(49) Auf Bewährtes zurückgreifen …

Ich habe in dieser Woche eine schöne (und mit einer lustigen Geschichte verbundene) Geschichten-Generator)-Bestellung erhalten und das hat mich auf die Idee gebracht, dass ich in dieser Woche, in der bei mir so viel los war, ruhig auf etwas zurückgreifen könnte, dass schon „da“ ist. Deswegen gibt es in dieser Woche nach längerer Zeit mal wieder drei Karten aus dem Geschichten-Generator, nämlich „John, ganz schön blass“, „Nö“ und „Bahnhof“.

Macht damit, was Ihr wollt! Schreibt einfach ein paar Zeilen zu einem John auf, der blass ist oder der sich darüber ärgert, dass jemand ständig behauptet, dass er es ist oder was auch immer. Oder stellt Euch vor, irgendjemand würde Euch viel Geld bezahlen, wenn Ihr drei oder fünf verschiedene „Johns“ zur Auswahl entwerft. Lasst den Bahnhof weg, wenn er Euch stört oder schreibt umgekehrt eine kleine Bahnhofs-Skizze, in der jemand „Nö“ sagt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass relativ viele Teilnehmer:innen spontan das Gefühl haben, dass eine Schreibanregung, der sie bereits einmal nachgegangen sind, irgendwie „verbraucht“ ist und sie reagieren fast ein bisschen empört (oder manchmal auch nicht nur fast ein bisschen), wenn ich eine Schreibanregung ein zweites oder gar drittes Mal präsentiere. Aber weil Schreibanregungen ja kein Rezept sind, weil ich sie mir mehr wie ein „Überbrückungskabel“ vorstelle, dass einen immer wieder neuen und andern „Motor“ anspringen lässt, können wir Schreibanregungen nach einer gewissen Zeit wieder neu verwenden – und manchmal empfiehlt sich das sogar: Wenn es uns schwer fällt, ins Schreiben zu kommen, dann kann es eine gute Idee sein, auf Bewährtes zurückzugreifen. Vielleicht können wir den ursprünglichen Impuls auch etwas verändern oder variieren. Wer länger schreibt, sammelt auch darin Erfahrung: Sich Schreibanregungen für sich passend zu machen.

Ich freue mich auf Textanfänge, Ideen, verlinkte Geschichten – wie immer ist alles erlaubt!


(10) Stilübungen (nach Raymond Queneau)

Es ist eine phantastisches, ein verrücktes Buch, das der französische Autor Raymond Queneau (1903-1976) unter dem Originaltitel Exercices de Style 1947 vorlegte. Ausgehend von einer einzigen kurzen Begebenheit, entwirft Queneau sage und schreibe 99 Variationen! Dies ist der Ausgangstext:

„Angaben

Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich darauf.
Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: „Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.“

Der Reiz des Unterfangens liegt also keineswegs in diesem ein bisschen seltsamen Ausgangstext, sondern in dem, was alles aus ihm wird. Ein Haiku zum Beispiel (1947!):

S und langer Hals
Fußtritt Schrei und Rückzug
Bahnhof Knopf Bewegung

oder ein Sonett, das so anfängt:

„Mit langem Hals ein jämmerlicher Schemen,
von Hut geflochten und von Schnauze kahl,
bequemte sich zur täglich neuen Qual,
den meistens voll besetzten Bus zu nehmen.“

oder Beleidigend, mit diesem Anfang: „Nach einem saumäßigen Warten unter einer schändlichen Sonne stieg ich endlich in einen unsauberen Autobus, in dem eine Bande Arschlöcher zusammengepfercht stand. Das größte Arschloch unter diesen Arschlöchern …“

Es ist eine große Freude diesen Text zu lesen und ich habe mich vor vielen Jahren selbst davon zu einer kleinen Serie inspirieren lassen. Mein Ausgangstext war dieser:

„Da stoppte mich etwas mitten in der Bewegung, das weiter in der Tiefe stattfand. Zumindest der Schmerz, der fand in der Tiefe, fand im rechten Schienbein statt. Aber das Besondere, das wohl Entscheidende passierte weiter oben: An irgendeiner Stelle rebellierte mein Körper gegen diese immer wiederkehrenden Attacken.
Es war ein Allerweltsfoul, tausend mal erlebt von den Niederungen der E-Jugend an, lautstark gefordert von ganzen Tribünen voller Trainer, die meine Gegenspieler mein Fußballerleben lang angebrüllt hatten „dran bleiben“, „geh drauf“, „stell ihn“ und eben auch „hau ihn um“. Und obwohl ich nie ernsthaft verletzt wurde, war ich dieser Grätschen, Sensen und Tacklings auf einmal überdrüssig, vermochte sie nicht mehr als Teil des Ganzen zu begreifen.
Und so nahm ich den Ball, der ins Seitenaus gerollt war und mir von einem sehr jungen, beflissenen Balljungen entgegengestreckt wurde und warf ihn meinem Gegenspieler zu. „Dann nimm ihn doch einfach“, sagte ich zu ihm, „wenn du ihn so unbedingt haben willst, dann nimm ihn doch einfach“, und verließ das Spielfeld.“

