Ist das schon Einfache Sprache oder ist das noch Literatur? Überlegungen zu einem literarischen Experiment

Vier Blätter Papier, die überlappend arrangiert sind. Auf einem ist der Text mit der Hand geschrieben, die Worte "Aladdin ist ein Profi" schimmern in der letzten Zeile erkennbar durch. Auf den anderen drei Blättern kann man keine vollständigen Sätze lesen. Sie sind aber alle unterschiedlich "bearbeitet": einmal sind einzelne Worte in einer größeren Schrifttype gedruckt, einmal sind die meisten Wörter durchgestrichen, so dass nur wenige zu erkennen sind und einmal sind einzelne Wörter oder Sätze ausgeschnitten und collagenartig neu zusammengelegt.

Im Frühjahr 2019 fing ich an, Texte für Blaumeier oder der Möglichkeitssinn zu schreiben. Die Grundidee des Buches bestand darin, von Blaumeier (einem bundesweit bekannten Projekt für Kunst und Inklusion) zu erzählen, indem etwa ein Zehntel der 250 Menschen, die sich jede Woche dort künstlerisch betätigen, mit Texten und Fotos vorgestellt würden. Allmählich entwickelte sich die Idee, von der Unterschiedlichkeit dieser Menschen auf je unterschiedliche Weise zu erzählen. Das betraf Motive, Formate, Perspektiven und Größe der Fotoserien, die Gestaltung des Buches (einschließlich der Typographie) und auch die Texte: Alles sollte immer anders sein! Aus Texten, die ursprünglich eher wie journalistische Portraits gedacht waren, wurden „literarische Reaktionen auf Begegnungen“. Momentaufnahmen. Ich beschloss, die vielfältigen Möglichkeiten von Sprache und Rhythmus, Textsorte und Stil zu nutzen, um allein schon dadurch die Individualität der jeweiligen Personen zu betonen. Ohne das Thema der Behinderung, des vor allem von der Gesellschaft Behindert-Werdens (künstlich) auszusparen, sollte die Unterscheidung in „behindert oder nichtbehindert“ ihren oft so dominierenden Charakter verlieren. Alles Wichtige schien geklärt – oder fast alles. Ein Thema tauchte bei jeder Projektbesprechung auf, wurde ausgiebig erörtert und dann doch wieder ergebnislos vertagt:  

Einerseits lag es auf der Hand, dass es eine Übersetzung der Texte in eine einfacher verständliche Version würde geben müssen und andererseits schien uns eine solche Übersetzung bei vielen der Texte unmöglich. Aber sagen das nicht immer alle? Tut uns leid, eigentlich sind wir ja für Inklusion, für den Abbau von Barrieren – aber hier in diesem konkreten Fall geht es leider nicht?!

Woran genau scheiterte denn eine Übersetzung? Ich muss gestehen, dass es mir lange Zeit selbst nicht klar war, dass es eher ein Gefühl, als eine Erkenntnis war. Aber dann verstand ich, dass es bei Übersetzungen in Leichte oder Einfache Sprache immer darum geht, die Information, die Bedeutung, die ein Text enthält in eine andere Form zu bringen. In eine besser verständliche Form. Deswegen lassen sich Gesetzestexte, Behördenschreiben, Reiseführer und auch viele Geschichten in Einfache oder Leichte Sprache übersetzen – und deswegen ist es gut, dass das immer öfter geschieht und es sollte und muss noch viel selbstverständlicher werden!

Aber es gibt Texte, bei denen sich Form und Inhalt nicht trennen lassen. Genau das ist ja das Besondere an literarischen Texte „im engeren Sinn“. Sie leben weniger vom „Was“ des Erzählten, als vom „Wie“. So ist es auch bei vielen Texten in Blaumeier oder der Möglichkeitssinn: Der komplizierte, verschachtelte Satzbau im Text über Tobias ist der Versuch, Tobias kluges und zugleich große Schleifen unternehmendes Denken und Reden zum Ausdruck zu bringen – ihn zu vereinfachen würde den Text nicht nur eines hübschen Sahnehäubchens berauben, sondern seiner zentralen Aussage …

Es ist notwendig … es ist unmöglich … Meine Gedanken drehten sich im Kreis bis … bis mir plötzlich Raymond Queneau und sein Buch Stilübungen einfiel. In diesem literarischen Experiment, das Queneau in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts durchführte, variiert er einen kurzen und recht unspektakulären Ursprungstext 99 mal. Neben der „Übertragung“ in die unterschiedlichsten Genres (Haiku, Traum, Pressemeldung) konzentriert er sich oft auf eine einzige Wahrnehmung, einen Aspekt, eine Emotion. 

