(49) Auf Bewährtes zurückgreifen …

Ich habe in dieser Woche eine schöne (und mit einer lustigen Geschichte verbundene) Geschichten-Generator)-Bestellung erhalten und das hat mich auf die Idee gebracht, dass ich in dieser Woche, in der bei mir so viel los war, ruhig auf etwas zurückgreifen könnte, dass schon „da“ ist. Deswegen gibt es in dieser Woche nach längerer Zeit mal wieder drei Karten aus dem Geschichten-Generator, nämlich „John, ganz schön blass“, „Nö“ und „Bahnhof“.

Macht damit, was Ihr wollt! Schreibt einfach ein paar Zeilen zu einem John auf, der blass ist oder der sich darüber ärgert, dass jemand ständig behauptet, dass er es ist oder was auch immer. Oder stellt Euch vor, irgendjemand würde Euch viel Geld bezahlen, wenn Ihr drei oder fünf verschiedene „Johns“ zur Auswahl entwerft. Lasst den Bahnhof weg, wenn er Euch stört oder schreibt umgekehrt eine kleine Bahnhofs-Skizze, in der jemand „Nö“ sagt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass relativ viele Teilnehmer:innen spontan das Gefühl haben, dass eine Schreibanregung, der sie bereits einmal nachgegangen sind, irgendwie „verbraucht“ ist und sie reagieren fast ein bisschen empört (oder manchmal auch nicht nur fast ein bisschen), wenn ich eine Schreibanregung ein zweites oder gar drittes Mal präsentiere. Aber weil Schreibanregungen ja kein Rezept sind, weil ich sie mir mehr wie ein „Überbrückungskabel“ vorstelle, dass einen immer wieder neuen und andern „Motor“ anspringen lässt, können wir Schreibanregungen nach einer gewissen Zeit wieder neu verwenden – und manchmal empfiehlt sich das sogar: Wenn es uns schwer fällt, ins Schreiben zu kommen, dann kann es eine gute Idee sein, auf Bewährtes zurückzugreifen. Vielleicht können wir den ursprünglichen Impuls auch etwas verändern oder variieren. Wer länger schreibt, sammelt auch darin Erfahrung: Sich Schreibanregungen für sich passend zu machen.

Ich freue mich auf Textanfänge, Ideen, verlinkte Geschichten – wie immer ist alles erlaubt!


(48) Schreiben als Stimmungsaufheller? Einige Anregungen

Das sind schwierige, krisenhafte Zeiten gerade und ich habe das Gefühl, dass in meiner Umgebung viele Menschen schon jetzt sehr bedrückt sind – und dabei geht der (Corona)-Winter gerade erst los. Also habe ich mir in den letzten Tagen Gedanken über das Schreiben als Stimmungsaufheller gemacht und als erstes fiel mir Pooky Knightsmith ein, eine Expertin für psychische Gesundheit, die bei Twitter (@PookyH) jeden Tag einen Tweet schreibt, in dem sie drei Dinge auflistet, die sie an diesem Tag erlebt hat und die gut waren. #3goodthings lautet der Hashtag und jeder dieser Tweets endet mit der Frage: „Yours?“ Und jedesmal, wenn ich das lese, lasse ich meinen Tag Revue passieren. Ein, zwei Sachen fallen mir meistens ein, aber drei längst nicht immer. Das gibts doch nicht, denke ich dann. Da muss doch irgendwo noch ein kleiner, guter Moment gewesen sein. Und dann geschieht oft etwas Interessantes: Ohne dass ich es mir bewusst vornehmen würde, nehme ich die Frage mit in die nächsten Tage und bin plötzlich aufmerksamer für die guten Momente – oder schaffe sie mir auch erst. Setze mich wirklich mittags für 10 Minuten in die Sonne, mache eine Radtour um den See, wenn die Konzentration nachlässt oder gönne mir eine halbe Stunde Lesen „einfach so“.

Die zweite Anregung nimmt diese Beschäftigung mit den guten Momenten des eigenen Lebens auf – und dehnt sie zeitlich und/oder thematisch aus: Welche Erlebnisse, welche Menschen, welche Orte fallen uns ein, die „gut“ für uns waren, die vielleicht eine Wendung zum Guten ermöglicht haben? Wer mag, könnte in einem ersten Schritt eine Liste oder ein Alphabet der „guten Momente“ erstellen (beides lässt sich natürlich später noch ergänzen und erweitern) und könnte dann einzelne dieser Begebenheiten, dieser „Szenen“ detaillierter schildern.

