Schreiben und Scham (Monique Honegger Hg.)

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Wer schreibt, dem begegnet die Scham. Manche haben ständig mit ihr zu kämpfen, um andere scheint sie einen Bogen zu machen – und schlägt dann kurz vor der Abgabe einer wichtigen Arbeit zu. Über die unterschiedlichen Formen und Funktionen der Scham und warum das schwierige Schreiben über Schambehaftetes zugleich hilfreich sein kann, darüber informiert ungemein interessant und vielseitig der Sammelband Schreiben und Scham. Wenn ein Affekt zur Sprache kommt, herausgegeben von Monique Honegger.

„Das ist doch viel zu schlecht!“ (Kompetenzscham); „Was verrate ich damit über mich? Ist das nicht viel zu persönlich?“ (Intimitätsscham) „Das kann ich dir unmöglich schicken!“ (Zeigescham). Die Scham zeigt sich in unterschiedlichen Situationen und je stärker sie Besitz von uns ergreift, desto weniger sind wir in der Lage, sie zu erkennen, sondern starren nur noch auf den (vermeintlich) missratenen Text, der vor uns liegt. Hat jemals ein Mensch etwas so Belangloses geschrieben?

Wenn wir uns diese bange Frage stellen, wenn wir in einem zweiten Schritt weiterfragen, ob aus diesem sagenhaft schlechten, nicht irgendwie ein halbwegs guter Text werden könnte und wie das anzustellen ist – dann sollten wir der Scham einmal freundlich zuwinken, denn ohne sie würden wir vermutlich bedenkenlos jede „Trivialitätsschwelle“ unterschreiten und uns erst gar nicht um „literarische“ oder andere Kriterien Gedanken machen.

Wie alle anderen Gefühle auch, hat die Scham also auch eine positive Seite, ist nicht nur Barriere, sondern auch Türe und das Durchschreiten dieser „Schamtüre“ (Honegger) ermöglicht oft erst Entwicklungsschritte, die sonst unterblieben wären. Alles gut also? Leider nicht, denn die Scham kann Gefühle des Selbstversagens verursachen, die noch über, manchmal sehr ähnlichen daherkommende, Schuldgefühle weit hinaus gehen: Flüstert die Schuld uns ins Ohr: „Das hast du schlecht gemacht“, raunt die Scham: „Du bist schlecht“ und nimmt damit die ganze Person und nicht ein (korrigierbares) Verhalten in den Fokus.

Aus welchen Quellen kindlichen Erlebns sich ein solch machtvolles Gefühl des Ungenügens nährt, wie wir im Schreiben sowohl passive Wünsche nach Anerkennung und aktive nach „frecher Präsentation“ („Schaut, da bin ich!“) realisieren, darüber schreibt Markus Fäh sehr gut les- und nachvollziehbar in seinem Beitrag Hölle und Glückseligkeit. Psychoanalytische Überlegungen zur Scham beim Schreiben. Zudem beantwortet er die Frage, warum wir uns dieses Wechselbad der Gefühle überhaupt antun. Was haben wir schreibend zu gewinnen? „Wir müssen uns im Schreiben dem Schamproblem stellen, sonst können wir gar nicht anfangen zu schreiben, wir können es im Schreiben aber auch meistern, weil wir all das, was wir schreiben, nicht wirklich tun müssen.“ Wir müssen es nicht nur nicht tun, wir können damit spielen, wir können unseren gegensätzlichen Wünschen Ausdruck und Gestalt geben und dadurch „kreative Lösungen“ auch da finden, wo sie uns in der Realität nicht möglich waren oder sind.

Zwei Beispiele dafür, wie das Schreiben über Schambehaftetes sehr konkret helfen kann, Scham zu überwinden, liefert der Beitrag Schreiben statt schämen – Mit Sprache aus der Enge finden von Elena Ibello, Andrea Keller und Daniel Perrin. Wir sind arm war der Titel einer Schreibwerkstatt, die Andrea Keller 2010 im Auftrag der Caritas Zürich realisierte und in der von Armut Betroffene selbst zu Wort kamen. Es braucht keine große Phantasie um sich vorzustellen, wieviel Scham dafür von den Teilnehmenden zu überwinden war und was es andererseits für sie bedeutete, eigene Kreativität (wieder) zu entdecken und sich schließlich von „Armutsbetroffenen, die gerne schreiben“ in „Schreibende, die von Armut betroffen sind“ zu wandeln. (Das andere Projekt „Schreiben über das Sterben“ richtete sich an eine sehr heterogene TeilnehmerInnen-Gruppe und wollte Erkenntnisse zu der Frage befördern, was diese jeweils motiviert, sich mit dem Thema zu beschäftigen und welche Form sie dafür jeweils wählen.)

