Schon lange möchte ich einmal über Einkaufszettel schreiben

Schon lange möchte ich einmal über Einkaufszettel schreiben. Über den Reiz, den sie auf mich ausüben, wenn ich sie zerknittert in einem Einkaufswagen liegen sehe und mir einbilde, sie könnten mir vieles, vielleicht alles erzählen. Über das Wochenende, das auf die Verfasserin, den Verfasser genau dieses Zettels wartet (2 Avocado) oder über das Leben, über die Episoden, möglichweise die Dramen, die sich hinter „Sekt (Kiste)“ verbergen. Aber vor allem möchte ich schon lange darüber schreiben, warum ich manchmal an Einkaufszettel denken muss, wenn ich gefragt werde, ob ein Text „gut“ sei, was ich recht häufig gefragt werde. Das ist eine Frage, die Probleme ganz unterschiedlicher Art mit sich bringen kann – aber das größte Problem von allen besteht darin, dass Texte nicht „gut“ sein können – ohne Bezug, Vergleich, Relation zu irgendwelchen anderen Texten.

Man kann sich das relativ schnell klar machen, wenn man überlegt, dass jeder Text auch „weniger gut“ und fast alle Texte auch „besser“ sein könnten. Und wenn man schon mal gerade dabei ist, über die „Güte“ von Texten nachzudenken, dann könnte man auch relativ schnell auf den Gedanken kommen, dass es dafür Kriterien geben sollte. Und nun kommt endlich der Einkaufszettel zu seinem Recht und der Satz, den ich schon so lange einmal aufschreiben möchte: „Die Kriterien für die Qualität eines Einkaufszettels sind Lesbarkeit und Vollständigkeit.“ (Ich könnte an dieser Stelle aufhören, weil ich ja nun endlich einmal diesen Satz geschrieben habe, da ich aber fürchte, dass meine Begeisterung ein singuläres Phänomen bleiben könnte, schreibe ich lieber noch ein bisschen weiter – vielleicht gelingt mir ja noch ein zweiter vernünftiger Satz).

Wenn wir weitere Textsorten betrachten, könnten wir annehmen, dass bei einer „Entschuldigungs-SMS“ vor allem die Frage im Raum steht, ist sie glaubwürdig und bei einer kurzen Notiz, ob sie im Stande ist, uns an die wesentlichen Punkte zu erinnern, die zu ihrer Niederschrift geführt haben (ich habe unzählige Notizen mit „guten Ideen“, denen ich die Idee oder was mir an ihr „gut“ schien, nach kurzer Zeit nicht mehr entnehmen kann). Nun  sind das natürlich nicht die Texte, die in einer Schreibwerkstatt enstehen. Aber wir könnten auch hier fragen, mit welchen „Textsorten“, mit welchen Kriterien, mit welchen Bearbeitungsstadien haben wir es zu tun? Wollen wir vor allem die Freude am Schreiben erleben und vielleicht die immer wieder erstaunliche Entdeckung, was sich an Ideen und Gedanken in unserem Kopf befindet? Oder ist es weniger der Schreibprozess als der Text, der uns interessiert? Und zählt dann die gute Idee, die sich in einem „drauflos“ geschrieben Text befindet mehr oder weniger als der heitere Ton, der noch keinen rechten Gegenstand gefunden hat? Was ist mit dem Nebenstrang, der alle fesselt und zunächst noch im Schatten einer etwas klischeehaften Liebesgeschichte steht? Und welche Rolle soll für unsere Einschätzung spielen, ob jemand viele Jahre Schreibpraxis hat oder gerade die ersten tastenden Versuche wagt?

So naheliegend die Vorstellung es ist, es müsse doch möglich sein, zu sagen, ob ein Text gut sei – wir können es nicht. Jedenfalls nicht ohne Bezug zu nehmen auf andere (frühere Texte derselben Verfasserin, andere Texte anderer Verfasser). Und oft blockiert die Frage, ob ein Text „gut“ sei, die viel interessanteren Fragen: Was spricht uns an? Wo sehen wir Stärken des Textes? Wie könnten wir diese noch ausbauen? Wie und durch welche Veränderungen könnte der Text auch anders sein? Welche  Texte anderer Autoren kommen uns in den Sinn?

NACHTRAG: Passend zur letzten Frage erreicht mich gerade von einem Freund der Hinweis, dass Wigald Boning ebenfalls Freude an Einkaufszetteln hat: “ Butter, Brot und Läusespray: Was Einkaufszettel über uns verraten“ …

6 Comments

  1. Liebe Jutta, danke für deinen schönen Text über Texte und deine Gedanken über die liegengelassenen Einkaufszettel. Ich freue mich über jeden, den ich finde und ein Blick auf die Einkaufsliste ist für mich fast ebenso schön, wie ein heimlicher Blick in ein beleuchtetes fremdes Zimmer beim Spaziergang am Abend.
    Herzliche Samstaggrüße,
    Marlis

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