Von ersten ikonografischen Cover-Verwendungen ist zu berichten …

Vor 100 Tagen ist mein neuer Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ bei Klöpfer & Meyer erschienen und das scheint mir ein guter Anlass zu sein, um auf diese erste ikonografische Cover-Verwendung hinzuweisen, die mich vor wenigen Tagen erreicht hat und die von Renate Grolewsky aus Bremen angefertigt wurde:

Cover Variation Renate Grolewskycover_wv

Ich würde mich ganz außerordentlich freuen, wenn dieses schöne Bild (vielen Dank, dass ich es hier verwenden darf, liebe Renate!) zur Nachahmung anregen würde! Schickt mir sehr gerne Fotos von Bildern, die das Motiv des Covers aufnehmen, variieren, die einen losen Zusammenhang dazu herstellen oder auch von schönen oder originellen Orten, an die es das Buch verschlagen hat – (fast) alles ist möglich!

Wiederholte Verdächtigungen: Erste Reaktionen und Rezensionen

„Virtuose Mutmaßungsprosa“ ist der Titel der Rezension von Hendrik Werner im Weser-Kurier vom 22.02.2015. „Jutta Reichelt ist mit ‚Wiederholte Verdächtigungen‘ ein eindringlicher, fesselnder und kluger Roman gelungen. Die Bremer Autorin, die sechs Jahre an dem schmalen wie gewichtigen Band gearbeitet hat, entwirft anhand von Katharina und Christoph ein packendes Spiel vom Fragen. Ein irritierendes Spiel, das Erwartungen, Vermutungen, Zuschreibungen der Figuren und des Lesers wiederholt virtuos unterläuft. (…) Jutta Reichelt, eine sehr präzise (Selbst-)Beobachterin, schreibt ungemein ökonomisch. Zwar wägt sie jedes Wort. Und doch atmet der kompakte Roman eine erzählerische Leichtigkeit, die sein schweres Sujet wohltuend kontrastiert.“

„Die Bremer Autorin Jutta Reichelt macht auch in ihrem jüngsten Roman das Auseinandergleiten von Lebens- und Identitätskonstrukten zum Thema. Was auf einer Ebene durchaus autobiografisch ist“, schreibt Carola Ebeling in ihrem Portrait für die taz. Esther Willbrandt führte für die „Buchpiloten“ des nordwestradios ein Gespräch mit mir, das neben dem Text selbst auch den Entstehungsprozess des Romans in den Blick nimmt.

In ihrer (also ja, tatsächlich) sehr begeisterten Rezension des Roman freut sich die überaus geschätzte Blogger-Kollegin Birgit Böllinger („SätzeundSchätze„), dass Christoph endlich wieder da ist und kommt zu dem Ergebnis: „Neben der klug konstruierten Handlung zeichnen ein ganz feiner, leiser Humor und mit sehr viel Empathie gezeichnete Figuren (die so lebensnah geschildert sind, dass man sie beinahe vor Augen hat) diesen Roman aus. Was mich aber vollends gefangen hat, ist die ruhige, ganz unaufgeregte Sprache, die Jutta Reichelt in diesem Buch anschlägt – glasklar und kein Ton zu viel.“

Zustimmung erhält sie dafür u.a. von Susanne, die in einer Gastrezension für den Blog „Die Bibliophilin“ bereits geschrieben hatte: „Vielen Dank für eine Geschichte, die mich mit dem ersten Satz reingezogen und erst nach dem letzten wieder ausgespuckt hat. (…) Jutta Reichelt beobachtet unfassbar gut, kann diese Beobachtungen eins zu eins in Sprache überführen und hat offenbar ein untrügliches Gespür dafür, wann es genug ist (eine Tugend, die man nicht hoch genug schätzen kann). Und obwohl Schauplatz, Protagonisten und Handlung genau genommen ziemlich unspektakulär sind, hatte ich beim Lesen so ein Thriller-Feeling, das ich nicht vermutet hätte bei einem so netten, harmlosen, jungen Vorstadt-Pärchen.