Diese Beschäftigung mit den „guten Momenten“, die wir bereits erlebt haben, die wir tagtäglich erleben, kann uns in schwierigen Zeiten helfen, Lebensmut und Zuversicht zu bewahren oder wiederzugewinnen – aber sie kann auch das Gegenteil bewirken, sie kann unsere Stimmung noch tiefer in den Keller befördern. Ich kenne das auch von mir selbst: Wenn ich wirklich verärgert und schlecht gelaunt bin, wenn ich niedergeschlagen oder gekränkt bin, dann gibt es manchmal nur eins, das mir hilft: Es aufschreiben. Dem Ärger oder der Wut einen Raum geben. Gerade mal nicht positiv und vernünftig sein müssen. Nicht die andere Perspektive mitdenken. Stattdessen: Eine Wutrede schreiben. Ein Pamphlet. Einen neuen Abschnitt der Abhandlung über die Zumutung, die der Mensch dem Menschen sein kann. Danach gehts mir eigentlich immer besser …

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als es immer wieder neu auszuprobieren, wie uns das Schreiben helfen kann – und ob überhaupt. Für viele ist das Schreiben ja eher ein Stress- als ein Entspannungsfaktor und das liegt natürlich vor allem an dem Druck, den wir uns machen, „gut“ zu sein, „gute“ Texte zu schreiben. Aber vielleicht sind die Zeiten ja gerade so schwierig, dass sich die eine oder der andere endlich mal erlaubt, „schlechte Texte“ zu schreiben – oder zumindest solche, bei denen es auf gut und schlecht kein bisschen ankommt. Weiterführende Gedanken zu und Anregungen zum Thema „good art, bad art“ gibt es einmal mehr von Austin Kleon, der gerade zum Thema: Keep calm and make ugly art gebloggt hat.

Ich freue mich über Fragen und Hinweise – und natürlich über weitere stimmungsaufhellende Schreibanregungen!

(47) Aufschreiben, was draußen geschieht

Ich liebe Serien, die aus einer Reihe eher kurzer Texten bestehen. Heute möchte ich Euch dazu einladen, rauszugehen (vielleicht jeden Tag oder jeden Sonntag oder wie auch immer) und Eure Beobachtungen zu notieren. Vielleicht packt ihr ein Sitzkissen oder eine Decke ein, vielleicht gönnt Ihr Euch eine Thermoskanne heißen Tee oder Kaffee – und setzt Euch auf eine Bank oder wo immer Ihr es so ausgestattet gut für eine Viertelstunde aushalten könnt. Und dann schreibt Ihr auf, was Ihr seht. Wenn Ihr mögt könnt Ihr auch notieren, was Euch dazu alles in den Sinn kommt, könnt Ihr Euren Gedanken und Assoziationen nachgehen. (s. Vom Hölzchen aufs Stöckchen)

Ich glaube, dass es in diesen richtig schwierigen Corona-Zeiten besonders wichtig ist, Neues auszuprobieren und die Gestaltungsspielräume, die in vielem so eingeschränkt sind, wieder zu erweitern und zu experimentieren. Vieles ist gerade nicht möglich – aber manches auf eine andere als die gewohnte Weise dann doch. Die Psychologin und Autorin Pia Lamberty (@_pietz_) hat auf Twitter einen langen Thread mit Vorschlägen zusammengetragen, der hier noch mal in einer lesefreundlicheren Variante zusammengefasst ist und den ich sehr anregend finde: https://threadreaderapp.com/thread/1320815803437076481.html

Obwohl ich Euch – zugegeben – mit dieser Schreibanregung ganz gerne nach draußen locken möchte (weil es mir und meiner manchmal auch nicht so überragenden Stimmung meist gut tut), gibt es natürlich auch Lebens- und Wetterlagen, in denen das nicht geht. Vielleicht könnte dann der Blick aus dem Fenster eine geeignete Alternative sein? Oder der vom Schreibtischstuhl aus? In dem schönen und sehr anregenden Buch How to be an Explorer of the World von Keri Smith findet sich als erste von 59 Entdeckungs-Empfehlungen genau dieser Tipp:

„Genau dort, wo du sitzt. Schreibe zehn Dinge auf, die du jetzt siehst und die du nicht wahrgenommen hast, als du dich gesetzt hast. Nutze deine Sinne. Mach es schnell. Zensiere nicht. Okay, fang an.“

Okay, fang an … Ich bin neugierig, auf Eure Anfänge oder Ideen oder was immer Euch zu dieser Anregung einfällt. Wie immer ist die einzige und wirklich wichtige Regel: Alles ist erlaubt!

„Von Räumen und Menschen“ …

… ist der schöne Titel der Blaumeier-Foto-Ausstellung, die gerade in Bremen in der Unteren Rathaushalle zu sehen ist. Im Rahmen dieser Ausstellung wird auch das Buch „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“ präsentiert – darüber habe ich zuletzt geschrieben.

Heute möchte ich Euch gerne auf die Veranstaltungen hinweisen, die wir geplant haben:
24.10./15 Uhr Führung mit Gebärdensprache
29.10./19 Uhr Lesung „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“
31.10./15 Uhr Führung mit Bildbeschreibung
05.11./19 Uhr Lesung „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“
07.11./15 Uhr Finissage mit Künstler:innen-Führung

Die Publikumsplätze in der sehr großen Rathaushalle sind auf max. 20 Personen begrenzt, so dass ich guten Gewissens für diese Veranstaltungen werben kann. Eine Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung unter tickets@blaumeier.de oder 0421-8350666 möglich.