Es gibt sowohl weitere Beiträge, die eher Grundsätzliches behandeln, wie z. B. Scham, Schuld, Schreiben von David Garcia Nuñez und Matthias Jäger oder Scheitern, Scham und Produktion von Geri Thomann, aber auch solche, die konkreteren Fragestellungen nachgehen, wie etwa eine sehr interessante Fallanalyse des Spielfilms The Words von Daniel Ammann (in diesem Film geht es um einen Schriftsteller, der ein fremdes Manuskript als eigenes ausgibt, großen Erfolg damit hat und später dem tatsächlichen Urheber begegnet). Das vollständige Inhaltsverzeichnis lässt sich auf der Verlagsseite des Psychosozial Verlags einsehen.

Ich habe das Buch vor einigen Monaten entdeckt, ich habe es rasch und begeistert gelesen und nun für diesen Beitrag ein zweites Mal konzentrierter und nicht weniger begeistert. Obwohl ich mich dem Thema schon aus unterschiedlichen Perspektiven genähert habe, obwohl in meinem Alltag das komplementäre Thema Ermutigung bereits eine große Rolle gespielt hat, sind mir durch die Lektüre einige grundlegende Aspekte erstmals klar geworden. Für Menschen, die professionell Schreibprozesse Anderer begleiten, ist dieser Sammelband also eine absolute Bereicherung und uneingeschränkt zu empfehlen! Und Ähnliches gilt vermutlich auch für Menschen, denen die Scham beim Schreiben sehr im Nacken sitzt: Zu lesen, dass es (vielen) anderen ähnlich geht, dass der Umgang mit der Scham genauso ein (Lern)-Prozess sein kann, wie das Schreiben selbst und dass sie uns da, wo sie uns so richtig im Griff zu haben scheint, mehr über uns als über unsere Texte erzählt, kann vielleicht schon etwas Bewegung in die manchmal so festgefahrene Angelegenheit bringen …

Monique Honegger (Hg.) Schreiben und Scham. Wenn ein Affekt zur Sprache kommt.
Gießen: Psychosozial Verlag, 2015  (29,90 Euro)

„Handbuch für Autoren“: Informativer als ein Messebesuch!

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Informativer als ein Messebesuch könnte dieses von Sandra Uschtrin herausgegebene „Handbuch für Autorinnen und Autoren“ (8. Auflage, 2015) für all diejenigen sein, die von einer Buchveröffentlichung oder einer Autorenkarriere träumen, denn es enthält auf ca. 700 Seiten eine unglaubliche Fülle an Informationen zu Verlagen und der Verlagssuche, Literaturzeitschriften, Agenturen, literarischen Netzwerken und Infobörsen und zu allem, was gemeinhin unter „Selfpublishing“ zusammengefasst wird.

Das ist viel, könnte man denken, aber es ist noch längst nicht alles. Weitere (umfangreiche) Kapitel widmen sich den Themen „Aus- und Fortbildung für SchriftstellerInnen“, „Der Heftroman und wie man ihn verkauft“, „Schreiben fürs Theater“, „Hörspiele schreiben und produzieren“, Drehbuchschreiben“, „Geld verdienen mit literarischen Dienstleistungen“ und „Recht und Soziales“.

Nun lässt sich ein Inhaltsverzeichnis rasch mit interessanten Themen füllen, was mich bei jeder neuen Ausgabe verblüfft, ist die hohe Qualität und Vielfalt der Beiträge zu den einzelnen Themen. Denn in diesem Handbuch findet man nicht nur zahlreiche informative Auflistungen (von Verlagen, nach Genre unterteilt, oder Agenturen oder Fortbildungseinrichtungen oder oder oder), sondern auch Intervies mit oder Beiträge von ExpertInnen zu den jeweiligen Themen. Allein die Auswahl dieser ExpertInnen zeigt, welchen Erfahrungsschatz Sandra Uschtrin in 30 Jahren „Handbuchmachens“ angehäuft hat. Einer meiner Lieblingsartikel: „Warum so viele Lyrikmanuskripte abgelehnt werden“.

