(5) Geschichtengenerator in Aktion

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Auf Geschichten, in denen ein (glücklich oder unglücklich?) verliebter Erkan auftritt, freue ich mich schon sehr! Und da ich auf keinen Fall Eure Phantasie einengen möchte, seht Ihr Erkan hier schön und – ja, wie denn eigentlich? Seht ihr ihn stolz oder bekümmert, allein oder mit anderen stehen? Oder ist er gerade von seiner wunderbaren Verliebtheit abgelenkt – gibt es das überhaupt?

Wer möchte, kann zwei weitere „Geschichten-Generator„-Karten berücksichtigen, aber dabei auf keinen Fall die wichtigste Generator-Regel vergessen: Alles ist erlaubt! Es geht nur darum, eine Idee, einen Einstieg, einen Anfang oder einen Satz zu finden. Gezogen habe ich diesmal also die Karten: Erkan (ziemlich verliebt), Kantine und „Natürlich kann ich das!“)

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In dieser Woche (und in der nächsten) hat der Geschichten-Generator eine erste kleine Bewährungsprobe zu bestehen: Er muss ohne mich auskommen! Aber genau dafür habe ich ihn ja erfunden. Damit Menschen, die ich in Werkstätten als fröhliche GeschichtenschreiberInnen kennengelernt habe, auch zu Hause den kleinen Impuls finden, der oftmals fehlt, um in eine regelmäßige Schreibpraxis zu finden.

Nun hat sich mit der Online-Variante (bei der ja niemand allein mit seiner Geschichte bleiben muss) bereits ein so reger Austausch hier wie auf anderen Seiten ergeben, dass ich doppelt zuversichtlich bin, dass die Geschichten-Produktion auch ohne mich wie geschmiert weiterläuft – es wäre mir eine große Freude!

(3) Geschichtengenerator in Aktion

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In meiner Vorstellung vom Schreiben kommt es zunächst vor allem darauf an, in eine möglichst mühelose Schreibpraxis zu finden: Material zu sammeln, offen zu werden dafür, wohin es eine/n zieht, Erfahrungen zu machen und all die inneren Ansprüche „es gut/besser/perfekt“ zu machen, zumindest vorübergehend einmal abzuschütteln (wer mag, kann sie dann später gerne wieder aufnehmen, wenn es an das Überarbeiten geht – aber das Schreiben wird nicht erst dann, nicht erst dadurch  wertvoll).

So verstanden ist der Geschichtengenerator vor allem eine spielerische Möglichkeit eben dazu: Material zu sammeln, offen zu werden usw. … Und ich möchte versuchen, in diesem Jahr schrittweise die Entwicklung eines Schreibnovizen hier auf dem Blog zu begleiten, wie sie sich „idealtypisch“ vollziehen könnte. Die Fragen, die auftauchen, die typischen Probleme, die sich stellen. Eure konkreten Erfahrungen sind sehr dabei sehr willkommen!

Ich freue mich über alle, die Lust haben, sich anregen zu lassen, von den Karten, die der Generator diese Woche ausgespuckt hat: Atelier, Flo (Junge oder Mädchen?) und Komm!. Wie immer ist alles erlaubt, es müssen nicht alle Worte im Text auftauchen und es müssen auch keine “richtigen Geschichten” sein. Eine kleine Skizze, Notiz oder auch nur etwas, das ein Anfang werden könnte sind ebenfalls sehr willkomen. Und vielleicht geht ja auch etwas weiter?

Schreiben Sie eine Geschichte mal nicht zu Ende!

Oft halten wir am Anfang nicht mehr als einen losen (Geschichten)-Faden in der Hand. Eine Figur oder richtiger: Umrisse einer Figur. Vielleicht sehen wir eine Frau am Frühstückstisch, die laut zu sich sagt: „Heute nicht!“. Die aufsteht und sich einen Mantel anzieht.

Oder wir sehen einen Jungen mit einem Schulranzen, der viel zu groß, viel zu schwer scheint, wir sehen diesen Jungen auf seinem Schulweg. Er geht langsam und wir vermuten, dass er auch schneller voran kommen könnte. Und während wir darüber nachdenken, sehen wir, wie der Junge in diesem sehr langsamen Tempo an dem Schuleingang vorbei geht. (Falls Ihnen gerade sehr plastisch der Eingangsbereich Ihrer Schule vor Augen steht, machen Sie sich doch ein paar kurze Notizen.)

