht gibt es Autorinnen, Autoren, die das können, denen das gelingt. Was mir viel vertrauter ist: Dass auch die Notwendigkeit zu den Aspekten des Schreibens gehört, nach denen wir suchen (müssen), die nicht einfach „da“ ist.

Ich habe Texte geschrieben, von denen ich hoffte, dass sie „gut“ wären oder jedenfalls Stationen wären auf dem Weg zu „guten“ Texten und habe mir über „Notwendigkeit“ keine Gedanken gemacht. Ich habe Texte geschrieben, deren Notwendigkeit für mich nicht lesbar war. Später dann Texte, die Rettungsringe waren für die Person, die ich tatsächlich war – Texte, deren Notwendigkeit jede literarische Freiheit verdrängte und die mir aber zeigten, welche Texte darauf warten, von mir erzählt zu werden. Und nun bilde ich mir ein, dass sie zumindest gelegentlich gelingt – die Balance zwischen innerer Notwendigkeit und der spielerischen Freiheit, es immer auch anders machen (erzählen) zu können. Und ich bin überzeugt, dass diese immer wieder anders ausfallende Balance die Voraussetzung dafür ist, dass sich auch der Leserin, dem Leser Räume öffnen …

Auch zu der Interaktion von Autor und Leser findet sich bei Roland Barthes ein schöner Gedanke: „Wer schreibt, vermag sich in das Gefühl des potentiellen Lesers zu projezieren und kann schreiben, als ob zumindest ein Leser diesen Text brauchte. Die NOTWENDIGKEIT eines Werkes läge dann darin, dass es dem Bedürfnis eines Lesers irgendwo entspricht.“ (a.a.O. S. 302)

„Handbuch für Autoren“: Informativer als ein Messebesuch!

cover-hb8_gross

Informativer als ein Messebesuch könnte dieses von Sandra Uschtrin herausgegebene „Handbuch für Autorinnen und Autoren“ (8. Auflage, 2015) für all diejenigen sein, die von einer Buchveröffentlichung oder einer Autorenkarriere träumen, denn es enthält auf ca. 700 Seiten eine unglaubliche Fülle an Informationen zu Verlagen und der Verlagssuche, Literaturzeitschriften, Agenturen, literarischen Netzwerken und Infobörsen und zu allem, was gemeinhin unter „Selfpublishing“ zusammengefasst wird.

Das ist viel, könnte man denken, aber es ist noch längst nicht alles. Weitere (umfangreiche) Kapitel widmen sich den Themen „Aus- und Fortbildung für SchriftstellerInnen“, „Der Heftroman und wie man ihn verkauft“, „Schreiben fürs Theater“, „Hörspiele schreiben und produzieren“, Drehbuchschreiben“, „Geld verdienen mit literarischen Dienstleistungen“ und „Recht und Soziales“.

Nun lässt sich ein Inhaltsverzeichnis rasch mit interessanten Themen füllen, was mich bei jeder neuen Ausgabe verblüfft, ist die hohe Qualität und Vielfalt der Beiträge zu den einzelnen Themen. Denn in diesem Handbuch findet man nicht nur zahlreiche informative Auflistungen (von Verlagen, nach Genre unterteilt, oder Agenturen oder Fortbildungseinrichtungen oder oder oder), sondern auch Intervies mit oder Beiträge von ExpertInnen zu den jeweiligen Themen. Allein die Auswahl dieser ExpertInnen zeigt, welchen Erfahrungsschatz Sandra Uschtrin in 30 Jahren „Handbuchmachens“ angehäuft hat. Einer meiner Lieblingsartikel: „Warum so viele Lyrikmanuskripte abgelehnt werden“.

