(10) Geschichtengenerator in Aktion

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Relativ oft begegne ich der Vorstellung, die gute Schriftstellerin, der gute Schriftsteller könne aus allem etwas machen. Und zwar auf Anhieb. Die das (vielleicht auch nur insgeheim) denken, merken vielleicht schon, wenn sie diese Zeilen lesen, dass das so nicht stimmen kann …

Ideen entstehen aus einem nicht zu prognostizierenden Ineinander von inneren und äußeren Einflüssen und Impulsen und daher zielen der Geschichtengenerator und sämtliche andere meiner Schreibanregungen „nur“ darauf ab, diesen Prozess ein wenig zu erleichtern. Egal, wie sehr man sich anstrengt, es ist absolut unmöglich, das „Thema“ zu verfehlen. Es gibt hier kein Thema – im Unterschied z. B. zu manchen Wettbewerben.

Heute gibt es mal wieder eine „klassische“ Generator-Anregung und das bedeutet immer: Alles ist erlaubt!

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Ninas charakterisierenden Zusatz „schwer bepackt“ schimmert nur noch durch, Ihr könnt ihn verwenden, müsst es aber nicht! Und das Hotelzimmer?

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Auch das ist eine Möglichkeit, aber vielleicht spielt es keine Rolle, vielleicht reichen schon die beiden anderen Karte oder auch nur eine davon schon aus, damit eine Idee Form annimmt? (Die Karten heute sind also: „Wie stellst du dir das vor?“, „Hotelzimmer“ und „Nina“, die eventuell „schwer bepackt“ ist oder früher einmal war?)

Ich freue mich auf Eure Skizzen und Anfänge, auf kleine Geschichten oder Gedichte – und nicht vergessen: Alles ist erlaubt!

Warum (nicht noch mehr) SchriftstellerInnen bloggen

IMG_0266Als ich vor zwei Jahren zu bloggen begann, wollte ich das eigentlich gar nicht. Ich war nur zu ungeschickt, mir eine normale Homepage zu basteln. Die ich dringend brauchte, weil Menschen, die sich für meine Texte, für mein Schreiben, für mich als Autorin interessieren, etwas Vernünftiges im Netz finden sollten – und da wäre ein Blog ja vielleicht keine schlechte Idee, dachte ich dann. Probier es doch mal aus!

Ich wusste auch sofort, was ich ausprobieren wollte: Immer wieder beschäftigten mich Fragen rund um das Schreiben, immer wieder entwickelte ich Gedanken, die ich dann wieder vergaß, weil ich sie nicht notiert hatte, weil der Anreiz dazu fehlte. Aber das würde mit einem Blog anders werden! Ich würde meine klugen Gedanken und innovativen Schreibanregungen notieren, ich würde sie nummerieren und wenn ich 100 davon zusammen hätte, wäre das in jedem Fall eine gute Basis für den „alternativen Schreibratgeber“, der mir damals bereits durch den Kopf spukte.

Es kam dann genau so und zugleich auch ganz anders. Die größte Überraschung war, dass sich zunächst niemand für meine klugen Gedanken und innovativen Schreibanregungen interessierte. Vielleicht  war das, was ich schrieb gar nicht interessant? Das war eine Möglichkeit. Die andere: Es wusste niemand von mir und meinem schönen Blog. Ich entschied mich, es vorläufig mit der zweiten Erklärung zu versuchen und begriff schnell, dass bloggen nicht so funktioniert, wie ich es naiv vermutet hatte: Inhalt (neudeutsch: Content) liefern und dann auf Leser:innen warten.

Ich tat also endlich, was ich heute jedem empfehlen würde, der sich mit dem Gedanken trägt, das Bloggen zu beginnen: Ich sah mich um, suchte nach Blogs, die mich ansprachen und versuchte zu verstehen, wie bloggen „funktioniert“ – was auch Internetrecherchen zum Thema mit einschloss.

