Welche Rolle spielen die Marketingabteilungen der Verlage?

Obwohl mich nicht allzuviel Geschichten aus dem „Betrieb“ erreichen, habe auch ich schon davon gehört: von Autor:innen, die sich angesichts der Begeisterung, die ihr Manuskript beim zuständigen Lektor geweckt hatte, schon mit dem Verlag einig wähnten – und dann vom Veto der „Marketingabteilung“ erfuhren. „Wer soll denn da die Zielgruppe sein?“, habe der konsternierte Lektor ihm die entscheidende Frage weitergereicht, erzählte mir ein Autor, den ich vor Jahren bei einem Autorentreffen kennengelernt habe, der sich seither zahlreicher Auszeichnungen erfreuen durfte und bei dem ich immer sicher war, dass er sich um einen guten Verlag würde keine Sorgen machen müssen – wenn er einmal „sein Zeug zusammenbringt“ …

Ich hätte gerne schon früher einmal darüber geschrieben, aber mein Eindruck war, dass weiten Teilen der „literarischen Öffentlichkeit“ dieser Sachverhalt so abwegig, so unglaubwürdig vorkommt, wie es ja eigentlich auch der Fall sein sollte. Dazu passend hatte ich den Eindruck, dass da, wo diese Enwicklung von Autor:innen beklagt wird, schnell der Vorwurf im Raum steht, da wolle jemand ausbleibenden Erfolg (oder das Ausbleiben des „ganz großen Erfolgs“) mit verschwörungstheoretischen Behauptungen erklären.

Und nun lese ich in der FAZ ein Interview mit der Agentin des aktuellen Buchpreisgewinners Frank Witzel (und langjährigen Verlegerin des Berlin Verlags) Elisabeth Ruge, an deren Sachverstand niemand auch nur den leisesten Zweifel haben kann, was sie zu dem Stichwort sagt „für eine Marketingabteilung muss das (Anm.: Witzels Text „Die Erfindung der RAF-Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968″) der Horror sein“:

„Grundsätzlich halte ich es für fatal, dass in manchen Häusern die Marketingabteilungen mittlerweile mehr zu sagen haben als die Lektoren – das war, als ich anfing und das Büro mit dem legendären Günther Busch teilte, einfach undenkbar. Auf diese Weise werden viele interessante Bücher abgelehnt, weil man vor allem more of the same möchte. Den Verlagen würde es richtig guttun, wenn es ab und zu eine einsame Entscheidung geben könnte, wenn man einfach mal einem engagierten, erfahrenen Lektor traute.“

Das Interview ist insgesamt sehr lesenswert, es enthält den  wunderbaren Satz, dass guter Stil eine gerade tröstliche Qualität hat (unter diesem Titel ist das Interview auch in der FAZ erschienen) und der von mir nun herausgestellte Aspekt steht keineswegs im Mittelpunkt des Gesprächs. Aber ich bin nun froh, auf diesen beklagenswerten Umstand einmal hinweisen zu können – und darauf, dass also leider keine Rede davon sein kann, dass „sich das Gute auf die Dauer“ immer durchsetzt. War das nicht immer schon so? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich. Was meint ihr?

Nachtrag (19.11.2015): Erst durch die Kommentare (vielen Dank dafür einmal mehr!) ist mir deutlich geworden, dass ich den Titel dieses Beitrags zu allgemein formuliert hatte – denn das, was ich als „falsche Entwicklung“ empfinde, betrifft ja allein die sog. Literaturverlage – dass es sich bei „Mainstream“-Verlagen so verhält, ist auch für mich weder überraschend noch beklagenswert.

Autoren und Schauspieler dürfen ihre Figuren nicht verraten

Unter dem Rimbaud-Motto „Ich ist ein anderer“ findet sich auf diesem Blog bereits ein kurzer Eintrag, in dem ich Ähnlichkeiten in der Arbeit von Autor:innen und Schauspieler:innen notiert habe. Daran musste ich gestern denken, als ich in der FAZ in einem ausführlichen Interview mit dem Theater- und Opernregisseur Dieter Dorn, dessen Antwort auf die Frage las, was einen großen Schauspieler ausmache:

„Nicht klüger sein zu wollen, als seine Figuren, sie nie verraten, ihre Widersprüche hintereinander spielen, nie gleichzeitig. Der Figur ihr Geheimnis lassen und dann allerdings auch die Fähigkeit, zu sagen: Jetzt bringe ich die Zuschauer mal zum Heulen – und dann werden im Parkett die Taschentücher gezückt.“

Wenige Zeilen, zu denen sich so viel sagen ließe. Allein die Aufforderung, seine Figuren nicht zu verraten, liest sich so leicht und selbstverständlich und stellt manchen doch vor erstaunliche Herausforderungen. Was mich aber gerade besonders anspricht, ist die „Übertragbarkeit“ der Aufforderung, „Widersprüche hintereinander zu spielen“.