Auf ihrem wunderbar vielseitigen Blog „Von Orten und Menschen“ fasste Maren Wulf ihre Lese-Eindrücke in 9 Feststellungen und Gedanken zusammen – von Nr. 1: Ist das spannend! Ich habe schon eine Weile kein Buch mehr so atemlos gefressen. – Nr. 9: Es geht immer darum, Geschichten zu erzählen. That is what it’s all about.“

Joachim Mols formuliert begründet seine Leseempfehlung auf „bestreaders“ so: „Jutta Reichelt hat es wunderbar geschafft, die ungeheure Tiefe der Frage nach der eigenen Identität auf den Punkt zu bringen. Ohne mit einer aufdringlichen Psychoschnulze aufzuwarten, erzählt sie von der Bedeutung, die das persönliche, familiäre Erbe für den Menschen hat.

Ich freue mich sehr!

Und hier geht es zu den Verlags-Information von Klöpfer & Meyer und zu der Leseprobe.

Einladung zur Buchpräsentation »Wiederholte Verdächtigungen« von Jutta Reichelt

cover_wvEs laden ein: Die Autorin, die Stadtbibliothek und das Literaturkontor Bremen, die Buchhandlung Logbuch und der Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen.

Begrüßung: Dr. Hendrik Werner (Weser-Kurier)

Christoph ist verschwunden. Eigentlich wollte er nach ein paar Stunden wieder da sein, aber dann erhält seine Freundin eine SMS, er habe sich da »idiotisch in etwas verrannt …«. Beunruhigt über sein Fernbleiben beginnt Katharina über die möglichen Ursachen zu spekulieren.

Ein raffiniert-subtiler Familien- und Seelenkrimi.

Donnerstag, den 26. Februar 2015 um 19 Uhr in der Stadtbücherei Bremen, Am Wall 201, Bremen
Der Eintritt ist frei.

Wir freuen uns auf Sie!

Weitere Lesungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse:

12.03.2015: 19 Uhr, Reiskestr. 12  (Clownsmuseum) Info
13.03.2015: „UV – Lesenacht der unabhängigen Verlage“, 23 Uhr im Lindenfels Westflügel

(Ich freue mich über Gesprächsanfragen, insbesondere auch von Blogger-Kolleg:innen und leite den Wunsch nach Rezensionsexemplaren gerne weiter: juttareichelt@aol.com)

 

Christoph ist verschwunden – Geschichte eines Fahndungserfolges …

Verloren gegangen war zunächst ein Satz. Der Satz: „Christoph ist verschwunden“. Vier Jahre lang war es der erste Satz meines Romanmanuskriptes und dann musste ich ihn sehr schweren Herzens streichen – eine Änderung der Perspektive ließ ihn mir nicht mehr vollkommen stimmig erscheinen. Ich habe hier im Blog darüber berichtet und erhielt – wie zum Trost – eine kleine Christoph-Skizze von Dorothea. Das brachte mich auf die Idee, den Satz zu „retten“, indem ich einen Aufruf starte und darum bitte, diesen ersten Satz „weiterzuschreiben“. Oder Hinweise zu geben: Wo wurde Christoph gesehen? Hat er vor, wiederzukommen? Wie geht es ihm? Reden wir wirklich über denselben Christoph? (Weitere Hinweise sind jederzeit willkommen!)

Und dann geschah etwas, das mich überrascht und sehr begeistert hat – es gab unglaublich viele und wunderbar vielfältige Texte, Skizzen, Notizen und Bilder. Ganz unverhofft begegnete mir plötzlich Christoph an Orten, an denen ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte – und ich erhalte weiter Hinweise und Ankündigungen und freue mich sehr darüber! Und für diejenigen, die noch ein paar Christoph-Spekulationen vertragen können, rücke ich eine Leseprobe meiner eigenen raus …

„Wiederholte Verdächtigungen“ – erscheint am 09.02.2015 bei Klöpfer & Meyer.

