(3) Geschichtengenerator in Aktion

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In meiner Vorstellung vom Schreiben kommt es zunächst vor allem darauf an, in eine möglichst mühelose Schreibpraxis zu finden: Material zu sammeln, offen zu werden dafür, wohin es eine/n zieht, Erfahrungen zu machen und all die inneren Ansprüche „es gut/besser/perfekt“ zu machen, zumindest vorübergehend einmal abzuschütteln (wer mag, kann sie dann später gerne wieder aufnehmen, wenn es an das Überarbeiten geht – aber das Schreiben wird nicht erst dann, nicht erst dadurch  wertvoll).

So verstanden ist der Geschichtengenerator vor allem eine spielerische Möglichkeit eben dazu: Material zu sammeln, offen zu werden usw. … Und ich möchte versuchen, in diesem Jahr schrittweise die Entwicklung eines Schreibnovizen hier auf dem Blog zu begleiten, wie sie sich „idealtypisch“ vollziehen könnte. Die Fragen, die auftauchen, die typischen Probleme, die sich stellen. Eure konkreten Erfahrungen sind sehr dabei sehr willkommen!

Ich freue mich über alle, die Lust haben, sich anregen zu lassen, von den Karten, die der Generator diese Woche ausgespuckt hat: Atelier, Flo (Junge oder Mädchen?) und Komm!. Wie immer ist alles erlaubt, es müssen nicht alle Worte im Text auftauchen und es müssen auch keine “richtigen Geschichten” sein. Eine kleine Skizze, Notiz oder auch nur etwas, das ein Anfang werden könnte sind ebenfalls sehr willkomen. Und vielleicht geht ja auch etwas weiter?

Beim Schreiben literarischer Texte hängt (leider) alles mit allem zusammen

Heute ist Romanwerkstatt und während ich mich dafür vorbereite, denke ich darüber nach, dass eine große Herausforderung des Schreibens darin besteht, dass alles (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) mit allem (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) auf eine schwer zu durchschauende Weise zusammenhängt. Das macht das Schreiben zu einer überaus komplexen Aufgabe und die Lektüre (da wo es gelungen ist) zu einem besonderen Vergnügen.

Immer wenn wir etwas lernen, gibt es am Anfang „zu viel“, das berücksichtigt werden müsste und auch wenn wir gerne sofort mit fünf Bällen entspannt lächelnd jonglieren möchten, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit zwei Bällen zu beginnen. Wir werden also zunächst einzelne „Bausteine“ in den Blick nehmen: Mit was für Figuren haben wir es zu tun? Was passiert ihnen wann und wo? Vielleicht haben wir ein schönes Tableau entwickelt, da stellen wir fest, dass wir unbedingt eine Figur benötigen, die mutiger ist. Aber die haben wir nicht. Also verändern wir sie. Dann kann sie aber unmöglich zu Beginn des Textes ängstlich vor XY stehen … Also müssen wir die Szene streichen. Dann fehlt uns aber das Motiv für die zweite Szene … So führt eine Veränderung oft zu einer Kette von Anschlussproblemen. Manche lassen sich umgehen, indem wir eine „bessere“ Lösung finden (vielleicht kann es gerade reizvoll sein, wenn eine eher ängstliche Figur in einer bestimmten Situation „allen Mut zusammennimmt“), aber oft werden wir in den sauren Apfel umfangreichen Überarbeitens beißen müssen und vielleicht kann dabei der Gedanke helfen, dass es sich um einen unvermeidlichen Lernschritt handelt, der nicht übersprungen werden kann.

Wir benötigen eine (relativ umfangreiche) Schreibpraxis, um die Wechselwirkungen zwischen den Rädern, an den denen wir drehen können, schon beim Schreiben selbst halbwegs zu erfassen: sobald wir die Figuren ändern, hat das Auswirkungen auf die Handlung (die Stimme, die Orte, die weitere Handlung), sobald wir etwas an der Handlung ändern … Und erst allmählich entwickelt sich eine Art gleichzeitigen Wahrnehmens, vielleicht vergleichbar mit der Entwicklung, die ein Koch benötigt, um mehrere Töpfe im Blick behalten zu können oder die Fußballtrainer brauchen, um aus einer (Über)-Fülle an Details bei einer Spielbeobachtung die relevanten „rauszufiltern“.

Ich schreibe nun schon eine ganz Weile und hatte in den letzten Wochen manchmal das Gefühl, dass ich erst jetzt allmählich beginne, die Fäden des Textes halbwegs in der Hand zu halten …

Was treibt dich an im kreativen Prozess?

„Ich stolpere, bin verdutzt – da war doch was? Ich beginne zu schreiben, mache Notizen. Experimentiere mit ersten und abwegigen Ideen.  Suche weiter. Nähere mich. Erkenne verärgert, dass ich mich doch wieder entfernt habe. Verzweifele kurz. Tausche mich aus. Suche weiter. Finde „meins“ schließlich und mache es dann mit aller Energie und Hingabe. Überarbeite. Überarbeite mehrfach. Und fange wieder an …“

Eingeladen für eine Broschüre kurz (ich fürchte, es ist noch zu lang) zu notieren, was mich antreibt (umtreibt?), kaue ich seit gestern auf dieser Antwort herum und würde mich nun noch mehr als sonst über Reaktionen freuen:

Ist das alles „eh klar“ – und somit eigentlich nicht erwähnenswert? Zu pathetisch? Mir ist ja immer sehr daran gelegen, das Prozesshafte zum Ausdruck zu bringen – und wie wichtig es ist, die Augen offen zu halten, sich auf die Suche nach dem zu machen, was uns jeweils wirklich umtreibt – sogar darüber kann man sich irren … Also: Was meint Ihr?

