Der Buchhändler, der Katalog und meine Empfehlungen

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Der befreundete Buchhändler und Gestalter Axel Stiehler (aufmerksamen Leser:innen dieses Blogs bereits als Veranstalter schöner Lesungen und professioneller Gestalter von Heften und Visitenkarten bekannt) bat mich, für den  „Winterkatalog“ (den Logbuch gemeinsam mit den Buchhandlungen Mahnke/Verden und Bökers am Markt/Wildeshausen) herausgibt) zwei Buchempfehlungen beizusteuern.

Meiner Begeisterung für Ulrike Ulrichs „Draussen um diese Zeit“ habe ich bereits Ausdruck verliehen, aber von Natalia Chernyshevas „Die Rückkehr“ war hier noch nicht die Rede, was ich unbedingt nachholen möchte:

„So wie die Zeit manchmal zu schrumpfen oder sich auszudehnen scheint, so schrumpfen oder wachsen manchmal auch Menschen – ohne dass wir es von außen immer wahrnehmen können. Das wunderbar zart illustrierte Bilderbuch „Die Rückkehr“ von Natalia Chernysheva erzählt eine Geschichte, in der mal die heimkehrende Tochter und mal die Mutter zu Riesinnen werden, um eine Seite später kaum über die Tischkante schauen zu können. Ein Buch für Kinder ab 5 Jahren – und für alle, die Freude an ungewöhnlichen Perspektiven und einer humorvollen wie berührenden Geschichte haben.“

Genau diese Möglichkeit, die Zeit oder auch Menschen (bzw. unsere Gefühle, wenn wir ihnen begegnen) „wachsen oder schrumpfen“ zu lassen, ist eine wunderbare Möglichkeit, die uns das Erzählen von Geschichten bietet, ganz unabhängig davon, ob wir es mit Mitteln des Bildes oder der Sprache tun. Die Illustrationen von Natalia Chernysheva sind eindrucksvolle Beispiele dafür, dass wir manchmal „übertreiben“ müssen, wenn wir erzählen wollen, wie es „wirklich“ war.

Nun enthält dieser Katalog noch viele weitere Empfehlungen, die einer Erwähnung wert wären – eine möchte ich noch herausgreifen, weil ich erst kürzlich auf dem sehr geschätzten Blog „Das graue Sofa“ eine Rezension zum Buch las, die mich überaus neugierig machte. Es handelt sich um:

Von Skitch

Und Claudia notierte im Gespräch darüber ihre Beobachtung: „In den Buchhandlungen steht es meistens irgendwo – oft gar nicht an prominenter Stelle. Und dabei macht ein Blättern und ein Betrachten der Kommentare und der vielen Dinge, die hieningelegt sind, bestimmt sehr neugierig.“ Freut mich, hier ein Gegenbeispiel beisteuern zu können …

Also: stöbern, lesen, kaufen, weiterempfehlen – und natürlich immer beim lokalen Buchhändler des Vertrauens 😉

Lasst uns mal offen reden – über Lesungen!

Es gibt kein Format im Kulturbereich, das mir so seltsam vorkommt wie Lesungen! Theateraufführungen, Museumsbesuche, Filmvorführungen, Performances – das alles hat einen „Sinn“, der mir unmittelbar einleuchtet. Das alles kann mich mehr oder weniger ansprechen oder begeistern oder gelangweilt zurücklassen – aber noch die misslungenste Aufführung, der langweiligste Film (wenn mir denn so etwas einmal begegnete), würde mich nicht am Sinn der „Institution“ Kino, Theater oder Museum zweifeln lassen. Aber Lesungen?

Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit Menschen über Lesungen gesprochen habe, die damit auf eine professionelle Weise zu tun haben (als Verlagsmitarbeiter:innen, als Autor:innen, als Buchhändler:innen) und sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder das gleiche Gefühl einstellte: Ratlosigkeit. Ratlosigkeit, warum so wenige (seltener: so viele) Menschen gekommen sind, warum die anschließende Diskussion so schleppend (seltener: so spannend) verlief. Das Resümee ist dann meist ein achselzuckendes: „Man steckt eben nicht drin!“ Oder auch das wechselseitige „Geständnis“, dass man ja selbst auch vermutlich nicht oder kaum einmal zu Lesungen ginge, wenn man nicht zufälligerweise Autor:in oder Buchhändler:in sei …

Lasst uns also doch mal über Lesungen reden! Zunächst aber ein paar Eindrücke und Erfahrungen, die ich selbst in der Rolle als „Besucherin“ und „Autorin“ gemacht habe:

Während ich den „Trubel“, der um die Person des Autors, der Autorin gemacht wird, oft übertrieben finde (der zunehmende „Biographismus“; der Versuch der Verlage, Interesse an einem Text über das Interesse an der Person des Autors, der Autorin zu wecken usw. usf.), war es für mich immer offensichtlich, dass meine Motivation, Lesungen zu besuchen „am Autor, an der Autorin hängt“. Bei meiner ersten Lesung erlebte ich Jurek Becker (es folgten über die Jahre zwei weitere mit ihm), einige Jahre später fuhr ich nach Berlin, um dem Philosophen Ernst Tugendhat bei seiner Abschieds-Vorlesung zuhören zu können und erst vor zwei Jahren war ich froh, dass ich bei einer Lesung von Ruth Klüger im überfüllten Saal noch ein Eckchen gefunden hatte, in das ich mich drücken konnte.