Christoph ist verschwunden – literarische Hinweise dringend erbeten!

Kürzlich hatte ich hier im Blog davon berichtet, dass mir über die langjährige Arbeit am Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ (erscheint im Februar 2015 bei Klöpfer & Meyer) der erste Satz verloren gegangen war: Christoph ist verschwunden. Und vermutlich, um mir den Abschied zu erleichtern, hatte mir Dorothea eine kleine Notiz zu Christoph geschenkt, was mich nun auf die Idee bringt, dass es großartig wäre, eine Sammlung von (eher) kurzen Texten, Spekulationen, Hinweisen oder Such-Tipps hier im Blog zu sammeln – die alle mit dem Satz vom verlorenen Christoph beginnen. Der dann immerhin nicht verschwunden wäre …

Bin sehr gespannt, ob und wo ihr Christoph gesehen habt? Hat er vor, wiederzukommen? Wie geht es ihm? Und reden wir wirklich über denselben Christoph?

 

Nachtrag vom 11.12.14:

Nicht nur in der virtuellen Welt, sondern auch in der sehr realen „Schreib-Werkstatt“-Welt zieht die Suche nach Christoph ihre Kreise – eine besonders schöne Version von Sabine Breitbach füge ich hier ein:

Frau Hansen war die erste Kundin, wie fast jeden Morgen. „Moin Christoph“, sagte sie und wollte wie immer fünf Krosse und zwei Kornknacker, ach nee doch lieber drei. „Hab garnicht mit dir gerechnet. Ich dachte, du wärst verschwunden.“
Christoph, der gerade ein Blech Brötchen in den Korb geschüttet hatte und schon wieder in die Backstube hetzte, bevor ihm die Ladung Croissants verbrennen würde, fragte nur „Wie komm se denn da drauf ?“
Zurück am Ofen dachte er dann: „Na, schön wärs. Dann müsste ich hier nicht schwitzen und mir die Finger verbrennen und Mehlsäcke schleppen.“
Der Nachbar Unger, der wie immer ein Käsebrötchen mit Käse wollte und das wie immer unerklärlicherweise komisch fand, fragte: „Was machst du denn hier? Ich dachte du wärst weg.“ Auch der Schuhmacher von gegenüber, der diesmal nur drei Flaschen Kakao nahm, wunderte sich. „Ach Christoph, doch nicht verschwunden?“
Die kannten ihn alle noch aus der Zeit, als er gerade mal so über den Tresen kucken konnte und mit dem Einmaleins mit 23 kämpfte, dem damaligen Preis für die Krossen. Viel hatte sich seitdem nicht verändert, hier gab’s immer noch reichlich Handarbeit, sein Vater wollte es so. Für die Kunden war er nur der Sohn vom Bäckermeister Tophoven. Und sie würden ihn wohl noch mit seinem Vornamen anreden, wenn er schon keine eigenen Zähne mehr hätte, mit denen er sie freundlich angrinsen konnte. Das war Order seines Vaters: ‚Und wenn se Himbeerdrops mit Senf wollen, der Kunde ist König, also immer freundlich bleiben.‘