Einen kleinen Eindruck von Ausstellung und Buch vermittelt dieser Radio Bremen Beitrag, der am 21.10. in der Sendung buten un binnen ausgestrahlt wurde. Weitere Informationen findet Ihr auch auf Blaumeier-Homepage.

Ich freue mich auf Anmerkungen, Fragen oder Eindrücke – und nächste Woche geht es hier dann auch mit der offenen, virtuellen Schreibwerkstatt (Folge 47) weiter …

Blaumeier oder der Möglichkeitssinn

„Es gibt ziemlich viele Menschen, die Blaumeier kennen. In Bremen sowieso, aber auch an vielen anderen Orten: die Salonskis sind schon in Moskau aufgetreten, die Maler haben in New York ausgestellt, die Süßen Frauen waren in Durban, die Fotograf.innen in Riga und der Chor Don Bleu in Peking – um nur einige der Städte zu nennen, an denen Blaumeiergruppen das Publikum begeistert, bezaubert und oft auch berührt haben. „Wenn es einen Grund für die Eigenständigkeit Bremens gibt, ist es das Blaumeier-Atelier“, schrieb die taz über unser Kunstprojekt, das so inklusiv ist, dass auch „Nichtbehinderte“ mitmachen dürfen. 
Bei so viel Bekanntheit, so viel Anerkennung – warum noch ein Buch über Blaumeier? Weil wir immer wieder gefragt werden, was eigentlich das Besondere, was das „Erfolgsgeheimnis“ von Blaumeier ist. Weil selbst die Menschen, die uns seit vielen Jahren mit ihren Spenden oder ihrer Sympathie unterstützen, oft nicht wissen, dass es 250 Menschen sind, die jede Woche ins Atelier kommen, um dort zu malen oder Masken zu bauen, zu singen oder zu schauspielern, zu schreiben oder Fotos zu machen. Weil sich wahrscheinlich kaum jemand vorstellen kann, wie unterschiedlich diese 250 Menschen sind – und dass genau diese Vielfalt, diese Unterschiedlichkeit Blaumeier ausmacht. 
Stellen wir doch ein Zehntel dieser Menschen vor, haben wir gedacht. Die Fotogruppe, die es nach einer Unterbrechung unter der neuen Leitung von Franziska van den Driesch und Wiebke Emmerich wieder gibt, könnte die Fotos machen, und die Schriftstellerin Jutta Reichelt, die selbst viele Jahre bei Blaumeier Theater gespielt hat, Portraits schreiben. Links die Fotos und rechts die Texte. So war es geplant.
Aber dann hat es sich zum Glück anders entwickelt. Es war ja auch eine seltsame Idee: Von der Unterschiedlichkeit der Menschen mit den immer gleichen Foto- und Textformaten zu erzählen. Jetzt ist alles immer anders: die Anzahl und Größe der Bilder und wie direkt oder indirekt, wie umfassend oder ausschnitthaft, wie eindeutig oder rätselhaft sie von den Menschen erzählen, die hier vorgestellt werden. Manchmal ist die Verbindung zwischen den Menschen und den Fotos, den Texten, die von ihnen inspiriert wurden, sehr lose, manchmal sind es fast klassische Portraits.“

So fängt das Vorwort von Karolin Oesker an, mit dem Blaumeier oder der Möglichkeitssinn beginnt. Oder nein, dieses Buch beginnt nicht mit dem Vorwort, das kommt erst nach dem ersten Portrait Steffi oder Drei Irrtümer über Kunst, wobei das auch schon wieder nicht stimmt, weil dieser Text kein „richtiges“ Portrait ist – genauso wenig wie die Texte Markus Pöhlmann, Joan Didion und ich; Tobias oder die allmähliche Verfertigung der Ideen beim Denken oder Elli lacht. Bei diesem Buch ist manches ein bisschen anders als es normalerweise zu erwarten wäre.

Normalerweise. Normalerweise wäre es ja schon eine schöne Geschichte, wenn aus der „Broschüre“ ein nicht zuletzt dank der wunderbaren Gestaltung von Christian Heinz veritables Buch geworden wäre. Ein Buch für Menschen, die sich für Kunst oder Behinderung, Blaumeier oder Bremen interessieren – aber ich bin mir da nicht mehr so ganz sicher, ob es sich so verhält. Ich habe es nämlich in den letzten Wochen immer mal wieder Menschen, mit denen ich verabredet war, in die Hand gedrückt – und mich gefreut, dass sie es meist nicht wieder hergeben wollten. Oder auf eine fast unhöfliche Weise nicht aufhören konnten, darin zu blättern, zu lesen. Vielleicht braucht es keines dieser Spezialinteressen, um sich für dieses Buch, für diese ungewöhnliche Verbindung von Texten und Fotos, von immer wieder anderen Typographien und Drucksätzen zu begeistern?
Ob das wirklich so ist, kann ich natürlich als Beteiligte am Projekt nicht beurteilen – aber Ihr! Ich freue mich daher ganz besonders auf Eure Eindrücke und Rückmeldungen und verlose ein Exemplar unter allen, die gerne „testlesen“ möchten. (Interessebekundungen per Email an juttareichelt@aol.com oder direkt hier in die Kommentare bis zum 01.11.2020).