Figuren mit Widersprüchen auszustatten, ist für Autor:innen Alltagsgeschäft. Wer es unterlässt, landet fast unvermeidlich in den Niederungen der Klischees. Vielleicht ist dies der Grund, warum das Ergebnis manchmal dennoch nicht überzeugt. Lieblos und ohne echte Einfühlung wird nur ein scheinbar beliebiges Gegenteil „eingebaut“, als wenn das schon reichen würde, der Figur Originalität zu verleihen. Die Aufforderung, die „Widersprüche“ hintereinander zu spielen, kann das verhindern helfen, weil sie Klarheit einfordert: Was genau ist der Fall in einem bestimmten Moment – und wie und wodurch wird es anders in einem anderen?

Nach dem Roman ist vor dem Roman

Gestern war es soweit! Ich saß im Bremer Ostertorbuchladen hinter einem freundlicherweise grünweiß eingedeckten Lesetischchen, die unvermeidliche Lampe schien auf die aufgeschlagen vor mir liegenden „Wiederholten Verdächtigungen„, ich fragte mich, ob ich es riskieren sollte, von dem Mineralwasser zu nippen, obwohl es Kohlensäure enthielt, was mich in der Vergangenheit schon in die Nähe unangenehmer Situation gebracht hatte (unkontrolliertes Aufstoßen!), ich fragte mich weiter, warum die tatsächliche von der vorab berechneten Lesezeit abwich und ich glaube, es war in genau diesem Moment, dass ich spürte: es wird Zeit, den neuen Roman zu beginnen!

Zum Glück traf mich diese Erkenntnis nicht unvorbereitet, denn „eigentlich“ habe ich schon mit dem Schreiben eines neues Romans begonnen: es gibt einen (für meine Verhältnisse) detaillierten Plot, es gibt zwanzig Seiten halbwegs vorzeigbaren Text und eine Fülle an verstreuten Notizen. Und ich war diese Woche in einer Bremer Schule, um zu recherchieren, um Eindrücke zu sammeln, denn meine Protagonistin, eine junge Schriftstellerin (oder ist sie vielleicht „nur“ Bloggerin?) wird im Rahmen ihres Aufenthaltsstipendiums eine Schreib-AG leiten müssen – und wird es dabei nicht leicht haben. Also werde ich an den nächsten beiden Dienstagen mit Schüler:innen einen Schreib-Workshop veranstalten, weil der letzte schon ein bisschen zurückliegt.

Dann kann es doch losgehen? Noch nicht ganz. Einen Monat muss ich mich noch gedulden, muss ich noch andere angefangene (Text)-Projekte zu einem (zumindest vorläufigen) Ende bringen – muss ich die allerletzten Feinarbeiten am „Geschichten-Generator“ vornehmen, damit er dann (Hurra!) in die Serienproduktion gehen kann. Aber weil die Gefahr groß ist, dass immer noch etwas dazwischenkommt, habe ich heute beschlossen: Am 1. November geht es los! Ab da wird es feste Zeiten für den Roman geben …

Wie immer freue ich mich über Eure Fragen, Anregungen oder Erfahrungen: Wie geht ihr ein neues (Schreib)-Projekt an? Was müsst ihr wissen über einen Text und was ergibt sich erst „unterwegs“? Der spanische Schriftsteller Javier Marías schreibt dazu in einem sehr interessanten Beitrag in der gestrigen FAZ: „Wenn ich schon alles von Anfang an weiß, worin liegt der Reiz, es zu Papier zu bringen, wenn ich dabei nichts Neues erfahre?“ Was meint ihr?

„Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers“

ist der Titel eines Aufsatzes von Wilhelm Genazino aus dem Sammelband „Idyllen in der Halbnatur“ (2012). Er ging mir in den letzten Tagen öfter durch den Sinn, wenn ich über die Rezensionen nachdachte, die ich zu Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“ gelesen hatte und die mir ziemlich verrückt vorkamen.

