Von den Sackgassen, in die wir beim Schreiben einer Geschichte geraten – und wie wir uns daraus befreien können

Gerade wenn wir uns den Luxus gönnen und wirklich „ohne Plan“ drauflos schreiben, kann es sein, dass wir in Schwierigkeiten geraten. Manchmal sogar kaum, dass wir begonnen haben. Stellen wir uns folgendes Szenario vor:

Eine Frau sitzt an einem Küchentisch, sie schaut aus dem Fenster. Gerade hat ihr Freund die Küche verlassen, um auf die Toilette zu gehen und sobald er wieder da ist, wollen sie gemeinsam eine Freundin besuchen, die einen Stand auf dem Flohmarkt hat. Die Frau wartet und vielleicht spült sie die Teetassen ab oder geht in den Flur und zieht sich schon einmal die Schuhe an. Es dauert eine ganze Weile, bis sie bemerkt, dass ihr Freund verschwunden ist.

So ähnlich fing kürzlich der Text einer Werkstatt-Teilnehmerin an – und dann wusste sie nicht weiter. Es war ein sehr schöner Anfang, ich habe den Ton noch im Ohr und konnte die Frustration der Teilnehmerin gut verstehen, die gerne weiterschreiben wollte, aber keine Idee hatte, wie es weitergehen könnte. Sie steckte fest.

Manchmal geraten wir in solche Schwierigkeiten und es gibt nur eine einzige Lösung, die wirklich immer Rettung bietet –  alles war nur ein Traum! Leider ist es keine gute Lösung und man darf sie deswegen nur ein einziges Mal anwenden in einem langen Schriftsteller:innen-Leben – weil es ein Trick ist.

Aber was dann? Wir haben diese Frau in der Küche sitzen, wir haben sie vielleicht sogar ein paar Tage dort sitzen lassen, in der Hoffnung, dass uns beim Fahrradfahren oder Kartoffelschälen einfiele, wie es weitergehen könnte – aber nichts ist passiert.

In einem ersten Schritt könnten wir versuchen, systematisch über die Situation nachzudenken. Wo könnte der Kerl stecken, was könnte ein dramaturgisch guter Grund für Heimlichkeit sein? Ein eher schlechter Grund könnte sein, dass er einen Heiratsantrag oder anderen Liebesbeweis für seine Freundin vorbereitet und wir mit damit in Gefahr geraten eine eindimensionale Geschichte zu erzählen: Von der jungen Frau, die durch ihr Misstrauen das Glück ihrer Beziehung erst riskierte.

Vielleicht könnte der Typ drogenabhängig oder spielsüchtig sein und irgendwelche Geldeintreiber wären hinter ihm her? Das wäre denkbar, würde aber nicht gut zu dem Eindruck passen, den wir (und wichtiger: die Autorin) uns von dem jungen Paar bislang gemacht haben.

Wenn wir den jungen Mann nicht mit dieser Art von Problemen konzipieren wollen, könnte es vielleicht eine ihm nahestehende Person sein, die ihn mit diesen Abgründen verstrickt? Muss er Freund, Mutter, Bruder, oder wem auch immer zu Hilfe eilen? In diesem Bereich könnten wir vermutlich eine Lösung finden, die so schlecht nicht wäre.

Allerdings fürchte ich, dass die Werkstatt-Teilnehmerin auch mit dieser Entwicklung nicht glücklich wäre, dass es womöglich keine gute Lösung gibt: Wir können beim Schreiben in Sackgassen geraten, aus denen wir keinen vernünftigen Ausgang finden. Wenn wir also wirklich feststecken, wenn wir für die Situation, in die wir unsere Figur gebracht haben, keine Lösung finden, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Situation zu ändern.

Vielleicht muss der Freund nicht wirklich verschwinden, vielleicht reicht es, wenn er immer wieder in eine sehr tiefe gedankliche Abwesenheit gerät. Vielleicht ist sein „Verschwinden“ schon in den ersten Zeilen des Textes aber auch dem Impuls geschuldet, dass etwas mit ihm nicht stimmt – und vielleicht kann das auch etwas ganz anderes sein.

