Müssen gute Geschichten schlecht enden? Darf es in der „anspruchsvollen Literatur“ ein „Happy End“ geben?

Screenshot 2015-12-31 12.47.56In einer Rezension des Romans „Und die Sonne scheint“ von Bodo Morshäuser in der FAS vom 13.04.2014 schreibt Volker Weidermann: „Bizarr schön, aber auch etwas kitschig. (…) Wie könnte es nicht etwas kitschig sein, die Geschichte einer Rettung.“ Müssen also gute Texte schlecht enden? Gibt es eine Vorschrift, die das „Happy End“ in der anspruchsvollen Literatur (oder auch im „künstlerisch wertvollen“ Film) verbietet?

Ein gutes, ein richtiges Ende zu finden, ist oft eine der größeren Herausforderungen beim Schreiben, legt es doch endgültig fest, mit was für einer Geschichte wir es zu tun haben. Das mag sich seltsam anhören, weil man annehmen könnte, schon zum Schreiben selbst, müssten wir das wissen, aber so verhält es sich nicht. Oder jedenfalls nicht, wenn wir unter „wissen“ verstehen, dass wir die zentralen Aspekte einer Geschichte in zwei, drei Sätzen zusammenfassen können. Ich kann das manchmal erst mit großem zeitlichen Abstand. Und manchmal irre ich mich auch darüber, was das für eine Geschichte ist, die ich aufgeschrieben habe. Es kann erhebliche Diskrepanz geben zwischen der Geschichte, die ich „mir vorstelle“ und derjenigen, die ich notiert habe. Andere Fragen oder Figuren schieben sich in den Vordergrund und behaupten, für jede Leserin ersichtlich, ihren  Platz – nur ich kann es nicht sehen. Das ist ein wesentlicher Grund, warum der Austausch über Texte auch da schwierig und mühsam werden kann, wo alle guten Willens sind.

Wenn wir also ein Ende für unsere Geschichte suchen, dann suchen wir gewissermaßen nach einem zweiten Punkt, der die Gerade (unsere Geschichte) eindeutig mit dem ersten Punkt (dem Anfang) verbindet. Und das gilt ebenfalls für das „offene Ende“ – das so offen ja auch nicht ist, als dass wir jeden beliebigen Punkt dafür auswählen könnten. Weil Anfang und Ende aufeinander verweisen (sollten), kann der Blick auf den Anfang hilfreich sein – ebenso, wie es sinnvoll ist, sich den Anfang nochmals anzusehen, wenn das Ende geschrieben ist. Und eine weitere Überlegung kann weiterhelfen: Jede Geschichte ist nicht zuletzt ein gewählter Ausschnitt in der Zeit. Wir können früher/später einsetzen und später/früher enden – auch das kann eventuell eine Schieflage beheben.

Soviel vorweg, um zu der angekündigten Frage zurückzukehren: Darfs auch ein gutes Ende sein? In seinem Vortrag „Dramaturgie einer Himmelsnacht: Die Liebe in der Literatur und das Ärgernis des Happy-Ends“, (abgedruckt in „Öffentliche Verehrung der Luftgeister“, 2003) verhandelt der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt außerordentlich anregend und kenntnisreiche die Frage: „Unter welchen Umständen ist der glückliche Ausgang in der Literatur gerechtfertigt?“. Seine Antwort: „Je gefährlicher die Krise war, die mit dem Moment des guten Ausgangs überwunden wird, umso legitimer ist das fröhliche Ende.“

Mir gefällt die Vorstellung, dass Literatur wesentlich von Krisen erzählt und es daher neben den Erzählungen vom Scheitern, von Unglück und Tod auch solche geben sollte (und immer gegeben hat) in denen die „Glocken läuten, wenn einer, der Schiffbruch erlitten hat und am Ersaufen war und sich gewehrt hat und durchgehalten hat, schließlich an Land kriecht, und da sitzt er nun und leckt seine Schrammen und die liebe Sonne trocknet ihn“.