Genazino geht von einer Beobachtung aus, die viele Leser:innen kennen: „(Denn) es sind Texte, die uns auf unerklärliche Weise oft näher sind als selbst vertraute Personen.“ Aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens entsteht die Vorstellung, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen. Aber wie können wir über Autoren etwas herausfinden?“

Und nun kommt die zentrale Überlegung des Textes: „Er (der Leser) verschiebt sein Interesse (die erste Verschiebung bewegte sich vom Text auf den Autor) ein weiteres Mal, diesmal vom Autor auf das Bild des Autors.

Nun hat es in der Vergangheit zahlreiche Überlegungen und Anmerkungen zu der Art und Weise gegeben, in der Judith Hermann sich ins Bild setzt (gesetzt wird?!), aber ich möchte diesem Gedanken nicht weiter nachgehen, mir kommt es auf die erste von Genazino erwähnte „Verschiebung“ an.

Ich möchte dazu die Anfänge von Rezensionen zitieren, die beide kürzlich in der FAZ erschienen sind, beides Besprechungen von „Aller Liebe Anfang“.

Edo Reents schreibt am 28.08.2014: „Judith Hermann hat zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen.“ (Die vollständige Rezension und weitere sind verlinkt auf  Begleitschreiben in einem sehr lesenswerten Beitrag von Gregor Keuschnig, der vollkommen zu Recht seine Empörung über diese Kritik äussert, die so höhnisch weitergeht, wie sie beginnt.)

Bereits am 24.08.2014 hatte Volker Weidermann seine ungleich positivere Roman-Besprechung in der FAS so begonnen: „Das ist irgendwie verrückt, wie direkt die Bücher von Judith Hermann auf die Leser zu wirken scheinen. Sie fühlen sich angezogen, in die Bücher hineingezogen, verlieben sich in Romanfiguren oder gleich in die Autorin selbst, finden ihr eigenes Lebensgefühl in diesen Büchern gespiegelt oder eines, das sie gern fühlen, das sie gern leben würden.“

In manchen Kommunen oder auch größeren Unternehmen gab es in den letzten Jahren Pilotprojekte mit sog. „Anonymen Bewerbungen“, bei denen auf Angaben zu Geschlecht, Herkunft u. a. zunächst verzichtet wurde. Dieses von Antidiskrimierungsinitiativen geforderte Vorgehen hatte die Folgen, die man erwarten konnte: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen mit Kindern, Personen mit Behinderung, sowie Ältere wurden zu Bewerbungsgesprächen eingeladen und konnten dann im direkten Kontakt auch überzeugen.

Wie würden sich unsere Lektüren ändern, wenn wir nicht wüssten, wer den Text, den wir gerade lesen, geschrieben hat? Was würde uns fehlen und was würden wir hinzugewinnen? Sollte es nicht Konsens sein, dass wir vor allem den (aktuellen) Text in den Blick nehmen? Und dass wir, zumindest sobald wir der Öffentlichkeit unsere Lektüreeindrücke mitteilen, einmal tief durchatmen und unsere aktuellen und früheren Verliebtheiten und Ärgernisse versuchen aus den Köpfen zu schütteln? Es wäre ein Wunsch vieler Autor:innen …

34. Beunruhigen Sie sich – zumindest gelegentlich!

Nils Minkmar hat für die FAZ ein sehr interessantes und ausführliches Gespräch mit Judith Hermann geführt, in dem sie über ihr Schreiben und vor allem natürlich über ihren, dieser Tage erscheinenden, Roman „Aller Liebe Anfang“ spricht.
(www.faz.net/aktuell/feuilleton/judith-hermann-im-gespraech-mein-sohn-findet-meine-aengste-voellig-uebertrieben-13076898.html)

Judith Hermann berichtet in diesem Gespräch von dem Kontrast zwischen der lebensfreudigen Zuversicht ihres 14-jährigen Sohnes, dass schon alles gut gehen werde und ihrer eigenen Besorgnis, „dass die Dinge sich von einem auf den anderen Moment ändern können. (…) Es klingelt an der Tür, und danach ist nichts mehr wie zuvor.“

Wer sich der Gefährdungen, der Bedrohungen unseres Lebens (fast) ständig bewusst ist, wer immerzu sieht, wie alles sich auch ganz anders entwickeln könnte, der hat im Leben vielleicht ein paar Probleme mehr als andere – und mit ein bisschen Glück dafür weniger beim Schreiben. (Wie meistens ist auch hier die Gegenüberstellung von „Leben“ und „Schreiben“ irreführend, aber um der kleinen Pointe willen, habe ich sie mir mal erlaubt …) Wer von der Möglichkeit einer Katastrophe ständig umgeben ist, braucht nicht mehr besonders viel Phantasie, um aus ihr eine  „wirkliche“ Geschichte werden zu lassen.