Allmählich fanden sich Leser:innen, entstanden Kontakte, entdeckte ich andere Blogs und war überrascht, wie vielfältig ich „meinen Blog“ nutzen kann: zum „Geschichten (an)stiften„, um kleinere (literarische) Texte zu veröffentlichen, um aus der eigenen Schreibwerkstatt  zu berichten, um einschlägige Bücher zu besprechen und eben auch immer wieder, um mich mit anderen auszutauschen – über Texte und wie wir sie lesen, über die Schwierigkeiten in die wir beim Schreiben geraten und wie wir uns daraus befreien können. Fehlt da nicht noch etwas? Natürlich, dieser Blog dient auch dazu, die Neugier „potentieller Leser:innen“ zu wecken, sie auf die „Wiederholten Verdächtigungen„, meine Erzählungen, auf Kurse und Werkstätten und manch anderes hinzuweisen.

Das alles hätte erwarten können, wer sich ein bisschen mit der Bloggerei auskennt – das alles hört sich so allgemein formuliert, nicht besonders spannend an. Deswegen hier ein paar konkrete Beispiele für das, was mich wirklich begeistert:

Nicht nur dieser Beitrag verdankt sich einer Anregung von Birgit, die auf Sätze und Schätze die Frage gestellt hat, warum nicht (noch mehr) SchriftstellerInnen bloggen und die dankenswerter Weise diverse Seiten jetzt zusammen getragen hat. Immer wieder entstehen für mich Ideen für Beiträge aus der Lektüre anderer Blogs, aus dem Austausch mit anderen: als Beispiel mein Beitrag für die wunderbare Reihe „Verschämte Lektüren“ ebenfalls auf Sätze und Schätze.

Kai und seinem Blog „skyaboveoldblueplace“ verdanke ich wichtige Anregungen rund um mein „Lieblingsthema“: „Meine Geschichte schreibe ich selbst“, die hier wie dort immer wieder neue Kreise ziehen – das ist mir eine große Freude!

Für die Möglichkeit, Gedanken im Dialog zu erproben, weiterzuentwickeln und zu klären, möchte ich gerne auf den Austausch hinweisen, der sich im Anschluss an meinen Beitrag „Wovon wir reden, wenn wir von Büchern reden …“ entwickelt hat.

Und schließlich durfte ich dieses wunderbare Foto von Maren Wulfs Blog Orte und Menschen für eine Schreibanregung verwenden.

Das alles ist weit mehr, als ich erwartet hatte. Warum also nutzen nicht (noch mehr) AutorInnen diese Möglichkeit? Ich glaube die wichtigsten drei Gründe sind: mangelnde Zeit, mangelnde Zeit, mangelnde Zeit! Vor kurzem habe ich von einer französischen Studie gelesen, nach der nur 10 % aller AutorInnen zumindest 50 % ihrer Einnahmen aus ihrer Autorentätigkeit beziehen. 10 %! 50 %! Das größte Problem aller mir bekannten Autor:innen liegt in der Herausforderung, sich (genügend) freie Zeit zum Schreiben zu erobern. Und das Bloggen (gerade weil es sich nicht, wie von mir geschildert auf das Schreiben beschränkt) kostet mehr als nur ein bisschen Zeit.  Und vielleicht gibt es noch einen weiteren Grund: zumindest die „literarisch ambitionierten“ AutorInnen sind es gewohnt, ihre Worte zu wägen. Wenn ich blogge, erlaube ich mir andere „Fehlertoleranzen“, nehme ich die ein oder andere übersehene „Stilblüte“ in Kauf, schreibe ich „vorläufiger“ und dadurch auch „angreifbarer“. Ich kann verstehen, wenn das KollegInnen missfällt. Und am Ende geht es ja doch eben auch immer um die Frage, ob es Freude macht. Ob man sich dafür begeistern kann.