Aber was hatten die heute bloß alle mit dem Verschwinden, als hätten sie sich abgesprochen? Immer, wenn er nur kurz durch den Laden huschte, um Brot zu bringen oder Brötchen oder die ersten Plunderteilchen, machte schon wieder jemand so eine sonderbare Bemerkung.
Die konnten sich die Bäckerei ohne ihn doch gar nicht vorstellen, aber er hatte mal ganz andere Pläne gehabt. Straßenmusik wollte er machen, Polarforscher werden, oder Postbote, oder Gärtner, irgendwas draußen, aber dann hatte er doch alles so gemacht, wie sein Vater es gewollt hatte, mit seinem Schulabschluss hatte er auch keine große Auswahl. Und jetzt drehte er Brötchen und schoss Brot in den Ofen und der Laden lief und er lief mit. Zwei seiner Kollegen in der Berufsschule hatten schon im ersten Lehrjahr einfach eine Mehlallergie bekommen, aber er hatte nicht mal den leisesten Husten.
Dann war Mittag, Feierabend, und er zog sich ein trockenes Hemd an und die Jacke und hielt sein weißes Bäckergesicht in die dünne Wintersonne. Er hatte die Wahl, endlich mal an die frische Luft zu kommen oder sich aufs Ohr zu legen. Wahrscheinlich wäre ein Nickerchen vernünftig, aber er entschied sich für eine kleine Fahrradtour, ein bisschen verschwinden dachte er und grinste grimmig.
Schon auf den ersten Metern lüftete sich das Rätsel um das ganze Gerede. Direkt vor der Ladentür, am Haltestellenhäuschen, hing ein Plakat. ‚Christoph ist verschwunden‘ stand da in riesigen Lettern, und an der nächsten Haltestelle war es das gleiche.
Christoph zählte 12 Plakate an den Haltestellenhäuschen, während er aus der Stadt fuhr und noch zwei große Plakatwände mit dem gleichen Text. Dann stieg er vom Rad und las das Kleingedruckte. Es war ein Wettbewerb, von einem dieser Privatsender. Es wurden Ideen gesucht für eine ihrer schon ewig dauernden Serien, die er nie sah. Da lag er nämlich schon längst im Bett. ‚Warum ist Christoph verschwunden? Wo ist er hin? Wird er zurückkehren?Wird er schon vermisst?‘
Christoph fuhr vorbei am botanischen Garten und am Tierheim und vorbei am Biohof Voigt und über die Bahngleise Richtung Süden und er fand sich so anwesend wie schon seit Jahren nicht mehr.
„Hallo Christoph!“, sprach er mit sich selbst. „Lange nichts von dir gehört. Wie schön, dass du wieder da bist.“ Und nach einer Pause: „Wo geht’s jetzt lang?“
„Egal“, antwortete er sich selbst, fuhr in die langgezogene Kurve gleich hinter Riede und dann mit Schwung den Hügel hinunter. „Erstmal verschwinden“ und dann kam er außer Sicht und war auch schon weg.

