Autoren und Schauspieler dürfen ihre Figuren nicht verraten

Unter dem Rimbaud-Motto „Ich ist ein anderer“ findet sich auf diesem Blog bereits ein kurzer Eintrag, in dem ich Ähnlichkeiten in der Arbeit von Autor:innen und Schauspieler:innen notiert habe. Daran musste ich gestern denken, als ich in der FAZ in einem ausführlichen Interview mit dem Theater- und Opernregisseur Dieter Dorn, dessen Antwort auf die Frage las, was einen großen Schauspieler ausmache:

„Nicht klüger sein zu wollen, als seine Figuren, sie nie verraten, ihre Widersprüche hintereinander spielen, nie gleichzeitig. Der Figur ihr Geheimnis lassen und dann allerdings auch die Fähigkeit, zu sagen: Jetzt bringe ich die Zuschauer mal zum Heulen – und dann werden im Parkett die Taschentücher gezückt.“

Wenige Zeilen, zu denen sich so viel sagen ließe. Allein die Aufforderung, seine Figuren nicht zu verraten, liest sich so leicht und selbstverständlich und stellt manchen doch vor erstaunliche Herausforderungen. Was mich aber gerade besonders anspricht, ist die „Übertragbarkeit“ der Aufforderung, „Widersprüche hintereinander zu spielen“.

Figuren mit Widersprüchen auszustatten, ist für Autor:innen Alltagsgeschäft. Wer es unterlässt, landet fast unvermeidlich in den Niederungen der Klischees. Vielleicht ist dies der Grund, warum das Ergebnis manchmal dennoch nicht überzeugt. Lieblos und ohne echte Einfühlung wird nur ein scheinbar beliebiges Gegenteil „eingebaut“, als wenn das schon reichen würde, der Figur Originalität zu verleihen. Die Aufforderung, die „Widersprüche“ hintereinander zu spielen, kann das verhindern helfen, weil sie Klarheit einfordert: Was genau ist der Fall in einem bestimmten Moment – und wie und wodurch wird es anders in einem anderen?

17 Comments

  1. als ich in der FAZ in einem ausführlichen Interview mit dem Theater- und Opernregisseur Dieter Dorn, dessen Antwort auf die Frage las, was einen großen Schauspieler ausmache:

    “Nicht klüger sein zu wollen, als seine Figuren, sie nie verraten, ihre Widersprüche hintereinander spielen, nie gleichzeitig. Der Figur ihr Geheimnis lassen und dann allerdings auch die Fähigkeit, zu sagen: Jetzt bringe ich die Zuschauer mal zum Heulen – und dann werden im Parkett die Taschentücher gezückt.” – das ist ein so kluger Satz und passt auf die Bretterbühne, wie auf die Papierbühne auch- danke Jutta und herzliche Samstagmorgengrüsse vom Sonnenberg
    Ulli

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  2. Danke für den interessanten Beitrag, die Gedankenanstöße – die Aufforderung, nicht klüger sein zu wollen… (auch nicht klüger, als man ist zum Beispiel. Als Nichtschriftsteller und Nichtregisseur nehme ich mir diesen Satz einfach mit in den Sonntag 🙂 )
    Liebe Jutta, ich war lange nicht auf dem blog und werde heute einfach mal ein bisschen freie Zeit mit dem Lesen genießen können 🙂
    Herzliche Sonntagsgrüße sendet dir
    Marlis

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  3. Liebe Marlis, freue mich sehr über deinen deinen Besuch hier und hoffe, du findest etwas zum Weiterdenken oder -spinnen … Wünsche dir auf jeden Fall einen schönen Sonntag – hier gibts gerade sogar ein bisschen Sonne, die wünsche ich dir auch!

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  4. „Widersprüche hintereinander spielen“ – oh, ich verstehe den Satz als Satz nicht. Was genau heißt das? (Ich frag mich, wie man das in meinem Deutsch sagen würde).
    Danke für eine kleine Aufklärung.

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    1. Lustigerweise bin ich mir nun, nachdem ich deine Frage gelesen habe, nicht mehr sicher, ob ich das überhaupt „richtig verstanden“ habe, ob das so „eindeutiig“ ist, wie es mir schien …
      Weil ich weiß, dass du die Wiederholten Verdächtigungen gelesen hast, nehme ich den Text als Beispiel: Christoph und Katharina sind beide widersprüchlich in ihren Gefühlen, zumindest ambivalent. Mal versteht Katharina Christoph, dann regt es sie auf, dass er nichts sagt. Und Christoph ist mal „bockig“ und dann auch wieder kooperativ und bereit, Katharinas Perspektive einzunehmen.
      Irgendwann bei der Bearbeitung fiel mir auf, dass das so ein „Brei“ war. Alles war immer da. Und dadurch war nie irgendetwas mal „klar“ – zumindest für den einen Moment.
      Es geht nicht drum, dass die Gefühle nicht auch wechseln können oder „kippen“ usw. Aber sie müssen eben auch „klar“ werden – unabhängig davon, wie kurz der Moment oder Impuls ist. Und beim Schauspielen geht es, glaub ich, nicht anders. Man ist für einen Moment geizig und den nächsten großzügig – aber das geht nicht gleichtzeitig, oder es gibt nur einen „Brei“ …
      Würde mich freuen, wenn das zur Klärung beitragen würde – oder andere ihre Gedanken dazu äusserten …
      Herzliche Grüße aber auf jeden Fall – und vielen Dank für die Nachfrage, jetzt ist es mir selbst nochmal klarer 😉