Allerdings existiert für mich noch ein weiteres Kriterium, durch welches das „gute Ende“ erst möglich wird: Wenn es die Geschichte nicht „erdrückt“, wenn es nicht eine Folgerichtigkeit behauptet, die mich als Leserin vergessen lässt, dass auch andere Verläufe möglich waren, wenn es nicht die Illusion nährt, „sämtliche Strapazen seien nun nicht mehr der Rede wert“.

„Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers“

ist der Titel eines Aufsatzes von Wilhelm Genazino aus dem Sammelband „Idyllen in der Halbnatur“ (2012). Er ging mir in den letzten Tagen öfter durch den Sinn, wenn ich über die Rezensionen nachdachte, die ich zu Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“ gelesen hatte und die mir ziemlich verrückt vorkamen.

Genazino geht von einer Beobachtung aus, die viele Leser:innen kennen: „(Denn) es sind Texte, die uns auf unerklärliche Weise oft näher sind als selbst vertraute Personen.“ Aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens entsteht die Vorstellung, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen. Aber wie können wir über Autoren etwas herausfinden?“

Und nun kommt die zentrale Überlegung des Textes: „Er (der Leser) verschiebt sein Interesse (die erste Verschiebung bewegte sich vom Text auf den Autor) ein weiteres Mal, diesmal vom Autor auf das Bild des Autors.

Nun hat es in der Vergangheit zahlreiche Überlegungen und Anmerkungen zu der Art und Weise gegeben, in der Judith Hermann sich ins Bild setzt (gesetzt wird?!), aber ich möchte diesem Gedanken nicht weiter nachgehen, mir kommt es auf die erste von Genazino erwähnte „Verschiebung“ an.

Ich möchte dazu die Anfänge von Rezensionen zitieren, die beide kürzlich in der FAZ erschienen sind, beides Besprechungen von „Aller Liebe Anfang“.

Edo Reents schreibt am 28.08.2014: „Judith Hermann hat zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen.“ (Die vollständige Rezension und weitere sind verlinkt auf  Begleitschreiben in einem sehr lesenswerten Beitrag von Gregor Keuschnig, der vollkommen zu Recht seine Empörung über diese Kritik äussert, die so höhnisch weitergeht, wie sie beginnt.)

Bereits am 24.08.2014 hatte Volker Weidermann seine ungleich positivere Roman-Besprechung in der FAS so begonnen: „Das ist irgendwie verrückt, wie direkt die Bücher von Judith Hermann auf die Leser zu wirken scheinen. Sie fühlen sich angezogen, in die Bücher hineingezogen, verlieben sich in Romanfiguren oder gleich in die Autorin selbst, finden ihr eigenes Lebensgefühl in diesen Büchern gespiegelt oder eines, das sie gern fühlen, das sie gern leben würden.“

In manchen Kommunen oder auch größeren Unternehmen gab es in den letzten Jahren Pilotprojekte mit sog. „Anonymen Bewerbungen“, bei denen auf Angaben zu Geschlecht, Herkunft u. a. zunächst verzichtet wurde. Dieses von Antidiskrimierungsinitiativen geforderte Vorgehen hatte die Folgen, die man erwarten konnte: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen mit Kindern, Personen mit Behinderung, sowie Ältere wurden zu Bewerbungsgesprächen eingeladen und konnten dann im direkten Kontakt auch überzeugen.

Wie würden sich unsere Lektüren ändern, wenn wir nicht wüssten, wer den Text, den wir gerade lesen, geschrieben hat? Was würde uns fehlen und was würden wir hinzugewinnen? Sollte es nicht Konsens sein, dass wir vor allem den (aktuellen) Text in den Blick nehmen? Und dass wir, zumindest sobald wir der Öffentlichkeit unsere Lektüreeindrücke mitteilen, einmal tief durchatmen und unsere aktuellen und früheren Verliebtheiten und Ärgernisse versuchen aus den Köpfen zu schütteln? Es wäre ein Wunsch vieler Autor:innen …