Werkstätten und Kurse – worauf es mir ankommt

Endlich habe ich die Übersicht über meine Kurse und Werkstätten hier auf dem Blog aktualisiert – und dabei auch, wie fast immer, an der Formulierung meiner „Grundüberzeugungen“ Kleinigkeiten verändert. Die aktuelle Version lautet nun:

„Vor einigen Jahren erhielt ich einen Lehrauftrag der Universität Bremen für „Literarisches Schreiben“ und stellte überrascht fest, dass es mir Freude bereitete, andere Menschen in ihren Schreibprozessen zu unterstützen – und dass es mir offenbar gelang. Es hat dann allerdings, wie beim Schreiben selbst, eine Weile gedauert, bis ich zu meinem „Stil“, meinem „Ton“ gefunden hatte.

Wer in diesem Blog bereits ein wenig gelesen hat, wird eine Vorstellung davon haben, was mir wichtig ist: Ich bin davon überzeugt, dass die erste große Herausforderung darin besteht, in eine (überwiegend) mühelose Schreibpraxis hineinzufinden. Dafür ist es wichtig, dass wir uns den Texten/Geschichten nähern, die „darauf warten, von genau uns erzählt zu werden“. Wir sammeln also zunächst „Material“, bei dem es auf „gut oder schlecht“, „gelungen oder misslungen“ kaum ankommt, sondern darauf, ob dieses Material uns Hinweise, Fingerzeige liefert, in welcher Region unsere Texte angesiedelt sein könnten.

Ich freue mich, wenn Teilnehmer:innen Ideen oder Entwürfe in eine Werkstatt „mitbringen“ – eine Arbeit am individuellen Projekt ist nicht nur immer möglich, sondern ausdrücklich erwünscht. Wer Fragen dazu oder zu einem anderen Aspekt hat, kann sich gerne an mich wenden: juttareichelt@aol.com“

Ich freue mich über Fragen oder Rückmeldungen auch hier 😉

Bücher über das Schreiben: „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“ (Monika Maron)

Ich besitze sie (fast) alle: Die Ratgeber über das Schreiben. Und ich habe die meisten auch gelesen. „Über das Schreiben“ von Sol Stein habe ich vor 15 Jahren regelrecht verschlungen, weil ich bei der Lektüre sicher war, dass meine mit dem Schreiben verbundenen Schwierigkeiten nun ein Ende gefunden hätten. Jedenfall die meisten. Ich würde endlich die „guten“ Texte schreiben können, die zu schreiben ich mich mehr verpflichtet als berufen fühlte. Alles würde besser werden! Ein bisschen so war es wirklich und ein bisschen habe ich auch tatsächlich aus diesem Buch gelernt und deswegen wird es auch einen eigenen Beitrag in dieser neuen Rubkrik „Bücher über das Schreiben“ erhalten, aber beginnen möchte ich mit einem meinem Lieblingsbücher, mit Monika Marons „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“.

Weit mehr als in den Ratgeber-Büchern habe ich wichtige Hinweise für mein Schreiben in den unterschlichsten Selbst-Auskünften von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefunden. In Poetik-Vorlesungen oder Interviews oder Aufsätzen. Und gerade in solchen, die von Umwegen berichten. Von den Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu finden – oder die richtige Perspektive. Den richtigen Anfang oder das überzeugende Ende. Die Frankfurter Poetikvorlesung, auf der das schmale Bändchen von Monika Maron basiert, ist dabei ein besonderer Glücksfall, denn die Autorin berichtet darin ganz konkret von der Entstehung ihres Romans „Ach Glück“, der eine Fortsetzung ihres Buches „Endmoränen“ ist: „Ich wollte nicht ein Buch schreiben, weil ich eine mitteilenswerte Geschichte kannte, sondern weil ich herausfinden wollte, wie die Geschichte, die ich in die Welt gesetzt hatte, weitergeht.“

Im Klappentext ist von einem „Werkstattgespräch mit sich selbst“ die Rede und tatsächlich erfahren wir erstaunlich viel über die konkreten Überlegungen und Arbeitsschritte der Autorin. Vor allem darüber, wie oft das Schreiben ein Prozess des Suchens und Verwerfens ist: „Vor fünf Tagen habe ich beschlossen, das Buch, an dem ich gerade arbeite, von vorne zu beginnen. Auf der Seite 37 konnte ich den Verdacht, ich hätte schon in der Konstruktion, in der Schreibvoraussetzung, einen grundsätzlichen, nicht korrigierbaren Fehler gemacht, nicht mehr abweisen. (…) Ich schreibe sehr langsam und 37 Seiten einfach zu verwerfen ist für mich eine harte Entscheidung.“

Zwei der 37 Seiten sind abgedruckt und vor allem, was aus Sicht der Autorin gegen sie sprach: „Das war der Anfang einer quälenden Dreiecksgeschichte zwischen Mann, Frau und Hund, die ich auf keinen Fall schreiben wollte. (…) Das Buch, das ich schreiben wollte, war zwar die Fortsetzung eines anderen, aber doch ein eigenes Buch, das einen eigenen Anfang brauchte, einen eigenen Ton und sein eigenes Thema.“ Monika Maron unternimmt einen neuen Anlauf, „weniger kleinlich, weniger schmal, irgendwie breiter, irgendwie größer“. Erneut dürfen wir „mitlesen“, erneut gibt es Probleme: „Wenn Johanna ein Sie und nicht ein Ich ist, stellt sich die Frage: wer erzählt? Wessen Stimme ist zu hören?“ (…) Offenbar teile ich das Problem mit anderen. Warum sonst hätte Philip Roth in ‚Der menschliche Makel‘ den Schriftsteller Nathan Zuckerman als Vermittler gebraucht?“

Wer im Detail etwas über Perspektiven, über Erzählstimmen erfahren möchte, der ist mit diversen anderen Titeln (von Ratgebern bis zu literaturwissenschaftlichen Abhandlungen) besser bedient. Aber wer eine Vorstellung davon gewinnen möchte, wie konkrete schriftstellerische Praxis aussieht, wie mühsam erst im Laufe des Schreibens Klarheit darüber entsteht (oft: entstehen kann), was genau wir eigentlich erzählen wollen, der wird in diesem gerade einmal 100 S. dünnen Band interess.

Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche. Fischer Taschenbuch 2006