Es war ein Text, den ich in einer Schreibwerkstatt zu dem vorgegebenen Anfang „Da stoppte mich etwas in der Bewegung …“ geschrieben hatte und ich habe hier auf dem Blog einige meiner Variationen veröffentlicht: Da stoppte mich etwas

Als Anregung für mögliche Varianten hier einige der Titel Queneaus aus dem Inhaltsverzeichnis: Verdoppelung, Metaphorisch, Rückwärts, Traum, Genauigkeit, Die subjektive Seite, Negativitäten, Amtlicher Brief, Klappentext, Lautmalereien, Ausrufe, Philosophisch, Mathematisch, Preziös, Unverhofft.

Für diejenigen, die Lust haben, das auszuprobieren: Ich glaube, es ist eine gute Idee als Ausgangstext etwas auszuwählen, das sich als „kleine Begebenheit“ bezeichnen lässt. Eine Situation, in der etwas geschieht, das ein wenig rätselhaft, skurril, merkwürdig erscheint.

Ich freue mich auf Versuche, Fragen, Erfahrungsberichte!

Nachtrag (03.April 2020) Erst durch den Kommentar von Myriade zu der geglückten Übersetzung, fiel mir auf, dass ich die Übersetzer (meiner Ausgabe von 1968) nicht erwähnt hatte: Ludwig Harig und Eugen Hemlé. Interessanterweise gibt es eine neue Übersetzung für eine Neuauflage, die bei Suhrkamp 2016 erschienen ist und von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt wurde. Sowohl die Übersetzung als auch die Gestaltung des Buches wurde mit Preisen ausgezeichnet – hier gibt es einen Videoclip des Verlags mit den beiden Übersetzern:

Versuche über Fußball: „Stilübungen“ – nach der großartigen Vorlage von Raymond Queneau

Da stoppte mich etwas mitten in der Bewegung, das weiter in der Tiefe stattfand. Zumindest der Schmerz, der fand in der Tiefe, fand im rechten Schienbein statt. Aber das Besondere, das wohl Entscheidende passierte weiter oben: An irgendeiner Stelle rebellierte mein Körper gegen diese immer wiederkehrenden Attacken.
Es war ein Allerweltsfoul, tausend mal erlebt von den Niederungen der E-Jugend an, lautstark gefordert von ganzen Tribünen voller Trainer, die meine Gegenspieler mein Fußballerleben lang angebrüllt hatten „dran bleiben“, „geh drauf“, „stell ihn“ und eben auch „hau ihn um“. Und obwohl ich nie ernsthaft verletzt wurde, war ich dieser Grätschen, Sensen und Tacklings auf einmal überdrüssig, vermochte sie nicht mehr als Teil des Ganzen zu begreifen.
Und so nahm ich den Ball, der ins Seitenaus gerollt war und mir von einem sehr jungen, beflissenen Balljungen entgegengestreckt wurde und warf ihn meinem Gegenspieler zu. „Dann nimm ihn doch einfach“, sagte ich zu ihm, „wenn du ihn so unbedingt haben willst, dann nimm ihn doch einfach“, und verließ das Spielfeld.

 

Genauigkeiten

Vor 38500 Zuschauern, bei 23 Grad im Schatten bedrängte mich, 2 Meter von der Außenlinie und 40 Meter von der Eckfahne entfernt, um 16.49 ein 1,87 Meter großer und 85 kg schwerer Mann, bekleidet mit einem Trikot der Größe XL auf dem in 4 cm großen Buchstaben „Pick“ stand. Der Ball rollte 3 Meter ins Seitenaus und wurde mir von einem elfjährigen, 1,52 m großen Jungen zugeworfen. Ich sprach 17 Worte zu dem anderen Mann. Um 16.50 verließ ich das Feld durch den 2 m hohen und 3,50 m breiten, sog. Spielertunnel.