Gibt es denn gar nichts zu kritisieren? Doch. Als Bloggerin kommt mir gerade dieses Thema etwas kurz und die Liste der „Rezensionsblogs“ ist reichlich „mainstreamlastig“. Auch bei den (allgemeinen) Exposé-Empfehlungen fehlt mir ein Hinweis, dass bei „literarischer Prosa“ manche Selbstverständlichkeit aus dem Mainstream- oder Genre-Bereich bei den EmpfängerInnen u. U. für Befremden sorgen könnte („Hauptfigur, Gegenspieler, Konflikt“).

Dennoch: Obwohl ich, wenn es ums Schreiben geht, allgemeine Aussagen oder Regeln vermeide, wo ich nur kann, mache ich hier eine Ausnahme: Dieses „Handbuch für AutorInnen und Autoren“ gehört in jedes AutorInnen-Regal! Und wen die Ausgabe von 54,90 Euro schreckt, dem sei versichert, dass es auch diesen Preis nicht nur wert ist, sondern oft vermutlich locker wieder „einspielt“, weil es viel Lebenszeit erspart. Lebenszeit, die wir sonst mit aufwändigen Recherchen verbrächten oder auch vergeblichen Schritten oder Bemühungen auf dem Weg zur (erfolgreicheren) Autorin, zum erfolgreichen Autor. Dieses Handbuch vermittelt einen realistischen Eindruck, wie weit und mühsam der Weg zum Buch in aller Regel ist und gibt gleichzeitig eine Orientierung, wie er zum Ziel führen kann. Wer nun gerade aber richtig klamm ist, könnte sich einen gemütlichen Nachmittag in der Stadtbibliothek machen. Die haben es nicht? Dann gilt auch für dieses Buch: unbedingt einen Kaufantrag stellen (alle Bibliotheken sehen diese Möglichkeit vor und reagieren oft verblüffend schnell auf solche Vorschläge)!

Sandra Uschtrin (Hg.): Handbuch für Autorinnen und Autoren. (8. Auflage) 2015

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten: www.handbuch-fuer-autoren.de

Lasst uns mal offen reden – über Lesungen!

Es gibt kein Format im Kulturbereich, das mir so seltsam vorkommt wie Lesungen! Theateraufführungen, Museumsbesuche, Filmvorführungen, Performances – das alles hat einen „Sinn“, der mir unmittelbar einleuchtet. Das alles kann mich mehr oder weniger ansprechen oder begeistern oder gelangweilt zurücklassen – aber noch die misslungenste Aufführung, der langweiligste Film (wenn mir denn so etwas einmal begegnete), würde mich nicht am Sinn der „Institution“ Kino, Theater oder Museum zweifeln lassen. Aber Lesungen?

Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit Menschen über Lesungen gesprochen habe, die damit auf eine professionelle Weise zu tun haben (als Verlagsmitarbeiter:innen, als Autor:innen, als Buchhändler:innen) und sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder das gleiche Gefühl einstellte: Ratlosigkeit. Ratlosigkeit, warum so wenige (seltener: so viele) Menschen gekommen sind, warum die anschließende Diskussion so schleppend (seltener: so spannend) verlief. Das Resümee ist dann meist ein achselzuckendes: „Man steckt eben nicht drin!“ Oder auch das wechselseitige „Geständnis“, dass man ja selbst auch vermutlich nicht oder kaum einmal zu Lesungen ginge, wenn man nicht zufälligerweise Autor:in oder Buchhändler:in sei …

Lasst uns also doch mal über Lesungen reden! Zunächst aber ein paar Eindrücke und Erfahrungen, die ich selbst in der Rolle als „Besucherin“ und „Autorin“ gemacht habe:

Während ich den „Trubel“, der um die Person des Autors, der Autorin gemacht wird, oft übertrieben finde (der zunehmende „Biographismus“; der Versuch der Verlage, Interesse an einem Text über das Interesse an der Person des Autors, der Autorin zu wecken usw. usf.), war es für mich immer offensichtlich, dass meine Motivation, Lesungen zu besuchen „am Autor, an der Autorin hängt“. Bei meiner ersten Lesung erlebte ich Jurek Becker (es folgten über die Jahre zwei weitere mit ihm), einige Jahre später fuhr ich nach Berlin, um dem Philosophen Ernst Tugendhat bei seiner Abschieds-Vorlesung zuhören zu können und erst vor zwei Jahren war ich froh, dass ich bei einer Lesung von Ruth Klüger im überfüllten Saal noch ein Eckchen gefunden hatte, in das ich mich drücken konnte.

