Jeder (Schulhaus)Roman ist ein neues Abenteuer

Ich habe schon mehrfach auf diesem Blog darüber berichtet, was für ein wunderbares Projekt es ist: Das gemeinsame Schreiben und Entwickeln eines Romans mit einer Schulklasse. Und ich hatte mir vorgenommen, als ich im Herbst 2018 unter dem Titel 42. KW: Ein neuer Schulhausroman entsteht, von dem ersten der nur acht zweistündigen Workshop-Terminen in der Oberschule Sebaldsbrück berichtet habe, ich hatte mir vorgenommen und auch großspurig angekündigt, von jedem dieser Termine zu berichten.
Und nun ist am kommenden Dienstag die feierliche Präsentation der 3 Schulhausromane, die in diesem Jahr in Bremen entstanden sind (zwei, deren Entstehung von Feridun Zaimoglu unterstützt wurde und einer von mir) – und ich muss die guten Vorsätze auf das nächste Mal verschieben.
Aber ich habe mich ja auch mit den Fragen, was ein Schulhausroman ist und wie er entsteht schon einmal beschäftigt und dabei vor allem versucht, einen weit verbreiteten Irrtum auszuräumen – dass es ein Rezept oder einen Ablaufplan gäbe, an den sich alle beteiligten Autor*innen halten. Das Gegenteil ist der Fall: Jeder Schulhausroman ist ein neues Abenteuer. So wie sich die Autor*innen darin unterscheiden, wie sie an ihren eigenen Texten arbeiten, wie detailliert sie den Plot festlegen, bevor sie mit dem Schreiben beginnen, so sehr unterscheiden sie sich auch in ihrer Arbeit mit den Schulklassen. Und zusätzlich passiert dann eigentlich immer auch noch etwas, das alles Pläne umwirft – so ist eben der kreative Prozess.
Ich wollte es zum Beispiel diesmal (ausnahmsweise) mit einer schönen, ordentlichen Planung angehen. Gerade bei einer größeren Gruppe erleichtert es die Arbeit sehr, wenn alle halbwegs wissen, wo die Reise hingehen soll und wer für welche Wegstrecke verantwortlich ist. Aber dann, als wir die Arbeit am Plot gerade beendet hatten – da kam eine Schülerin mit einem Anfang, den sie geschrieben hatte. Ein großartiger Anfang, der manches enthielt, das wir gemeinsam überlegt hatten, aber auch viele andere Ideen. Richtig gute Ideen. So ist es ja oft – die wirklich originellen Ideen entstehen erst beim Schreiben. Und gerade auf sie kommt es doch an …
Und deswegen ist Nico jetzt derjenige, der plötzlich stottert und der unbedingt zurück will nach München, wo er bis vor kurzem gelebt hat. Aber dann steigt er in einen falschen Zug und landet in …
Wer wissen will, wo Nico landet und welche Herausforderungen er und die anderen jugendlichen Helden zu bestehen haben, ist herzlich eingeladen in den Bremer Wallsaal (Stadtbibliothek) am 18. Juni um 18 Uhr. Die Schüler*innen lesen und Richard Reich, der den Schulhausroman erfunden und entwickelt hat, wird eigens aus Zürich anreisen – ich bin mir sicher, es wird eine große Freude!

Nach dem Roman ist vor dem Roman

Gestern war es soweit! Ich saß im Bremer Ostertorbuchladen hinter einem freundlicherweise grünweiß eingedeckten Lesetischchen, die unvermeidliche Lampe schien auf die aufgeschlagen vor mir liegenden „Wiederholten Verdächtigungen„, ich fragte mich, ob ich es riskieren sollte, von dem Mineralwasser zu nippen, obwohl es Kohlensäure enthielt, was mich in der Vergangenheit schon in die Nähe unangenehmer Situation gebracht hatte (unkontrolliertes Aufstoßen!), ich fragte mich weiter, warum die tatsächliche von der vorab berechneten Lesezeit abwich und ich glaube, es war in genau diesem Moment, dass ich spürte: es wird Zeit, den neuen Roman zu beginnen!