Und was ist mit den armen Menschen, die hoffnungsvoll und optimistisch ihrer Wege gehen – kann denen denn gar nicht geholfen werden? Ich denke schon 😉 Unabhängig vom Ausmaß unserer Besorgnisse, gibt es doch für jede/n Gedanken oder Vorstellungen, die beunruhigend sind. Und vorsichtig können wir diesen Vorstellungen einmal nachgehen. Mit ihnen spielen. Sie größer oder kleiner werden lassen oder sie unterschiedlichen Figuren „zumuten“. Wichtiger als all die biographischen Details, die wir angeblich brauchen, um eine Figur lebendig werden zu lassen, scheint mir die Frage: Was beunruhigt sie? Und ist ihr das bewusst? Oder ist die Beunruhigung so groß, dass sie an den äussersten Rand des Lebens gedrängt werden muss? Welche Formen nimmt sie dort an?

In diesem Sinne: Beunruhigen Sie sich – zumindest gelegentlich!

33. 5-Minuten-Notate: Elke Erb

Der naseweise Hinweis, es sei immer genug Zeit zum Schreiben vorhanden, man müsse sie sich nur nehmen, zielt manchmal ins Zentrum des Problems und oft daneben. In „schreibarmen“ Zeiten versuche ich, mir zumindest kleine Schreibräume zu verschaffen – und das geht tatsächlich immer. 5 Minuten oder 10 oder vielleicht sogar 15. In der Bahn oder nach dem Aufstehen oder auf einer Bank auf dem Weg von einem Job. „Irgendetwas“ schreiben. Was ich sehe oder häufiger, was mich umtreibt. Mich erfreut, ärgert oder erstaunt. Fragen. Listen. Wenn gar nichts zu gehen scheint: Eine Liste der Worte, die mir gerade in den Sinn kommen.

Am vergangenen Samstag las ich in der FAZ im Rahmen der „Frankfurter Anthologie“ erstmals von den 5-Minuten-Notaten der Lyrikerin Elke Erb. Abgedruckt war ihr Gedicht „Ordne etwas“:

Ordne etwas

Ordne etwas, ordne den Fahrradschuppen. Er faucht. Hör.
Ein überirdischer Keller. Gehobener Stand. Sonnenbeschienen.
Was an dieser Wendung ist falsch. Erörtere.

Es wird zu heiß. Die Jacke jetzt ausziehen. Sofort.
Zwölfe machen das Dutzend voll. Benennen. Ordnen.
Daß Du hast, wie Du den Fuß hinsetzt.

Nämlich nicht wie ein Fuchs: schlicht schleicht.
Feiner Fuchs. Schleicht. Kämme dein Haar,
es richtet sich nach dir.

Unter dem Titel „Fragen an einen sitzenden Dichter“ gibt Elke Erb zunächst Auskunft über den Entstehungsprozess: „Das Gedicht ist eins von mehr als vierhundert aus meinem Buch „Sonanz“. Unter „Sonanz“ steht: 5-Minuten-Notate. Das bedeutet, es ist aus 5-Minuten-Notaten entstanden, und zwar so: Über etwa drei Jahre hin habe ich nahezu täglich ohne inhaltliche Vorgabe, nur mit dem Datum darüber, fünf Minuten lang notiert, was mir in den Sinn kam. Aus dem unterschwelligen Ich. Tun Sie das auch. Sie werden überrascht sein. Ein Wort nach dem andern, rasch hintereinander. Die Gedichtstrukturen ergaben sich von selbst.“

Und tatsächlich ist es verblüffend, in welcher Nähe das ursprüngliche „5-Minuten-Notat“, das ebenfalls abgedruckt ist, sich bereits zu dem später veröffentlichten Text befindet. In einem weiteren Schritt eröffnet Elke Erb den LeserInnen einen Zugang zu ihren Gedanken. Daraus hier nur diejenigen,  die sich auf  die erste Zeile des Textes beziehen:

„Fahrradschuppen“.  Schuppen: ein einfacher Bau beim Haus zum Unterstellen von Geräten, Fahrzeugen. (Ich habe nicht real einen Fahrradschuppen, er ist erfunden, aber er ist ein Wort für Ähnliches derart).
„Er faucht“. Vom Optischen (dem Anblick der Unordnung) ins Akustische übertragen. „Hör“.