Manchmal, wenn wir nicht weiterkommen, hilft es auch zu „springen“. Wir müssen eine Geschichte nicht chronologisch aufschreiben. Oft ist es gut, wenn wir aufschreiben, was wir „wissen“, was uns sehr klar vor Augen steht. Vielleicht sehen wir das Paar auf dem Flohmarkt und wie sie der Freundin ein paar Bücher abkaufen. Vielleicht finden wir Worte dafür, dass etwas nicht stimmt zwischen den beiden, sie sich aber bemühen, es zu überspielen. Beide wollen es nicht größer werden lassen. Es wird einen Grund geben, denkt sich die junge Frau, dass er sich manchmal seltsam verhält, dass er manchmal – ja, was könnte er anderes machen, das sie irritiert?

Wenn wir uns in einer Stadt verlaufen, gibt es immer einen Weg zurück – es fehlen uns vorübergehend nur die entsprechenden Informationen. Beim Schreiben ist es nicht so. Wenn wir schreibend in eine Sackgasse geraten, müssen wir nach dem Punkt, nach der „Abzweigung“ suchen, wo es wieder weitergehen kann. Weil dieser Punkt nirgendwo markiert ist, bleibt uns nichts anders übrig als: ausprobieren, rumspinnen, alternative Ideen entwickeln. Kurzum: so viel Bewegung wie möglich in die festgefahrene Geschichte bringen …

Und wer jetzt ein paar lose Fäden oder Ideen im Kopf hat für eine eigene, ganz andere oder auch ähnliche Geschichte: sofort Notizen machen!

Nachtrag vom 03.02.2016: Dieser Beitrag passt schön zu aktuellen Fragen, die zuletzt lebhaft hier auf dem Blog diskutiert wurden, deswegen schicke ich ihn nochmal los …

„Das wird was Größeres“ – Erste Schritte auf dem Weg zur längeren Geschichte

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Manchmal stoßen wir, ohne dass wir es geplant oder beabsichtigt hätten, auf eine Idee und stellen fest: Das wird vom Umfang etwas Größeres! Vielleicht haben wir uns das gewünscht, vielleicht auch nicht, in jedem Fall stellt sich die Frage, wie es nun weitergehen kann. Eine allgemeingültige Antwort scheitert natürlich auch hier an den ganz unterschiedlichen Bedingungen des jeweiligen Einzelfalls, an Fragen der Schreiberfahrung und der bevorzugten Arbeitsweise (planen oder drauflosschreiben) und des Genres (Thriller oder sprachliches, eher handlungsarmes Wunderwerk).

Wenn wir den Fall des handlungsarmen Wunderwerkes zunächst einmal vernachlässigen, könnten wir das Problem so beschreiben: Wir möchten eine Geschichte schreiben, aber wir kennen sie nur zu einem (Bruch)-Teil.

Was ich empfehlen kann: Alles aufschreiben, was man weiß! Oft wissen wir nämlich mehr, als uns bewusst ist und aus den dann doch schon vorhandenen Details ergeben sich weitere. Wir können uns dabei an einem Zeitstrang orientieren (vielleicht kenne ich ein Detail des Endes oder vielleicht auch das ganze Ende, aber nicht den Anfang) oder wir können die Namen der Figuren aufschreiben und alles, was wir von ihnen „wissen“ oder uns vorstellen können oder uns fragen. Ich habe am Anfang vor allem Fragen: Könnte x so und so sein? Könnten sich A und F früher schon einmal begegnet sein? Gut ist, gerade am Anfang offen zu bleiben für unterschiedliche Verläufe und Details. Immer auch noch eine Alternative durchzuspielen (aber das  ist für „Schreibnovizen“ kaum zu schaffen).

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass sich auf jeder Seite einer Geschichte durchschnittlich drei Ideen verbergen, das finde ich eine etwas seltsame Überlegung, aber in jedem Fall benötigen wir für „etwas Größeres“ auch eine ziemlich große Zahl an Ideen und alles auf einem großen Bogen Papier unterzubringen, könnte eine erste Möglichkeit der Orientierung bieten.