Zum Glück traf mich diese Erkenntnis nicht unvorbereitet, denn „eigentlich“ habe ich schon mit dem Schreiben eines neues Romans begonnen: es gibt einen (für meine Verhältnisse) detaillierten Plot, es gibt zwanzig Seiten halbwegs vorzeigbaren Text und eine Fülle an verstreuten Notizen. Und ich war diese Woche in einer Bremer Schule, um zu recherchieren, um Eindrücke zu sammeln, denn meine Protagonistin, eine junge Schriftstellerin (oder ist sie vielleicht „nur“ Bloggerin?) wird im Rahmen ihres Aufenthaltsstipendiums eine Schreib-AG leiten müssen – und wird es dabei nicht leicht haben. Also werde ich an den nächsten beiden Dienstagen mit Schüler:innen einen Schreib-Workshop veranstalten, weil der letzte schon ein bisschen zurückliegt.

Dann kann es doch losgehen? Noch nicht ganz. Einen Monat muss ich mich noch gedulden, muss ich noch andere angefangene (Text)-Projekte zu einem (zumindest vorläufigen) Ende bringen – muss ich die allerletzten Feinarbeiten am „Geschichten-Generator“ vornehmen, damit er dann (Hurra!) in die Serienproduktion gehen kann. Aber weil die Gefahr groß ist, dass immer noch etwas dazwischenkommt, habe ich heute beschlossen: Am 1. November geht es los! Ab da wird es feste Zeiten für den Roman geben …

Wie immer freue ich mich über Eure Fragen, Anregungen oder Erfahrungen: Wie geht ihr ein neues (Schreib)-Projekt an? Was müsst ihr wissen über einen Text und was ergibt sich erst „unterwegs“? Der spanische Schriftsteller Javier Marías schreibt dazu in einem sehr interessanten Beitrag in der gestrigen FAZ: „Wenn ich schon alles von Anfang an weiß, worin liegt der Reiz, es zu Papier zu bringen, wenn ich dabei nichts Neues erfahre?“ Was meint ihr?

Sagen Sie – bitte in einem Satz – wovon handelt Ihr Roman?

Created with Nokia Smart Cam

Ich habe mich jahrelang geweigert. Unmöglich, habe ich gesagt. Was wäre das für ein Roman, der sich in einem Satz wiedergeben ließe? Warum ihn dann noch schreiben?

Es muss ja nicht EIN Satz sein. Aber sagen Sie doch einfach, um was es geht? Wovon handelt ihr Roman? Auch darauf hatte ich keine Antwort. Natürlich wusste ich, wovon der Roman handelte – jedenfalls nach ein paar Jahren. Aber das ist doch nur der Plot, entgegnete ich dann ein wenig gequält. Der Plot, die Handlung – das ist, als würde ich statt eines sorgfältig gekochten Essens das Rezept herzeigen sollen … Es ist doch der Ton, der Rhythmus der Sprache, die Atmosphäre die einen literarischen Text erst ausmachen.

Das stimmt – und ist doch zugleich nur „die halbe Wahrheit“. Denn jetzt, wo die Arbeit am Roman beendet ist, wo sein Erscheinen unmittelbar bevorsteht, da merke ich, dass ich so nicht weiterkomme. Dass es nicht nur unklug ist, sondern auch naseweis. Und dass es ja vielleicht auch der fragenden Person gar nicht unbedingt um die Handlung geht, sondern darum, etwas über den Text zu erfahren. Was daran besonders sein könnte. Was für mich besonders daran sein könnte.