Das Buch erscheint zur Blaumeier-Fotoausstellung Von Räumen und Menschen in der Unteren Rathaushalle (22.10.2020 – 07.11.2020 von 11 – 19 Uhr). Es ist dort und in fast allen Bremer Buchhandlungen zum Preis von 24 Euro erhältlich. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, dazu zählen auch Lesungen. Sämtliche Termine, Anmeldungen dazu und Infos direkt bei Blaumeier. Dem Buch beigefügt ist eine CD mit einer Hörversion sämtlicher Texte.

(46) Schreiben, als würde ich es können

„Aber eigentlich habe ich in diesen Jahren die meiste Zeit nur so getan, als würde ich schreiben. So wie ich als Kind so getan hatte, als ob ich spielen würde, so habe ich am Schreibtisch gesessen und so getan, als wäre ich mit erfundenen Welten und Figuren beschäftigt – dabei konnte ich überhaupt nicht in sie eintauchen, weil ich ständig von außen auf sie und auf mich und den entstehenden Text blickte. Ohne, dass ich es abschalten konnte, beobachtete ich permanent mich und mein Tun. War das gut, was ich machte und warum nicht? Was konnte, was musste ich anders machen? War dies nicht furchtbar kitschig und jenes vordergründig? War diese Idee nicht vollkommen unoriginell und jene gewollt? Würde irgendjemand das lesen wollen? Musste ich es nicht unbedingt unter Verschluss halten, weil es so beschämend schlecht war?“ 

Diese Passage stammt aus meinem Text Wie ich Schriftstellerin wurde und auch wenn ich vermute, dass die meisten Menschen, die diesen Blog lesen, (etwas) weniger Schwierigkeiten haben, sich wirklich auf den Schreibprozess einzulassen, als das bei mir lange Zeit der Fall war, begegnen mir doch immer wieder Menschen, denen es ähnlich geht. Menschen, die jeden Text, den sie schreiben, bang danach befragen, ob er „gut“ ist. Vielleicht sogar „sehr gut“? Veröffentlichungswert? Und weil der Text nicht oder nicht vernehmlich oder klar zu ihnen spricht, landet die Frage irgendwann bei mir.

In der Regel versuche ich dann Zeit zu gewinnen. Richtig viel Zeit. Nicht nur ein paar Sekunden, die ich zum Nachdenken benötige, sondern Wochen, Monate, manchmal auch Jahre, bis diese Frage überhaupt sinnvoll gestellt und beantwortet werden kann. Auch das ist eine dieser Paradoxien, die zumindest mein Leben und Schreiben geprägt haben: Dass gute Texte erst entstehen können, wenn das Schreiben nicht permanent oder vollständig von dem Druck und Anspruch begleitet wird, gute Texte schreiben zu müssen. Zumindest phasenweise, zumindest hin und wieder muss diese nervig quäkende Frage verstummen, damit wir uns wirklich einlassen können auf den kreativen Prozess. Auf seinen Eigensinn. Auf das, was ohne Anstrengung, ohne Druck, ohne Absicht entsteht. Ich kann die schöne Beobachtung von Siri Hustvedt nicht oft genug zitieren: „Schreiben ist meistens unbewust. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft“.

Wenn wir jeden Satz, jeden rohen Entwurf, jede erste Version besorgt daraufhin befragen, was sie über unser Talent, unser Schreibvermögen aussagen – dann finden wir kaum in die neugierige, offene Grundhaltung, die wir für kreatives Tun unbedingt benötigen. Aber wie können wir Zweifel und Besorgnisse loswerden, wenn sie sich erstmal an unsere Fersen geheftet haben?
Natürlich gibt es dafür keine Standardlösung, aber ich bin überzeugt, dass ein wichtiger erster Schritt darin liegt, die paradoxe Lage überhaupt zu verstehen, in der wir uns befinden. Ein zweiter Schritt könnte ein Gedankenspiel sein: Wie würde sich mein Schreiben verändern, wenn ich wüsste, dass ich es „eigentlich“ kann. Wenn mein Talent und mein grundsätzliches Schreibvermögen anerkannt wären, von mir selbst und auch von anderen. Und wenn Ihr Euch an den ungeheuerlichen Gedanken, dass Ihr es eigentlich könnt oder lernen könnt erstmal gewöhnt habt, probiert es doch einfach mal aus: Schreibt, als müsstet Ihr niemandem etwas beweisen!

