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Blaumeier oder der Möglichkeitssinn

„Es gibt ziemlich viele Menschen, die Blaumeier kennen. In Bremen sowieso, aber auch an vielen anderen Orten: die Salonskis sind schon in Moskau aufgetreten, die Maler haben in New York ausgestellt, die Süßen Frauen waren in Durban, die Fotograf.innen in Riga und der Chor Don Bleu in Peking – um nur einige der Städte zu nennen, an denen Blaumeiergruppen das Publikum begeistert, bezaubert und oft auch berührt haben. „Wenn es einen Grund für die Eigenständigkeit Bremens gibt, ist es das Blaumeier-Atelier“, schrieb die taz über unser Kunstprojekt, das so inklusiv ist, dass auch „Nichtbehinderte“ mitmachen dürfen. 
Bei so viel Bekanntheit, so viel Anerkennung – warum noch ein Buch über Blaumeier? Weil wir immer wieder gefragt werden, was eigentlich das Besondere, was das „Erfolgsgeheimnis“ von Blaumeier ist. Weil selbst die Menschen, die uns seit vielen Jahren mit ihren Spenden oder ihrer Sympathie unterstützen, oft nicht wissen, dass es 250 Menschen sind, die jede Woche ins Atelier kommen, um dort zu malen oder Masken zu bauen, zu singen oder zu schauspielern, zu schreiben oder Fotos zu machen. Weil sich wahrscheinlich kaum jemand vorstellen kann, wie unterschiedlich diese 250 Menschen sind – und dass genau diese Vielfalt, diese Unterschiedlichkeit Blaumeier ausmacht. 
Stellen wir doch ein Zehntel dieser Menschen vor, haben wir gedacht. Die Fotogruppe, die es nach einer Unterbrechung unter der neuen Leitung von Franziska van den Driesch und Wiebke Emmerich wieder gibt, könnte die Fotos machen, und die Schriftstellerin Jutta Reichelt, die selbst viele Jahre bei Blaumeier Theater gespielt hat, Portraits schreiben. Links die Fotos und rechts die Texte. So war es geplant.
Aber dann hat es sich zum Glück anders entwickelt. Es war ja auch eine seltsame Idee: Von der Unterschiedlichkeit der Menschen mit den immer gleichen Foto- und Textformaten zu erzählen. Jetzt ist alles immer anders: die Anzahl und Größe der Bilder und wie direkt oder indirekt, wie umfassend oder ausschnitthaft, wie eindeutig oder rätselhaft sie von den Menschen erzählen, die hier vorgestellt werden. Manchmal ist die Verbindung zwischen den Menschen und den Fotos, den Texten, die von ihnen inspiriert wurden, sehr lose, manchmal sind es fast klassische Portraits.“

So fängt das Vorwort von Karolin Oesker an, mit dem Blaumeier oder der Möglichkeitssinn beginnt. Oder nein, dieses Buch beginnt nicht mit dem Vorwort, das kommt erst nach dem ersten Portrait Steffi oder Drei Irrtümer über Kunst, wobei das auch schon wieder nicht stimmt, weil dieser Text kein „richtiges“ Portrait ist – genauso wenig wie die Texte Markus Pöhlmann, Joan Didion und ich; Tobias oder die allmähliche Verfertigung der Ideen beim Denken oder Elli lacht. Bei diesem Buch ist manches ein bisschen anders als es normalerweise zu erwarten wäre.

Normalerweise. Normalerweise wäre es ja schon eine schöne Geschichte, wenn aus der „Broschüre“ ein nicht zuletzt dank der wunderbaren Gestaltung von Christian Heinz veritables Buch geworden wäre. Ein Buch für Menschen, die sich für Kunst oder Behinderung, Blaumeier oder Bremen interessieren – aber ich bin mir da nicht mehr so ganz sicher, ob es sich so verhält. Ich habe es nämlich in den letzten Wochen immer mal wieder Menschen, mit denen ich verabredet war, in die Hand gedrückt – und mich gefreut, dass sie es meist nicht wieder hergeben wollten. Oder auf eine fast unhöfliche Weise nicht aufhören konnten, darin zu blättern, zu lesen. Vielleicht braucht es keines dieser Spezialinteressen, um sich für dieses Buch, für diese ungewöhnliche Verbindung von Texten und Fotos, von immer wieder anderen Typographien und Drucksätzen zu begeistern?
Ob das wirklich so ist, kann ich natürlich als Beteiligte am Projekt nicht beurteilen – aber Ihr! Ich freue mich daher ganz besonders auf Eure Eindrücke und Rückmeldungen und verlose ein Exemplar unter allen, die gerne „testlesen“ möchten. (Interessebekundungen per Email an juttareichelt@aol.com oder direkt hier in die Kommentare bis zum 01.11.2020).

Das Buch erscheint zur Blaumeier-Fotoausstellung Von Räumen und Menschen in der Unteren Rathaushalle (22.10.2020 – 07.11.2020 von 11 – 19 Uhr). Es ist dort und in fast allen Bremer Buchhandlungen zum Preis von 24 Euro erhältlich. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, dazu zählen auch Lesungen. Sämtliche Termine, Anmeldungen dazu und Infos direkt bei Blaumeier. Dem Buch beigefügt ist eine CD mit einer Hörversion sämtlicher Texte.