Ich habe darüber nachgedacht und über einige andere Fragen die „Wiederholten Verdächtigungen“ betreffend und ich habe einmal mehr festgestellt, dass sich vieles erst klärt, wenn die Arbeit an einem Text beendet ist. Wenn nicht mehr die Frage im Vordergrund steht: Was könnte auch anders, was könnte noch besser/klarer/genauer sein.

Ich bilde mir ein, den Text und seine spezifischen Herausforderungen jetzt viel besser zu verstehen: Wie sehr die Erzähllogik der Geschichte und die innere Logik der Figuren in einem Spannungsverhältnis stehen. Und dass die Herausforderung nicht darin bestand, den Text spannend werden zu lassen, sondern spannend und glaubwürdig zugleich.

So denke ich also gerade viel vor mich hin und da ich Schwierigkeiten habe, zu denken ohne zu schreiben, kritzele ich dabei ein bisschen herum (s. o.). Und suche nach Sätzen, die etwas verraten über den Text. Natürlich nicht alles, noch nicht einmal sehr viel, die aber einen ersten Hinweis geben können. Hier kommt nun also mein aktueller Favorit: „Der Roman erzählt die Geschichte von Christoph, dessen Leben innerhalb weniger Monate ins Wanken gerät – und der noch nicht einmal weiß, warum.“

Am 09.02.2015 kommen die „Wiederholten Verdächtigungen“ in den Handel, ab dann freue ich mich sehr auch über Eure/Ihre Vorschläge für einen vielsagenden Satz – und bevor es jetzt also bald so weit ist, verabschiede ich mich erst noch Mal für ein paar Tage ans Meer …

Irrtümer über das Schreiben: Den meisten fehlt es an Disziplin

Von den vielen Menschen, die ich kenne, die schreiben oder gerne schreiben würden, finden fast alle, dass es ihnen  an Disziplin fehlt. „Wenn ich nur ein bisschen disziplinierter wäre“, seufzen sie und manchmal sprechen sie auch aus, was dann der Fall wäre: Sie hätten die Arbeit an dem Roman, an dem sie seit Jahren herumschreiben, beendet. Und hätten möglicherweise auch einen Verlag oder zumindest eine Veröffentlichung oder einen Text, den man guten Gewissens anderen vorzeigen kann. Was wäre alles möglich mit nur ein bisschen Disziplin, fragen Menschen, von denen ich weiß, dass sie schon einen Marathon gelaufen sind oder dass sie seit Jahren mit Beruf und Kindern und der Unterstützung alternder Eltern jonglieren. Oder die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag für zwei Stunden in einen Raum der Volkshochschule begeben und dort konzentriert mit anderen über Figuren, Plots und Perspektiven austauschen.

Ich glaube nicht an Disziplin. Jedenfalls nicht in der Weise, in der das die meisten Menschen tun. Ich glaube nicht, dass es „Disziplinmangel“ ist, der so viele davon abhält, so oft zu schreiben, wie sie es sich eigentlich wünschen. Ich glaube, es gibt zwei Gründe, die uns das Schreiben oft schwer machen und das ist zum einen die Angst, dass uns nichts (Gutes) einfällt und zum anderen, dass wir (noch) keine Idee, keinen Text, kein Schreibprojekt gefunden haben, das uns selbst begeistert oder zumindest interessiert oder jedenfalls „in sich hineinzieht“. Denn in den „Sog“, den wir als Leser:innen gelegentlich verspüren, können wir ja auch schreibend geraten. Natürlich nicht immer und ständig und natürlich braucht es dann auch mal Ausdauer, oder meinetwegen auch Disziplin, um weiterzumachen, wenn sich die erste große Begeisterung („Auf diesen Text hat die Welt gewartet!“) allmählich auflöst.