Ich freue mich auf Fragen, Gedanken und Anregungen!

(45) Überarbeitungsparadoxien

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mühsam das Schreiben literarischer Texte für mich lange Zeit war. Wie wenig Ideen ich hatte und wie schnell diese dann meist schon „verbraucht“ waren für einen Text, von dem ich wusste, dass er nicht wirklich gut war. Ich hatte keine Vorstellung, keine Idee, wie ich so an diesen Texten arbeiten könnte, dass sie besser würden. Ich konnte sie mir gar nicht anders vorstellen, als genau so, wie sie waren – aber das war mir nicht bewusst und noch weniger war mir bewusst, wie wichtig genau diese Fähigkeit ist, einen Text „durchkneten“ zu können, um etwas anderes aus ihm, aus seinen zentralen Bestandteilen zu formen.

Heute weiß ich, dass die Fähigkeit, sich einen Text auch (ganz) anders vorstellen zu können, als er aus einem ersten Schreibimpuls oder -plan entstanden ist, erst ganz allmählich wächst. Und sich andererseits, wenn sie dann einmal erworben ist, oft nur schwer begrenzen lässt. Das scheint mir die zentrale Überarbeitungparadoxie zu sein: Gerade bei unseren ersten Texten, die eigentlich ganz besonders der Überarbeitung bedürfen, gelingt sie uns nicht (oder nur auf der Textoberfläche), während wir sie später (wenn die Texte schon ganz ordentlich sind) manchmal nur mühsam begrenzen können.

Mir ist dieses Wort „Überarbeitungsparadoxie“ erst in diesen Tagen eingefallen, als ich meine eigenen „Corona-Momente“ aufschreiben wollte. Eigentlich war es mir gar nicht so recht, dass sich dieser Schreibimpuls der vergangenen Woche so in meinem Kopf festgesetzt hatte, lieber wollte ich die gerade etwas rare Schreibzeit einem anderen Text widmen – aber nach ein paar Tagen ständigen Formulierens kleiner „Ich erinnere mich …“-Momente, hatte ich ein Einsehen und setzte mich am ersten halbwegs freien Vormittag hin und notierte, was mir zuvor durch den Kopf gegangen war. All die Erinnerungen, die mir aussagekräftig vorkamen. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an zwei Arbeitstreffen – das erste davon muss am 23. Februar stattgefunden haben – und wie sich in unsere Begrüßungsroutine ein unmerkliches Zögern, eine Unsicherheit einschlich und wir uns dann aber doch umarmten, ein bisschen verlegen. Oder war die Verlegenheit erst eine Woche später aufgetaucht, als wir uns wieder sahen und es, ohne dass wir darüber hätten reden müssen, klar war, dass wir uns nicht umarmten? Was war in dieser einen Woche geschehen? Wann hatte ich die Nachricht von den abgeriegelten italienischen Städten gehört, wann die Militärfahrzeuge im Fernsehen gesehen, die Särge abtransportierten? War das vorher oder nachher? Ich suchte die Meldungen und schrieb auf, was mir einfiel. Ich staunte, was alles zusammenkam in den Wochen, bevor ich Anfang März zu einem zwölftägigen Urlaub nach Juist aufgebrochen war. Hatte Corona nicht dort erst richtig für mich „angefangen“? Mit der mir unglaublich vorkommenden Aufforderung der Kurverwaltung, die Insel umgehend zu verlassen? Mit der gespenstischen Rückfahrt im leeren Zug in diesen Tagen, in denen noch nicht einmal Fahrzeugkontrolleur:innen den Zug entlangliefen?

Sollte sich mein Corona-Momente-Text nicht ganz auf diese Juistreise konzentrieren? Oder sollte sie im Zentrum stehen und ich würde die vorherigen Ereignisse rückblicksartig einfügen? Oder sollte ich doch bei dem Versuch, einer halbwegs chronologischen Reihenfolge bleiben, die es mir ermöglichte das wiederkehrende „Ich erinnere mich …“ beizubehalten, das mir für diesen Text gut gefiel? Und warum, meine Güte, machte ich mir überhaupt all diese Gedanken – wegen eines Textes, den ich aller Voraussicht nach nur für mich schreiben würde? Warum suchte ich nach der bestmöglichen Form für ihn, dachte über ihn nach, als wäre er ein wichtiger Wettbewerbsbeitrag? Konnte ich diesen „Verbesserungsmodus“ nicht einfach mal ausschalten? 

Nein, ich kann es meistens nicht. Sowenig ich das Denken in Textalternativen lange Zeit anschalten konnte, kann ich es jetzt ausschalten. Ich glaube, es ist so etwas wie eine Dimension der Wahrnehmung: sobald sie existiert, existiert sie. Dazu passt, dass immer wieder Teilnehmer:innen meiner Werkstätten halb im Scherz, halb ernsthaft darüber klagen, dass sie nicht mehr „normal“, nicht mehr wie früher „einfach so“ lesen können. Plötzlich bemerken sie Perspektivenfehler oder sie stören sich an der eindimensionalen Gestaltung einer Figur, die ihnen früher nicht aufgefallen wäre.  