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„Wie ich Schriftstellerin wurde“ – ein Corona-Sonderdruck

„Die Frage, wie ich Schriftstellerin geworden bin, hat mich schon häufig in Verlegenheit gebracht. Ich habe sie und verwandte Fragen (ob ich es immer schon werden wollte, woher ich wusste, dass ich das erforderliche Talent besitze, wie meine Eltern es aufgenommen haben, ob das nicht sehr mutig/tollkühn/riskant gewesen sei) daher meist ausweichend beantwortet. Oder mit einem Scherz. Dass ich keines dieser Kinder gewesen wäre, die im Sandkasten schon Haikus schreiben, habe ich öfter gesagt. Manchmal habe ich darauf hingewiesen, dass in meinem schriftstellerischen Werdegang weder Mut noch Talent eine besondere Rolle gespielt hätten. Aber das hat eigentlich nie jemand richtig ernst genommen. Und ein bisschen seltsam kommt es mir ja bis heute selbst vor, dass aus der bemerkenswert phantasielosen Person, die ich den größten Teil meines Lebens war, eine Schriftstellerin hat werden können.“

So beginnt mein Text „Wie ich Schriftstellerin wurde. Geschichte einer Hochstapelei“, der ein Stück Faden aus dem Stoff ist, aus dem mein Buch über Lebensgeschichtslosigkeit bestehen wird. Seit fünf Jahren schreibe ich an diesem Text, der von Menschen handelt, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht so wie andere über eine Lebensgeschichte verfügen. Dass ich diesen Faden nun in die Hand nehme, hat einen recht prosaischen Hintergrund: Wie so viele andere bin auch ich von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. Und weil ich für den einen Fördertopf nicht genug fixe Kosten habe und für den anderen meine Lage noch nicht schwierig genug ist, habe ich mich entschlossen, diesen „Corona-Sonderdruck“ zu veröffentlichen. „Weil es eigentlich eine schöne Geschichte ist und ich diese Rumdruckserei auch leid bin, erzähle ich jetzt also, wie es wirklich war.“

Ich bin in den letzten Wochen immer mal von ganz unterschiedlichen Menschen (auch von Leser:innen dieses Blogs) gefragt worden, wie sie mich unterstützen können. Und nun habe ich eine Antwort: Kauft mir dieses Heft ab. Empfehlt es weiter. Verschenkt es. Auf Wunsch versehe ich es gerne auch mit einer persönlichen Widmung, handsigniert ist jedes Exemplar. Das Heft (16 S.) kostet regulär 12 Euro (plus 2 Euro Versand), bei größeren Bestellungen und für den Buchhandel gibt es natürlich Rabatt. Bestellungen, Fragen, Hinweise bitte an juttareichelt@aol.com.

Und natürlich freue ich mich auch hier im Kommentarfeld über Eure Fragen, Reaktionen oder Eindrücke!

Nachtrag: Das Heft bekommt Ihr in Bremen im Logbuchladen (Walle) in den Buchläden Neustadt, Buntentor und Ostertor und in Zürich im Material (Raum für Buchkultur) und im Buchladen Duplikat.

Wir sind wieder da! Die Offene Schreibzeit, die Herbstzeitlosen und ich …

Am Freitag, den 24.09.21 findet sie wieder statt: Die Offene Schreibzeit! Und weil es unter Corona-Bedingungen drinnen nicht ganz so offen und spontan sein kann, wie ich es mir für dieses Format eigentlich wünsche, findet das erste Treffen nach der langen Unterbrechung draußen statt: Gegenüber der Bremer Kunsthalle im Kukoon am Wall von 16 – 20 Uhr.
Ganz unabhängig davon, ob Ihr schreiberfahren seid oder das Schreiben einfach mal ausprobieren möchtet, ob Ihr schon eine Idee habt oder nicht, ob Ihr kurz Zeit habt oder länger, seid Ihr sehr herzlich eingeladen! Auch wenn Ihr vielleicht nur mal vorbeisehen oder Euch einen Tipp oder eine Schreibanregung abholen wollt! Ich stehe für Eure Fragen sehr gerne zur Verfügung!
Aber natürlich würde ich mich auch sehr freuen, wenn die eine oder der andere von Euch Lust hätte, direkt vor Ort, ein bisschen zu schreiben. Also bringt Euch vielleicht eine Decke und/oder einen heißen Tee mit …
Die anderen Termine am 15. Oktober  //12. November // 17.Dezember finden dann wieder in der Villa Ichon unter Anwendung der 3G-Regeln statt. Für diese Termine müsst Ihr Euch anmelden und zwar unter:  offene.schreibzeit@literaturkontor-bremen.de
Was die Kosten betrifft: Mitglieder des Literaturkontors bezahlen gar nix, alle andere zahlen, was sie wollen/können zwischen 5 und 20 Euro.
Ich freue mich sehr auf Euch!

Text-Puzzle-Stau, der Pingpong-Text und die Verlängerung der Blogpause

Gerade bin ich ein bisschen im Verzug hier auf dem Blog und weil es dafür ganz harmlose Gründe gibt und das aber in diesen Zeiten nicht so selbstverständlich ist, dachte ich, dass ich mich wenigstens mal kurz melde und berichte, was gerade so los ist und warum ich die Blogpause und vor allem auch die „Abschluss-Präsentation“ des Pingpong-Textes nochmal verschieben muss.