Wir wissen nicht, wo diese beiden Figuren hingehen und wir wissen auch nicht, was mit ihnen nicht stimmt. Ob überhaupt etwas mit ihnen nicht stimmt. Und wir müssen es auch nicht wissen! Wir können die Anfänge einer Geschichte aufschreiben – und müssen kein Ende finden! Jedenfalls nicht sofort.

Ein Ende zu finden ist oftmals keine leichte Sache, aber wir erhöhen unsere Chance, ein gutes, ein „richtiges“ Ende zu finden nicht dadurch, dass wir von Anfang mit gesenktem Kopf danach suchen. Oft liegt das „gute Ende“ etwas abseits des Wegs und nur, wenn wir die Nerven behalten und uns nicht durch ungebetene Stimmen im Kopf („Kannst du nicht einmal etwas zu Ende machen?!“) verrückt machen lassen.

Vor allem, wer mit dem Schreiben anfängt, wer noch auf der Suche nach einer regelmäßigen Schreibpraxis ist, sollte sich nicht scheuen, immer neue Texte zu beginnen. Figuren oder Szenen nachzugehen. Sie so konkret wie möglich zu notieren und an einem Ort aufzubewahren, an dem sie sich begegnen können (einer Datei oder zumindest einem gemeinsamen Ordner, einer Kladde oder einem Stapel). Und wenn es uns dann noch gelingt, nichts erzwingen zu wollen, fügt sich oft, fast ohne unser Zutun etwas zusammen  und bringt uns einem „guten“ Ende einen großen Schritt näher – während wir auf dem Rad sitzen oder in der Badewanne liegen oder eine Zucchini klein schneiden.

Nachtrag vom 08.10.2015: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 16.01.2014. Heute las ich zu meinem kürzlich veröffentlichten Beitrag „Das größte Problem beim Schreiben …“ einen schönen Kommentar, der mich an diesen Beitrag erinnerte und mir als eine sinnvolle Ergänzung vorkam. Wie immer freue ich mich über Anmerkungen und Erfahrungsberichte!

Beim Schreiben literarischer Texte hängt (leider) alles mit allem zusammen

Heute ist Romanwerkstatt und während ich mich dafür vorbereite, denke ich darüber nach, dass eine große Herausforderung des Schreibens darin besteht, dass alles (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) mit allem (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) auf eine schwer zu durchschauende Weise zusammenhängt. Das macht das Schreiben zu einer überaus komplexen Aufgabe und die Lektüre (da wo es gelungen ist) zu einem besonderen Vergnügen.

Immer wenn wir etwas lernen, gibt es am Anfang „zu viel“, das berücksichtigt werden müsste und auch wenn wir gerne sofort mit fünf Bällen entspannt lächelnd jonglieren möchten, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit zwei Bällen zu beginnen. Wir werden also zunächst einzelne „Bausteine“ in den Blick nehmen: Mit was für Figuren haben wir es zu tun? Was passiert ihnen wann und wo? Vielleicht haben wir ein schönes Tableau entwickelt, da stellen wir fest, dass wir unbedingt eine Figur benötigen, die mutiger ist. Aber die haben wir nicht. Also verändern wir sie. Dann kann sie aber unmöglich zu Beginn des Textes ängstlich vor XY stehen … Also müssen wir die Szene streichen. Dann fehlt uns aber das Motiv für die zweite Szene … So führt eine Veränderung oft zu einer Kette von Anschlussproblemen. Manche lassen sich umgehen, indem wir eine „bessere“ Lösung finden (vielleicht kann es gerade reizvoll sein, wenn eine eher ängstliche Figur in einer bestimmten Situation „allen Mut zusammennimmt“), aber oft werden wir in den sauren Apfel umfangreichen Überarbeitens beißen müssen und vielleicht kann dabei der Gedanke helfen, dass es sich um einen unvermeidlichen Lernschritt handelt, der nicht übersprungen werden kann.

Wir benötigen eine (relativ umfangreiche) Schreibpraxis, um die Wechselwirkungen zwischen den Rädern, an den denen wir drehen können, schon beim Schreiben selbst halbwegs zu erfassen: sobald wir die Figuren ändern, hat das Auswirkungen auf die Handlung (die Stimme, die Orte, die weitere Handlung), sobald wir etwas an der Handlung ändern … Und erst allmählich entwickelt sich eine Art gleichzeitigen Wahrnehmens, vielleicht vergleichbar mit der Entwicklung, die ein Koch benötigt, um mehrere Töpfe im Blick behalten zu können oder die Fußballtrainer brauchen, um aus einer (Über)-Fülle an Details bei einer Spielbeobachtung die relevanten „rauszufiltern“.