Wer also seine Überarbeitungsfähigkeit schulen und ausbauen möchte, wer lernen möchte, die eigenen Texte „durchkneten“ zu können, könnte sich ab und zu und möglichst spielerisch bei eigenen oder fremden Texten die Frage stellen: Was könnte an diesem Text alles anders sein? An welchen Schrauben könnte ich drehen? Mit welcher anderen Szene könnte er beginnen? Was, wenn es eine klare Erzählstimme gäbe (oder eben keine). Könnte er aus einer anderen Perspektive oder mit einer anderen inneren Haltung geschrieben sein? Welche anderen Enden wären vorstellbar?Aber wie gesagt, wer sich regelmäßig mit anderen über die eigenen und fremden Texten austauscht, die oder der wird früher oder später fast zwangsläufig anfangen, sich Texte auch anders vorzustellen zu können …

Ich freue mich auf Eure Gedanken, Erfahrungen und Fragen!

(44) Tagebuchnotizen: Wann fing „Corona“ eigentlich an?

Der Fall der Berliner Mauer oder der Einsturz der Twin Tower – manche historische Zeitenwende verdichtet sich in einem sehr konkreten Moment und viele Menschen verbinden genaue Erinnerungen damit. Andere Veränderungen oder Prozesse vollziehen sich schleichend, eher unsichtbar und es gibt nicht den „einen Moment“, an dem sich „alles ändert“.

In ihrem Beitrag Documenting All the Small Things That Are Easily Lost für die New York Times fragt Lynda Barry: Wann ging die Zeit, die jetzt nicht mehr ist, vorbei? Was genau passierte da? Und sie fordert dazu auf, sich an ganz konkrete Szenen zu erinnern, in denen sich dieser Übergang vollzog. Was sind die letzten Situationen, die wir erinnern, in denen es noch kein Corona gab? Wie haben wir davon erfahren? Wann hat es begonnen unser Leben zu verändern. Wie?

Ich erinnere mich, dass ich im Radio von italienischen Städten hörte, die abgesperrt worden waren – und dass ich beim Hören dieser Meldung noch vollkommen überzeugt war, dass das, was dort passierte, nichts mit mir und meinem Leben zu tun haben würde. Ich erinnere mich an Lastwagen, die Leichen abtransportierten und Bilder von Menschen, die unbegleitet starben. Ich erinnere mich …

Woran erinnert ihr Euch? Wann hat diese Zeit begonnen, die (ganz unabhängig davon, wie lange sie noch dauert) einen tiefen Einschnitt im Leben von uns allen markiert?

Aber Lynda Barry, deren Buch „How to make Comics“ ich nicht genug rühmen kann (ich finde, dass es viele Anregungen und Inspirationen bereithält auch für Menschen, die kein bisschen an Comics interessiert sind, sondern „nur“ an Schreiben und Literatur), Lynda Barry stellt die Frage nach der „Serie von Momenten“ nicht allein in Bezug auf Corona, sondern überhaupt im Hinblick auf Prozesse, auf Entwicklungen und ermutigt uns, sie aufzuschreiben, all die kleinen Begebenheiten, die vielleicht erst im Nachhinein für uns Bedeutung erlangen. Vielleicht weil es die letzten Momente waren, die wir mit einer Person erlebt haben, bevor sie starb.

Lynda Barry empfiehlt, vor dem eigentlichen Schreiben in einem ersten Schritt langsam eine kleine Spirale zu zeichnen (etwa 2 Minuten lang) und sich währenddessen einzelne, konkrete Szenen in Erinnerung zu rufen. In einem zweiten Schritt wird (erneut etwa 2 Minuten lang) eine Liste dieser Szenen angelegt – immer auf der Suche nach solchen Situationen, die sich wie ein aussagefähiger „Schnappschuss“ zeichnen (oder erzählen) lassen.

Wie bei allen Schreibanregungen ist es auch bei dieser möglich und sinnvoll, sie für sich selbst anzupassen. Die Themen oder Prozesse zu finden, die ein geeigneter Stoff zu sein scheinen oder herauszufinden, ob das Zeichnen einer Spirale ein Mittel sein kann, um Erinnerungen heraufzubeschwören. Mir hat es gut getan zu überlegen, wann und wie „Corona“ begonnen hat – vielleicht auch, weil das Vorübergehende, das Begrenzte daran mir dadurch wieder deutlicher geworden ist. Irgendwann wird „Corona“ auch wieder vorbei sein. Woran werden wir das erkennen? 