Gibt es denn gar nichts zu kritisieren? Doch. Als Bloggerin kommt mir gerade dieses Thema etwas kurz und die Liste der „Rezensionsblogs“ ist reichlich „mainstreamlastig“. Auch bei den (allgemeinen) Exposé-Empfehlungen fehlt mir ein Hinweis, dass bei „literarischer Prosa“ manche Selbstverständlichkeit aus dem Mainstream- oder Genre-Bereich bei den EmpfängerInnen u. U. für Befremden sorgen könnte („Hauptfigur, Gegenspieler, Konflikt“).

Dennoch: Obwohl ich, wenn es ums Schreiben geht, allgemeine Aussagen oder Regeln vermeide, wo ich nur kann, mache ich hier eine Ausnahme: Dieses „Handbuch für AutorInnen und Autoren“ gehört in jedes AutorInnen-Regal! Und wen die Ausgabe von 54,90 Euro schreckt, dem sei versichert, dass es auch diesen Preis nicht nur wert ist, sondern oft vermutlich locker wieder „einspielt“, weil es viel Lebenszeit erspart. Lebenszeit, die wir sonst mit aufwändigen Recherchen verbrächten oder auch vergeblichen Schritten oder Bemühungen auf dem Weg zur (erfolgreicheren) Autorin, zum erfolgreichen Autor. Dieses Handbuch vermittelt einen realistischen Eindruck, wie weit und mühsam der Weg zum Buch in aller Regel ist und gibt gleichzeitig eine Orientierung, wie er zum Ziel führen kann. Wer nun gerade aber richtig klamm ist, könnte sich einen gemütlichen Nachmittag in der Stadtbibliothek machen. Die haben es nicht? Dann gilt auch für dieses Buch: unbedingt einen Kaufantrag stellen (alle Bibliotheken sehen diese Möglichkeit vor und reagieren oft verblüffend schnell auf solche Vorschläge)!

Sandra Uschtrin (Hg.): Handbuch für Autorinnen und Autoren. (8. Auflage) 2015

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten: www.handbuch-fuer-autoren.de

Bücher über das Schreiben: Die Kunst des Erzählens (James Wood)

Eines meiner Lieblingsbücher über das Schreiben ist „eigentlich“ ein Buch über das Lesen – aber was heißt das schon? Schreiben und Lesen sind ja ohne das andere nicht zu denken und wer jetzt naseweis behauptet, das gelte nur fürs Lesen, das stets auf ein vorgängiges Schreiben angewiesen ist, der lasse sich von Roland Barthes fragen: „Wie kann es mehr Leser als Schriftsteller geben? Wie kann man beim Lesen glücklich sein, sich sogar als großer Liebhaber der Literatur verstehen und doch nie zum Schreiben übergehen? Ist es Verdrängung?“ (Die Vorbereitung des Romans). James Wood ist einer dieser großen Liebhaber, der aus seiner Leidenschaft heraus nicht Schriftsteller, sondern Literaturkritiker wurde, aber vor allem ist er ein großartiger, begeisterungsfähiger Leser, der wissen möchte: „How Fiction Works“ (so der Originaltitel).

Die deutsche Ausgabe beginnt mit ein Vorwort von Daniel Kehlmann, in dem er berichtet, wie er in New York auf dieses Buch stieß, es kaufte, die halbe Nacht darin las – und dann von vorne begann. Kehlmann führt mit sympathischer Offenheit aus, wie die Lektüre seine bis dahin gehegten Überzeugungen zu ganz unterschiedlichen Aspekten des Schreibens veränderte (dass Nabokov die Rolle des Visuellen überschätzt habe, dass ein Detail nicht entweder wichtig oder verzichtbar sei, ein Charakter „rund“ zu sein habe). Und vielleicht ist die Begeisterung Kehlmanns ein Fingerzeig, ja vielleicht ist dieses Buch tatsächlich vor allem eines für Schriftsteller:innen – und für Leser:innen die herausfinden möchten, durch genau welche Eigenschaften uns manche Texte eigentlich so begeistern.

James Wood selbst ist begeistert von Flaubert und Virginia Woolf, von Sebald wie von Updike, er kontrastiert David Foster Wallace mit Tschechov. Diese Belesenheit ist ein Geschenk – und eine Herausforderung gleichermaßen, wenn man nicht über sie verfügt. Unterteilt ist der Text einerseits in Kapitel („Flaubert und die Geburt des Flaneurs“ oder „Eine kurze Geschichte des Bewusstseins“), aber vor allem in fortlaufend nummerierte (meist) kurze Absätze, die dazu einladen, das Buch immer wieder neu und in kleineren Passagen zu lesen.