Noch mehr als sonst, freue ich mich über Rückmeldungen, Vorschläge oder Wünsche, was ich in Zukunft mehr oder neu berücksichtigen könnte, was euch brennend interessieren würde oder was ihr immer schon mal fragen wolltet 😉

6 AutorInnen, 2 Städte, 1 Plattform: bremenwriteskampala – ein großartiges digitales Literatur-Projekt!

Was ist Heimat und wie wirkt sich unser jeweiliger Aufenthaltsort auf unser Schreiben aus? Wie finden wir einen Anfang und welche Gegenstände benötigen wir, um Schreiben zu können?

Nur drei Fragen aus einer viel größeren Anzahl, die einen Monat lang auf einer eigens dafür vom Bremer Virtuellen Literaturhaus eingerichteten Plattform diskutiert werden. Von AutorInnen (nicht nur) aus Bremen und Kampala (Uganda). Was mich daran wirklich sehr begeistert (und manchmal berührt) sind die Ernsthaftigkeit und Offenheit mit der sich die beteiligten AutorInnen über die Bedingungen ihres Schreibens austauschen. Hier gehts weiter!

 

Vom Text zum Buch: Die Verlags-Vorschau

Wenn ich mir aussuchen könnte, wie mein Arbeitstag aussähe, dann würde ich gerne alleine am Schreibtisch sitzen – jeden Tag. Manchmal halte ich für möglich, dass das meine Hauptmotivation für den Wunsch war, Schriftstellerin zu werden – die Vorstellung, dass ich dann in aller Regel meine Ruhe hätte. Ich glaube niemand strebt eine Existenz als Schriftsteller*in an, die oder der nicht gerne alleine arbeitet. Wem diese Vorstellung unangenehm ist, wird Schauspieler*in oder Veranstaltungskaufmann oder Erzieher oder Fußballerin. Nun gibt es sicherlich Schriftsteller*innen, die jedwede Form von Zusammenarbeit oder Kooperation mit anderen gerne vermeiden würden  – aber so bin ich nicht. Ab und zu arbeite ich gerne mit anderen zusammen und freue mich, wenn daraus eine Aufführung oder Lesung oder eben auch ein Buch entsteht.

Denn so sehr der Text, an dem ich jahrelang gearbeitet habe „meiner“ war (ich lasse jetzt einmal unberücksichtigt, wie sich natürlich auch in diesen Text andere Autor*innen „eingeschrieben“ haben), so sehr ist ein Buch immer das Ergebnis der Arbeit vieler. Die ihrem Beruf als Lektor*in, Hersteller*in, Gestalter*in, Verleger*in, Vertreter*in im Idealfall mit genau soviel Hingabe nachgehen, wie ich meinem. Und die dann, wenn die Arbeit getan ist, wenn es „gut geworden“ ist, ebenso Grund und Anlass haben, sich zu freuen, stolz zu sein.

Es ist wie mit der Küche in einem Restaurant: Niemand kommt wieder, wenn das Essen nichts taugt – aber ebenso wird kaum jemand das Lokal betreten, wenn es nicht ansprechend gestaltet ist. Wenn der Service nicht stimmt. Wenn es zieht. Wenn die Stühle unbequem, die Preise überzogen, die Toiletten dreckig sind. Sehr viel muss stimmen, muss zusammenkommen, damit ein „gutes Buch“ entsteht. Vieles muss abgestimmt werden – und nicht immer können alle einer Meinung sein. Und warum erzähle ich das alles? Weil seit kurzem die Verlags-Vorschau „meines“ Verlags Klöpfer & Meyer online ist – und ich mich freue, wie viele Leute dabei einen richtig guten Job gemacht haben …

Bücher über das Schreiben: Die Kunst des Erzählens (James Wood)