Aber jetzt ist erst mal auf jeden Fall der Sommer und damit auch die Sommerpause auf diesem Blog vorbei und es geht weiter mit dieser ein bisschen improvisierten offenen Digitalen Schreibwerkstatt. Falls Ihr Fragen oder thematische Wünsche für den Herbst habt, schreibt sie gerne in die Kommentare – ich freue mich, von Euch zu lesen und werde sie gerne aufgreifen (auch wenn es manchmal ein bisschen dauert).

(43) Noch mehr Ideen für (erste) Schreibprojekte

Wenn Menschen allmählich in eine regelmäßige Schreibpraxis finden, wollen sie nach einer Weile gerne etwas „Längeres“ schreiben – aber noch nicht gleich einen Roman. In diesen Fällen bieten sich Projekte an, die aus kürzeren miteinander lose verbundenen Texten bestehen. Bei der Suche nach einem solchen (verbindenden) Merkmal sind der Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt und wer hier in den Schreibanregungen der vergangenen Monate stöbert, wird sicherlich einen passenden Impuls finden, mit dem er oder sie „in Serie gehen könnte“. Aber natürlich lassen sich auch ganz andere Serien ausdenken und „Verknüpfungsmöglichkeiten“. Ich selbst mag sehr gerne Serien, bei denen die Texte einzelne, kleine Notizen sind, die jeweils ein Wort, einen Gedanken des vorangegangenen Textes aufnehmen. Oder vielleicht auch nur eine Atmosphäre.

Heute möchte ich als Projekt eine Kombination von zwei meiner liebsten Schreibimpulse vorstellen. Beide habe ich hier natürlich schon vorgestellt, nämlich „Ich erinnere mich …“ und „F wie fiktiv! Alphabete als Schreibanregung“. Alphabete sind  in diesem Kontext genau ein solches „verbindendes Element“ und sie lassen sich zu ganz unterschiedlichen Themen schreiben (z. B. Orte/Menschen/Dinge, die für mich wichtig sind/Verluste/Behausungen/Grünes/Reisen) und in der Suche nach einem individuell passenden Thema liegt bereits ein wichtiger Teil des kreativen Prozesses. In einer meiner Werkstätten, in der wir im vergangenen Jahr viel mit Alphabeten gearbeitet haben, hat eine Teilnehmerin ein wunderbares Alphabet für ihren Mann geschrieben, eine andere hat zu „Nahrung/Essen“ und ihren damit verbundenen Ausbildungen Texte verfasst und es war faszinierend, wie facettenreich, wie vielschichtig und ergiebig dieses Thema war. Ich selbst schreibe seit längerem (und vorzugsweise während Schreibwerkstätten) an einem Alphabet zum autobiografischen Schreiben – der Möglichkeiten sind also wirklich viele und zu meiner Freude hat Christiane auf ihrem Blog „Irgendwas ist immer“ das Thema kürzlich ebenfalls aufgegriffen, dort findet Ihr weitere Anregungen. Wichtig ist, sich immer wieder klarzumachen, dass es kein „richtig/falsch“ in diesem Zusammenhang gibt und dass Ihr Euer Alphabet so zusammenstellt und schreibt, wie es Euch gefällt!

Hier möchte ich heute die Möglichkeit vorstellen, ein Erinnerungs-Alphabet anzulegen. In einem ersten Schritt notiert Ihr dabei zu allen Buchstaben Dinge oder Ereignisse, Namen oder Orte, mit denen Ihr möglichst konkrete, plastische Erinnerungen verbindet.(Diese Liste wird während des Prozesses vermutlich immer länger werden, aber entweder wählt Ihr aus oder Ihr schreibt tatsächlich zu einigen Buchstaben mehrere Einträge). Und dann beginnt Ihr mit den Buchstaben, zu denen es Euch hinzieht. Wenn Ihr mögt, verwendet „Ich erinnere mich …“ als wiederkehrenden Satzanfang. Das widerstrebt manchen Menschen, weil ihnen jede Wiederholung  in der Schule als Fehler markiert wurde, aber in diesem Fall handelt es sich nicht um einen Fehler, sondern um ein Stilmittel und zugleich um eine Art Beschwörungsformel, denn wenn wir auf diese Weise unseren Erinnerungen nachgehen, tauchen mit großer Wahrscheinlichkeit weitere auf.

Weil dieser Beitrag der letzte vor einer  Sommerpause ist, die ich mit der „Offenen Digitalen Schreibwerkstatt“ bis zum 25.09. einlege, möchte ich aber auch noch ein paar Schreibprojekt-Anregungen für diejenigen von Euch notieren, die es mehr ins Fiktive zieht. Schöne Serien lassen sich auch entlang einer ausgedachten Nachbarschaft schreiben oder indem Ihr drei oder fünf Figuren frei erfindet oder eine Figur in drei oder fünf unterschiedliche Schwierigkeiten geraten lasst oder beschreibt, wie eine erfundene Figur jeweils ihre „runden Geburtstage“ feiert oder oder oder … Auch hier gilt: Alles ist erlaubt und die Suche nach einem reizvollen Schreibprojekt ist bereits notwendiger Bestandteil des schöpferischen Projektes.

