„Flucht vor Gästen“ könnte eine Lösung sein …

… denke ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit und nehme das gleichnamige Buch von Reinhard Lettau in die Hand. Von Lettau (1929 – 1996) ist kaum einmal die Rede ohne den Zusatz, dass es sich vielleicht um einen der meistunterschätzten Autoren der Gegenwart handelt – wenn von ihm schon einmal die Rede ist.

Lettau war ein  Sprachkünstler mit eigensinnigem Humor, den ich, wären mir seine Texte unbekannt, unbedingt würde lesen wollen – allein der wunderbaren Titel wegen: „Schwierigkeiten beim Häuserbauen“, „Zur Frage der Himmelsrichtungen“, „Frühstücksgespräche in Miami“ und eben mein Lieblingstitel „Flucht vor Gästen“.

Es geht in diesem Text nicht nur um die Zumutung, die Gäste darstellen können, es geht in einem weiteren Strang um einen Vater von elf Töchtern – hier zwei kurze Zitate zu den „Gästen“:

„Ein wiederkehrendes Erlebnis, das mich im Umgang mit Gästen ermüdet, ist die Überprüfung der Gegenstände des Hauses auf ihre Echtheit: Klangprobe am Kristall, Behauchung des Spiegels, Entenbeklopfung.“

„Also ein Gast, den wir seit Tagen bei uns beherbergen, ergreift uns, während wir eben die Diele durchqueren, beim Arm und bittet uns flüsternd für eine Minute ins Wohnzimmer. Wir setzen uns zu ihm aufs Sofa, er zeigt ins Zimmer hinein und sagt: Du hast ja einen Kamin! oder: Du hast ja einen Garten da draußen!, wobei das „ja“ bedeutet, dass wir beides bisher nicht wahrgenommen haben, oder, was auch möglich ist, gehofft hatten, ihm dieser Sachen vorzuenthalten. Tatsächlich, müssten wir nun entgegnen, da ist ein Kamin! oder: Ich hatte gehofft, du hättest ihn nicht bemerkt!“

Wer also nun schwierigen Weihnachtsgästen entgegensieht (oder sie gar schon seit Tagen beherbergt), könnte versuchen, sich in ein spielerisches Verhältnis zu den real vorhandenen Zumutungen zu begeben, was konkret vor allem bedeutet: übertreiben! Noch größer machen! Oder umgekehrt: vollkommen die Luft raus lassen.

So wie wir schreibend die Zeit dehnen und zusammenziehen können, können wir auch „Bedeutungen“ zuschreiben: Wir können, scheinbar banale, Situationen „aufladen“ und umgekehrt aus „dramatischen Szenen“, einmal die „Schwere“ herausnehmen.

Wie immer gilt: anfangen, ausprobieren, weitermachen und den Gästen mit (heimlich gezücktem Notizblock) entgegentreten …

Der Buchhändler, der Katalog und meine Empfehlungen

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Der befreundete Buchhändler und Gestalter Axel Stiehler (aufmerksamen Leser:innen dieses Blogs bereits als Veranstalter schöner Lesungen und professioneller Gestalter von Heften und Visitenkarten bekannt) bat mich, für den  „Winterkatalog“ (den Logbuch gemeinsam mit den Buchhandlungen Mahnke/Verden und Bökers am Markt/Wildeshausen) herausgibt) zwei Buchempfehlungen beizusteuern.

Meiner Begeisterung für Ulrike Ulrichs „Draussen um diese Zeit“ habe ich bereits Ausdruck verliehen, aber von Natalia Chernyshevas „Die Rückkehr“ war hier noch nicht die Rede, was ich unbedingt nachholen möchte:

„So wie die Zeit manchmal zu schrumpfen oder sich auszudehnen scheint, so schrumpfen oder wachsen manchmal auch Menschen – ohne dass wir es von außen immer wahrnehmen können. Das wunderbar zart illustrierte Bilderbuch „Die Rückkehr“ von Natalia Chernysheva erzählt eine Geschichte, in der mal die heimkehrende Tochter und mal die Mutter zu Riesinnen werden, um eine Seite später kaum über die Tischkante schauen zu können. Ein Buch für Kinder ab 5 Jahren – und für alle, die Freude an ungewöhnlichen Perspektiven und einer humorvollen wie berührenden Geschichte haben.“

Genau diese Möglichkeit, die Zeit oder auch Menschen (bzw. unsere Gefühle, wenn wir ihnen begegnen) „wachsen oder schrumpfen“ zu lassen, ist eine wunderbare Möglichkeit, die uns das Erzählen von Geschichten bietet, ganz unabhängig davon, ob wir es mit Mitteln des Bildes oder der Sprache tun. Die Illustrationen von Natalia Chernysheva sind eindrucksvolle Beispiele dafür, dass wir manchmal „übertreiben“ müssen, wenn wir erzählen wollen, wie es „wirklich“ war.

Nun enthält dieser Katalog noch viele weitere Empfehlungen, die einer Erwähnung wert wären – eine möchte ich noch herausgreifen, weil ich erst kürzlich auf dem sehr geschätzten Blog „Das graue Sofa“ eine Rezension zum Buch las, die mich überaus neugierig machte. Es handelt sich um:

Von Skitch

Und Claudia notierte im Gespräch darüber ihre Beobachtung: „In den Buchhandlungen steht es meistens irgendwo – oft gar nicht an prominenter Stelle. Und dabei macht ein Blättern und ein Betrachten der Kommentare und der vielen Dinge, die hieningelegt sind, bestimmt sehr neugierig.“ Freut mich, hier ein Gegenbeispiel beisteuern zu können …

Also: stöbern, lesen, kaufen, weiterempfehlen – und natürlich immer beim lokalen Buchhändler des Vertrauens 😉