Muss ein Autor, eine Autorin prominent sein, um mein Interesse an einer Lesung zu wecken? Nein, er oder sie kann auch vollkommen unbekannt sein, wenn es etwas gibt, das mich an einem Buch auf eine sehr besondere Weise berührt oder interessiert hat. Aber es ist eben selten ein einziges Buch, sondern in aller Regel erst eine Folge von Büchern, die bei mir das Interesse an der Person der Autorin, des Autors weckt. Weil es so ist, wie es ist, brauchen wir uns also um Lesungen von Jonathan Franzen, Siri Hustvedt oder Karl Ove Knausgård keine Gedanken zu machen – die funktionieren.

Was bedeutet das für „die anderen“ Autorinnen, bzw. Lesungen? Es bedeutet meiner Meinung nach, dass die Lesung (die Veranstaltung) mehr bieten muss, als „nur“: Lesung mit anschließender (dem Zufall überlassener) Diskussion zu sein. Wenn ich zufriedene Rückmeldungen von Veranstalter:innen oder Besucher:innen erhalte, dann liegt das meist daran, dass sich an die eigentliche Lesung ein interessantes Gespräch, ein offener Austausch angeschlossen hat, es liegt selten allein an der „Lesung“.

Wäre ich Buchhändlerin (oder hätte ich Zeit genug, um eine eigene Lesereihe zu veranstalten), dann würde mein „idealer Ablauf“ etwa so aussehen: nach einer kurzen Vorstellung liest die Autorin, der Autor nicht länger als 40 Minuten. Im Anschluss beginne ich ein Gespräch mit der Autorin, das im weiteren Verlauf auch für das Publikum geöffnet wird. Nach maximal 90 Minuten (eher weniger) gibt es die Gelegenheit/Einladung, noch ein Getränk zu sich zu nehmen, den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Im Fall eines solchen Ablaufs wäre nicht mehr so viel dem Zufall überlassen, würde ein Besuch vielleicht auch interessant sein für diejenigen, die der  konkreten Text nicht rundum begeistert.

Ich glaube nämlich, dass der üblichen Lesung die (vielleicht unreflektierte) Annahme zu Grunde liegt, der „gute Text“ trage die Lesung, wenn denn genug Besucher:innen kommen. Und das funktioniert sicherlich auch manchmal. Aber oft eben auch nicht und dann breitet sich die oben beschriebene Ratlosigkeit aus. An einer Lesung ist das Besondere, die Anwesenheit der Autorin, des Autors – das Buch ist immer „da“, verfügbar. Die Aufgabe besteht also darin, das Besondere zu nutzen und stark zu machen. Meiner Erfahrung nach interessieren sich die Besucher:innen von Lesungen IMMER für Fragen des Schreibprozesses, der Ideenfindung, der Bewältigung von Schwierigkeiten – und der autobiografischen Hintergründe …

Als die Erzählungen „Es wäre schön“ von mir erschienen, habe ich mit sehr guter Resonanz unter dem Titel „4 Texte, 3 Fragen“ eine „gemischte Lesung“ angeboten, bei der ich vier Texte gelesen habe und dazwischen jeweils eine der drei Fragen beantwortet habe, die angeblich (und zum Verdruss vieler Autor:innen!) die Leser:innen am meisten interessieren: Ist das autobiografisch? Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Können Sie davon leben?