Wenn wir auf diese Weise über unsere Geschichte spielerisch nachdenken, könnten wir im Kopf behalten, dass wir eine Handlung benötigen, dass also etwas geschehen muss und dass das im Fall der meisten Geschichten spannend sein soll. Nahezu alle herkömmlichen Schreibratgeber reden in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit von Konflikt! Konflikt! Konflikt! – ich habe in Werkstätten schon oft erlebt, dass dieser Begriff in die Irre führt und bevorzuge daher die Rede von „Schwierigkeiten“, die wir unseren Figuren zumuten müssen. Etwas ist nicht so, wie es sein sollte – und es gibt dafür keine einfache Lösung …

Was meint ihr? Wie lassen sich Ideen weiterentwickeln? Findet ihr die notwendigen Einfälle eher planend oder eher drauflosschreibend?

Beim Schreiben literarischer Texte hängt (leider) alles mit allem zusammen

Heute ist Romanwerkstatt und während ich mich dafür vorbereite, denke ich darüber nach, dass eine große Herausforderung des Schreibens darin besteht, dass alles (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) mit allem (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) auf eine schwer zu durchschauende Weise zusammenhängt. Das macht das Schreiben zu einer überaus komplexen Aufgabe und die Lektüre (da wo es gelungen ist) zu einem besonderen Vergnügen.

Immer wenn wir etwas lernen, gibt es am Anfang „zu viel“, das berücksichtigt werden müsste und auch wenn wir gerne sofort mit fünf Bällen entspannt lächelnd jonglieren möchten, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit zwei Bällen zu beginnen. Wir werden also zunächst einzelne „Bausteine“ in den Blick nehmen: Mit was für Figuren haben wir es zu tun? Was passiert ihnen wann und wo? Vielleicht haben wir ein schönes Tableau entwickelt, da stellen wir fest, dass wir unbedingt eine Figur benötigen, die mutiger ist. Aber die haben wir nicht. Also verändern wir sie. Dann kann sie aber unmöglich zu Beginn des Textes ängstlich vor XY stehen … Also müssen wir die Szene streichen. Dann fehlt uns aber das Motiv für die zweite Szene … So führt eine Veränderung oft zu einer Kette von Anschlussproblemen. Manche lassen sich umgehen, indem wir eine „bessere“ Lösung finden (vielleicht kann es gerade reizvoll sein, wenn eine eher ängstliche Figur in einer bestimmten Situation „allen Mut zusammennimmt“), aber oft werden wir in den sauren Apfel umfangreichen Überarbeitens beißen müssen und vielleicht kann dabei der Gedanke helfen, dass es sich um einen unvermeidlichen Lernschritt handelt, der nicht übersprungen werden kann.

Wir benötigen eine (relativ umfangreiche) Schreibpraxis, um die Wechselwirkungen zwischen den Rädern, an den denen wir drehen können, schon beim Schreiben selbst halbwegs zu erfassen: sobald wir die Figuren ändern, hat das Auswirkungen auf die Handlung (die Stimme, die Orte, die weitere Handlung), sobald wir etwas an der Handlung ändern … Und erst allmählich entwickelt sich eine Art gleichzeitigen Wahrnehmens, vielleicht vergleichbar mit der Entwicklung, die ein Koch benötigt, um mehrere Töpfe im Blick behalten zu können oder die Fußballtrainer brauchen, um aus einer (Über)-Fülle an Details bei einer Spielbeobachtung die relevanten „rauszufiltern“.

Ich schreibe nun schon eine ganz Weile und hatte in den letzten Wochen manchmal das Gefühl, dass ich erst jetzt allmählich beginne, die Fäden des Textes halbwegs in der Hand zu halten …

Sagen Sie – bitte in einem Satz – wovon handelt Ihr Roman?

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Ich habe mich jahrelang geweigert. Unmöglich, habe ich gesagt. Was wäre das für ein Roman, der sich in einem Satz wiedergeben ließe? Warum ihn dann noch schreiben?