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      1. Ach, also die zeitliche Auseinanderhaltung? So habe ich es geahnt, aber ich fand die Formulierung irgendwie seltsam.
        Vielleicht, weil ich mehr an Schreiben denn ans Schauspiel dachte. Aber jetzt hast du mir das Verständnis geöffnet. Danke dir.

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  5. Liebe Jutta,

    jedes Glied des Satzes ein Schatz zum Drübernachdenken, werde jetzt gleich meine Figuren abklopfen. Will ich sie klüger machen, als mein eigener Horizont reicht? Verrate ich sie, indem ich sie zum Beispiel einer Lächerlichkeit preisgebe, die sie nicht verdient haben oder setze ich sie in Situationen, in die sie sich nie ohne mich manövrieren würden?
    Würdige ich ihre Widersprüchlichkeit wie ich meine eigene … äh … würdige? Hoppala! Sollte ich auch einmal über meine eigene Widersprüchlichkeit nachdenken? Ihr Raum geben, sie regelrecht vor mir ausbreiten, um sie kennenzulernen? Oder bleibt sie mein Geheimnis?
    Widersprüchlichkeit ist ein spannendes Thema und trägt bekanntlich viele Romane. Das Nacheinander, die Vermeidung eines Breis ist sicher ein Plus. Wie aber gehe ich mit dem Chaos um, wenn ich es beschreiben muss? Die Momente, in denen (für kurze oder lange Zeit) ein Leben aus den Fugen gerät?

    Liebe Grüße
    Sylvia

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    1. Mittlerweile hast du dir die Fragen (s.u.) ja schon selbst weit besser beantwortet, als ich das gekonnt hätte 😉 Vielleicht für den Moment nur eins: Natürlich ist auch das „Nacheinander“ kein „Gesetz“, sondern eher ein hier und da hilfreiche Orientierungshilfe. Und was das „Chaos“ betrifft, da scheint es mir entscheidend zu sein, herauszufinden, um was für eines es sich denn genau handelt. Wie erlebt es die betreffende Person? Was ändert sich wie? Und ganz wichtig: Wie nah oder weit ist das Erleben mit sprachlichen Prozessen verknüpft? Und dann würde ich mir auch manchmal wünschen, dass Autor:innen nicht mit der größten Selbstverständlichkeit und (Selbst)-Sicherheit Zustände oder Situationen schildern, von denen sie viel zu wenig wissen … Aber das ist eigentlich ein anderes Thema …

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        1. Ich finde dein Beispiel mit den Dialogen sehr treffend! Damit etwas „natürlich“ oder „realistisch“ wirkt, muss es anders gestaltet werden, als nur „abgeschrieben“. Was das dann jeweils bedeutet, bzz. wie es gehen kann, muss man dann immer konkret sehen. Ach ja, die andere Frage. Ja. Aber darüber „allgemein“ zu reden, ist, glaube ich, noch unmöglicher ..

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  6. Ich bin mir nicht sicher, ob Autoren und Schauspieler einen vergleichbaren Zugang oder auch nur Umgang mit den Figuren haben. Ich denke, die Herangehensweise ist komplett different und daher drohen auch unterschiedliche Probleme.

    Während ein Autor gut daran tut, die Distanz zu seiner Figur – eher den Figuren – auf eine liebevolle Art zu wahren, damit er den Geschichtsfluss entsprechend steuern kann und die Dinge zwar nachvollziehbar, aber nicht vorhersehbar, macht, ist es beim Schauspieler eher der Abbau der Distanz zu der Figur, der ihn leiten sollte. Das Zulassen und Eintreten in und für eine Figur ist also in meinen Augen eher etwas, dass dem Schauspieler auszeichnet.

    Der Autor kann nur aus sich selber schöpfen und tut das manchmal zu sehr, und ist manchmal auch geneigt, seine Figur zu idealisieren oder sie als verlängerte Persönlichkeit seiner selbst zu nutzen, ohne den Überblick über das Ganze als Ziel zu erkennen.

    Insofern dürfte der Schauspieler wohl sehr in die Gefahr geraten, die Figur zu verraten, der Autor aber eher nicht.