Ich habe dieses Buch in der Nähe meines Schreibtischs liegen, es verrät viel über Details und Figuren, über Stil und Rhythmus – aber dass ich gerne zwischendurch einen Blick darauf oder hineinwerfe, liegt auch daran, dass es das Kapitel „Anteilnahme und Komplexität“ enthält, dem ich dieses Zitat von George Eliot entnehme: „Der größte Gewinn, den wir dem Künstler verdanken – ob Maler, Dichter oder Romanautor -, ist die Ausdehnung unserer Anteilnahme.“

James Wood: Die Kunst des Erzählens (mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann) rowohlt 2011

Bücher über das Schreiben: „Meine Schreibmaschine und ich“ (Thomas Glavinic)

Wie sieht der Schreibprozess eines Schriftstellers ganz konkret aus? Was muss man wissen, um mit dem Schreiben eines neuen Romans beginnen zu können und was macht man, wenn man nach 100 Seiten feststellt, „es klappt nicht“? Ungewöhnlich konkret und anschaulich berichtet Thomas Glavinic in „Meine Schreibmaschine und ich“ von der Entstehung seiner Werke und wie er seine schriftstellerischen Fähigkeiten schreibend entwickelt hat. „Wie kommt man zu einem Roman?“, fragt Thomas Glavinic und gibt nicht nur die schöne Antwort: „Indem man einer Idee in sich Raum gibt“, sondern er schildert auch die ganz unterschiedlichen Arten, in denen dieses „Raumgeben“ vonstatten gehen kann.

Es dürfte für diejenigen, denen es (noch) an der rechten Roman-Idee fehlt, vielleicht ermutigend sein, wenn Glavinic schreibt: „Wenn inzwischen so etwas wie ein Schriftsteller aus mir geworden ist, dann auch durch die sieben oder acht unausgegorenen Roman, die ich zwischen 18 und 22 geschrieben habe, sie handelten (…) im Grunde von gar nichts. Ich hatte kein Thema, ich hatte nichts als den brennenden Wunsch zu schreiben. Ich schrieb tausende von Seiten, schlechte Seiten, doch sie brachten mich voran …“ Und dann? Was passierte dann? Woher kamen seine Themen, Ideen, Einfälle? Es ist interessant, wie unterschiedlich sie sich entwickeln: Während das Debüt „Carl Haffner“ ein hstorischer Roman ist, der sich an die Biographie des realen Carl Schlechter, eines Schachspielers, anlehnt, und einer jahrelangen, leidenschaftlichen Beschäftigung des Autors mit dem Schachspielen entspringt, entsteht der „Kameramörder“ aus einem Traum: „Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb eine ganze Seite mit Notizen voll. Dann noch eine. Und noch eine. Nach einer Stunde blickte ich wieder auf, da lagen zehn Seiten an Notizen und Textpassagen. Es war alles da. Ich hatte einen ganzen Roman geträumt.“

Größer könnte ein Kontrast in der Entstehung kaum sein und natürlich gibt es auch „etwas dazwischen“, bildet sich bei „Arbeit der Nacht“ oder „Das bin doch ich“ die Idee allmählich aus. Dankenswerter Weise schildert Glavinic auch hier, welche Schritte, welche Umwege die Idee nahm, um letztlich (die richtige) Gestalt annehmen zu können. So unterschiedlich die Themen, die Entstehungsprozesse sind, zweierlei bleibt nach Aussage des Autors über die vielen Jahre und zahlreichen Bücher gleich: Er besitzt ein Gefühl für den „Bogen“ eines Romans („Ich verstand, dass ich das schon immer verstanden hatte, dass auch meine ungeschicktesten Romanfragmente Jahre zuvor wenigstens eine Qualität gehabt hatten: Dieser Bogen, der war immer da gewesen …“) und ebenfalls schon bei der Arbeit am Debüt „Carl Haffner“ findet Glavinic heraus „wie ich am besten arbeite“ – und diese Methode ist durchaus ungewöhnlich. Sobald Glavinic das Gefühl hat, dass es „soweit“ ist, dass er beginnen kann, schreibt er drei Wochen lang jeden Tag zwei Seiten – mit einer Schreibmaschine. Wer wissen möchte, wie es dann weitergeht, wer überhaupt an Schriftstellerei oder an diesem konkreten Autor interessiert ist, lese unbedingt dieses Buch, das ein Vorwort von John Burnside enthält (Stille und Lärm: Drei Anmerkungen zu Thomas Glavinic).