Es muss ja nicht EIN Satz sein. Aber sagen Sie doch einfach, um was es geht? Wovon handelt ihr Roman? Auch darauf hatte ich keine Antwort. Natürlich wusste ich, wovon der Roman handelte – jedenfalls nach ein paar Jahren. Aber das ist doch nur der Plot, entgegnete ich dann ein wenig gequält. Der Plot, die Handlung – das ist, als würde ich statt eines sorgfältig gekochten Essens das Rezept herzeigen sollen … Es ist doch der Ton, der Rhythmus der Sprache, die Atmosphäre die einen literarischen Text erst ausmachen.

Das stimmt – und ist doch zugleich nur „die halbe Wahrheit“. Denn jetzt, wo die Arbeit am Roman beendet ist, wo sein Erscheinen unmittelbar bevorsteht, da merke ich, dass ich so nicht weiterkomme. Dass es nicht nur unklug ist, sondern auch naseweis. Und dass es ja vielleicht auch der fragenden Person gar nicht unbedingt um die Handlung geht, sondern darum, etwas über den Text zu erfahren. Was daran besonders sein könnte. Was für mich besonders daran sein könnte.

Ich habe darüber nachgedacht und über einige andere Fragen die „Wiederholten Verdächtigungen“ betreffend und ich habe einmal mehr festgestellt, dass sich vieles erst klärt, wenn die Arbeit an einem Text beendet ist. Wenn nicht mehr die Frage im Vordergrund steht: Was könnte auch anders, was könnte noch besser/klarer/genauer sein.

Ich bilde mir ein, den Text und seine spezifischen Herausforderungen jetzt viel besser zu verstehen: Wie sehr die Erzähllogik der Geschichte und die innere Logik der Figuren in einem Spannungsverhältnis stehen. Und dass die Herausforderung nicht darin bestand, den Text spannend werden zu lassen, sondern spannend und glaubwürdig zugleich.

So denke ich also gerade viel vor mich hin und da ich Schwierigkeiten habe, zu denken ohne zu schreiben, kritzele ich dabei ein bisschen herum (s. o.). Und suche nach Sätzen, die etwas verraten über den Text. Natürlich nicht alles, noch nicht einmal sehr viel, die aber einen ersten Hinweis geben können. Hier kommt nun also mein aktueller Favorit: „Der Roman erzählt die Geschichte von Christoph, dessen Leben innerhalb weniger Monate ins Wanken gerät – und der noch nicht einmal weiß, warum.“

Am 09.02.2015 kommen die „Wiederholten Verdächtigungen“ in den Handel, ab dann freue ich mich sehr auch über Eure/Ihre Vorschläge für einen vielsagenden Satz – und bevor es jetzt also bald so weit ist, verabschiede ich mich erst noch Mal für ein paar Tage ans Meer …

Irrtümer über das Schreiben: Den meisten fehlt es an Disziplin

Von den vielen Menschen, die ich kenne, die schreiben oder gerne schreiben würden, finden fast alle, dass es ihnen  an Disziplin fehlt. „Wenn ich nur ein bisschen disziplinierter wäre“, seufzen sie und manchmal sprechen sie auch aus, was dann der Fall wäre: Sie hätten die Arbeit an dem Roman, an dem sie seit Jahren herumschreiben, beendet. Und hätten möglicherweise auch einen Verlag oder zumindest eine Veröffentlichung oder einen Text, den man guten Gewissens anderen vorzeigen kann. Was wäre alles möglich mit nur ein bisschen Disziplin, fragen Menschen, von denen ich weiß, dass sie schon einen Marathon gelaufen sind oder dass sie seit Jahren mit Beruf und Kindern und der Unterstützung alternder Eltern jonglieren. Oder die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag für zwei Stunden in einen Raum der Volkshochschule begeben und dort konzentriert mit anderen über Figuren, Plots und Perspektiven austauschen.