Mein Eindruck ist, dass Menschen, die viel und/oder professionell schreiben, sehr genau wissen, dass von den vielen Einfällen, die man hat und die man vielleicht auch notiert, dass davon nur  wenige in Frage kommen, um wirklich weiterverfolgt zu werden. Und dass man, wenn man so ein „Schätzchen“ gefunden hat, gut daran tut, es zu hegen und zu pflegen – und weil es ein „Schätzchen“ ist, werden auch die zwangsläufig auftretenden Zweifel und Anfeindungen uns nicht ernsthaft erschüttern können und falls wir es vermurksen, werden wir von vorne beginnen und es mit einer anderen Umgebung versuchen oder einem anderen Ton, einer anderen Perspektive usw.

Verständlicherweise sind Menschen, die mit dem Schreiben beginnen, so froh, wenn sie überhaupt eine Idee haben, dass sie sofort loslegen wollen – und es gibt auch keine vernünftige Alternative dazu. Aber wenn es dann hakt und die Lust verlorengeht, liegt es eben oft nicht an mangelnder Disziplin, sondern daran, dass die Idee nicht gut genug war – oder dass die Handlung in eine Sackgasse geraten ist (aus der es vielleicht ja sogar einen Ausweg gibt). Und nichts hält uns so so sehr vom Schreiben ab, wie die Sorge, wir könnten qualvolle Stunden vor einem leeren Blatt sitzen – oder vor einem, auf dem nichts Gescheites steht.

Ich habe mit dieser Sorge, dass mir nichts halbwegs Brauchbares einfallen wird, viele Jahre zugebracht – obwohl es mir nicht ein einziges Mal passiert war. Obwohl sich immer rasch  Sätze auf dem Papier einfanden, mit denen etwas anzufangen war. Und dann war es mir zu irgendwann zu blöd und ich beschloss, mich als lernfähig zu erweisen.

Für diejenigen, die  sich selbst noch nicht mit einer halbwegs gelingenden Praxis überzeugen können: Manchmal können paradoxe Interventionen helfen: Nicht länger als 90 (oder 45) Minuten und nicht öfter als einmal (zweimal) die Woche! Aber wirklich dran halten – sonst funktioniert es nicht!

Von den Schwierigkeiten einen Roman zu schreiben: Was bisher geschah …

Als ich meinen zweiten Roman zu schreiben begann, hatte ich eine Idee – aber ich kannte sie nicht. So kommt es mir jetzt vor. Nach mehreren Jahren des Schreibens. Umschreibens. Verwerfens von Figuren, Passagen, Kapiteln, Handlungssträngen. Vor drei Jahren schien der Text zum ersten Mal „fertig“ zu sein. Aber dann stimmte etwas daran doch noch nicht. „Funktionierte“ nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Oder war zuviel.

Was ist überhaupt geblieben von der Idee, den Ideen des Anfangs? Von der ersten Version des Textes? Erstaunlich wenig. Selbst der erste Satz, der sich so lange behaupten konnte, und den ich so stark fand, der lange Zeit überhaupt alles zusammenhielt, selbst „Christoph ist verschwunden“, ist verschwunden. Ist einer Änderung der Perspektive zum Opfer gefallen. Das ist wohl, was man „Kill your darlings!“ nennt.

Aber Christoph gibt es weiterhin und er verschwindet auch immer noch. Und seine Freundin Katharina, die Schriftstellerin ist und nun die Perspektivfigur des Romans, hat auch sämtliche Überarbeitungsschritte überlebt. 20 Prozent der ersten Version, würde ich schätzen, finden sich in überarbeiteter Form noch im aktuellen Manuskript, das im kommenden Frühjahr als Roman bei Klöpfer & Meyer erscheinen wird. Es ist nicht so, dass ich behaupten will, das müsse so sein. Nur so könnten gute Texte entstehen. Ich schreibe mittlerweile an einem neuen Roman und ich bin sicher, dass es da ganz anders sein wird. Dass ich jetzt schon viel klarer sehe, was ich erzählen will und auf welche Weise. Und ich bin sehr froh, dass es so ist.

