31. KW: Das Buch als Haus

Ich war wieder in Bassum, um die Schreibwerkstatt der Sommerakademie zu leiten, die dort mit großem Erfolg seit mehr als 20 Jahren von der VHS Diepholz veranstaltet wird. Der besondere Reiz einer solchen Sommerakademie besteht darin, dass die parallel stattfindenden Kurse sich idealerweise gegenseitig inspirieren – davon möchte ich in diesem Beitrag berichten.
Während der ersten von zwei Wochen, die ich dieses Jahr in der Freudenburg vor Ort war, fand parallel der Kurs Experimentelle Buchgestaltung: Das Buch als Haus unter der Leitung der Künstlerin Odine Lang statt (tolle Homepage mit einem schönen Überblick sowohl über das künstlerische Schaffen als auch das Kursangebot!). Odine und ihre Kursteilnehmerinnen waren so freundlich, uns einen Blick über die Schulter schon am dritten Tag zu gewähren, so dass wir eine Vorstellung von den Entwicklungsschritten der ganz unterschiedlichen Bücher und Objekte machen konnten, die innerhalb der fünf Tage entstanden sind.
Nach diesem Atelier-Besuch fiel mir der Titel eines Buches von Reinhard Lettau ein: Schwierigkeiten beim Häuserbauen. Ich schrieb einen kleinen Text dazu – als Gruß aus der Schreib- an die Buchwerkstatt für die wechselseitige Präsentation der Kursergebnisse am letzten Abend:

„(…) Vielleicht werde ich auch gar nicht mehr über Häuser reden, jedenfalls nicht über solche, deren steinerne Wucht mir jede Phantasie raubt. Vielleicht werde ich nur noch über Häuser aus Papier reden. Und nicht über irgendwelche Häuser aus Papier, nein, allein über Häuser aus Papier, die wie Bücher aussehen, oder Bücher sind, obwohl sie gar nicht so aussehen wie Bücher, sondern wie Häuser.
Was könnte das für ein phantastisches Leben sein, was für wunderbare noch kein bisschen abgenutzte Schwierigkeiten gäbe es zu bestaunen: dünne, zarte Schwierigkeiten, Schwierigkeiten aus Pergament und solche, die mit zarter Feder gezeichnet scheinen, Schwierigkeiten aus Seidenpapier oder aus bloß angedeuteten Knicken. Auf diese sehr leichten Schwierigkeiten würde ich mich beschränken, bis ich vielleicht in späteren Jahren den Mut fassen würde all die anderen Schwierigkeiten in den Blick zu nehmen – darauf bauend dass sie aus der Nähe einen ganz eigenen Charme entfalten: die handfesten Schwierigkeiten des Bindens und Klebens und vor allem die Gefahren der Ungenauigkeit, der Sorglosigkeit. Was für freudige, für vielversprechende Aussichten! Was für herrliche Schwierigkeiten beim Häuserbauen!“

Einige der Teilnehmer.innen von Odines Kurs fragten mich danach, ob sie den Text verwenden können für ihre Häuser, ihre Bücher  – so dass der Text, der vom Anblick der entstehenden Objekte inspiriert wurde, in das ein oder andere wieder zurückwandert. Was für ein gelungener Austausch!
Aber es geht ja während der Sommerakademie richtigerweise nicht um meine Texte, sondern um die der Teilnehmer.innen und deswegen freue ich mich sehr, dass ich auch hier, zur Beschreibung der Sommerakademie, auf den Text einer Teilnehmerin zurückgreifen darf. Margret Irmer (die nacheinander an beiden Kursen teilnahm) schrieb zum Schluss folgenden Text:

An schönen Sommertagen Geschichten schreiben,
die vor lauter Wörtern plätschern wie ein Bach.
Den Text immer weiter fließen lassen bis zur Mündung.
Stimmungen beschreiben, die unbeschreiblich sind.
Gedanken aufschreiben und Dinge umschreiben.
Gedichte schreiben und dabei selbst Flügel bekommen.
Die Wörter im Text miteinander tanzen lassen.
Auch für den Papierkorb schreiben, um seinen Sinn zu erfüllen.
Zum Architext werden.
Schreiben und schreiben lassen.
Ich genieße die Schreibsphäre.

Vielen Dank an Margret Irmer und auch an Odine Lang, die meine Anfrage nach einem Foto für diesen Beitrag im Urlaub erreichte – wo sie kurzerhand das obige „Musterhaus“ herstellte und fotografierte!

Im nächsten Beitrag werde ich von dem ganz anderen Austausch berichten, den es in der weilen Woche mit Birgit Nass und „ihren“ Kalligrafinnen zu den vier Elementen gab …

„Flucht vor Gästen“ könnte eine Lösung sein …

… denke ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit und nehme das gleichnamige Buch von Reinhard Lettau in die Hand. Von Lettau (1929 – 1996) ist kaum einmal die Rede ohne den Zusatz, dass es sich vielleicht um einen der meistunterschätzten Autoren der Gegenwart handelt – wenn von ihm schon einmal die Rede ist.

