Bücher über das Schreiben: „Meine Schreibmaschine und ich“ (Thomas Glavinic)

Wie sieht der Schreibprozess eines Schriftstellers ganz konkret aus? Was muss man wissen, um mit dem Schreiben eines neuen Romans beginnen zu können und was macht man, wenn man nach 100 Seiten feststellt, „es klappt nicht“? Ungewöhnlich konkret und anschaulich berichtet Thomas Glavinic in „Meine Schreibmaschine und ich“ von der Entstehung seiner Werke und wie er seine schriftstellerischen Fähigkeiten schreibend entwickelt hat. „Wie kommt man zu einem Roman?“, fragt Thomas Glavinic und gibt nicht nur die schöne Antwort: „Indem man einer Idee in sich Raum gibt“, sondern er schildert auch die ganz unterschiedlichen Arten, in denen dieses „Raumgeben“ vonstatten gehen kann.

Es dürfte für diejenigen, denen es (noch) an der rechten Roman-Idee fehlt, vielleicht ermutigend sein, wenn Glavinic schreibt: „Wenn inzwischen so etwas wie ein Schriftsteller aus mir geworden ist, dann auch durch die sieben oder acht unausgegorenen Roman, die ich zwischen 18 und 22 geschrieben habe, sie handelten (…) im Grunde von gar nichts. Ich hatte kein Thema, ich hatte nichts als den brennenden Wunsch zu schreiben. Ich schrieb tausende von Seiten, schlechte Seiten, doch sie brachten mich voran …“ Und dann? Was passierte dann? Woher kamen seine Themen, Ideen, Einfälle? Es ist interessant, wie unterschiedlich sie sich entwickeln: Während das Debüt „Carl Haffner“ ein hstorischer Roman ist, der sich an die Biographie des realen Carl Schlechter, eines Schachspielers, anlehnt, und einer jahrelangen, leidenschaftlichen Beschäftigung des Autors mit dem Schachspielen entspringt, entsteht der „Kameramörder“ aus einem Traum: „Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb eine ganze Seite mit Notizen voll. Dann noch eine. Und noch eine. Nach einer Stunde blickte ich wieder auf, da lagen zehn Seiten an Notizen und Textpassagen. Es war alles da. Ich hatte einen ganzen Roman geträumt.“

Größer könnte ein Kontrast in der Entstehung kaum sein und natürlich gibt es auch „etwas dazwischen“, bildet sich bei „Arbeit der Nacht“ oder „Das bin doch ich“ die Idee allmählich aus. Dankenswerter Weise schildert Glavinic auch hier, welche Schritte, welche Umwege die Idee nahm, um letztlich (die richtige) Gestalt annehmen zu können. So unterschiedlich die Themen, die Entstehungsprozesse sind, zweierlei bleibt nach Aussage des Autors über die vielen Jahre und zahlreichen Bücher gleich: Er besitzt ein Gefühl für den „Bogen“ eines Romans („Ich verstand, dass ich das schon immer verstanden hatte, dass auch meine ungeschicktesten Romanfragmente Jahre zuvor wenigstens eine Qualität gehabt hatten: Dieser Bogen, der war immer da gewesen …“) und ebenfalls schon bei der Arbeit am Debüt „Carl Haffner“ findet Glavinic heraus „wie ich am besten arbeite“ – und diese Methode ist durchaus ungewöhnlich. Sobald Glavinic das Gefühl hat, dass es „soweit“ ist, dass er beginnen kann, schreibt er drei Wochen lang jeden Tag zwei Seiten – mit einer Schreibmaschine. Wer wissen möchte, wie es dann weitergeht, wer überhaupt an Schriftstellerei oder an diesem konkreten Autor interessiert ist, lese unbedingt dieses Buch, das ein Vorwort von John Burnside enthält (Stille und Lärm: Drei Anmerkungen zu Thomas Glavinic).

Thomas Glavinic: Meine Schreibmaschine und ich. Edition Akzente Hanser, 2014

4 Comments

    1. Das freut mich! Vielleicht hätte ich noch erwähnen sollen, dass es vier Kapitel gibt: 1. Was ich mag und was ich nicht mag; 2. Was ich denke; 3. Was ich dachte; 4. Was andere denken.
      Entsprechend erfahren Leser:innen des vollständigen Textes mehr über den Autor, als über das Schreiben – das mag es für manche interessanter, für andere uninteressanter machen …

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