Ich schreibe nun schon eine ganz Weile und hatte in den letzten Wochen manchmal das Gefühl, dass ich erst jetzt allmählich beginne, die Fäden des Textes halbwegs in der Hand zu halten …

Schon lange möchte ich einmal über Einkaufszettel schreiben

Schon lange möchte ich einmal über Einkaufszettel schreiben. Über den Reiz, den sie auf mich ausüben, wenn ich sie zerknittert in einem Einkaufswagen liegen sehe und mir einbilde, sie könnten mir vieles, vielleicht alles erzählen. Über das Wochenende, das auf die Verfasserin, den Verfasser genau dieses Zettels wartet (2 Avocado) oder über das Leben, über die Episoden, möglichweise die Dramen, die sich hinter „Sekt (Kiste)“ verbergen. Aber vor allem möchte ich schon lange darüber schreiben, warum ich manchmal an Einkaufszettel denken muss, wenn ich gefragt werde, ob ein Text „gut“ sei, was ich recht häufig gefragt werde. Das ist eine Frage, die Probleme ganz unterschiedlicher Art mit sich bringen kann – aber das größte Problem von allen besteht darin, dass Texte nicht „gut“ sein können – ohne Bezug, Vergleich, Relation zu irgendwelchen anderen Texten.

Man kann sich das relativ schnell klar machen, wenn man überlegt, dass jeder Text auch „weniger gut“ und fast alle Texte auch „besser“ sein könnten. Und wenn man schon mal gerade dabei ist, über die „Güte“ von Texten nachzudenken, dann könnte man auch relativ schnell auf den Gedanken kommen, dass es dafür Kriterien geben sollte. Und nun kommt endlich der Einkaufszettel zu seinem Recht und der Satz, den ich schon so lange einmal aufschreiben möchte: „Die Kriterien für die Qualität eines Einkaufszettels sind Lesbarkeit und Vollständigkeit.“ (Ich könnte an dieser Stelle aufhören, weil ich ja nun endlich einmal diesen Satz geschrieben habe, da ich aber fürchte, dass meine Begeisterung ein singuläres Phänomen bleiben könnte, schreibe ich lieber noch ein bisschen weiter – vielleicht gelingt mir ja noch ein zweiter vernünftiger Satz).

Wenn wir weitere Textsorten betrachten, könnten wir annehmen, dass bei einer „Entschuldigungs-SMS“ vor allem die Frage im Raum steht, ist sie glaubwürdig und bei einer kurzen Notiz, ob sie im Stande ist, uns an die wesentlichen Punkte zu erinnern, die zu ihrer Niederschrift geführt haben (ich habe unzählige Notizen mit „guten Ideen“, denen ich die Idee oder was mir an ihr „gut“ schien, nach kurzer Zeit nicht mehr entnehmen kann). Nun  sind das natürlich nicht die Texte, die in einer Schreibwerkstatt enstehen. Aber wir könnten auch hier fragen, mit welchen „Textsorten“, mit welchen Kriterien, mit welchen Bearbeitungsstadien haben wir es zu tun? Wollen wir vor allem die Freude am Schreiben erleben und vielleicht die immer wieder erstaunliche Entdeckung, was sich an Ideen und Gedanken in unserem Kopf befindet? Oder ist es weniger der Schreibprozess als der Text, der uns interessiert? Und zählt dann die gute Idee, die sich in einem „drauflos“ geschrieben Text befindet mehr oder weniger als der heitere Ton, der noch keinen rechten Gegenstand gefunden hat? Was ist mit dem Nebenstrang, der alle fesselt und zunächst noch im Schatten einer etwas klischeehaften Liebesgeschichte steht? Und welche Rolle soll für unsere Einschätzung spielen, ob jemand viele Jahre Schreibpraxis hat oder gerade die ersten tastenden Versuche wagt?

So naheliegend die Vorstellung es ist, es müsse doch möglich sein, zu sagen, ob ein Text gut sei – wir können es nicht. Jedenfalls nicht ohne Bezug zu nehmen auf andere (frühere Texte derselben Verfasserin, andere Texte anderer Verfasser). Und oft blockiert die Frage, ob ein Text „gut“ sei, die viel interessanteren Fragen: Was spricht uns an? Wo sehen wir Stärken des Textes? Wie könnten wir diese noch ausbauen? Wie und durch welche Veränderungen könnte der Text auch anders sein? Welche  Texte anderer Autoren kommen uns in den Sinn?