„Können Sie davon leben“ ist dabei ein gutes Stichwort, denn bevor ich die Diskussion eröffne, müssen wir über Geld reden! Die wenigsten Menschen wissen, dass Lesungen für Autor:innen eine wichtige (oft die wichtigste!) Einnahmequelle sind. Ebenso wenige Menschen wissen, dass Buchhändler:innen bei Lesungen, die sie veranstalten, in aller Regel „draufzahlen“ – zumindest wenn man allein Einnahmen und Ausgaben des Tages gegenüberstellt und „weiche“ Faktoren wie „Kundenbindung“ etc. unberücksichtigt lässt. Wenn ich mir also Gedanken darüber mache, wie Lesungen (besser) funktionieren könnten, dann hat das auch ein sehr reales persönliches Interesse zum Hintergrund!

Dieser Beitrag ist auch eine Reaktion darauf, dass hier auf dem Blog zuletzt die Frage auftauchte, ob ich nicht mal in Thüringen lesen könnte – oder in Wuppertal? Und ich mich gefragt habe, ob das nicht tatsächlich „eigentlich“ funktionieren müsste: eine lokale Buchhandlung zu finden, wenn vereinbart wäre, dass ein paar engagierte Buchbloger:innen die Werbung (mit)übernähmen?

Und jetzt seid Ihr dran! Wie wünscht Ihr Euch Lesungen? Wie sind Eure Erfahrungen und Erlebnisse! Wo sind die Buchhändler:innen oder Veranstalter:innen die Lust haben, mit dem Format zu experimentieren (oder die das schon längst tun!) Wie könnte es vielleicht auch ganz anders gehen?

Für diejenigen, die in Frankfurt sein werden: Kommt doch zu meiner Lesung aus den „Wiederholten Verdächtigungen“ im Rahmen der „Leseinsel der unabhängigen Verlage“ am Freitag um 16 Uhr – danach könnte man ja auch noch ein bisschen über Lesungen oder dies und das plaudern … Es würde mich sehr freuen!

Gerne wäre ich eine, die offen und vorurteilslos Texte liest …

Gerne wäre ich eine, die offen und vorurteilslos Texte liest und ohne Ansehen der äusseren Umstände (Kenntnisse über Autor, Autorin, Rezensionen, Erwartungen usw.) zu einem Leseeindruck, zu einem Urteil kommt. Und oft bin ich auch so eine.

Aber manchmal auch nicht. Und dann ist mein Zugang zu einem Text aus manchmal vollkommen albernen Gründen verbaut oder erschwert. Leider ändert diese Erkenntnis (wie es manchmal mit Erkenntnissen so ist) überhaupt nichts. Eine Lektüre beginnt, bei der ich versuche, meine Miesepetrigkeit zu ignorieren – aber welcher Text kann sich schon dagegen behaupten? Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist das zuletzt gelungen. Ich bin mir nicht sicher, welche Laus mir da über die Lese-Leber gelaufen war, vielleicht der ständige Hinweis auf die „Buddenbrocks“. (Was doppelt unsinnig ist, weil ich die „Buddenbrocks“ in guter Lese-Erinnerung habe.)

Ähnlich absurd fand ich selbst, dass mir der Zugang zu Wolfgang Herrndorf nicht glücken mochte. Immer wieder nahm ich „Tschick“ in die Hand, auch „Sand“, immer wieder (das machte es sicherlich nicht besser!) wurde ich äusserst nachdrücklich zur Lektüre aufgefordert (WAS? DAS hast du nicht gelesen?). Die Lage war verfahren und ich rechnete damit, dass aus Hermsdorf und mir nichts mehr werden würde – was ich allerdings vermutlich nicht hier so leichthin in die Welt posaunt hätte (WAS, du willst den auch in Zukunft NICHT lesen?), wenn sich heute morgen nicht dieses kleine Sonntagswunder ereignet hätte:

Ich schlug nämlich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf und las dort:

„Mir ist es peinlich, auf der Straße die Richtung zu ändern, wenn ich etwas vergessen habe. Ich wechsle vorher mindestens die Straßenseite oder binde mir die Schuhe neu, bevor ich umkehren kann. Schwer zu beschreiben, warum. Ich glaube, es gibt Leute, die kennen das. Und es gibt Leute, die  kennen das nicht, und denen kann man es dann auch nicht erklären. Es hat irgendetwas mit Scham zu tun.“

Ich bin vollkommen begeistert und wenn nicht urheberrechtliche Gründe dagegen stünden, dann würde ich hier die nächsten zwei Stunden damit zubringen, diesen Textauszug vollständig abzutippen, der auf eine wunderbare Weise komisch und traurig und klug zugleich ist. Wir werden doch noch Freunde, Wolfgang Herrndorf und ich – ich bin mir sicher!

Der Text in der FAS ist ein leicht gekürzter Auszug aus der in diesen Tagen erscheinenden Gesamtausgabe von Wolfgang Herrndorf, Rowohlt Berlin, drei Bände, 1840 Seiten)

Vom Text zum Buch: Raymond Carver, meine drei Lektorinnen und ich …

Ich habe drei. Drei Lektorinnen. Das ist ungewöhnlich. Heutzutage liest man ja eher davon, dass es immer seltener wird – das vernünftige Lektorat eines Textes. Wobei man andererseits selten etwas über die konkrete Arbeit von Lektor:innen liest. Wenn, dann ist es meist die Frage: Warum hat der Lektor das nicht verhindert? „Das“ sind dann grobe stilistische Schnitzer oder orthografische Fehler und ich muss gestehen, dass ich mir diese Frage hin und wieder auch schon gestellt habe. Und sie gleichzeitig auch falsch finde, weil in ihr eine seltsame Vorstellung von der Beziehung zwischen Autor:in  und Lektor:in zum Ausdruck kommt. Als sei der Lektor, die Lektorin eine Art „Aufpasser „. Als habe der Lektor, die Lektorin das „letzte Wort“. Aber es gibt gute Gründe dafür, dass es die Autor:innen sind, die das „letzte Wort“ haben. Und damit liegen sie dann eben manchmal auch gründlich daneben.

Ein Fall, in dem der Lektor lange Zeit „das letzte Wort“ hatte, ist die vielleicht tragischste Beziehung zwischen einem Autor und seinem Lektor, die es je gegeben hat: die Zusammenarbeit zwischen dem Autor Raymond Carver und seinem Lektor Gordon Lish. Der bereits 1988 mit fünfzig Jahren gestorbene Raymond Carver wurde u.a. mit dem Kurzgeschichtenband „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ (1981) weltweit berühmt und gilt seither als einer der bedeutendsten Kurzgeschichten-Autoren der Gegenwart. Darüber, dass sein Lektor Gordon Lish massive Eingriffe in den Text vorgenommen hatte, war lange spekuliert worden. Mit dem Erscheinen von „Beginners. Uncut – die Originalfassung“ (dt. 2012/ i. Original: 2008), das auch Auszüge aus dem Briefwechsel enthält kann jede/r genau lesen, wie Carvers Versionen aussahen – und welche radikalen Kürzungen und Veränderungen  Lish daran vornahm.

„Ich liebe dich von Herzen, das musst du mir glauben. Aber ich kann diese Geschichten nicht schreiben, wenn ich mich dabei nicht frei fühle – wenn ich mich nicht frei fühle, werde ich sie überhaupt nicht schreiben -, wenn ich das Gefühl habe, dass Du, der Leser, den ich am meisten schätze, die Geschichten, wenn Du sie nicht magst, von Grund auf neu schreiben wirst. Wenn ich mir das vorstelle, fällt mir der Stift sofort aus der Hand, und ich kann ihn vielleicht nie wieder aufheben …“ (Raymond Carver an Gordon Lish)

Wer mehr darüber erfahren möchte, findet weitere Hintergründe in einer interessanten Rezension von Paul Ingendaay aus dem Jahr 2012 in der FAZ mit dem Titel: „Sein Lektor machte ihn zum Markenartikel“.