Ich glaube nicht an Disziplin. Jedenfalls nicht in der Weise, in der das die meisten Menschen tun. Ich glaube nicht, dass es „Disziplinmangel“ ist, der so viele davon abhält, so oft zu schreiben, wie sie es sich eigentlich wünschen. Ich glaube, es gibt zwei Gründe, die uns das Schreiben oft schwer machen und das ist zum einen die Angst, dass uns nichts (Gutes) einfällt und zum anderen, dass wir (noch) keine Idee, keinen Text, kein Schreibprojekt gefunden haben, das uns selbst begeistert oder zumindest interessiert oder jedenfalls „in sich hineinzieht“. Denn in den „Sog“, den wir als Leser:innen gelegentlich verspüren, können wir ja auch schreibend geraten. Natürlich nicht immer und ständig und natürlich braucht es dann auch mal Ausdauer, oder meinetwegen auch Disziplin, um weiterzumachen, wenn sich die erste große Begeisterung („Auf diesen Text hat die Welt gewartet!“) allmählich auflöst.

Mein Eindruck ist, dass Menschen, die viel und/oder professionell schreiben, sehr genau wissen, dass von den vielen Einfällen, die man hat und die man vielleicht auch notiert, dass davon nur  wenige in Frage kommen, um wirklich weiterverfolgt zu werden. Und dass man, wenn man so ein „Schätzchen“ gefunden hat, gut daran tut, es zu hegen und zu pflegen – und weil es ein „Schätzchen“ ist, werden auch die zwangsläufig auftretenden Zweifel und Anfeindungen uns nicht ernsthaft erschüttern können und falls wir es vermurksen, werden wir von vorne beginnen und es mit einer anderen Umgebung versuchen oder einem anderen Ton, einer anderen Perspektive usw.

Verständlicherweise sind Menschen, die mit dem Schreiben beginnen, so froh, wenn sie überhaupt eine Idee haben, dass sie sofort loslegen wollen – und es gibt auch keine vernünftige Alternative dazu. Aber wenn es dann hakt und die Lust verlorengeht, liegt es eben oft nicht an mangelnder Disziplin, sondern daran, dass die Idee nicht gut genug war – oder dass die Handlung in eine Sackgasse geraten ist (aus der es vielleicht ja sogar einen Ausweg gibt). Und nichts hält uns so so sehr vom Schreiben ab, wie die Sorge, wir könnten qualvolle Stunden vor einem leeren Blatt sitzen – oder vor einem, auf dem nichts Gescheites steht.

Ich habe mit dieser Sorge, dass mir nichts halbwegs Brauchbares einfallen wird, viele Jahre zugebracht – obwohl es mir nicht ein einziges Mal passiert war. Obwohl sich immer rasch  Sätze auf dem Papier einfanden, mit denen etwas anzufangen war. Und dann war es mir zu irgendwann zu blöd und ich beschloss, mich als lernfähig zu erweisen.

Für diejenigen, die  sich selbst noch nicht mit einer halbwegs gelingenden Praxis überzeugen können: Manchmal können paradoxe Interventionen helfen: Nicht länger als 90 (oder 45) Minuten und nicht öfter als einmal (zweimal) die Woche! Aber wirklich dran halten – sonst funktioniert es nicht!

Erfinde eine Figur!

Es gibt Menschen, die die Frage beschäftigt: Was ist bei der Entstehung einer Geschichte zuerst da – Figur oder Handlung? Wobei Menschen, die sich für diese Art von Fragestellungen begeistern können, in der Regel nach dem „Plot“ fragen und vielleicht noch eine normative Verschärfung einbauen: Womit soll man beginnen, mit der Figur oder mit dem Plot?

Diese Frage behauptet die Notwendigkeit einer Entscheidung, die es tatsächlich gar nicht gibt. Manchmal beginnt das Erfinden einer Geschichte mit dem schemenhaften Einfall für eine Figur (eine Frau, die in einer Reinigung arbeitet), manchmal ist es eher ein „Geschehen“, das sich abzuzeichnen beginnt (ein Mann oder eine Frau, die fürchten, ihr Sohn, ihre Tochter  könne jemanden getötet haben).