NACHTRAG: Passend zur letzten Frage erreicht mich gerade von einem Freund der Hinweis, dass Wigald Boning ebenfalls Freude an Einkaufszetteln hat: “ Butter, Brot und Läusespray: Was Einkaufszettel über uns verraten“ …

Machen Sie es sich so leicht wie möglich – es wird noch schwer genug

Wer Geschichten schreiben möchte, muss zunächst vor allem eines tun: Schreiben! Das ist für viele eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Die gute ist: Wir haben es selbst in der Hand, es kommt viel weniger, als die meisten denken auf so etwas wie „Talent“ an. Die schlechte ist: Wir haben es selbst in der Hand … Es gibt kein „Geheimwissen“, keine „Tricks“, es ist, wie bei allen anderen Betätigungen auch: Wir müssen es machen! Wir brauchen Praxis, um Kochen zu lernen oder ein Instrument zu spielen, wir müssen laufen, wenn wir von einem Marathon träumen – und zwar ziemlich oft und ausdauernd.

Angeblich brauchen wir 10000 Stunden, um es in einem Bereich zu einer gewissen „Könnerschaft“ zu bringen – und selbst wenn wir nicht (und noch nicht einmal insgeheim) auf Könnerschaft oder Erfolg schielen – wir werden „gute“ Geschichten nur schreiben können, wenn wir in eine regelmäßige Schreibpraxis finden und wir werden die Zeit dafür nur aufbringen, wenn das Schreiben uns (zumindest auch) Freude bereitet. Warum ich das so betone? Weil ich immer wieder die irritierende Erfahrung mache, wie eng die Vorstellung vom gelungenen Text mit der Vorstellung einer Anstrengung verbunden ist. Das, was uns leicht aus der „Feder fließt“, ist fast immer ein besserer Ausgangspunkt, als dasjenige, was wir uns unter Mühen abringen. Wenn es uns ernst ist mit dem Versuch des Schreibens, dann sollten wir es uns überall dort, wo es nur möglich ist, leicht machen – es wird auch dann noch schwer genug;-)

Das ist also das erste große Zwischenziel: Herauszufinden welche Texte, welche Geschichten in uns eine Schreiblust auslösen. Offen dafür zu werden, dass wir „im Grunde unseres Herzens“ vielleicht eine  Liebesgeschichte mit Happy End schreiben wollen – obwohl wir doch viel lieber die Verfasserin eines blutigen Thrillers wären. Vielleicht erwarten wir avancierte Literatur von uns und lesen doch mit größter Begeisterung historische Romane. Zumindest beginnen sollten wir dort, wohin der Stift uns drängt (oder die auf der Tastatur eilenden Finger).

Und wenn wir das nicht wissen? Dann bleibt nur eins:

Ausprobieren. Experimentieren. Erste Sätze schreiben. Vielleicht einen Absatz. Oder eine Schlüsselszene. Den entscheidenden Dialog. Die Beschreibung des Ortes, an dem „es“ beginnt oder endet oder seinen Höhepunkt erreicht. Und abbrechen, wenn es mühsam wird – aber sofort an einer anderen Stelle die Suche nach der Schreibfreude wieder aufnehmen!

Wem das zu allgemein ist: Erfinden Sie eine Figur, die in Schwierigkeiten steckt! (Und weil Geschichten fast immer von Menschen erzählen, die in Schwierigkeiten stecken, schadet es nicht, wenn Sie sich direkt einen kleinen Vorrat anlegen.) Was ist das für jemand, wie lebt er oder sie? Aussehen? Wer wohnt in der Nachbarschaft? Beruf? Was für Schwierigkeiten sind das? Sie müssen nicht die erstbeste nehmen, suchen Sie sich etwas aus, das sich „ergiebig“ anfühlt. Versuchen Sie die Frage im Hinterkopf zu behalten und schreiben Sie jede neue Schwierigkeit auf, die Ihnen einfällt.

Erfinden Sie ein Ekelpaket oder eine schüchterne Schülerin, einen gewalttätigen Anwalt oder einen Fußballer, der einen Schiri umbringt. Schreiben Sie einfach los. Kümmern Sie sich nicht um Rechtschreibung oder Grammatik, um Stil oder guten Ausdruck. Vergessen Sie bitte den Deutschunterricht (oder versuchen Sie es wenigstens!). Wir werden uns später auch um diese Dinge kümmern – aber jetzt tun Sie erst einmal etwas für Ihre Phantasie: Spielen Sie!