Ich wünsche Euch eine möglichst gute Zeit, hadert so wenig wie irgendmöglich mit Euch, tragt Masken und wenn Ihr auf der Suche nach zusätzlichen kreativen Anregungen seid: Abonniert den Newsletter von Austin Kleon (den einzigen, den ich jeden Freitag lese) oder stöbert auf seinem Blog, dem ich schon unzählige Anregungen entnommen habe. Bis bald!

(42) Vom Hölzchen aufs Stöckchen

„Alles ist erlaubt“ heißt der Kurs, den ich auch dieses Jahr wieder im Rahmen der Sommerakademie der VHS Diepholz in Bassum anbiete. Die Teilnehmer:innen können an großen (Roman)-Projekten arbeiten oder an Miniaturen, sie können Haikus schreiben oder Krimis. Morgens stelle ich den Teilnehmer:innen jeweils einen Schreibimpuls vor, sie können ihn aufgreifen – oder sich direkt der Arbeit an ihrem Projekt zuwenden.
Ein großer Reiz der Sommerakademie besteht für mich in der Möglichkeit, einen Einblick auch in die künstlerischen Prozesse anderer Künstler:innen zu erhalten. Dieses Jahr fanden parallel die Kurse „Mixed Media Collagen“ mit Cordula Kagemann und „Buchexperimente: Notiz von der Natur“ mit Odine Lang statt. Mit Odine hatte ich schon im letzten Jahr einen etwas engeren Austausch vereinbart, so dass wir beide die jeweils anderen Kurse an einem Nachmittag besucht und zwei, drei Anregungen aus unserem Bereich vorgestellt haben. Odine hat zwei einfache Faltungen für kleine Hefte gezeigt und ich habe in ihrem Kurs drei Schreibanregungen vorgestellt – eine davon ist „Vom Hölzchen aufs Stöcken …“
Diese Anregung nimmt einerseits das Natur-Thema von Odines Kurs auf und ist einmal mehr eine Aufforderung, im kreativen Bereich „das Gegenteil zu machen“ – in diesem Fall: ausschweifend werden, sich von einer Assoziation zur nächsten treiben lassen und neugierig zu schauen, wo wir dann landen.
In das kleine X-Heft, dessen Faltung Odine uns am Tag zuvor gezeigt hatte, habe ich die Anregung so notiert:

Schreibanregung „Vom Hölzchen aufs Stöckchen“

„Vom Hölzchen aufs Stöckchen:
Wähle einen Gegenstand als Ausgangspunkt. Beschreibe ihn. Löse dich von der Beschreibung und notiere alles, was dir an Assoziationen, Erinnerungen, Fragen in den Sinn kommt. Lass deine Gedanken schweifen. Finde ein Ende möglichst weit vom Anfang entfernt – oder in seiner Nähe.“

Natürlich eignen sich für diese Schreibanregung alle möglichen Gegenstände – sie müssen nicht aus der Natur stammen. Aber vielleicht hat von Euch jemand Lust, das auszuprobieren und vielleicht sogar das Schilf, das in Odines Kurs als Motiv wie auch als Zeichen-Werkzeug genutzt wurde, als Ausgangspunkt zu verwenden?! Das würde mich freuen!

Nachtrag 17.08.2020: Ich freue mich dass Jenny Menger, die an der Sommerakademie teilgenommen hat, mir ihren schönen „Vom Hölzchen aufs Stöckchen“-Text für eine Veröffentlichung hier auf dem Blog zur Verfügung gestellt hat – vielen Dank, Jenny!

Vom Hölzchen auf’s Stöckchen
Ich dachte, es wäre eine gute Idee gewesen, einen Blumensamen mitzunehmen. Aber jetzt, wo ich ihn beschreiben soll, merke ich, dass ich nicht mal weiß, von welcher Pflanze er ist. Außerdem fällt er gerade auseinander. Das Samenkorn, das er ursprünglich mal tragen sollte, liegt jetzt irgendwo unter meinem Stuhl, und die kleinen, weißen Schwerbeärmchen fangen auch schon an, sich abzulösen. Eigentlich ist er wie ein Löwenzahnsamen. Nur fehlt die lange Tragevorrichtung zwischen dem Samen und den Fliegedingern. Ich weiß selbst, dass das keine sehr schöne Beschreibung ist, aber wie soll ich es sonst nennen? In der Natur gibt es ja allerhand Flugapparate, sowas wie Federn, oder die Spannhaut des Gleithörnchens. Und zählen auch die „Flügel“ eines Mantarochens dazu? Anmutig ist es ja, wie sie sich durchs Wasser bewegen, aber müsste man dann nicht zwangsweise auf den Gedanken kommen, die Flossen aller Fische zumindest als potenziell flügelartig anzuerkennen? Denn was macht dann noch einen Flügel aus? Und wenn man sämtlichen Fischen die Flügel abspricht, ist das dann schon Diskriminierung?