„Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers“

ist der Titel eines Aufsatzes von Wilhelm Genazino aus dem Sammelband „Idyllen in der Halbnatur“ (2012). Er ging mir in den letzten Tagen öfter durch den Sinn, wenn ich über die Rezensionen nachdachte, die ich zu Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang“ gelesen hatte und die mir ziemlich verrückt vorkamen.

Genazino geht von einer Beobachtung aus, die viele Leser:innen kennen: „(Denn) es sind Texte, die uns auf unerklärliche Weise oft näher sind als selbst vertraute Personen.“ Aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens entsteht die Vorstellung, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen. Aber wie können wir über Autoren etwas herausfinden?“

Und nun kommt die zentrale Überlegung des Textes: „Er (der Leser) verschiebt sein Interesse (die erste Verschiebung bewegte sich vom Text auf den Autor) ein weiteres Mal, diesmal vom Autor auf das Bild des Autors.

Nun hat es in der Vergangheit zahlreiche Überlegungen und Anmerkungen zu der Art und Weise gegeben, in der Judith Hermann sich ins Bild setzt (gesetzt wird?!), aber ich möchte diesem Gedanken nicht weiter nachgehen, mir kommt es auf die erste von Genazino erwähnte „Verschiebung“ an.

Ich möchte dazu die Anfänge von Rezensionen zitieren, die beide kürzlich in der FAZ erschienen sind, beides Besprechungen von „Aller Liebe Anfang“.

Edo Reents schreibt am 28.08.2014: „Judith Hermann hat zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen.“ (Die vollständige Rezension und weitere sind verlinkt auf  Begleitschreiben in einem sehr lesenswerten Beitrag von Gregor Keuschnig, der vollkommen zu Recht seine Empörung über diese Kritik äussert, die so höhnisch weitergeht, wie sie beginnt.)

Bereits am 24.08.2014 hatte Volker Weidermann seine ungleich positivere Roman-Besprechung in der FAS so begonnen: „Das ist irgendwie verrückt, wie direkt die Bücher von Judith Hermann auf die Leser zu wirken scheinen. Sie fühlen sich angezogen, in die Bücher hineingezogen, verlieben sich in Romanfiguren oder gleich in die Autorin selbst, finden ihr eigenes Lebensgefühl in diesen Büchern gespiegelt oder eines, das sie gern fühlen, das sie gern leben würden.“

In manchen Kommunen oder auch größeren Unternehmen gab es in den letzten Jahren Pilotprojekte mit sog. „Anonymen Bewerbungen“, bei denen auf Angaben zu Geschlecht, Herkunft u. a. zunächst verzichtet wurde. Dieses von Antidiskrimierungsinitiativen geforderte Vorgehen hatte die Folgen, die man erwarten konnte: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen mit Kindern, Personen mit Behinderung, sowie Ältere wurden zu Bewerbungsgesprächen eingeladen und konnten dann im direkten Kontakt auch überzeugen.

Wie würden sich unsere Lektüren ändern, wenn wir nicht wüssten, wer den Text, den wir gerade lesen, geschrieben hat? Was würde uns fehlen und was würden wir hinzugewinnen? Sollte es nicht Konsens sein, dass wir vor allem den (aktuellen) Text in den Blick nehmen? Und dass wir, zumindest sobald wir der Öffentlichkeit unsere Lektüreeindrücke mitteilen, einmal tief durchatmen und unsere aktuellen und früheren Verliebtheiten und Ärgernisse versuchen aus den Köpfen zu schütteln? Es wäre ein Wunsch vieler Autor:innen …

34. Beunruhigen Sie sich – zumindest gelegentlich!

Nils Minkmar hat für die FAZ ein sehr interessantes und ausführliches Gespräch mit Judith Hermann geführt, in dem sie über ihr Schreiben und vor allem natürlich über ihren, dieser Tage erscheinenden, Roman „Aller Liebe Anfang“ spricht.
(www.faz.net/aktuell/feuilleton/judith-hermann-im-gespraech-mein-sohn-findet-meine-aengste-voellig-uebertrieben-13076898.html)

Judith Hermann berichtet in diesem Gespräch von dem Kontrast zwischen der lebensfreudigen Zuversicht ihres 14-jährigen Sohnes, dass schon alles gut gehen werde und ihrer eigenen Besorgnis, „dass die Dinge sich von einem auf den anderen Moment ändern können. (…) Es klingelt an der Tür, und danach ist nichts mehr wie zuvor.“

Wer sich der Gefährdungen, der Bedrohungen unseres Lebens (fast) ständig bewusst ist, wer immerzu sieht, wie alles sich auch ganz anders entwickeln könnte, der hat im Leben vielleicht ein paar Probleme mehr als andere – und mit ein bisschen Glück dafür weniger beim Schreiben. (Wie meistens ist auch hier die Gegenüberstellung von „Leben“ und „Schreiben“ irreführend, aber um der kleinen Pointe willen, habe ich sie mir mal erlaubt …) Wer von der Möglichkeit einer Katastrophe ständig umgeben ist, braucht nicht mehr besonders viel Phantasie, um aus ihr eine  „wirkliche“ Geschichte werden zu lassen.

Und was ist mit den armen Menschen, die hoffnungsvoll und optimistisch ihrer Wege gehen – kann denen denn gar nicht geholfen werden? Ich denke schon 😉 Unabhängig vom Ausmaß unserer Besorgnisse, gibt es doch für jede/n Gedanken oder Vorstellungen, die beunruhigend sind. Und vorsichtig können wir diesen Vorstellungen einmal nachgehen. Mit ihnen spielen. Sie größer oder kleiner werden lassen oder sie unterschiedlichen Figuren „zumuten“. Wichtiger als all die biographischen Details, die wir angeblich brauchen, um eine Figur lebendig werden zu lassen, scheint mir die Frage: Was beunruhigt sie? Und ist ihr das bewusst? Oder ist die Beunruhigung so groß, dass sie an den äussersten Rand des Lebens gedrängt werden muss? Welche Formen nimmt sie dort an?

In diesem Sinne: Beunruhigen Sie sich – zumindest gelegentlich!