Bei dem Gedanken, Raymond Queneaus Variationen als Inspiration zu nutzen, verspürte ich augenblicklich ein Gefühl der Erleichterung. Als hätte ich einen gordischen Knoten zerschlagen: All die komplizierte Last, die sich mit dem Gedanken an eine (unmögliche) Übersetzung verband, löste sich auf: Ich würde auch Variationen schreiben. Im Unterschied zu Queneau würde ich mir allerdings noch größere Freiheiten erlauben und die Ursprungstexte nur als lose Inspiration verwenden. Alles sollte immer anders sein – die Grundidee des Buches würde auch für die Variationen der Texte gelten.

Ich machte mich an die Arbeit, die sich jetzt zum Glück nicht mehr nach „Arbeit“ anfühlte, sondern nach einem literarischen Abenteuer. Ich spielte mit der visuellen Oberfläche der Texte, ihrer Typographie. Ich griff zu Schere und Filzstift, schnitt Texte auseinander und klebte sie neu zusammen (s. Beitragsbild). Ich griff einzelne Motive oder Themen heraus und experimentierte mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Reduktion:

Carl F. in 20 Worten
Carl F. ist ein großer Künstler.
Er wünscht sich Aufmerksamkeit.
Er wünscht sich Anerkennung.
Er wünscht sich Geld.
Und Stempel.

Michael mag: Eine Liste
– Kaffee
– Bananen (geschält und halbiert)
– etwas Weiches, Kuschliges anfassen
– Hauptrollen
– Ruhe
– „Jooou“ sagen, oder manchmal auch: „Jooooooooooooou“

Fast ein Haiku (Tobias)
Von Joghurt
Umspülte Tischbeine
Übersehene Verbindungen


Weil ich nicht mehr nach der einen Übersetzung suchte, schrieb ich zu manchen Texten auch mehrere Variationen, bei Tobias z. B. diese:

Wie es ziemlich genau ungefähr war (Tobias)
An einem Freitagnachmittag kommt Tobias müde nach Hause.
Er freut sich auf das Wochenende.
Er freut sich auf sein Sofa.
Er freut sich auf leckeres Essen.
Ich muss nur noch die Einkäufe in den Kühlschrank verstauen, denkt Tobias.
Aber dann rutscht ihm die Kiste mit den Einkäufen aus der Hand.
Auf dem Boden kullert alles durcheinander: Bananen und Orangen, Zwiebeln und Tomaten.
Und mittendrin: der aufgeplatzte Joghurtbecher!
Was für eine Sauerei, denkt Tobias und ärgert sich.
Jetzt muss er putzen – na toll!
Aber als erstes holt er seine Kamera.
So ein Joghurtsee in der Küche ist ja was Besonderes.
Tobias macht ein Foto.
Und noch eins.
Und eins von oben.
Er stellt sich auf den Küchentisch.
Und von ganz unten muss er auch eins machen.
Tobias legt sich auf den Küchenboden.
Wie wohl die kleinen Soldaten aussehen, wenn er sie im Joghurt aufstellt?
Oder die Ratte?
Tobias macht immer mehr Fotos.
Immer mehr Dinge fallen ihm ein, die er in den Joghurtsee stellen kann.
Immer neue Ideen landen in seinem Kopf.
Tobias ist nicht mehr müde und er ärgert sich nicht mehr.
Den ganzen Abend verbringt er in der Küche mit der Kamera.
Vielleicht habe ich gerade einen Anfang gefunden, denkt Tobias.
Einen Anfang für mein Foto-Projekt.
Endlich, denkt Tobias.