Und was hat das nun alles mit mir und meinem Roman zu tun, der im kommenden Frühjahr unter dem Titel „Wiederholte Verdächtigungen“ bei  Klöpfer & Meyer erscheinen wird? Nun, ich habe gerade die Vorschläge und Anmerkungen und Korrekturen in den Text eingearbeitet, die mir von der sehr aufmerksamen Verlagslektorin zugesandt worden waren – und dass dabei keine ganz großen Überarbeitungen und Veränderungen erforderlich waren, dass es keine „großen Baustellen“ gab, lag vor allem daran, dass der Text schon drei (zurückhaltend gezählt) ganz große Überarbeitungen durchlaufen hatte. Und diese wiederum hatten das ebenfalls ungemein aufmerksame Lektorat der Schriftstellerinnen Kerstin Becker und Ulrike Ulrich durchlaufen, weswegen ich in dieser Hinsicht in einer ungemein luxuriösen Situation bin.

Ich meine das vollkommen ernst. Wenn ich heute die Geschichten erzähle, die Texte schreibe, die „darauf warten, von genau mir erzählt zu werden“, dann liegt das daran, dass ich die Suche danach mit einer großen Hartnäckigkeit und Ausdauer betrieben habe – und es liegt auch daran, dass mir auf der Suche diese beiden wunderbaren Kolleginnen über den Weg gelaufen sind und wir seither in einem nahezu unablässigen Austausch über unsere Texte sind. Vor Jahren las ich einmal, dass die Aufgabe eines guten Lektors darin bestünde, den Autor, die Autorin dabei zu unterstützen, dass der Text die Qualität, die er an einigen Stellen bereits hat, durchgängig entfaltet. Ich glaube nicht an Talent und nicht an Disziplin, aber ich glaube an Ausdauer und Praxis und Genauigkeit – und an die Notwendigkeit, differenzierter und konstruktiver Rückmeldungen. Ich danke Euch sehr!

Bücher über das Schreiben: „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“ (Monika Maron)

Ich besitze sie (fast) alle: Die Ratgeber über das Schreiben. Und ich habe die meisten auch gelesen. „Über das Schreiben“ von Sol Stein habe ich vor 15 Jahren regelrecht verschlungen, weil ich bei der Lektüre sicher war, dass meine mit dem Schreiben verbundenen Schwierigkeiten nun ein Ende gefunden hätten. Jedenfall die meisten. Ich würde endlich die „guten“ Texte schreiben können, die zu schreiben ich mich mehr verpflichtet als berufen fühlte. Alles würde besser werden! Ein bisschen so war es wirklich und ein bisschen habe ich auch tatsächlich aus diesem Buch gelernt und deswegen wird es auch einen eigenen Beitrag in dieser neuen Rubkrik „Bücher über das Schreiben“ erhalten, aber beginnen möchte ich mit einem meinem Lieblingsbücher, mit Monika Marons „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“.

Weit mehr als in den Ratgeber-Büchern habe ich wichtige Hinweise für mein Schreiben in den unterschlichsten Selbst-Auskünften von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefunden. In Poetik-Vorlesungen oder Interviews oder Aufsätzen. Und gerade in solchen, die von Umwegen berichten. Von den Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu finden – oder die richtige Perspektive. Den richtigen Anfang oder das überzeugende Ende. Die Frankfurter Poetikvorlesung, auf der das schmale Bändchen von Monika Maron basiert, ist dabei ein besonderer Glücksfall, denn die Autorin berichtet darin ganz konkret von der Entstehung ihres Romans „Ach Glück“, der eine Fortsetzung ihres Buches „Endmoränen“ ist: „Ich wollte nicht ein Buch schreiben, weil ich eine mitteilenswerte Geschichte kannte, sondern weil ich herausfinden wollte, wie die Geschichte, die ich in die Welt gesetzt hatte, weitergeht.“