Lettau war ein  Sprachkünstler mit eigensinnigem Humor, den ich, wären mir seine Texte unbekannt, unbedingt würde lesen wollen – allein der wunderbaren Titel wegen: „Schwierigkeiten beim Häuserbauen“, „Zur Frage der Himmelsrichtungen“, „Frühstücksgespräche in Miami“ und eben mein Lieblingstitel „Flucht vor Gästen“.

Es geht in diesem Text nicht nur um die Zumutung, die Gäste darstellen können, es geht in einem weiteren Strang um einen Vater von elf Töchtern – hier zwei kurze Zitate zu den „Gästen“:

„Ein wiederkehrendes Erlebnis, das mich im Umgang mit Gästen ermüdet, ist die Überprüfung der Gegenstände des Hauses auf ihre Echtheit: Klangprobe am Kristall, Behauchung des Spiegels, Entenbeklopfung.“

„Also ein Gast, den wir seit Tagen bei uns beherbergen, ergreift uns, während wir eben die Diele durchqueren, beim Arm und bittet uns flüsternd für eine Minute ins Wohnzimmer. Wir setzen uns zu ihm aufs Sofa, er zeigt ins Zimmer hinein und sagt: Du hast ja einen Kamin! oder: Du hast ja einen Garten da draußen!, wobei das „ja“ bedeutet, dass wir beides bisher nicht wahrgenommen haben, oder, was auch möglich ist, gehofft hatten, ihm dieser Sachen vorzuenthalten. Tatsächlich, müssten wir nun entgegnen, da ist ein Kamin! oder: Ich hatte gehofft, du hättest ihn nicht bemerkt!“

Wer also nun schwierigen Weihnachtsgästen entgegensieht (oder sie gar schon seit Tagen beherbergt), könnte versuchen, sich in ein spielerisches Verhältnis zu den real vorhandenen Zumutungen zu begeben, was konkret vor allem bedeutet: übertreiben! Noch größer machen! Oder umgekehrt: vollkommen die Luft raus lassen.

So wie wir schreibend die Zeit dehnen und zusammenziehen können, können wir auch „Bedeutungen“ zuschreiben: Wir können, scheinbar banale, Situationen „aufladen“ und umgekehrt aus „dramatischen Szenen“, einmal die „Schwere“ herausnehmen.

Wie immer gilt: anfangen, ausprobieren, weitermachen und den Gästen mit (heimlich gezücktem Notizblock) entgegentreten …

Lesung in der Bremer Stadtwaage am 04.11.2015 um 19 Uhr

IMG_0239Ich werde nicht dazu übergehen für jede Lesung, die ich bestreite, einen eigenen Beitrag zu veröffentlichen – zumal die wenigsten Leser:innen dieses Blogs in Bremen leben, wo wiederum die meisten meiner Lesungen stattfinden. Aber am Mittwoch findet eine besondere Lesung statt – und deswegen bekommt sie auch einen eigenen Post.

Am Mittwoch lese ich aus meinem Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ in der Bremer Stadtwaage und das ist – den Nichtbremer:innen sei es gesagt – nicht nur das, was manche einen „ehrwürdigen“ Ort nennen, sondern es ist auch der Ort, an dem ich selbst vor genau 20 Jahren eine Lesung von Reinhard Lettau besuchte, der 1995 den Bremer Literaturpreis erhielt für sein Buch „Flucht vor Gästen“. Weil ich das als ein wunderbares Detail dieser Lesung empfinde, werde ich mir und dem Publikum die Freude machen, zu Beginn zwei kurze Abschnitte von Reinhard Lettau vorzulesen. Hier geht es zu meinem älteren Beitrag „Flucht vor Gästen könnte eine Lösung sein„.

Dass ich mich auf diese Lesung besonders freue, hat aber noch einen weiterem Grund: Da die Sparkasse Bremen zu dieser Veranstaltung einlädt, ist der Eintritt frei – was uns guten Gewissens um Spenden für ein Flüchtlingsprojekt bitten lässt!

Ich freue mich am Mittwoch also ganz besonders, wenn Ihr kommt  – oder vielleicht Werbung macht?! Bestimmt gibt es eine Kusine oder Kindergartenfreundin, einen früheren Kollegen oder die Mutter eines Freundes, den ihr in Bremen kennt? Schickt sie alle in die Langenstr. 13, wir werden uns einen schönen Abend machen!

Und alle, die Lust haben, ganz unabhängig davon, ob sie kommen oder empfehlen oder was sie sonst so vorhaben, könnten vielleicht eine schöne kleine Geschichte schreiben, was alles passieren kann, auf dem Weg zu einer Lesung oder wenn man dort eine Person trifft, die dummerweise … ja, was könnte alles bei einer Lesung passieren? Freue mich über reale oder phantasierte Desaster, über Verwechslungen, Wiedersehensfreuden oder kriminalistische Finessen! (Wie immer: entweder auf euren Blogs oder hier im Kommentarfeld 😉