Ich schrieb immer mehr Variationen und ich stellte mir immer mehr Fragen: Wer versteht welche Texte nicht und warum? Je länger ich über diese Frage nachdachte, desto seltsamer kam es mir vor, dass ich mich in meinen Überlegungen zu Übersetzungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten so ausschließlich auf Leser:innen mit kognitiven Beeinträchtigungen konzentriert hatte. Dabei war mir durchaus bewusst gewesen, wie eingeschränkt und begrenzt das Wissen und die Vorstellungskraft nichtbehinderter Menschen oft ist: Wie wenig wissen sie von den täglichen Schikanen und Behinderungen, von sichtbaren und unsichtbaren Barrieren? Wie sehr beschränkte auch dieses Nicht-Wissen ein vollständiges Verstehen der Texte? Warum hatte mir das überhaupt kein Kopfzerbrechen bereitet? Ich schrieb weitere Variationen …

Behinderungslogiken (Manuela)
Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, sind nicht behindert.
Manuela engagiert sich ehrenamtlich.
Manuela ist … 

Während ich mit dem Schreiben der Variationen (und dem Nachdenken darüber) beschäftigt war, las ich ein Buch, das nichts mit diesem Projekt zu tun hatte – jedenfalls dachte ich das, als ich es zu lesen begann. Das Buch heißt Several short sentences about writing und verfasst hat es der Autor und New York Times-Herausgeber Verlyn Klinkenborg. Klinkenborg empfiehlt in diesem Text allen Schreibenden, sich die (meist ungeprüften) Hintergrundannahmen bewusst zu machen, die in unsere Vorstellungen von einem guten Text oder einem guten Satz eingehen, und geht in diesem Zusammenhang auf die verbreitete Vorstellung ein, ein kurzer Satz könne kein (wirklich) guter Satz sein: „Many people assume there’s a correlation between sentence length and the sophistication or complexity of an idea or thought – even intelligence generally. There isn’t. (…) You can say smart, interesting complicated things using short sentences. How long is a good idea?“ („Viele Menschen gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen der Satzlänge und der Raffinesse oder Komplexität einer Idee oder eines Gedankens – ja sogar der Intelligenz im Allgemeinen – gibt. Das ist nicht der Fall. (…) Man kann kluge, interessante und komplizierte Dinge in kurzen Sätzen sagen. Wie lang ist eine gute Idee?“)

Das schlechte Image kurzer Sätze! Ich erinnerte mich an die Begegnung mit einer der portraitierten Künstlerinnen, die mich sehr berührt hatte: Als ich ihr den Text das erste Mal vorgelesen hatte, hatte sie mit Tränen in den Augen gesagt: „Das hätte ich nie für möglich gehalten, dass mal jemand so über mich schreibt.“ So. Ich hatte über dieses „so“ nicht weiter nachgedacht, aber als ich darüber nachdachte, war ich mir sicher, dass sich dieses „so“ nicht nur auf den Inhalt des Textes bezog, sondern auch auf seine Form, auf seinen „Sound“. War es womöglich gerade wichtig gewesen, dass es ein literarischer Text gewesen, war, der von ihr erzählte? Ein Text, wie er in „normalen“, in richtigen Büchern zu finden war?

Was bedeutet das alles? Ich weiß es nicht. Ich habe mehr Fragen als Antworten. Wer schreibt, weiß von der Kraft, die einfache, klare Sätze oft besitzen. Aber sobald sie als Leichte oder Einfache Sprache gelabelt werden, können Sätze oder Texte diese Qualität oft gar nicht mehr entfalten, weil sie nur als 2. Wahl betrachtet werden. Minderwertig. Auch darum ging es mir in diesem Variationen-Experiment: Kleine, kurze Texte so zu präsentieren, dass sie für sich stehen dürfen, dass sie nicht erschlagen werden von den (oftmals falschen) Vorstellungen, die wir haben. Von Sätzen – oder Menschen.

