Fundstück: Wovon man nicht reden kann, …

… darüber muss man schweigen. Ist einer der bekannteren Sätze Wittgensteins – und wer wünschte sich nicht manchmal, dass sich irgendjemand daran hielte?!

Aber ist gleichzeitig nicht auch das Gegenteil wahr? Können, sollen, dürfen wir, gerade wenn wir schreiben, nicht auf die Suche gehen nach Worten für das, wofür wir keine Worte haben? Oder sollten wir nicht zumindest versuchen, uns dem „stummen“ Zentrum so weit zu nähern, wie es (uns) möglich ist?

In einem Gespräch, das am 07.12.2013 in der faz veröffentlicht wurde, spricht der israelische Autor David Grossman über sein neues Buch „Aus der Zeit fallen“. Über den Tod seines Sohnes Uri, der 2006 an einem der letzten Tage des Libanon-Krieges starb, während Grossman an dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ arbeitet – in dem eine Frau versucht, den Tod ihres Sohnes dadurch zu verhindern, dass sie läuft und läuft und  dadurch nicht zu Hause ist und eine Todesnachricht eben gar nicht in Empfang nehmen kann. Und Grossman spricht darüber, wie unerträglich es für ihn war, in den zahlreichen Kondolenzbriefen, insbesondere auch von Schriftstellern aus der ganzen Welt, immer wieder zu lesen, dass sie sprachlos seien. Dass ihnen die Worte fehlten.

„Für mich war diese Situation unerträglich. … Wenn es keine Worte mehr gibt, kommen die Klischees. In so einer Situation überschütten dich die Menschen  damit. Das fühlt sich schrecklich an. Als würde dir jemand ein Eisenhemd überziehen. … Ich erinnere mich noch, wie ich zu meiner Frau sagte, dass ich, wenn ich schon gestraft bin damit, auf diese Insel der Trauer verbannt zu sein – ein schlimmer Ort – dann will ich ihn wenigstens kartographieren. Ich will ihn zeichnen, bezeichnen, indem ich allen Gefühlen einen Namen gebe, alle Möglichkeiten benenne, die es dort gibt.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/david-grossman-im-gespraech-ich-bin-verbannt-auf-die-insel-der-trauer-12698504.html

„Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt“, sagt auch Herta Müller in dem Aufsatz „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, der in dem Band „Der König verneigt sich und tötet“ enthalten ist und beschreibt darin die existentielle Erfahrung des Verlustes, des „Absturzes“ von Worten: „Was kann das Reden? Wenn der Großteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch die Wörter ab. Ich hab die Wörter abstürzen sehen, die ich hatte. Und war mir sicher, dass mit ihnen auch die abstürzen würden, die ich nicht hatte, wenn ich sie hätte.“

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