Wie ich den Pingpong-Text hier am besten präsentieren kann (ob mit einem Foto, auf dem alle Beiträge zu sehen sind oder in einem Beitrag, in dem ich sie untereinander aufliste oder vielleicht auch nochmals ganz anders), weiß ich noch immer nicht genau. Auf jeden Fall werde ich alle Beiträge einmal ausdrucken und vor mir auf dem Schreibtisch ausbreiten – wie bei einem Puzzle.
Das mache ich oft bei Texten, bei denen die Reihenfolge sich nicht „von selbst“ ergibt. Ich finde es sehr hilfreich (ich kann dann viel größere Textblöcke übersehen als am Bildschirm) und es macht mir einfach auch Spaß, den Text mit der „echten“, dreidimensionalen Schere zu bearbeiten.

Nun ist der Platz auf meinem Schreibtisch (s. Beweisfoto) allerdings gerade noch von einem anderen Textpuzzle belegt und zwar mit Textpassagen aus meinem „großen Text“ über Lebensgeschichtslosigkeit, den ich gerade letztmals überarbeite. (Engere Freund:innen lächeln bei dieser Ankündigung milde, aber ich bin absolut sicher, dass ich danach nichts Größeres mehr daran ändern werde – oder jedenfalls nicht vor dem Lektoratsprozess).

Wer sich für diesen Text oder überhaupt für mein Schreiben interessiert, kann in der Zwischenzeit in dem Gespräch, das ich mit Katharina Mild für den neuen Podcast Schreibgespräche geführt habe (Dauer 30 Min.), einiges erfahren. Wir reden darin über Schreibroutinen, über das, was ich mache, wenn ich gerade nicht schreibe, aber eben auch, warum es an dem Punkt, an dem ich jetzt mit dem Text bin, so wichtig ist, nochmal wirklich tief in ihn einzusteigen.

Da stecke ich also gerade – aber zu den ersten Dingen, die ich tun werde, wenn ich wieder aufgetaucht bin, gehört es, den Pingpong-Text zu puzzeln. Ich freue mich darauf und wünsche allen, die das lesen, dass sie so gut als möglich durch diese schwierige Zeit kommen – seid großzügig und nachsichtig mit Euch und mit anderen und passt gut auf Euch auf!

Bitte genau so weitermachen mit den Pingpong-Texten!

Was für ein wunderbares Durcheinander!

Eigentlich wollte ich die bislang entstandenen Texte heute „schnell mal“ in einer Datei zusammenfassen und ausdrucken und dann „irgendwie“ so arrangieren, dass die einzelnen Stränge übersichtlicher zu Tage treten, als das jetzt in dieser Blogkommentar-Struktur möglich ist, aber es sind – und ich freue mich sehr darüber! – zu viele Texte, als dass ich das jetzt gerade schnell mal erledigen kann …

Und deswegen mache ich das in Ruhe in der nächsten Woche und schreibe heute nur, dass Ihr unbedingt und gerne so weitermachen sollt. Super, dass Ihr immer dazu geschrieben habt, auf welchen Text Ihr Euch bezieht. Es macht auch so schon großen Spaß, durch diese Texte lesend zu gleiten …

Also: Alle die Lust haben, sind herzlich eingeladen genau so weiterzumachen – oder auch jetzt noch mit einer kleinen Text-Reaktion einzusteigen!

Und für die, die gar nicht wissen, um was es geht: Hier gehts zu den Pingpong-Texten mit der Möglichkeit des Mitmachen und hier gibt es ein paar erläuternde Hinweise zu der gemeinsamen Schreibaktion.

Kleines Update zum Pingpong-Textprojekt

Ich freue mich sehr über die vielen schönen Reaktionen und bedanke mich herzlich bei allen, die bei unserem Pingpong bereits mitgemacht haben! Es liegt in der Natur dieser Art von „Gemeinschaftsprojekt“, dass es schnell ein bisschen unübersichtlich wird – deswegen möchte ich die aktuelle Pingpong-Lage hier in eine halbwegs übersichtliche From bringen. Und ich möchte ein paar Fragen beantworten, die mich erreicht haben.

Zunächst zum Stand der Dinge: Es gibt aktuell sechs Texte, die sich direkt auf den Ausgangstext beziehen und einen, der sich auf einen dieser Texte bezieht. Für das Beitragsfoto habe ich das in einer kleinen Collage untergebracht. Dieser Collage könnt Ihr entnehmen, dass Ihr mit einem Text weiterhin an jeder Stelle weiterhin „einsetzen“ könnt.