Die Arbeit an Variationen wurde gefördert durch ein Stipendium des Bremer Senators für Kultur. Sämtliche Ursprungstexte können HIER auf der Blaumeier-Homepage angehört werden – und natürlich kann das Buch über den Blaumeier-Shop oder in zahlreichen Bremer Buchhandlungen erworben werden.
Ich bin an einem Austausch über die hier aufgeworfenen Fragen zu Einfacher Sprache, Inklusion und Barrierefreiheit sehr interessiert und würde mich über entspreche Anfragen sehr freuen (juttareichelt@aol.com). Und natürlich wie immer auch über Kommentare!

4 Kommentare

  1. Das Lesen deines Textes, liebe Jutta, war ein wunderbares Lesevergnügen. Ein intellektueller Anstoß zum Weiterdenken……….. Dir wünsche ich weiterhin so eindrückliche Schreibabenteuer.
    Herzlich. Dorothea

  2. Liebe Jutta,
    ich habe mir das Buch gleich ich träume davon, dass niemand auf die Idee kommen würde, ein als leicht oder einfach gelabelter Text könne minderwertig sein. Dafür muss es aber auch möglich sein, jede Textsorte anders zu behandeln und zum Beispiel im Falle von Literatur offen für Experimente und neue Formen zu sein. Wer Leichte Sprache übersetzt, weiß: Kompromisse gehören immer dazu. Schließlich ist das Vereinfachen doch immer auch ein Abwägen. Das klarste Beispiel: Leichter formulieren heißt, weniger Wissen vorwegnehmen, also auch mehr Raum für Erklärungen einräumen, länger werden. Gleichzeitig braucht die Zielgruppe es möglichst knapp, damit sie einen Text als Ganzes erfassen kann. Und zu Literatur gehört eben auch, Dinge offen zu lassen für die eigene Deutung.
    Wichtig ist deshalb, dass ein Text auf verschiedenen Ebenen funktioniert. So erlebe ich es bei der Vorlese-Stunde. Das ist eine inklusive Online-Lesestunde, die ich einmal die Woche organisiere. Die Teilnehmer*innen sind bunt gemischt, und so sind es auch die Meinungen zu den Geschichten. Sicher können nicht alle immer allen Gedankengängen folgen, aber alle ziehen für sich ihre eigene Interpretation heraus (und freuen sich nebenbei am geselligen Miteinander).
    Gute Literatur in Leichter oder Einfacher Sprache geht gerade durch die klare Sprache, diesen eigenen „Sound“, wie du selbst schreibst, ohne Umwege ins Herz. Gute Literatur. Davon braucht es aber noch viel mehr. Deshalb wünsche ich mir viele mutige Schreiber*innen, die es wagen, leicht und frei zu formulieren.
    Vielen Dank für deinen Artikel! Ich habe mir das Buch gleich bestellt und bin sehr gespannt. Die Geschichte über Tobias möchte ich auf jeden Fall mal mit in die Vorlese-Stunde nehmen …

    1. Liebe Inga,
      ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, für eine so umfangreiche und vielfältige Rückmeldung und ich freue mich natürlich auch, dass du das Buch bestellt hast!
      Ich war bei meinem kleinen Experiment natürlich in einer privilegierten Situation, weil die Ursprungstexte ja meine eigenen Texte waren und ich sie dadurch vermutlich unbefangener zusammenstreichen konnte. Denn tatsächlich habe ich bei den Menschen, die ich persönlich kenne das Gefühl, dass der Umfang, die Länge mit das größte Problem ist.
      Und dann gibt es noch etwas anderes, das ich sehr spannend finde, das ich aber nicht auch noch gut in dem diesem Text unterbringen konnte: Nach all den Rückmeldungen, die ich bekommen habe, bin ich überzeugt, dass die „Haltung“ eines Textes und die zentralen Aussagen oft verstanden oder wahrgenommen werden – auf eine eher intuitive Art. Das ist ein Thema, das mich schon lange interessiert: Wie wichtig (für uns alle) die Rolle der Emotionen, der emotionalen Wahrnehmung beim Lesen oder Hören von Texten ist und wie wenig wir das aber anerkennen oder berücksichtigen …
      Also: viele Themen und Fragen, die da zusammenlaufen und die es wert sind, weiterverfolgt zu werden. Und ja: es braucht viel mehr Texte und Experimentierfreude und vielleicht auch Austausch …

Ich freue mich über Kommentare!

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