 

Vom Text zum Buch: Raymond Carver, meine drei Lektorinnen und ich …

Ich habe drei. Drei Lektorinnen. Das ist ungewöhnlich. Heutzutage liest man ja eher davon, dass es immer seltener wird – das vernünftige Lektorat eines Textes. Wobei man andererseits selten etwas über die konkrete Arbeit von Lektor:innen liest. Wenn, dann ist es meist die Frage: Warum hat der Lektor das nicht verhindert? „Das“ sind dann grobe stilistische Schnitzer oder orthografische Fehler und ich muss gestehen, dass ich mir diese Frage hin und wieder auch schon gestellt habe. Und sie gleichzeitig auch falsch finde, weil in ihr eine seltsame Vorstellung von der Beziehung zwischen Autor:in  und Lektor:in zum Ausdruck kommt. Als sei der Lektor, die Lektorin eine Art „Aufpasser „. Als habe der Lektor, die Lektorin das „letzte Wort“. Aber es gibt gute Gründe dafür, dass es die Autor:innen sind, die das „letzte Wort“ haben. Und damit liegen sie dann eben manchmal auch gründlich daneben.

Ein Fall, in dem der Lektor lange Zeit „das letzte Wort“ hatte, ist die vielleicht tragischste Beziehung zwischen einem Autor und seinem Lektor, die es je gegeben hat: die Zusammenarbeit zwischen dem Autor Raymond Carver und seinem Lektor Gordon Lish. Der bereits 1988 mit fünfzig Jahren gestorbene Raymond Carver wurde u.a. mit dem Kurzgeschichtenband „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ (1981) weltweit berühmt und gilt seither als einer der bedeutendsten Kurzgeschichten-Autoren der Gegenwart. Darüber, dass sein Lektor Gordon Lish massive Eingriffe in den Text vorgenommen hatte, war lange spekuliert worden. Mit dem Erscheinen von „Beginners. Uncut – die Originalfassung“ (dt. 2012/ i. Original: 2008), das auch Auszüge aus dem Briefwechsel enthält kann jede/r genau lesen, wie Carvers Versionen aussahen – und welche radikalen Kürzungen und Veränderungen  Lish daran vornahm.

„Ich liebe dich von Herzen, das musst du mir glauben. Aber ich kann diese Geschichten nicht schreiben, wenn ich mich dabei nicht frei fühle – wenn ich mich nicht frei fühle, werde ich sie überhaupt nicht schreiben -, wenn ich das Gefühl habe, dass Du, der Leser, den ich am meisten schätze, die Geschichten, wenn Du sie nicht magst, von Grund auf neu schreiben wirst. Wenn ich mir das vorstelle, fällt mir der Stift sofort aus der Hand, und ich kann ihn vielleicht nie wieder aufheben …“ (Raymond Carver an Gordon Lish)

Wer mehr darüber erfahren möchte, findet weitere Hintergründe in einer interessanten Rezension von Paul Ingendaay aus dem Jahr 2012 in der FAZ mit dem Titel: „Sein Lektor machte ihn zum Markenartikel“.

Und was hat das nun alles mit mir und meinem Roman zu tun, der im kommenden Frühjahr unter dem Titel „Wiederholte Verdächtigungen“ bei  Klöpfer & Meyer erscheinen wird? Nun, ich habe gerade die Vorschläge und Anmerkungen und Korrekturen in den Text eingearbeitet, die mir von der sehr aufmerksamen Verlagslektorin zugesandt worden waren – und dass dabei keine ganz großen Überarbeitungen und Veränderungen erforderlich waren, dass es keine „großen Baustellen“ gab, lag vor allem daran, dass der Text schon drei (zurückhaltend gezählt) ganz große Überarbeitungen durchlaufen hatte. Und diese wiederum hatten das ebenfalls ungemein aufmerksame Lektorat der Schriftstellerinnen Kerstin Becker und Ulrike Ulrich durchlaufen, weswegen ich in dieser Hinsicht in einer ungemein luxuriösen Situation bin.

Ich meine das vollkommen ernst. Wenn ich heute die Geschichten erzähle, die Texte schreibe, die „darauf warten, von genau mir erzählt zu werden“, dann liegt das daran, dass ich die Suche danach mit einer großen Hartnäckigkeit und Ausdauer betrieben habe – und es liegt auch daran, dass mir auf der Suche diese beiden wunderbaren Kolleginnen über den Weg gelaufen sind und wir seither in einem nahezu unablässigen Austausch über unsere Texte sind. Vor Jahren las ich einmal, dass die Aufgabe eines guten Lektors darin bestünde, den Autor, die Autorin dabei zu unterstützen, dass der Text die Qualität, die er an einigen Stellen bereits hat, durchgängig entfaltet. Ich glaube nicht an Talent und nicht an Disziplin, aber ich glaube an Ausdauer und Praxis und Genauigkeit – und an die Notwendigkeit, differenzierter und konstruktiver Rückmeldungen. Ich danke Euch sehr!

Von den Schwierigkeiten einen Roman zu schreiben: Was bisher geschah …

Als ich meinen zweiten Roman zu schreiben begann, hatte ich eine Idee – aber ich kannte sie nicht. So kommt es mir jetzt vor. Nach mehreren Jahren des Schreibens. Umschreibens. Verwerfens von Figuren, Passagen, Kapiteln, Handlungssträngen. Vor drei Jahren schien der Text zum ersten Mal „fertig“ zu sein. Aber dann stimmte etwas daran doch noch nicht. „Funktionierte“ nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Oder war zuviel.