Was Ihr der Collage nicht entnehmen könnt: Die bislang geschriebenen Texte greifen direkt oder indirekt nach einem erzählerischen Faden im Zusammenhang mit der Tante. Jede dieser „Reaktionen“ gefällt mir sehr und es würde mich auch freuen, wenn diese Fäden noch weitergesponnen würden – aber es würde mich ebenfalls freuen, wenn auch noch „Pongs“ entstünden, die weniger erzählerisch sind. Die unbestimmter, vager oder rätselhafter etwas von dem Ursprungstext aufnehmen – ohne ihn weiterzuschreiben. Ich fände das schön, weil ich diese Art von „Pingpong“ für eine besonders reizvolle halte und weil ich den Eindruck habe, dass die meisten Schreibenden ein paar Anläufe benötigen, um hineinzufinden. Wer einen konkreten Eindruck gewinnen möchte, kann sich, wie bereits erwähnt, den Pingpong-Text, den ich gemeinsam mit Laura Müller-Hennnig für das Buch Blaumeier oder der Möglichkeitssinn geschrieben habe, hier anhören. (Übrigens können auch sämtliche andere Texte des Buches auf der Blaumeier-Homepage gehört werden.)

Ich freue mich bis zum 31. Januar weiter über Texte, bin neugierig, wie es, ob es mit den Tanten und vielleicht auch ohne sie weitergeht und werde hier immer mal wieder einen aktualisierten Überblick über den Stand der Dinge geben. Die Texte selbst schreibt Ihr bitte weiter als Kommentar unter den ursprünglichen Beitrag: Pingpong-Text: Mitschreiben:innen gesucht. Aber natürlich könnt Ihr Euren Text auch für Euch auch „weiterschreiben“ und auf Eurem Blog veröffentlichen oder in der Schublade reifen lassen – dann würde ich mich über einen kurzen Hinweis hier freuen.

Und falls Ihr Fragen, Wünsche, Anmerkungen habt: Immer her damit!

Pingpong-Text: Mitschreiber:innen gesucht!

Liebe potentielle Mitschreiber:innen, das ist der Auftakt-Text und Ihr seid herzlich eingeladen, auf ihn mit eigenen Texten zu reagieren. Alles, was Ihr dazu wissen müsst, findet Ihr in meinem gestrigen Post (53) Pingpongtexte. Für das Beitragsbild habe ich einige Worte markiert, die ihr zum Beispiel aufgreifen könntet, aber natürlich müsst Ihr das nicht! Ihr könnt auch andere Worte, eine vage Stimmung, eine unbestimmte Assoziation aufgreifen. Falls Ihr Fragen habt, stellt sie bitte nicht als Kommentar hier, sondern in dem gestrigen Beitrag. Hier sollen in die Kommentare wirklich nur die Text-Reaktionen. Diese sollten nicht viel länger als meiner sein (also als grobe Orientierung nicht mehr als 150 Worte). Ihr könnt sehr gerne auch mehrfach reagieren und wenn Euch jemand zuvorgekommen sein sollte, könnt Ihr Euren Text dennoch gerne (evtl. mit einem Hinweis auf welchen Text er sich bezieht) in die Kommentare schreiben). Falls es technische Herausforderungen geben sollte, werde ich mich um eine Lösung bemühen!

Sie wollte das Wort nicht in den Mund nehmen. Sie konnte es ja selbst nicht mehr hören. War froh, wenn es ihr aus dem Kopf herausfiel, wenn sie nicht daran dachte. Abends passierte das manchmal, wenn sie eine Serie sah, in der es noch kein … (aber das war doch jetzt auch kindisch, wenn sie es nicht aussprach, als wäre damit irgendetwas gewonnen) … also … jetzt hatte sie den Faden verloren. Faden … Sie erinnerte sich an eine lange vergessene Handarbeit (was war es bloß gewesen?), die sie in der Grundschule hatte anfertigen müssen. Sie erinnerte sich an schwitzige Finger und wie alles immer enger und strammer geworden war, wie sie immer mehr Kraft aufwenden musste, bis schließlich der Faden riss. Eine Tante hatte sie gerettet. Diese Tante spielte Golf und besaß einen Jaguar und neben ihr wohnte der Botschafter eines kleinen afrikanischen Landes. Die Mutter behauptete, er mache der Tante den Hof, aber das stimmte vielleicht auch gar nicht …

(53) Pingpong-Texte: Schreiben als Reaktion

Von den zahlreichen Möglichkeiten, gemeinsam einen Text zu verfassen (dem sog. kollaborativen Schreiben), gefällt mir das Schreiben von Pingpong-Texten besonders gut. Eine/r fängt an und dann reagiert jemand darauf – indem er oder sie weiterschreibt. Dieses „Weiterschreiben“ kann aus einzelnen Sätzen oder Abschnitten bestehen oder auch aus kurzen Texten, die in sich abgeschlossen sind.

Auf diese Weise ist auch der Text Laura oder Schreiben als Reaktion entstanden, den ich gemeinsam mit der Bremer Autorin Laura Müller-Hennig für das Buch Blaumeier oder der Möglichkeitssinn geschrieben habe. Wer ihn sich anhören möchte, findet hier eine von Laura und mir gelesene Audio-Version. Der Text ist ein schönes Beispiel für eine Form des Pingpongs bei der die einzelnen Texte so lose miteinander verbunden sind, dass der Zusammenhang vielleicht noch nicht einmal immer klar zutage tritt. Und dennoch kann so eine Text-Kette entstehen, bei der jeder Text einen anderen ausgelöst hat. Vielleicht ist dieser Auslöser ein kleines Detail, wie eine Farbe oder ein Gegenstand oder eine Stimmung, vielleicht ein Wort oder eine Figur.