In Romanwerkstätten ist das ein drängendes Thema: Was muss ich wissen, um mit dem Schreiben eines Romans beginnen zu können? Gibt es ein Minimum an Figurenkenntnis oder Handlungsplanung? Ist es möglich nichts weiter zu habebn, als einen (ersten) Satz? Und vor allem: Kann das gut gehen?

Meine erste Antwort ist immer: Es gibt solche und solche. Planer:innen und Drauflosschreiber:innen. Beide Verfahren haben schon unzählige Male zu überzeugenden Ergebissen geführt – und die meisten Autor:innen pendeln sich vermutlich irgendwo dazwischen ein. Planen vielleicht grob oder zumindest die nächsten 20 Seiten – und bleiben gleichzeitig offen für neue Ideen, die sich während des Schreibens erst ergeben. Es ist also eine Frage des Autor:innen-Typs und natürlich auch des Text-Typs. Verfasser:innen von Thrillern werden prozentual häufiger „plotten“, als Autor:innen „literarischer“ Texte – das ist keine besonders kühne These. Und dann scheint es mir auch eine Frage der Erfahrung zu sein. Weswegen ich hier darüber schreibe. Weil ich glaube, dass wir uns manchmal damit abfinden müssen, dass wir nicht klarer sehen können, als wir sehen – auch wenn es hilfreich wäre.

Es ist eine meiner Lieblings-Paradoxien, dass wir oft nur schreibend herausfinden können, was wir „eigentlich“ schreiben wollen. Indem wir etwas schreiben, das noch nicht das ist, was wir schreiben wollen. Aber wenn wir lesen, wie die so entstandenden Texte in die Nähe der Geschichten führen, die darauf warten, von uns erzählt werden, kommen wir zu „unseren“ Geschichten. So habe ich es erlebt. Und ich würde hier vermutlich nicht darüber schreiben, wenn ich nicht den Eindruck hätte, dass die Schieflage mancher Romanmanuskripte, die ich zu lesen bekomme, damit zu tun hat: Dass die Suche zu früh beendet wurde, die erste Idee festgeklopft wird und „durchgesetzt“ – komme, was da wolle. Die wenigsten von uns können aus jedem beliebigen Stoff einen wirklich guten Text schreiben. Es bleibt schwierig genug, selbst wenn wir „unsere Geschichte“ gefunden haben – also sollten wir uns die Zeit lassen, die es eben manchmal braucht und darauf vertrauen, dass wir uns mit gewonnener Praxis den ein oder anderen Umweg sparen können …

31. Warum wir über Sprache und Stil vielleicht erst mit einer kleinen Verzögerung nachdenken sollten

Eine der größeren Herausforderungen beim Schreiben besteht darin, dass wir über zwei konträre Fähigkeiten verfügen müssen, die wohl nur nacheinander, aber nicht gleichzeitig auszuüben sind: zunächst das spielerische, experimentierfreudige Entwickeln und Phantasieren und dann das kritische und „strenge“ Überarbeiten und Verbessern. Natürlich lassen sich diese Tätigkeiten in der Realität oft nicht voneinander trennen – aber gerade zu Beginn des Schreibens ist es sinnvoll, sich auf eine Aktivierung der kreativen Regungen und Impulse zu konzentrieren und der ewigen Nörgelei über die eigene Unzulänglichkeit mal eine Pause zu verordnen.

Die idealtypische Teilnehmerin einer Schreibwerkstatt lässt sich auf dieses „Programm“ ein, schreibt eine Reihe von  Skizzen und Notizen – und bald zeigen sich Wiederholungen in Tonlage, Textsorte, thematischen Schwerpunkten, die von der aufmerksamen Werkstattleiterin aufgegriffen werden. Die Arbeit an einem geeigneten („das ist es, was ich schreiben will“) kleineren oder größeren Textprojekt kann beginnen. Die Schwierigkeiten des Anfangs werden überwunden, das gewachsene Selbstvertrauen erlaubt es, nacheinander einzelne Aspekte des Schreibens (Figuren, Plot, Dialoge) kritisch in den Blick zu nehmen und dann – und meiner Meinung erst dann – sollte man sich mit der Sprache beschäftigen und damit nicht mehr aufhören, solange man schreibt.