 

Traum

Mir war es, als befände ich mich in einer Schlucht. Steil ragten Felsvorsprünge vor mir auf und nur an einigen, wenigen Stellen erreichte mich ein Lichtstrahl, gebündelt wie von einem Scheinwerfer. Ein Mann kam mir entgegen, der immer kleiner wurde, je näher er mir kam und trotz aller Winzigkeit eine beeindruckende Hässlichkeit ausstrahlte. Er wollte offenbar etwas von mir, aber da er in einer fremden Sprache zu mir redete und zudem auch noch winzige, aber umso aufgeregtere Sprünge dabei vollführte, konnte ich nicht verstehen, was es war. Da er mir irgendwie leid tat, der kleine Kerl, suchte ich in meinen Taschen, bis ich ein rundes Schokoladenbonbon fand und warf es ihm so zu, dass es direkt vor seinen Füßen landete. Sofort trat der kleine Kerl dagegen, worauf er wieder zu wachsen begann und auch seine irritierende Hässlichkeit verlor. Auch die Felsvorsprünge, die wie Betonträger die Schlucht umrahmten, schienen zu schrumpfen und ich befand mich plötzlich wieder in einer offenen, lichten und nur von einigen Bäumen umgebenen Ebene.

 

Regenbogen

Eines Tages befand ich mich auf einem violetten Rasen und spielte mit ein paar Freunden in indigofarbenen Trikots. Einer von ihnen rannte auf mich zu, so dass ich sein blaues Bein sehen musste. Sofort spielte ich ihm den grünen Ball zu und sagte ihm mit reichlich gelber Stimme, dass er ihn behalten könne, bis sein anderes Bein orange würde. Ich beendete dann das Spiel, sah aber, dass meine Freunde noch ein rotes Tor schossen.

 

Negativitäten

Es war weder ein Garten noch eine Turnhalle, sondern ein Fußballstadion. Es war weder am Morgen noch am Abend, sondern am Nachmittag. Es war weder ein Foul, noch eine Rudelbildung, sondern ein Zweikampf. Es ging weder um die Ehre, noch um Geld, sondern um den Ball. Es war weder ein Wadenbeißer, noch ein Fußballgott, sondern ein Abräumer. Es war weder eine Kurzschlußhandlung, noch ein lange gehegter Plan, sondern eine Eingebung.

 

Ungeschickt

Also ich bin ja nun nicht gerade ein großer Schreiber. Also Aufschreiber, falls man das so sagt. Eher ein Redner oder jedenfalls rede ich lieber, als dass ich was aufschreibe oder zumindest erzähle ich schon, wenn mal was war. Was Besonderes war. So wie das hier, aber das ist halt so besonders, dass ich es aufschreiben will. Oder soll. Also eigentlich soll, weil mein Bruder, der kann richtig schreiben und der will auch Geld damit verdienen und der schickt immer irgendwelche Sachen weg und hofft dann, dass das jemand druckt, aber bislang waren die immer zu blöd, um das zu verstehen und jetzt hat er gesagt, ich soll das mal aufschreiben, was da passiert ist und dann hat er es nämlich leichter, ist ja klar. Deswegen ist das ja auch eigentlich egal, wie ich das schreibe, weil es geht ja nur darum, dass ich da war, also im Stadion, als der K. sein letztes Spiel gemacht hat. Ich und meine Kumpels haben das gar nicht kapiert, dass der einfach keinen Bock mehr hatte, wir dachten ja, der ist verletzt und ham noch applaudiert, das ist, was mich am meisten ärgert, dass der sich da verpisst und wir klatschen und rufen und feiern den und jetzt ist es zu spät, der wird ja nicht noch mal kommen, nur um sich von uns auspfeifen zu lassen!

 

Inszenierung

Ich war in einem Stadion voller Schauspieler, die sich nach genauen Anweisungen auf den Rasen, die Bänke, die Kurven und Geraden verteilten. Alle wirkten sehr erfahren. Dann kam es zu einem Zwischenfall – ob er zu der Inszenierung gehörte oder improvisiert war, weiß ich nicht. Der eine Schauspieler warf dem anderen vor, ein falsches Stück aufzuführen und erklärte mit großer Geste, dass er unter diesen Umständen an der weiteren Aufführung nicht mitwirken würde. Dann ging er an den anderen Schauspielern vorbei in Richtung des Ausgangs, wobei die Schauspieler auf den Rängen sehr unterschiedlichen Regieanweisungen folgten: einige klatschen, manche pfiffen, vereinzelt wurde der Name des Schauspielers skandiert und die meisten bemühten sich, den Eindruck großer Fassungslosigkeit zu vermitteln.

 

Haiku

Inmitten des Lichts
umringt von Üblichem
wagt er das Neue