Morgen werde ich als kleine Weihnachtsaktion hier auf dem Blog einen solchen Pingpong-Text starten und alle, die Lust haben mitzuschreiben, sind herzlich eingeladen mitzumachen. Es gibt eigentlich keine Regeln oder etwas, das man falsch oder richtig machen kann. Der Text, mit dem ich starte, hat ca. 150 Wörter und viel mehr sollten die „Reaktionen“ auch nicht haben, aber auch das soll nur eine ungefähre Orientierung sein. Eure Texte könnt Ihr direkt als Kommentar unter den Text schreiben, aber wenn das nicht funktioniert, könnt Ihr mir den Text auch als Email schicken (juttareichelt@aol.com) und ich füge ihn ein. Schreibt dann bitte unbedingt dazu, auf welchen Text ihr Euch bezieht, denn es kann ja sein, dass auch jemand anderes „reagiert“ hat. Dann würde (was mich sehr freuen würde) aus dem Pingpong ein Rhizom …

Dass ich darüber überhaupt jetzt schon hier und heute schreibe liegt daran, dass ich möchte, dass wir alle Fragen oder Kommentare (die keine Beiträge zum Text sind) hier klären, damit der morgige Weihnachts-Pingpong-Text-Beitrag wirklich nur die jeweiligen Pingpong-Texte enthält – denn sonst funktioniert das ganz nicht .

Ich freue mich auf Eure Fragen und natürlich auf Texte, mit denen Ihr Euch aber auch Zeit lassen könnt, denn bis Ende Januar wird hier auf dem Blog nichts anderes passieren (ich mache also eine kleine Pause).

Und dann wünsche ich natürlich allen, die diesen Blog sporadisch oder regelmäßig lesen von Herzen alles Gute für die Feiertage und den Jahreswechsel und dass Euch die ganz großen Sorgen und Kümmernisse erspart bleiben!

(52) Was machen eigentlich die anderen?

Ich will nicht groß drumherum reden: Mir fehlt es gerade an Zeit. Und während ich darüber nachdachte, ob mir nicht eine Schreibanregung, ein Gedanke einfällt, den ich hier relativ unaufwändig präsentieren könnte, kam der neue Newsletter von Austin Kleon. Jeden Freitag teilt Austin Kleon interessante Links zum Schreiben, Zeichnen oder allgemein zu Kreativität. Da er täglich bloggt, verlinkt er auch immer ein oder zwei seiner Blogs.

Diese Woche hat er beispielsweise zu Morgenseiten geschrieben und andere Schreibrituale vorgestellt, er hat über Stifte geschrieben, über den „Vampirtest“ (sehr empfehlenswert!) und über Fragen von Qualität/Quantität. Wenn Ihr durch seinen Blog scrollt werdet Ihr sicherlich etwas finden, das Euch interessiert oder anregt – und deswegen möchte ich das gerne an euch weitergeben.

Viele Menschen haben die Vorstellung, dass bestimmte kreative Techniken für sie sehr geeignet sind – und andere gar nicht. Und natürlich gibt es das auch. Aber oft passt eine Technik auch nur in einer bestimmten Phase nicht oder besonders gut und wenn wir sie nach Jahren nochmal ausprobieren, passiert etwas Unerwartetes. Auch deswegen ist es gut, immer mal wieder neugierig zu schauen, wie andere eigentlich arbeiten oder wovon sie sich inspirieren lassen.

Hier gehts zur Website von Austin Kleon (seinen Newsletter kann man dort abonnieren) und wenn Ihr etwas findet, das Euch interessiert, notiert es gerne hier!

(51) „Wächst das Rettende auch?“

Ich weise nur selten auf Wettbewerbe in Werkstätten hin. Eigentlich nur, wenn das Thema mir als Schreibimpuls gefällt – so wie es hier der Fall ist: Die Frage „Wächst das Rettende auch?“ zieht mich spontan an und zugleich hat sie etwas Sperriges, etwas Widerborstiges, das ich bisher nicht so recht fassen kann. Meine Gedanken laufen in sehr unterschiedliche Richtungen, seit ich über die Frage nachzudenken begonnen habe und vielleicht geht das Euch ja auch so. Vielleicht habt Ihr Lust „einfach so“ ein paar Gedanken zu notieren, vielleicht hat auch jemand Lust, sich an dem ausgeschriebenen Wettbewerb zu beteiligen, der (auch) eine Reaktion auf all die ausgefallenen Veranstaltungen ist, die ursprünglich zu Friedrich Hölderlins 250. Geburtstag in diesem Jahr geplant waren.

„Zugleich“, heißt es im Ausschreibungstext der Akademie für gesprochenes Wort und des PEN-Zentrums Deutschland, „wurde immer wieder auf das Hölderlinwort aus der Hymne Patmos verwiesen: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Hölderlins Verse verströmen – gerade in ihrer dialektischen Spannung – Trost und Zuversicht. Doch worauf fußt die Zuversicht, worin ist die Hoffnung jenseits ihrer rhetorischen Kraft begründet? Welche Einsichten und Aussichten lassen sich aus den Versen gewinnen, welche Erkenntnisse und Erfahrungen mit ihnen verbinden?“ 

Ich glaube, dass es in diesen Tagen gut und hilfreich sein kann, sich mit den beiden angesprochenen Polen zu beschäftigen: Mit der Gefahr, mit der Not womöglich, in der wir uns befinden – und mit dem, was uns hoffnungsvoll stimmt, mit der Aussicht auf Besserung – ja, vielleicht sogar auch auf „Rettung“?