Dass die Fragen von Sprache und Stil in meiner idealen Werkstatt erst so spät gestellt werden, liegt also nicht an ihrer Unwichtigkeit (sie sind immens wichtig), sondern daran, dass sie so eng mit Vorstellungen von falsch und richtig verbunden sind, dass sie oft alle kreativen Bemühungen ersticken, solange diese noch zaghaft sind. Aber dann! Dann beginnt eine genaue Lektüre, die alles in den Blick nimmt, was überflüssig ist oder phrasenhaft. Einige „Stilsünden“ werde ich hier in loser Folge vorstellen.

Und obwohl ich mir normalerweise viele LeserInnen für diesen Blog wünsche, endet dieser Beitrag also mit einer Warnung: Lesen Sie diese folgenden Beiträge  nicht, wenn Sie gerade versuchen, in eine möglichst mühelose Schreibpraxis zu finden! Lesen Sie sie auf keinen Fall, wenn Sie beim Schreiben ständig mit Gefühlen der Unzulänglichkeit zu tun haben und insgeheim oder lauthals fürchten, Sie besäßen kein Talent zum Schreiben. Diese Beiträge richten sich an Menschen, die diese Phase überwunden haben – von jederzeit möglichen, kleinen Rückfällen einmal abgesehen.

Wie haben Autorinnen und Autoren Geschichten geschrieben, als es noch keine Plotmodelle gab?

Vorweg: Ich bin überzeugt, dass es Autorinnen und Autoren gibt, die in ihrer Arbeit von „Plots“ und den entsprechenden Modellen (Heldenreise, Sieben-Stufen-Plot, usw.) profitieren. Ich glaube, dass uns das Nachdenken darüber, was in unseren Texten wann passiert und ob es dafür einen guten Grund gibt, immer weiterhilft. Stephen King (und eben nicht, sagen wir: Genazino) schreibt dazu in einem Beitrag für den „Guardian“:

I won’t try to convince you that I’ve never plotted any more than I’d try to convince you that I’ve never told a lie, but I do both as infrequently as possible. I distrust plot for two reasons: first, because our lives are largely plotless, even when you add in all our reasonable precautions and careful planning; and second, because I believe plotting and the spontaneity of real creation aren’t compatible.

Das dürfte ein kleine Überraschung für diejenigen sein, die den Versprechen der „Plotter“-Fraktion so unbedingten Glauben schenken, dass sie das Schreiben ohne diese Modelle für unmöglich halten. Es gäbe diesen Beitrag nicht, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass die angeblich so hilfreichen Plotmodelle häufig in die Irre führen. Schon oft habe ich erlebt, dass die vorhandenen Stärken eines Textes nicht gesehen wurden und stattdessen (krampfhaft) Wendpunkte gesucht und konstruiert wurden oder Konflikte in eine Eskalation getrieben wurden, die nicht nachvollziehbar oder glaubwürdig waren.

Jetzt ließe sich einwenden: Da werden die Modelle eben falsch angewendet und das ist sicherlich nicht vollkommen von der Hand zu weisen. Aber das Entscheidende scheint mir: Wer die Modelle gut und richtig anwenden kann, der benötigt sie gar nicht mehr, weil sich das, was das Modell „fordert“ aus unseren Vorstellungen einer „guten Geschichte“ von selbst ergibt:

Gibt es keine „überraschenden Wendungen“ in einer Geschichte, wird sie vorhersehbar und also langweilig. Auch ohne jedes Modell wissen wir um die Notwendigkeit von komplexen und originellen Figuren, Schauplätzen und Handlungsverläufen und um die Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Und warum ist es dann trotzdem so schwierig? Weil wir uns originelle Figuren und überraschende Handlungsabläufe nicht „mal eben so“ ausdenken und dann auf Papier bringen können. Weil wir unsere Phantasie trainieren und unser Urteilsvermögen  schärfen müssen. Für beides brauchen wir Zeit und detaillierte wie konstruktive Rückmeldungen.