Eines meiner Lieblingsbücher über das Schreiben ist „eigentlich“ ein Buch über das Lesen – aber was heißt das schon? Schreiben und Lesen sind ja ohne das andere nicht zu denken und wer jetzt naseweis behauptet, das gelte nur fürs Lesen, das stets auf ein vorgängiges Schreiben angewiesen ist, der lasse sich von Roland Barthes fragen: „Wie kann es mehr Leser als Schriftsteller geben? Wie kann man beim Lesen glücklich sein, sich sogar als großer Liebhaber der Literatur verstehen und doch nie zum Schreiben übergehen? Ist es Verdrängung?“ (Die Vorbereitung des Romans). James Wood ist einer dieser großen Liebhaber, der aus seiner Leidenschaft heraus nicht Schriftsteller, sondern Literaturkritiker wurde, aber vor allem ist er ein großartiger, begeisterungsfähiger Leser, der wissen möchte: „How Fiction Works“ (so der Originaltitel).

Die deutsche Ausgabe beginnt mit ein Vorwort von Daniel Kehlmann, in dem er berichtet, wie er in New York auf dieses Buch stieß, es kaufte, die halbe Nacht darin las – und dann von vorne begann. Kehlmann führt mit sympathischer Offenheit aus, wie die Lektüre seine bis dahin gehegten Überzeugungen zu ganz unterschiedlichen Aspekten des Schreibens veränderte (dass Nabokov die Rolle des Visuellen überschätzt habe, dass ein Detail nicht entweder wichtig oder verzichtbar sei, ein Charakter „rund“ zu sein habe). Und vielleicht ist die Begeisterung Kehlmanns ein Fingerzeig, ja vielleicht ist dieses Buch tatsächlich vor allem eines für Schriftsteller:innen – und für Leser:innen die herausfinden möchten, durch genau welche Eigenschaften uns manche Texte eigentlich so begeistern.

James Wood selbst ist begeistert von Flaubert und Virginia Woolf, von Sebald wie von Updike, er kontrastiert David Foster Wallace mit Tschechov. Diese Belesenheit ist ein Geschenk – und eine Herausforderung gleichermaßen, wenn man nicht über sie verfügt. Unterteilt ist der Text einerseits in Kapitel („Flaubert und die Geburt des Flaneurs“ oder „Eine kurze Geschichte des Bewusstseins“), aber vor allem in fortlaufend nummerierte (meist) kurze Absätze, die dazu einladen, das Buch immer wieder neu und in kleineren Passagen zu lesen.

Ich habe dieses Buch in der Nähe meines Schreibtischs liegen, es verrät viel über Details und Figuren, über Stil und Rhythmus – aber dass ich gerne zwischendurch einen Blick darauf oder hineinwerfe, liegt auch daran, dass es das Kapitel „Anteilnahme und Komplexität“ enthält, dem ich dieses Zitat von George Eliot entnehme: „Der größte Gewinn, den wir dem Künstler verdanken – ob Maler, Dichter oder Romanautor -, ist die Ausdehnung unserer Anteilnahme.“

James Wood: Die Kunst des Erzählens (mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann) rowohlt 2011

Bücher über das Schreiben: „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“ (Monika Maron)

Ich besitze sie (fast) alle: Die Ratgeber über das Schreiben. Und ich habe die meisten auch gelesen. „Über das Schreiben“ von Sol Stein habe ich vor 15 Jahren regelrecht verschlungen, weil ich bei der Lektüre sicher war, dass meine mit dem Schreiben verbundenen Schwierigkeiten nun ein Ende gefunden hätten. Jedenfall die meisten. Ich würde endlich die „guten“ Texte schreiben können, die zu schreiben ich mich mehr verpflichtet als berufen fühlte. Alles würde besser werden! Ein bisschen so war es wirklich und ein bisschen habe ich auch tatsächlich aus diesem Buch gelernt und deswegen wird es auch einen eigenen Beitrag in dieser neuen Rubkrik „Bücher über das Schreiben“ erhalten, aber beginnen möchte ich mit einem meinem Lieblingsbücher, mit Monika Marons „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“.