Wer sich für das Hölderlin-Zitat und seinen Hintergrund interessiert, erfährt in diesem kleinen 2-Minuten- Clip des ZDF mehr darüber:

https://ngp.zdf.de/miniplayer/embed/?mediaID=%2Fzdf%2Fkultur%2Fkulturzeit%2Fhoelderlin-zitat-102

Etwas mehr Informationen und Gedanken finden sich in diesem Radiobeitrag des SWR von Rainer Volk:

https://www.swr.de/swr2/literatur/hoelderlin-geburtstag-trost-auch-in-der-coronavirus-krise-104.html

Ich freue mich auf Eure Fragen und Gedanken – und wünsche viel Erfolg, sollte sich jemand von euch an der Ausschreibung beteiligen! (Sämtliche Informationen dazu findet Ihr über den verlinkten Ausschreibungstext).

(50) Eine Kreuzung im Bremer Westen – oder wo auch immer

Eine Kreuzung. Geschäfte, Autos, Straßenbahnen, Menschen. Menschen, die unterwegs sind: auf dem Weg zur Arbeit, zu einer Verabredung, einem Vorstellungsgespräch. Menschen, die noch schnell etwas einkaufen wollen. Die hoffen, jemanden zu treffen – oder die Angst davor haben. Menschen, die warten. Auf ihren Friseurtermin, eine Untersuchung oder ihren Castingtermin …
Stell dir einen dieser Menschen vor und beschreibe, was ihr oder ihm widerfährt – und wenn du dir das Schreiben leichter machen möchtest, dann bringe deine Figur ordentlich in Schwierigkeiten!

Beim Aufräumen ist mir diese Schreibanregung in die Hände gefallen. Sie ist fast zehn Jahre alt und ich hatte sie mir ursprünglich für eine größere Gruppe Schüler:innen ausgedacht. Aber wie alle Schreibanregungen, die sich gut für kollaboratives Schreiben eignen, ist sie auch eine schöne Anregung für alle, die eine kleine Serie schreiben möchten.
Eine solche Serie könnte aus einer Reihe kürzerer Texte bestehen, die „nur“ durch die Einheit von Ort und Zeit zusammengehalten werden (Was passiert alles gleichzeitig an dieser Kreuzung?) oder nur durch den Ort, was die schöne Möglichkeit eröffnet, dass Figuren, die in dem einen Text eine Hauptfigur sind, in einem andern zur Nebenfigur werden oder auch nur „einmal durchs Bild laufen.“
Für diejenigen von Euch, die normalerweise eher dazu neigen, „drauflos zu schreiben“ bietet eine solche Szenerie auch die Möglichkeit, das eher reißbrettartige Planen von Geschichten einmal spielerisch auszuprobieren.

Ich freue mich über Eure Text(anfäng)e, Fragen, Erfahrungsberichte!


Erst lesen, dann schreiben – oder umgekehrt?

Wenn Schriftsteller:innen über das Lesen sprechen, dann scheint es vor allem etwas zu sein, das dem Schreiben vorausgeht. Erst lesen, dann schreiben scheint die normale, die übliche Reihenfolge zu sein. Erst lesen, dann schreiben ist dementsprechend auch der Titel eines Buches, in dem Autor:innen Auskunft über ihre Lehrmeister:innen geben und damit zugleich eine Aufforderung verbinden: Lest, bevor ihr überhaupt mit dem Schreiben beginnt. Und vielleicht müssen wir dieses dem Schreiben vorausgehende Lesen sogar wie das Schreiben selbst erst einüben – jedenfalls legt das ein anderer Titel nahe, den ich beim Stöbern im Regal entdeckte: Die Kunst des Lesens als Teil der Schreibkunst.

Aber auch, wenn wir keine Schreib-Noviz:innen mehr sind, wenn wir eine gewisse literarische Könnerschaft erreicht haben, lesen wir oft, bevor wir zu schreiben beginnen – aus Gründen der Recherche oder auf der Suche nach Anregungen. Womöglich ermahnen wir uns irgendwann, nun aber endlich mit dem Schreiben zu beginnen, sobald wir diesen einen, nur diesen einen Text noch gelesen haben. Vielleicht zögern wir durch ausschweifende Lektüren den Übergang zum Schreiben hinaus, weil uns der Anblick des legendären leeren Blatt Papiers ängstigt, weil wir fürchten, mit all den klugen und originellen, hochliterarischen oder wenigstens bestsellerverdächtigen Texten, die wir gerade gelesen haben, nicht mithalten zu können.

Aber irgendwann sitzen wir dann doch da, mit dem Stift in der Hand oder der Tastatur, dem Bildschirm vor uns. Vielleicht hat ein Abgabetermin uns den Übergang in die Schreibphase erleichtert, vielleicht hat uns auch einfach die Schreiblust gepackt. Und jetzt scheint sich das Lesen endgültig in eine Gefahr, eine Bedrohung zu verwandeln. Weil es uns die immer viel zu knapp bemessene Zeit raubt oder weil wir fürchten, dass sich fremde Töne, Sprachmelodien, Satzkonstruktionen in den eigenen Text, in den womöglich mühsam erst gefundenen Ton mengen.