Ich habe das mit großem Interesse gelesen (mich manchmal auch gefragt, warum ich einen Bezug nicht lesen konnte, denn ich dann als so naheliegend empfand …) und habe eine neue Bezeichnung für das gefunden, was ich so lange schon schreibe: 5-Minuten-Notate. Und dann geschah etwas, das ich hier noch aufschreibe, weil es vielleicht dem ein oder anderen Leser, der ein oder anderen Leserin auch so gehen könnte: Durch die Lektüre motiviert, diesen kurzen Notizen mehr Raum einzuräumen, passierte zunächst: Nichts! Obwohl mich sonst nur die Aufforderung, in „Gästebücher“ zu schreiben an den Rand einer Schreibblockade zu bringen vermag, wollten sich keine Sätze, noch nicht einmal Worte einfinden.

Was war passiert? Ich hatte durch meine Begeisterung für Elke Erbs „Ordne etwas“ einen Blickwinkel eingenommmen, der nicht meiner war. Nicht sein konnte. Ich musste mich erst ein wenig schütteln. Umsehen. Meinen Blick auf die Welt, vor allem auf die Menschen finden. Und dann konnte es wieder losgehen  …

Ein  ausführliches Interview mit Elke Erb ist hier zu finden: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article122399491/Es-ist-Leben-konkret-nicht-Spielerei.html

Elke Erb: „Sonanz“. 5-Minuten-Notate. Urs Engeler Edition. 2008

Fundstück: Wovon man nicht reden kann, …

… darüber muss man schweigen. Ist einer der bekannteren Sätze Wittgensteins – und wer wünschte sich nicht manchmal, dass sich irgendjemand daran hielte?!

Aber ist gleichzeitig nicht auch das Gegenteil wahr? Können, sollen, dürfen wir, gerade wenn wir schreiben, nicht auf die Suche gehen nach Worten für das, wofür wir keine Worte haben? Oder sollten wir nicht zumindest versuchen, uns dem „stummen“ Zentrum so weit zu nähern, wie es (uns) möglich ist?

In einem Gespräch, das am 07.12.2013 in der faz veröffentlicht wurde, spricht der israelische Autor David Grossman über sein neues Buch „Aus der Zeit fallen“. Über den Tod seines Sohnes Uri, der 2006 an einem der letzten Tage des Libanon-Krieges starb, während Grossman an dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ arbeitet – in dem eine Frau versucht, den Tod ihres Sohnes dadurch zu verhindern, dass sie läuft und läuft und  dadurch nicht zu Hause ist und eine Todesnachricht eben gar nicht in Empfang nehmen kann. Und Grossman spricht darüber, wie unerträglich es für ihn war, in den zahlreichen Kondolenzbriefen, insbesondere auch von Schriftstellern aus der ganzen Welt, immer wieder zu lesen, dass sie sprachlos seien. Dass ihnen die Worte fehlten.

„Für mich war diese Situation unerträglich. … Wenn es keine Worte mehr gibt, kommen die Klischees. In so einer Situation überschütten dich die Menschen  damit. Das fühlt sich schrecklich an. Als würde dir jemand ein Eisenhemd überziehen. … Ich erinnere mich noch, wie ich zu meiner Frau sagte, dass ich, wenn ich schon gestraft bin damit, auf diese Insel der Trauer verbannt zu sein – ein schlimmer Ort – dann will ich ihn wenigstens kartographieren. Ich will ihn zeichnen, bezeichnen, indem ich allen Gefühlen einen Namen gebe, alle Möglichkeiten benenne, die es dort gibt.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/david-grossman-im-gespraech-ich-bin-verbannt-auf-die-insel-der-trauer-12698504.html

„Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt“, sagt auch Herta Müller in dem Aufsatz „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, der in dem Band „Der König verneigt sich und tötet“ enthalten ist und beschreibt darin die existentielle Erfahrung des Verlustes, des „Absturzes“ von Worten: „Was kann das Reden? Wenn der Großteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch die Wörter ab. Ich hab die Wörter abstürzen sehen, die ich hatte. Und war mir sicher, dass mit ihnen auch die abstürzen würden, die ich nicht hatte, wenn ich sie hätte.“