Weit mehr als in den Ratgeber-Büchern habe ich wichtige Hinweise für mein Schreiben in den unterschlichsten Selbst-Auskünften von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefunden. In Poetik-Vorlesungen oder Interviews oder Aufsätzen. Und gerade in solchen, die von Umwegen berichten. Von den Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu finden – oder die richtige Perspektive. Den richtigen Anfang oder das überzeugende Ende. Die Frankfurter Poetikvorlesung, auf der das schmale Bändchen von Monika Maron basiert, ist dabei ein besonderer Glücksfall, denn die Autorin berichtet darin ganz konkret von der Entstehung ihres Romans „Ach Glück“, der eine Fortsetzung ihres Buches „Endmoränen“ ist: „Ich wollte nicht ein Buch schreiben, weil ich eine mitteilenswerte Geschichte kannte, sondern weil ich herausfinden wollte, wie die Geschichte, die ich in die Welt gesetzt hatte, weitergeht.“

Im Klappentext ist von einem „Werkstattgespräch mit sich selbst“ die Rede und tatsächlich erfahren wir erstaunlich viel über die konkreten Überlegungen und Arbeitsschritte der Autorin. Vor allem darüber, wie oft das Schreiben ein Prozess des Suchens und Verwerfens ist: „Vor fünf Tagen habe ich beschlossen, das Buch, an dem ich gerade arbeite, von vorne zu beginnen. Auf der Seite 37 konnte ich den Verdacht, ich hätte schon in der Konstruktion, in der Schreibvoraussetzung, einen grundsätzlichen, nicht korrigierbaren Fehler gemacht, nicht mehr abweisen. (…) Ich schreibe sehr langsam und 37 Seiten einfach zu verwerfen ist für mich eine harte Entscheidung.“

Zwei der 37 Seiten sind abgedruckt und vor allem, was aus Sicht der Autorin gegen sie sprach: „Das war der Anfang einer quälenden Dreiecksgeschichte zwischen Mann, Frau und Hund, die ich auf keinen Fall schreiben wollte. (…) Das Buch, das ich schreiben wollte, war zwar die Fortsetzung eines anderen, aber doch ein eigenes Buch, das einen eigenen Anfang brauchte, einen eigenen Ton und sein eigenes Thema.“ Monika Maron unternimmt einen neuen Anlauf, „weniger kleinlich, weniger schmal, irgendwie breiter, irgendwie größer“. Erneut dürfen wir „mitlesen“, erneut gibt es Probleme: „Wenn Johanna ein Sie und nicht ein Ich ist, stellt sich die Frage: wer erzählt? Wessen Stimme ist zu hören?“ (…) Offenbar teile ich das Problem mit anderen. Warum sonst hätte Philip Roth in ‚Der menschliche Makel‘ den Schriftsteller Nathan Zuckerman als Vermittler gebraucht?“

Wer im Detail etwas über Perspektiven, über Erzählstimmen erfahren möchte, der ist mit diversen anderen Titeln (von Ratgebern bis zu literaturwissenschaftlichen Abhandlungen) besser bedient. Aber wer eine Vorstellung davon gewinnen möchte, wie konkrete schriftstellerische Praxis aussieht, wie mühsam erst im Laufe des Schreibens Klarheit darüber entsteht (oft: entstehen kann), was genau wir eigentlich erzählen wollen, der wird in diesem gerade einmal 100 S. dünnen Band interess.

Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche. Fischer Taschenbuch 2006

 

 

30. Texte sind oft klüger als ihre Autoren

„Texte sind oft klüger als ihre Autoren“, las ich zum ersten Mal bei Jurek Becker und hielt es für die kokett-bescheidene Behauptung eines Schriftstellers, an dessen enormer Klugheit für mich kein Zweifel bestehen konnte. Kein Autor, keine Autorin hat mich als Jugendliche so beeindruckt wie Jurek Becker. Mehr noch als „Jakob der Lügner“ begeisterten mich „Bronsteins Kinder“, „Aller Welt Freund“, „Der Boxer“ und „Irreführung der Behörden“. Unmöglich, dass dieser Satz eine ernstgemeinte Behauptung enthalten könnte.