Dieses Lesen, das sich von einer notwendigen Voraussetzung zu einer möglichen Belastung, ja Bedrohung des Schreibens wandelt, dieses Lesen, das begrenzt werden, das enden muss, ist das Lesen fremder Texte – was aber nicht endet, nicht enden kann, ist das Lesen des gerade entstehenden eigenen Textes und dieses so wichtige und unverzichtbare Lesen scheint mir oftmals übersehen, wenn vom Lesen als Teil des Schreibprozesses die Rede ist.

Dass wir nicht aufhören können zu lesen, wenn wir schreiben, ist eine fast banal anmutende Feststellung. Die meisten Schriftsteller:innen beginnen das Schreiben mit der Lektüre des letzten Absatzes oder der letzten ein oder zwei Seiten oder des am Vortag Geschriebenen, und einer der besseren Schreibtipps, die ich kenne, empfiehlt, das Schreiben mitten im Satz zu beenden, damit eine/r am nächsten Tag besser wieder „hineinkommt“ in den Text, was ja nur geht, wenn dieser unfertige Satz gelesen wird.

Also lese ich ständig, während ich schreibe. Oder richtiger: ich versuche zu lesen, was da steht, versuche den eigenen Text so zu lesen, als sei er ein fremder. Wie wird ihn ein normaler Leser, eine normale Leserin lesen? War der ältere Mann, der mir vor vielen Jahren nach einer Preisverleihung begegnete, ein normaler Leser? Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Nachdem ich den prämierten Text vorgetragen hatte, kam er auf mich zu. Er wolle mir gerne persönlich gratulieren, sagte er und dass er sehr berührt sei von der Geschichte – er habe genau das Gleiche erlebt. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es sei seine eigene Geschichte. Ganz aufgeregt war er und konnte das Ausmaß an Überschneidung kaum glauben. Auch ich war davon überrascht, immerhin gab es in dem Text einen Banküberfall mit mehreren Toten. Was mich dann wirklich verblüffte, war, dass es mir beim besten Willen nicht gelingen mochte, überhaupt irgendeine Ähnlichkeit zwischen der vorgetragenen Lebensgeschichte und meinem Text auszumachen.

Hatte der ältere Mann in meine Geschichte etwas hineingelesen oder hatte er umgekehrt etwas in ihr entdeckt, gefunden, das ich ihr zwar nicht bewusst-strategisch beigefügt hatte, das sie aber dennoch enthielt? Als ich es erlebte, kam mir diese Episode wie eine kleine skurrile Begebenheit vor, aber mittlerweile beschreibt sie für mich sehr zutreffend den Reiz und die ganz besonderen Möglichkeiten, die literarische Texte besitzen. Sie erlauben es uns, Erfahrungen zu teilen. Erfahrungen, die anders waren und zugleich ähnlich – denn darum geht es ja immer in der Literatur: dass sich im Besonderen das Allgemeine spiegelt.

Vielleicht erlaubte mein Text auch einfach, was gemeinhin als ein Qualitätsmerkmal literarischer Texte gilt – unterschiedliche Lesarten? Aber stehen denn all diese Lesarten, und seien sie noch so abwegig, gleichberechtigt nebeneinander? Gilt jede Aussage, jedes Urteil über einen Text gleichviel? So ist es zum Glück auch wieder nicht, die Triftigkeit, die Angemessenheit von Lesarten lässt sich diskutieren, begründen, befragen – und an diesem argumentativen Austausch dürfen sich dann theoretisch auch die Autor:innen beteiligen. Theoretisch, denn die Praxis einer jeden Schreibwerkstatt lehrt, dass die Urheber:innen eines Textes selten zu „idealen Leser:innen“ werden, ja dass „Texte oft klüger sind, als ihre Autor:innen“. Ein oft zitierter Satz, der meines Wissens keiner Person, keinem Werk zugeordnet werden kann. Ein Satz, der so rätselhaft nicht ist, wie er sich im ersten Moment anhören mag: Einerseits entstehen Texte in einem (oft langen) Prozess und es kann sich dadurch in ihnen eine Klugheit, ein Wissen vieler einzelner Momente summieren, über das die jeweiligen Autor:innen zu keinem Zeitpunkt als Ganzes verfügen. Zum anderen gehen in kreative Prozesse auch die Teile unseres „Wissens“ ein, über die wir reflektierend (noch) nicht verfügen. Texte verraten oft mehr über uns, „enthalten“ mehr von uns, als wir bewusst wahrnehmen (können).

„Schreiben bedeutet, sich das eigene Denken anzusehen“, sagt Antje Rávic Strubel. Auch, wenn wir meist so tun als ob, wissen wir offenbar nicht immer, was wir denken – und wir wissen auch nicht immer, was wir schreiben: „Schreiben ist meistens unbewusst. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft“, sagt mit Siri Hustvedt eine Autorin, die so klug und belesen ist wie wenig andere.