    Was nun die Widersprüchlichkeit anbelangt, so folgt diese in meinen Augen keiner chronologischen Timeline, und muss daher auch nicht hintereinander erfolgen – so schön das klingt, so wenig stimmig ist es. Der Widerspruch ist an sich vollkommen unvernünftig und just in jenen Momentan aktiv in dem er nicht gefallen mag. Ich würde stattdessen eher die Nachvollziehbarkeit, die Ehrlichkeit eines Charakters in den Vordergrund stellen, um eine Nähe zu schaffen, die Personen ganzheitlich erfasst. Und dazu gehört, wie es bei Liebe so ist, die Fehlbarkeit dazu. Die Liebe, die von Eifersucht geplagt ist, die Abwehrhaltung gegenüber einem anderen, die genauso eine Faszination für diese Person enthält, die Trauer, die als Befreiung empfunden wird, die Ordnungsliebe eines Messies und ähnliches. Die Widersprüche erfolgen hier nicht hintereinander, sondern sind bestehende, immer wieder gelebte Charakteranteile, die gleichsam zeitgleich ihren Tribut fordern.

    Oder habe ich etwas falsch verstanden?

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    1. Hallo jtaelling,

      als Autorin versuche ich schon, mich in eine Figur hineinfallen zu lassen. Ich muss nur zusehen, dass ich wieder aus ihr herauskrabble, um auch der nächsten gerecht zu werden. Dabei sehe ich keinen große Unterschied zum Schauspieler. Auch Autoren können sich in ihren Figuren verfransen. Das wäre ja mal ein schönes Thema: Ich werde zu meiner erfundenen Figur. Aber wahrscheinlich gibt es das schon mehrfach.
      Das Hineinversetzen in eine Figur birgt immer die Gefahr der Grenzüberschreitungen, des Verrats etc., egal, ob sie gedacht, also konstruiert oder gespielt und somit auch konstruiert wird.

      Eine Figur muss ich authentisch agieren lassen, auch in ihrer Widersprüchlichkeit, klar. Die Frage ist nur, ob ich sie zu chaotisch darstellen darf. Kommen die Leser noch mit, wenn ich einen Brei, wie Jutta das so schön beschrieben hat, aus der Gefühlswelt koche? Der Roman ist nicht das Leben, sondern ein Konstrukt des Lebens, das gewissen Regeln folgt, um die Geschichte verständlich zu machen. Ein Beispiel dafür sind Dialoge. Die sind nicht eins zu eins übertragbar, weil sie langweilig und chaotisch für den Leser wären.

      Mittlerweile bin ich dabei, meine eigene Frage aus meinem vorherigen Kommentar zu beantworten: Im Aufbau der Figur, also in der Vorstellungsrunde sozusagen, kann ich als Autorin schon den Widerspruch einbauen. Ist die Figur mit ihren Gegensätzen bekannt, darf ich sie vielleicht auch einmal ins Chaos stürzen. Oder?

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      1. Ich vermute, es gibt unterschiedliche Ansichten über Verrat.

        An das, was du er erwähnst, hatte ich nicht gedacht, als ich das Wort Verrat las. Verrat ist in meinen Augen ein Blossstellen, mich über die Figur zu erheben.

        Grenzüberschreitungen, sich in einer Figur verfransen hätte ich hier nicht eingeordnet. Bevor es zu kompliziert wird: für mich war ein Verrat nicht mit dem Eintritt in eine Figur möglich, sondern eher mit einer Außenbetrachtung.

        So wie du es schilderst, kann ich dem nicht widersprechen, würde es dann aber auch nicht als Problem sehen, sondern als Prozess.

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      2. Ich gebe zu, dass ich damit angefangen habe – aber jetzt muss ich dennoch langweiligerweise darauf hinweisen, dass sich das so allgemein unmöglich sagen lässt. Das Wort „Chaos“ beunruhigt mich darüberhinaus in diesem Kontext ein wenig 😉

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    2. Vielen Dank für deinen nachdenklichen Kommentar! Für mich sind solch plakative Aufforderungen, wie die, seine Figuren nicht zu verraten (die im übrigen nicht von Dieter Dorn stammt, sondern sich ja in vielen „Ratgeber“-Texten finden lässt) immer mal wieder willkommene Anlässe zum Nachdenken über mein Schreiben und dann in einem zweiten Schritt auch allgemeiner über das Schreiben. Und eigentlich erschöpft sich deswegen der Sinn einer solchen Äußerung für mich in der Frage, ob sie mir eine neue Perspektive, Fragestellung, vielleicht sogar eine neue Erkenntnis ermöglicht. Da es mir also nicht um die „Wahrheit“ dieser Aussage geht, mag ich sie hier jetzt gar nicht groß „verteidigen“, kann aber gut nachvollziehen, dass sie dir nicht einleuchtet.
      Was das Problem der Widersprüchlichkeit betrifft, stimme ich dir absolut, was die reale (sozusagen empirische) Widersprüchlichkeit betrifft. Die andere Frage ist: Wie gestalten ich sie in der Darstellung? Das bedeutet nicht immer und ausschließlich „nacheinander“, aber es kann eine Möglichkeit sein … Viele Grüße!

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