Etwa zwanzig Jahre lang begegnete mir diese Aussage immer wieder. Auch mit der Verfasserangabe Marcel Reich-Ranicki. Zuletzt las ich ihn im wunderbar vielseitigen Blog „SätzeundSchätze“ in einem Gastbeitrag von Bernd Hohlen über Jack Finney in leicht veränderter Form: »Das Werk sollte immer ein wenig schlauer sein als der Autor«, mit der Verfasserangabe Vaclav Havel.

Mittlerweile bin ich überzeugt, dass diese so paradox anmutende Behauptung einen großartigen Aspekt des Schreibens wiedergibt: Texte können tatsächlich klüger sein als ihre Autoren! Drei Umstände mögen dazu beitragen: Während es für Musiker_innen und Sportler_innen auf das entscheidende Ereignis des Konzertes oder Wettkampfes ankommt und sie sich darin bewähren müssen (was sich im Sport u. a. in der abfälligen Rede vom „Trainingsweltmeister“ äussert), können Schriftsteller_innen ihre Texte fortwährend verbessern, können theoretisch den „hellsten Moment“ eines jeden Tages nutzen und mit dem des folgenden Tages verbinden, sie können also näher an das ihnen „potentiell Mögliche“ kommen, als das in anderen Bereichen der Fall ist.

Und das gilt, zweitens, nicht nur für diese „zeitliche“ Ebene, sondern auch, weil wir ja in unserem Leben erheblich mehr Wissen, mehr Kenntnisse, mehr Erfahrungen sammeln, als wir willkürlich formulieren oder benennen können. Anders gesagt:  Wir wissen oft mehr, als wir „bewusst“ wissen – und wenn diese erhebliche Differenz, dieser „Überschuss“ in unseren Texten landet, dann findet sich dort möglichweise eine Klugheit, über die wir sonst kaum verfügen.

Der letzte Aspekt ist einer, dessen Ausmaß Leser_innen oft unterschätzen: Die Texte entstehen ja „wirklich“ erst in den „Köpfen der Leser_innen“ – und insofern ist die Klugheit eines Textes die Summe aller möglichen so entstehenden Texte – was dann der Autorin, dem Autor nur insofern zugeschrieben werden kann, weil sie, weil er die Zutaten bereit gestellt hat …

Fundstück: Wovon man nicht reden kann, …

… darüber muss man schweigen. Ist einer der bekannteren Sätze Wittgensteins – und wer wünschte sich nicht manchmal, dass sich irgendjemand daran hielte?!

Aber ist gleichzeitig nicht auch das Gegenteil wahr? Können, sollen, dürfen wir, gerade wenn wir schreiben, nicht auf die Suche gehen nach Worten für das, wofür wir keine Worte haben? Oder sollten wir nicht zumindest versuchen, uns dem „stummen“ Zentrum so weit zu nähern, wie es (uns) möglich ist?

In einem Gespräch, das am 07.12.2013 in der faz veröffentlicht wurde, spricht der israelische Autor David Grossman über sein neues Buch „Aus der Zeit fallen“. Über den Tod seines Sohnes Uri, der 2006 an einem der letzten Tage des Libanon-Krieges starb, während Grossman an dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ arbeitet – in dem eine Frau versucht, den Tod ihres Sohnes dadurch zu verhindern, dass sie läuft und läuft und  dadurch nicht zu Hause ist und eine Todesnachricht eben gar nicht in Empfang nehmen kann. Und Grossman spricht darüber, wie unerträglich es für ihn war, in den zahlreichen Kondolenzbriefen, insbesondere auch von Schriftstellern aus der ganzen Welt, immer wieder zu lesen, dass sie sprachlos seien. Dass ihnen die Worte fehlten.