Dass wir nicht genau wissen, was wir tun, wenn wir kreativ tätig sind, bedeutet nicht, dass unsere Entscheidungen keine Gründe hätten – wir können sie oft nur nicht sprachlich fassen, sie durchschauen. Aber oft erkennen wir, verstehen wir im Nachhinein, welch gute Gründe es gab – für die zunächst nur intuitiv empfundene Richtigkeit eines Perspektivenwechsels oder einer Auslassung, einer Wiederholung oder eines sperrig im Text-Raum stehenden Satzes. Auch deswegen müssen wir unsere im Entstehen begriffenen Texte immer wieder lesen – um den angelegten, aber noch unvollständig verstandenen Linien zu folgen und manchmal auch, um uns überhaupt für einen von mehreren bereit liegenden Fäden entscheiden zu können.

Und wenn wir uns dann für einen Strang, ein Motiv, eine Geschichte entschieden haben, wenn wir all die großen und kleinen Entscheidungen getroffen haben, die das Schreiben erfordert, hört dann das Lesen auf? Meistens schon. Die Autor:innen, die ich kenne, und das trifft auch auf mich zu, verlieren, sobald der Text gedruckt, der Roman veröffentlicht ist, schnell das Interesse daran. Vielleicht weil wir eben vor allem schreiben, um zu schreiben. Der beendete, der fertige Text ist (hermetisch) abgeschlossen. Er ist nicht mehr wandelbar, nicht mehr lebendig, wir können ihn nicht mehr gestalten und bilden uns ja meist auch ein, wir wüssten alles Wichtige über ihn. Öfter als noch so begeisterte Leser:innen haben wir ihn gelesen, haben uns solange mit den Lesarten von Testleser:innen, Lektor:innen, Herausgeber:innen oder wem auch immer beschäftigt, bis der Text restlos entziffert scheint.

Aber längst nicht alle irgendwann einmal geschriebenen Texte werden mit so viel Aufmerksamkeit bedacht, es gibt auch die schnell hingeschriebenen, schon während ihrer Entstehung kaum zu entziffernden Texte. Es gibt Texte, die in dicken Papierstapeln verschwinden, verworfen werden und solche, die verloren gehen, vergessen werden.

Einen solch vergessenen Text fand ich vor einigen Jahren in meinen Unterlagen. Ich soll es aufschreiben. Angeblich spielt es keine Rolle, wo ich beginne – ich könne auch mit der Beschreibung des Zimmers anfangen, in dem ich mich gerade aufhalte. Wenn es keine Rolle spielt, kann ich auch so anfangen: Ich soll es aufschreiben. Es. Was mit „es“ gemeint ist, weiß ich und weiß ich nicht. Würde ich nachfragen, wäre es ein weiterer Beleg dafür, dass ich zu viel nachdenke. Oder über die falschen Dinge. Es. Schreiben Sie es auf.

Erst nach mehrmaliger Lektüre dieser Notiz erinnerte ich mich, dass hier von Thomas Hellweg die Rede ist, dem Protagonisten meines ersten Romans Nebenfolgen, den ich nach der Fertigstellung des Romans noch eine Zeitlang nicht los wurde und daher kurzerhand in einer psychosomatischen Klinik unterbrachte, wo er von der zuständigen Psychotherapeutin aufgefordert wurde, aufzuschreiben, was ihm widerfahren war.

Schreiben Sie es auf! Immer wieder las ich diesen Satz, las ich diese vier Worte. Plötzlich kamen sie mir wie eine geheime Botschaft vor, die ich zehn Jahre zuvor verfasst und an mich gerichtet hatte – ohne sie lesen können. Und jetzt hatte sie mich endlich erreicht, jetzt da ich gerade mit mir rang, ob ich mich wirklich auf eine große autobiographische Erzählung einlassen sollte (etwas, das ich bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen abwegig und auch ein bisschen peinlich gefunden hätte). Schreiben Sie es auf! Ich las meinen eigenen Satz – und fing an, zu schreiben …

Dieser Text ist ein Beitrag zu der Ausstellung „Vom Lesen der Welt“  im LOGOI – Institut für Philosophie und Diskurs in Aachen. Gezeigt werden dort Künstlerbücher von Odine Lang und Malereien, Zeichnungen sowie Linoldrucke von Susanne Patzke. Aufgrund der aktuellen Lage gibt es die Möglichkeit zu einem virtuellen Rundgang durch die Ausstellung sowie einen Vernissage-Film, der ein Künstlerinnengespräch enthält, das ich mit Odine Lang und Susanne Patzke über das Lesen, die gezeigten Arbeiten und meinen Text geführt habe. Das alles und weitere Informationen sind auf der Website des Logoi zu finden: https://www.logoi.de/vom-lesen-der-welt-einstieg.

Ganz besonders möchte ich noch auf den ausstellungsbegleitenden Katalog hinweisen, der in kleiner Auflage in Künstlerbuchform erscheint und der auf dem Beitragsbild zu sehen ist: zwei Falthefte in einem gefalteten Einsteckumschlag, incl. zwei Lesezeichen, den die beiden Künstlerinnen für 10 Euro anbieten. In ihrem Beitrag versucht Odine Lang, die noch vielfach unbekannte Gattung des Künstlerbuchs in einer Art Manifest zu definieren.
Bestellt werden kann dieser Katalog per Email an odinelang@gmx.de. Dafür bitte in der Mail Adresse angeben, der Versand erfolgt per Rechnung ohne weitere Portokosten.

Wie immer freue ich mich über Fragen, Gedanken, Reaktionen!