Nachtrag (30.05.2015): Aufgrund der wirklich sehr hilfreichen Reaktionen, die mich (zum Teil auch per E-Mail) erreicht haben, habe ich den Anfang meiner Antwort nochmals verändert und dies auch im Beitrag nachträglich aktualisiert.

Christoph ist jetzt unwiderruflich da!

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Gestern ist mein Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ bei Klöpfer & Meyer erschienen und das bedeutet: Christoph ist nun unwiderruflich da. Damit werden sich einige, wenngleich nicht alle, Fragen klären, die sein Verschwinden in der Vergangenheit ausgelöst hatte  …

Ich freue mich nun sehr, dass die lange Zeit des Schreibens, der Überarbeitung und des Suchens ein Ende gefunden hat und ich freue mich sehr über erste sehr ermutigende Rückmeldungen, die mich erreichen – darunter auch das Gespräch, das Esther Willbrandt für die Sendung „Buchpiloten“ des Nordwestradios mit mir geführt hat.

Von den Schwierigkeiten einen Roman zu schreiben: Was bisher geschah …

Als ich meinen zweiten Roman zu schreiben begann, hatte ich eine Idee – aber ich kannte sie nicht. So kommt es mir jetzt vor. Nach mehreren Jahren des Schreibens. Umschreibens. Verwerfens von Figuren, Passagen, Kapiteln, Handlungssträngen. Vor drei Jahren schien der Text zum ersten Mal „fertig“ zu sein. Aber dann stimmte etwas daran doch noch nicht. „Funktionierte“ nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Oder war zuviel.

Was ist überhaupt geblieben von der Idee, den Ideen des Anfangs? Von der ersten Version des Textes? Erstaunlich wenig. Selbst der erste Satz, der sich so lange behaupten konnte, und den ich so stark fand, der lange Zeit überhaupt alles zusammenhielt, selbst „Christoph ist verschwunden“, ist verschwunden. Ist einer Änderung der Perspektive zum Opfer gefallen. Das ist wohl, was man „Kill your darlings!“ nennt.

Aber Christoph gibt es weiterhin und er verschwindet auch immer noch. Und seine Freundin Katharina, die Schriftstellerin ist und nun die Perspektivfigur des Romans, hat auch sämtliche Überarbeitungsschritte überlebt. 20 Prozent der ersten Version, würde ich schätzen, finden sich in überarbeiteter Form noch im aktuellen Manuskript, das im kommenden Frühjahr als Roman bei Klöpfer & Meyer erscheinen wird. Es ist nicht so, dass ich behaupten will, das müsse so sein. Nur so könnten gute Texte entstehen. Ich schreibe mittlerweile an einem neuen Roman und ich bin sicher, dass es da ganz anders sein wird. Dass ich jetzt schon viel klarer sehe, was ich erzählen will und auf welche Weise. Und ich bin sehr froh, dass es so ist.

In Romanwerkstätten ist das ein drängendes Thema: Was muss ich wissen, um mit dem Schreiben eines Romans beginnen zu können? Gibt es ein Minimum an Figurenkenntnis oder Handlungsplanung? Ist es möglich nichts weiter zu habebn, als einen (ersten) Satz? Und vor allem: Kann das gut gehen?

Meine erste Antwort ist immer: Es gibt solche und solche. Planer:innen und Drauflosschreiber:innen. Beide Verfahren haben schon unzählige Male zu überzeugenden Ergebissen geführt – und die meisten Autor:innen pendeln sich vermutlich irgendwo dazwischen ein. Planen vielleicht grob oder zumindest die nächsten 20 Seiten – und bleiben gleichzeitig offen für neue Ideen, die sich während des Schreibens erst ergeben. Es ist also eine Frage des Autor:innen-Typs und natürlich auch des Text-Typs. Verfasser:innen von Thrillern werden prozentual häufiger „plotten“, als Autor:innen „literarischer“ Texte – das ist keine besonders kühne These. Und dann scheint es mir auch eine Frage der Erfahrung zu sein. Weswegen ich hier darüber schreibe. Weil ich glaube, dass wir uns manchmal damit abfinden müssen, dass wir nicht klarer sehen können, als wir sehen – auch wenn es hilfreich wäre.

Es ist eine meiner Lieblings-Paradoxien, dass wir oft nur schreibend herausfinden können, was wir „eigentlich“ schreiben wollen. Indem wir etwas schreiben, das noch nicht das ist, was wir schreiben wollen. Aber wenn wir lesen, wie die so entstandenden Texte in die Nähe der Geschichten führen, die darauf warten, von uns erzählt werden, kommen wir zu „unseren“ Geschichten. So habe ich es erlebt. Und ich würde hier vermutlich nicht darüber schreiben, wenn ich nicht den Eindruck hätte, dass die Schieflage mancher Romanmanuskripte, die ich zu lesen bekomme, damit zu tun hat: Dass die Suche zu früh beendet wurde, die erste Idee festgeklopft wird und „durchgesetzt“ – komme, was da wolle. Die wenigsten von uns können aus jedem beliebigen Stoff einen wirklich guten Text schreiben. Es bleibt schwierig genug, selbst wenn wir „unsere Geschichte“ gefunden haben – also sollten wir uns die Zeit lassen, die es eben manchmal braucht und darauf vertrauen, dass wir uns mit gewonnener Praxis den ein oder anderen Umweg sparen können …