Im Klappentext ist von einem „Werkstattgespräch mit sich selbst“ die Rede und tatsächlich erfahren wir erstaunlich viel über die konkreten Überlegungen und Arbeitsschritte der Autorin. Vor allem darüber, wie oft das Schreiben ein Prozess des Suchens und Verwerfens ist: „Vor fünf Tagen habe ich beschlossen, das Buch, an dem ich gerade arbeite, von vorne zu beginnen. Auf der Seite 37 konnte ich den Verdacht, ich hätte schon in der Konstruktion, in der Schreibvoraussetzung, einen grundsätzlichen, nicht korrigierbaren Fehler gemacht, nicht mehr abweisen. (…) Ich schreibe sehr langsam und 37 Seiten einfach zu verwerfen ist für mich eine harte Entscheidung.“

Zwei der 37 Seiten sind abgedruckt und vor allem, was aus Sicht der Autorin gegen sie sprach: „Das war der Anfang einer quälenden Dreiecksgeschichte zwischen Mann, Frau und Hund, die ich auf keinen Fall schreiben wollte. (…) Das Buch, das ich schreiben wollte, war zwar die Fortsetzung eines anderen, aber doch ein eigenes Buch, das einen eigenen Anfang brauchte, einen eigenen Ton und sein eigenes Thema.“ Monika Maron unternimmt einen neuen Anlauf, „weniger kleinlich, weniger schmal, irgendwie breiter, irgendwie größer“. Erneut dürfen wir „mitlesen“, erneut gibt es Probleme: „Wenn Johanna ein Sie und nicht ein Ich ist, stellt sich die Frage: wer erzählt? Wessen Stimme ist zu hören?“ (…) Offenbar teile ich das Problem mit anderen. Warum sonst hätte Philip Roth in ‚Der menschliche Makel‘ den Schriftsteller Nathan Zuckerman als Vermittler gebraucht?“

Wer im Detail etwas über Perspektiven, über Erzählstimmen erfahren möchte, der ist mit diversen anderen Titeln (von Ratgebern bis zu literaturwissenschaftlichen Abhandlungen) besser bedient. Aber wer eine Vorstellung davon gewinnen möchte, wie konkrete schriftstellerische Praxis aussieht, wie mühsam erst im Laufe des Schreibens Klarheit darüber entsteht (oft: entstehen kann), was genau wir eigentlich erzählen wollen, der wird in diesem gerade einmal 100 S. dünnen Band interess.

Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche. Fischer Taschenbuch 2006

 

 

„Es wäre schön“: 4 Texte, 3 Antworten – Lesung am 16.10.2014 in der Stadtbibliothek Syke

„Logbuch-Verlag startet mit Jutta-Reichelt-Prosa“ titelte der Weser-Kurier im Januar 2014 über das gerade erschienene, bibliophil gestaltete Heft „Es wäre schön“ und lobte die „dicht und einfühlsam erzählten Texte über Beziehungsweisen“.

In der Veranstaltung „4 Texte, 3 Antworten“ lese ich daraus und beantworte „zwischendurch“ drei der Fragen, die Autor:innen am häufigsten gestellt werden:

Woher nehmen Sie ihre Ideen? Ist das autobiographisch? Können Sie davon leben?

Dadurch erhalten die einzelnen Texte einerseits den Raum, den sie benötigen und andererseits wird die etwas statische Lesungs-Einteilung: „Erst lesen, dann fragen“ aufgelockert. Für die Premiere in der Bremer DETE gab es so zahlreiche wie positive Rückmeldungen – daher geht es jetzt ins Umland:

Stadtbibliothek Syke, Hinrich-Hanno-Platz 1, 16.10.14. 19.30 Uhr Eintritt frei

(Syke ist von Bremen aus mit dem Regional-Express in 13 Min. zu erreichen)

Mehr Information zum Heft hier im Blog auf der Startseite unter „Vier Erzählungen: Es wäre schön