„Für mich war diese Situation unerträglich. … Wenn es keine Worte mehr gibt, kommen die Klischees. In so einer Situation überschütten dich die Menschen  damit. Das fühlt sich schrecklich an. Als würde dir jemand ein Eisenhemd überziehen. … Ich erinnere mich noch, wie ich zu meiner Frau sagte, dass ich, wenn ich schon gestraft bin damit, auf diese Insel der Trauer verbannt zu sein – ein schlimmer Ort – dann will ich ihn wenigstens kartographieren. Ich will ihn zeichnen, bezeichnen, indem ich allen Gefühlen einen Namen gebe, alle Möglichkeiten benenne, die es dort gibt.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/david-grossman-im-gespraech-ich-bin-verbannt-auf-die-insel-der-trauer-12698504.html

„Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt“, sagt auch Herta Müller in dem Aufsatz „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, der in dem Band „Der König verneigt sich und tötet“ enthalten ist und beschreibt darin die existentielle Erfahrung des Verlustes, des „Absturzes“ von Worten: „Was kann das Reden? Wenn der Großteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch die Wörter ab. Ich hab die Wörter abstürzen sehen, die ich hatte. Und war mir sicher, dass mit ihnen auch die abstürzen würden, die ich nicht hatte, wenn ich sie hätte.“

Randnotiz: Aber was genau ist denn das „Autobiografische“ am „autobiografischen Text“?

Was man auf den ersten Blick für eine unsinnig spitzfindige Frage halten könnte, weist bei genauerem Hinsehen auf einen tatsächlich erstaunlich komplexen Sachverhalt hin. Zur Erläuterung folgendes Gedankenexperiment:

Eine Familie auf dem Weg in den Urlaub. Gereizte Stimmung. Die Tochter kneift den Sohn, weil der ihrer Puppe die Zunge rausgestreckt hat. Rangelei. Der Vater brüllt die Kinder an, die Mutter den Vater, er solle nicht brüllen. Dann:  Ein Auffahrunfall. Zum Glück ist auch im anderen Auto niemandem etwas passiert.

Im Urlaub bleibt die Stimmung gereizt und zwei Tage vor der Rückreise eröffnen die Eltern den Kindern, dass sie sich scheiden lassen wollen. Der Sohn erprobt gerade sein Talent für das Aufspüren kausaler Zusammenhänge und erkennt sofort: ohne Zungerausstrecken, kein Streit; ohne Streit, kein Gebrüll; ohne Gebrüll, kein Unfall; ohne Unfall, keine Scheidung. Also: Schuld!

Da für den Jungen der Sachverhalt erschütternd eindeutig ist, redet er nicht über seine Erkenntnis, wird stattdessen später Schriftsteller.

Welche Texte können wir von ihm erwarten oder richtiger: Bei welchen Texten wären wir geneigt, sie autobiografisch zu nennen? Bei solchen, die das Thema Schuld aufgreifen, es immer wieder umkreisen – ohne dass je von einem Unfall, einem Kind die Rede wäre? Oder vielleicht, wenn von „Schuld“, überhaupt von moralischen Fragen nie die Rede ist, auch nicht unausgesprochen? Wenn die Hauptfiguren stets Kinder sind? Kinder, die die Welt retten – oder zumindest ihre Eltern? Oder wenn es, irgendwo im Text stets einen folgenschweren/folgenlosen Unfall gibt? Sprachlosigkeit?

Was mir an diesem Gedankenexperiment gefällt: Es löst die vermeintliche „Eindeutigkeit“ auf, die zwischen den realen Ereignissen und dem späteren Text existiert und die auf den ersten Blick nahelegt, dass es nur eine einzige Möglichkeit, eine einzige Verbindung gibt. Es gibt unendlich viele und nie determiniert das reale Geschehen den Text.

Jonathan Franzen nennt es in seinem Essay „Was ist autobiographische Literatur“ (dt. 2013) ein wichtiges Paradox: „das ich hervorheben möchte: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigentlichen Leben.“