Muss ein Autor, eine Autorin prominent sein, um mein Interesse an einer Lesung zu wecken? Nein, er oder sie kann auch vollkommen unbekannt sein, wenn es etwas gibt, das mich an einem Buch auf eine sehr besondere Weise berührt oder interessiert hat. Aber es ist eben selten ein einziges Buch, sondern in aller Regel erst eine Folge von Büchern, die bei mir das Interesse an der Person der Autorin, des Autors weckt. Weil es so ist, wie es ist, brauchen wir uns also um Lesungen von Jonathan Franzen, Siri Hustvedt oder Karl Ove Knausgård keine Gedanken zu machen – die funktionieren.

Was bedeutet das für „die anderen“ Autorinnen, bzw. Lesungen? Es bedeutet meiner Meinung nach, dass die Lesung (die Veranstaltung) mehr bieten muss, als „nur“: Lesung mit anschließender (dem Zufall überlassener) Diskussion zu sein. Wenn ich zufriedene Rückmeldungen von Veranstalter:innen oder Besucher:innen erhalte, dann liegt das meist daran, dass sich an die eigentliche Lesung ein interessantes Gespräch, ein offener Austausch angeschlossen hat, es liegt selten allein an der „Lesung“.

Wäre ich Buchhändlerin (oder hätte ich Zeit genug, um eine eigene Lesereihe zu veranstalten), dann würde mein „idealer Ablauf“ etwa so aussehen: nach einer kurzen Vorstellung liest die Autorin, der Autor nicht länger als 40 Minuten. Im Anschluss beginne ich ein Gespräch mit der Autorin, das im weiteren Verlauf auch für das Publikum geöffnet wird. Nach maximal 90 Minuten (eher weniger) gibt es die Gelegenheit/Einladung, noch ein Getränk zu sich zu nehmen, den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Im Fall eines solchen Ablaufs wäre nicht mehr so viel dem Zufall überlassen, würde ein Besuch vielleicht auch interessant sein für diejenigen, die der  konkreten Text nicht rundum begeistert.

Ich glaube nämlich, dass der üblichen Lesung die (vielleicht unreflektierte) Annahme zu Grunde liegt, der „gute Text“ trage die Lesung, wenn denn genug Besucher:innen kommen. Und das funktioniert sicherlich auch manchmal. Aber oft eben auch nicht und dann breitet sich die oben beschriebene Ratlosigkeit aus. An einer Lesung ist das Besondere, die Anwesenheit der Autorin, des Autors – das Buch ist immer „da“, verfügbar. Die Aufgabe besteht also darin, das Besondere zu nutzen und stark zu machen. Meiner Erfahrung nach interessieren sich die Besucher:innen von Lesungen IMMER für Fragen des Schreibprozesses, der Ideenfindung, der Bewältigung von Schwierigkeiten – und der autobiografischen Hintergründe …

Als die Erzählungen „Es wäre schön“ von mir erschienen, habe ich mit sehr guter Resonanz unter dem Titel „4 Texte, 3 Fragen“ eine „gemischte Lesung“ angeboten, bei der ich vier Texte gelesen habe und dazwischen jeweils eine der drei Fragen beantwortet habe, die angeblich (und zum Verdruss vieler Autor:innen!) die Leser:innen am meisten interessieren: Ist das autobiografisch? Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Können Sie davon leben?

„Können Sie davon leben“ ist dabei ein gutes Stichwort, denn bevor ich die Diskussion eröffne, müssen wir über Geld reden! Die wenigsten Menschen wissen, dass Lesungen für Autor:innen eine wichtige (oft die wichtigste!) Einnahmequelle sind. Ebenso wenige Menschen wissen, dass Buchhändler:innen bei Lesungen, die sie veranstalten, in aller Regel „draufzahlen“ – zumindest wenn man allein Einnahmen und Ausgaben des Tages gegenüberstellt und „weiche“ Faktoren wie „Kundenbindung“ etc. unberücksichtigt lässt. Wenn ich mir also Gedanken darüber mache, wie Lesungen (besser) funktionieren könnten, dann hat das auch ein sehr reales persönliches Interesse zum Hintergrund!

Dieser Beitrag ist auch eine Reaktion darauf, dass hier auf dem Blog zuletzt die Frage auftauchte, ob ich nicht mal in Thüringen lesen könnte – oder in Wuppertal? Und ich mich gefragt habe, ob das nicht tatsächlich „eigentlich“ funktionieren müsste: eine lokale Buchhandlung zu finden, wenn vereinbart wäre, dass ein paar engagierte Buchbloger:innen die Werbung (mit)übernähmen?

Und jetzt seid Ihr dran! Wie wünscht Ihr Euch Lesungen? Wie sind Eure Erfahrungen und Erlebnisse! Wo sind die Buchhändler:innen oder Veranstalter:innen die Lust haben, mit dem Format zu experimentieren (oder die das schon längst tun!) Wie könnte es vielleicht auch ganz anders gehen?

Für diejenigen, die in Frankfurt sein werden: Kommt doch zu meiner Lesung aus den „Wiederholten Verdächtigungen“ im Rahmen der „Leseinsel der unabhängigen Verlage“ am Freitag um 16 Uhr – danach könnte man ja auch noch ein bisschen über Lesungen oder dies und das plaudern … Es würde mich sehr freuen!