(12) Geschichtengenerator in Aktion

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Ob John oder Erkan, Clara oder Luise, Tom oder Flo: Heute wird gebeichtet – und zwar die richtig großen Dinger! Vielleicht habt ihr bereits eine Figur, der ein mieses kleines Geheimnis ganz gut täte, vielleicht schnappt ihr einen der herumliegenden Namen oder denkt euch einen aus: wie immer beim Geschichten-Generator ist alles erlaubt.

Als ich kürzlich diese Schreibanregung in einer Werkstatt ausprobierte, in der unverhofft noch ein wenig freie (Schreib)-Zeit war, gefiel mir die Idee, dass das auch eine Alternative zu den „Biographien“ sein könnte, die viele glauben, für ihr gesamtes Romanpersonal aufwändig anlegen zu müssen. Es spricht nichts dagegen (außer die Verlockung, sämtliche darin auftauchenden Informationen später auch im Text unterzubringen) und wer dadurch eine konkretere Vorstellung seiner Figuren bekommt, soll es unbedingt tun. Aber auch das muss man nicht machen und wer es bisher mit schlechtem Gewissen gescheut hat, könnte diese Version der Annäherung an eine Figur einmal ausprobieren.

Und für alle, die Lust haben, „einfach“ einen kleinen Text, eine kleine Skizze zu schreiben: Wer könnte das sein, der oder die da beichtet und wem? Oder ist da vielleicht niemand, der zuhört? Ist einfach gegangen oder war von Anfang an niemand? Ist eine Beichte als Selbstgespräch vorstellbar? Und wie zerknirscht ist die Person? Spielt sie uns etwas vor? Oder war es vielleicht alles gar nicht so schlimm? Oder noch viel schlimmer?

Oft begegne ich in Werkstätten Menschen, die zunächst Hemmungen haben, sich etwas Böses, etwas Fieses oder Gemeines auszumalen. Hier wäre eine schöne Möglichkeit, einmal ein paar Leichen aus dem Keller zu holen – oder in ihm verschwinden zu lassen!

Ich freue mich wie immer auf Ideen, kleine Skizzen und Notizen und wenn die Beichte etwas länger ausfällt, dann soll es mir auch recht sein …

 

Autoren und Schauspieler dürfen ihre Figuren nicht verraten

Unter dem Rimbaud-Motto „Ich ist ein anderer“ findet sich auf diesem Blog bereits ein kurzer Eintrag, in dem ich Ähnlichkeiten in der Arbeit von Autor:innen und Schauspieler:innen notiert habe. Daran musste ich gestern denken, als ich in der FAZ in einem ausführlichen Interview mit dem Theater- und Opernregisseur Dieter Dorn, dessen Antwort auf die Frage las, was einen großen Schauspieler ausmache:

„Nicht klüger sein zu wollen, als seine Figuren, sie nie verraten, ihre Widersprüche hintereinander spielen, nie gleichzeitig. Der Figur ihr Geheimnis lassen und dann allerdings auch die Fähigkeit, zu sagen: Jetzt bringe ich die Zuschauer mal zum Heulen – und dann werden im Parkett die Taschentücher gezückt.“

Wenige Zeilen, zu denen sich so viel sagen ließe. Allein die Aufforderung, seine Figuren nicht zu verraten, liest sich so leicht und selbstverständlich und stellt manchen doch vor erstaunliche Herausforderungen. Was mich aber gerade besonders anspricht, ist die „Übertragbarkeit“ der Aufforderung, „Widersprüche hintereinander zu spielen“.

Figuren mit Widersprüchen auszustatten, ist für Autor:innen Alltagsgeschäft. Wer es unterlässt, landet fast unvermeidlich in den Niederungen der Klischees. Vielleicht ist dies der Grund, warum das Ergebnis manchmal dennoch nicht überzeugt. Lieblos und ohne echte Einfühlung wird nur ein scheinbar beliebiges Gegenteil „eingebaut“, als wenn das schon reichen würde, der Figur Originalität zu verleihen. Die Aufforderung, die „Widersprüche“ hintereinander zu spielen, kann das verhindern helfen, weil sie Klarheit einfordert: Was genau ist der Fall in einem bestimmten Moment – und wie und wodurch wird es anders in einem anderen?