Und wenn sie uns dann tatsächlich gelingt, die „gute“, „starke“ Geschichte, dann könnte man sie, bei näherer Betrachtung, vielleicht für das Ergebnis einer „Masterplot“-Anwendung halten. Aber die wenigsten Autorinnen und Autoren haben beim Schreiben auf Plot-Modelle zurückgegriffen, die Reihenfolge war umgekehrt: Anhand einer Vielzahl von einzigartigen Geschichten wurden Modelle gebildet, die Gemeinsamkeiten beschreiben.  Deswegen sind wir meistens schon auf einem ziemlich guten Weg, wenn wir alles daransetzen, eine „starke“ Geschichte zu schreiben und die Plotmodelle nicht als „Regelwerke“ ansehen, sondern als Einladung über einzelne Bausteine unserer Texte nachzudenken.

Erfinde eine Figur!

Es gibt Menschen, die die Frage beschäftigt: Was ist bei der Entstehung einer Geschichte zuerst da – Figur oder Handlung? Wobei Menschen, die sich für diese Art von Fragestellungen begeistern können, in der Regel nach dem „Plot“ fragen und vielleicht noch eine normative Verschärfung einbauen: Womit soll man beginnen, mit der Figur oder mit dem Plot?

Diese Frage behauptet die Notwendigkeit einer Entscheidung, die es tatsächlich gar nicht gibt. Manchmal beginnt das Erfinden einer Geschichte mit dem schemenhaften Einfall für eine Figur (eine Frau, die in einer Reinigung arbeitet), manchmal ist es eher ein „Geschehen“, das sich abzuzeichnen beginnt (ein Mann oder eine Frau, die fürchten, ihr Sohn, ihre Tochter  könne jemanden getötet haben).

Schon bei diesen Beispielen wird deutlich, dass die Unterscheidung schnell künstlich wird, denn Figuren sind ja zu einem großen Teil „was sie tun“, wie sie handeln. Fast immer ist es ein Wechselschritt: Je mehr wir über unsere Figur „wissen“, desto klarer zeichnet sich auch ab, mit welchen Widrigkeiten oder Herausforderungen sie konfrontiert sein könnte. In welchen Szenen oder Ereignissen ihre spezifischen Eigenarten am gelungensten zum Ausdruck kommen, welche Steine wir ihnen auf welchem Weg vor die Füße legen könnten.

„Erfinde eine Figur!“ ist eine Einladung, mit Figuren zu spielen. Ihnen probeweise Eigenschaften und einen Alltag zu erfinden und vielleicht zeichnen sich dann auch schon ein, zwei Schwierigkeiten ab, die uns die Richtung eines möglichen „Plots“ weisen. Vielleicht auch nicht.

Die englische Autorin Zadie Smith hat zahlreiche Kolleginnen und Kollegen genau dazu aufgefordert – eine Figur zu erfinden. Der daraus entstandene Sammelband „Das Buch der Anderen“ (dt. 2009), mit dem sie Geld für ein soziales Projekt gesammelt hat, ist ein schönes Beispiel dafür, wieviel jemand erzählen kann, der eine Figur gefunden hat …

Wenn Sie mögen, legen Sie eine kleine Sammlung erfundener Figuren an. Oder Sie bleiben bei einer Figur und schreiben einige kleine Skizzen, bei denen Sie die Orte variieren oder die Tageszeit. Oder Sie schildern die Begegnung ihrer Figur mit anderen Personen. Vielleicht sind es beiläufige Episoden. Kleine Annäherungen. Vielleicht könnte es ein Anfang sein …