Was ist überhaupt geblieben von der Idee, den Ideen des Anfangs? Von der ersten Version des Textes? Erstaunlich wenig. Selbst der erste Satz, der sich so lange behaupten konnte, und den ich so stark fand, der lange Zeit überhaupt alles zusammenhielt, selbst „Christoph ist verschwunden“, ist verschwunden. Ist einer Änderung der Perspektive zum Opfer gefallen. Das ist wohl, was man „Kill your darlings!“ nennt.

Aber Christoph gibt es weiterhin und er verschwindet auch immer noch. Und seine Freundin Katharina, die Schriftstellerin ist und nun die Perspektivfigur des Romans, hat auch sämtliche Überarbeitungsschritte überlebt. 20 Prozent der ersten Version, würde ich schätzen, finden sich in überarbeiteter Form noch im aktuellen Manuskript, das im kommenden Frühjahr als Roman bei Klöpfer & Meyer erscheinen wird. Es ist nicht so, dass ich behaupten will, das müsse so sein. Nur so könnten gute Texte entstehen. Ich schreibe mittlerweile an einem neuen Roman und ich bin sicher, dass es da ganz anders sein wird. Dass ich jetzt schon viel klarer sehe, was ich erzählen will und auf welche Weise. Und ich bin sehr froh, dass es so ist.

In Romanwerkstätten ist das ein drängendes Thema: Was muss ich wissen, um mit dem Schreiben eines Romans beginnen zu können? Gibt es ein Minimum an Figurenkenntnis oder Handlungsplanung? Ist es möglich nichts weiter zu habebn, als einen (ersten) Satz? Und vor allem: Kann das gut gehen?

Meine erste Antwort ist immer: Es gibt solche und solche. Planer:innen und Drauflosschreiber:innen. Beide Verfahren haben schon unzählige Male zu überzeugenden Ergebissen geführt – und die meisten Autor:innen pendeln sich vermutlich irgendwo dazwischen ein. Planen vielleicht grob oder zumindest die nächsten 20 Seiten – und bleiben gleichzeitig offen für neue Ideen, die sich während des Schreibens erst ergeben. Es ist also eine Frage des Autor:innen-Typs und natürlich auch des Text-Typs. Verfasser:innen von Thrillern werden prozentual häufiger „plotten“, als Autor:innen „literarischer“ Texte – das ist keine besonders kühne These. Und dann scheint es mir auch eine Frage der Erfahrung zu sein. Weswegen ich hier darüber schreibe. Weil ich glaube, dass wir uns manchmal damit abfinden müssen, dass wir nicht klarer sehen können, als wir sehen – auch wenn es hilfreich wäre.

Es ist eine meiner Lieblings-Paradoxien, dass wir oft nur schreibend herausfinden können, was wir „eigentlich“ schreiben wollen. Indem wir etwas schreiben, das noch nicht das ist, was wir schreiben wollen. Aber wenn wir lesen, wie die so entstandenden Texte in die Nähe der Geschichten führen, die darauf warten, von uns erzählt werden, kommen wir zu „unseren“ Geschichten. So habe ich es erlebt. Und ich würde hier vermutlich nicht darüber schreiben, wenn ich nicht den Eindruck hätte, dass die Schieflage mancher Romanmanuskripte, die ich zu lesen bekomme, damit zu tun hat: Dass die Suche zu früh beendet wurde, die erste Idee festgeklopft wird und „durchgesetzt“ – komme, was da wolle. Die wenigsten von uns können aus jedem beliebigen Stoff einen wirklich guten Text schreiben. Es bleibt schwierig genug, selbst wenn wir „unsere Geschichte“ gefunden haben – also sollten wir uns die Zeit lassen, die es eben manchmal braucht und darauf vertrauen, dass wir uns mit gewonnener Praxis den ein oder anderen Umweg sparen können …