Thomas Glavinic: Meine Schreibmaschine und ich. Edition Akzente Hanser, 2014

Bücher über das Schreiben: „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“ (Monika Maron)

Ich besitze sie (fast) alle: Die Ratgeber über das Schreiben. Und ich habe die meisten auch gelesen. „Über das Schreiben“ von Sol Stein habe ich vor 15 Jahren regelrecht verschlungen, weil ich bei der Lektüre sicher war, dass meine mit dem Schreiben verbundenen Schwierigkeiten nun ein Ende gefunden hätten. Jedenfall die meisten. Ich würde endlich die „guten“ Texte schreiben können, die zu schreiben ich mich mehr verpflichtet als berufen fühlte. Alles würde besser werden! Ein bisschen so war es wirklich und ein bisschen habe ich auch tatsächlich aus diesem Buch gelernt und deswegen wird es auch einen eigenen Beitrag in dieser neuen Rubkrik „Bücher über das Schreiben“ erhalten, aber beginnen möchte ich mit einem meinem Lieblingsbücher, mit Monika Marons „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“.

Weit mehr als in den Ratgeber-Büchern habe ich wichtige Hinweise für mein Schreiben in den unterschlichsten Selbst-Auskünften von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefunden. In Poetik-Vorlesungen oder Interviews oder Aufsätzen. Und gerade in solchen, die von Umwegen berichten. Von den Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu finden – oder die richtige Perspektive. Den richtigen Anfang oder das überzeugende Ende. Die Frankfurter Poetikvorlesung, auf der das schmale Bändchen von Monika Maron basiert, ist dabei ein besonderer Glücksfall, denn die Autorin berichtet darin ganz konkret von der Entstehung ihres Romans „Ach Glück“, der eine Fortsetzung ihres Buches „Endmoränen“ ist: „Ich wollte nicht ein Buch schreiben, weil ich eine mitteilenswerte Geschichte kannte, sondern weil ich herausfinden wollte, wie die Geschichte, die ich in die Welt gesetzt hatte, weitergeht.“

Im Klappentext ist von einem „Werkstattgespräch mit sich selbst“ die Rede und tatsächlich erfahren wir erstaunlich viel über die konkreten Überlegungen und Arbeitsschritte der Autorin. Vor allem darüber, wie oft das Schreiben ein Prozess des Suchens und Verwerfens ist: „Vor fünf Tagen habe ich beschlossen, das Buch, an dem ich gerade arbeite, von vorne zu beginnen. Auf der Seite 37 konnte ich den Verdacht, ich hätte schon in der Konstruktion, in der Schreibvoraussetzung, einen grundsätzlichen, nicht korrigierbaren Fehler gemacht, nicht mehr abweisen. (…) Ich schreibe sehr langsam und 37 Seiten einfach zu verwerfen ist für mich eine harte Entscheidung.“

Zwei der 37 Seiten sind abgedruckt und vor allem, was aus Sicht der Autorin gegen sie sprach: „Das war der Anfang einer quälenden Dreiecksgeschichte zwischen Mann, Frau und Hund, die ich auf keinen Fall schreiben wollte. (…) Das Buch, das ich schreiben wollte, war zwar die Fortsetzung eines anderen, aber doch ein eigenes Buch, das einen eigenen Anfang brauchte, einen eigenen Ton und sein eigenes Thema.“ Monika Maron unternimmt einen neuen Anlauf, „weniger kleinlich, weniger schmal, irgendwie breiter, irgendwie größer“. Erneut dürfen wir „mitlesen“, erneut gibt es Probleme: „Wenn Johanna ein Sie und nicht ein Ich ist, stellt sich die Frage: wer erzählt? Wessen Stimme ist zu hören?“ (…) Offenbar teile ich das Problem mit anderen. Warum sonst hätte Philip Roth in ‚Der menschliche Makel‘ den Schriftsteller Nathan Zuckerman als Vermittler gebraucht?“

Wer im Detail etwas über Perspektiven, über Erzählstimmen erfahren möchte, der ist mit diversen anderen Titeln (von Ratgebern bis zu literaturwissenschaftlichen Abhandlungen) besser bedient. Aber wer eine Vorstellung davon gewinnen möchte, wie konkrete schriftstellerische Praxis aussieht, wie mühsam erst im Laufe des Schreibens Klarheit darüber entsteht (oft: entstehen kann), was genau wir eigentlich erzählen wollen, der wird in diesem gerade einmal 100 S. dünnen Band interess.

Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche. Fischer Taschenbuch 2006