Schon bei diesen Beispielen wird deutlich, dass die Unterscheidung schnell künstlich wird, denn Figuren sind ja zu einem großen Teil „was sie tun“, wie sie handeln. Fast immer ist es ein Wechselschritt: Je mehr wir über unsere Figur „wissen“, desto klarer zeichnet sich auch ab, mit welchen Widrigkeiten oder Herausforderungen sie konfrontiert sein könnte. In welchen Szenen oder Ereignissen ihre spezifischen Eigenarten am gelungensten zum Ausdruck kommen, welche Steine wir ihnen auf welchem Weg vor die Füße legen könnten.

„Erfinde eine Figur!“ ist eine Einladung, mit Figuren zu spielen. Ihnen probeweise Eigenschaften und einen Alltag zu erfinden und vielleicht zeichnen sich dann auch schon ein, zwei Schwierigkeiten ab, die uns die Richtung eines möglichen „Plots“ weisen. Vielleicht auch nicht.

Die englische Autorin Zadie Smith hat zahlreiche Kolleginnen und Kollegen genau dazu aufgefordert – eine Figur zu erfinden. Der daraus entstandene Sammelband „Das Buch der Anderen“ (dt. 2009), mit dem sie Geld für ein soziales Projekt gesammelt hat, ist ein schönes Beispiel dafür, wieviel jemand erzählen kann, der eine Figur gefunden hat …

Wenn Sie mögen, legen Sie eine kleine Sammlung erfundener Figuren an. Oder Sie bleiben bei einer Figur und schreiben einige kleine Skizzen, bei denen Sie die Orte variieren oder die Tageszeit. Oder Sie schildern die Begegnung ihrer Figur mit anderen Personen. Vielleicht sind es beiläufige Episoden. Kleine Annäherungen. Vielleicht könnte es ein Anfang sein …

Und dann? Was passiert dann?

Wenn wir eine Figur haben und eine Idee, wie wir diese Figur in Schwierigkeiten bringen können, dann fehlt uns zu einer ordentlichen Geschichte eigentlich nur noch eins: die Handlung. Wir alle wissen, was „Handlung“ ist – wir haben auch eine Vorstellung davon, dass sie für Geschichten vermutlich unverzichtbar ist – und dennoch höre oder lese ich in Werkstätten verblüffend oft Geschichten, denen genau das fehlt: die Handlung.

„Wir sollten die Dinge nicht komplizierter machen, als sie sind – aber auch nicht einfacher.“ Dieses Zitat von Albert Einstein beschreibt wunderbar die Absicht und Haltung, die sich für mich mit dem Schreiben dieses Blogs verbindet. Deswegen werde ich zunächst noch nicht einmal versuchen, auch nur die wichtigsten Fragen zu beantworten, die sich in dem thematischen Zusammenhang von Handlung, Plot und  Geschichte stellen können. Ich werde mich auf zwei Worte beschränken, die uns allerdings sehr weiterhelfen können, auf die Worte: „und dann“.

„Und dann?“ ist nicht zufällig die Frage, die Kinder stellen, wenn sie gebannt einer Geschichte zuhören. Immer und immer wieder. Und auch wenn wir als Autor_innen gut daran tun, das „und dann“ nicht zu oft aufzuschreiben, sollten wir überprüfen, ob die innere Struktur unseres Textes sich aus einer Reihe von Ereignissen zusammensetzt, die auf einander folgen. Und zwar, und das ist das Wichtigste daran: die nicht beliebig aufeinander folgen, sondern so, dass eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen ihnen existiert.

Ein sehr schönes Beispiel dafür habe ich bei Fritz Gesing (Kreativ schreiben. 2000) gefunden, der es von E. M. Forster zitiert: „Der König starb, und dann starb die Königin“ ist eine bloße Reihenfolge. „Der König starb, und dann starb die   Königin aus Kummer“, könnte eine Geschichte werden.

Jetzt könnten Sie noch einmal überdenken, ob die Figur und die Schwierigkeit, die Sie ihr bereiten wollten, wirklich „ergiebig“ ist. Sie sollten Schwierigkeiten vermeiden, die es ihrer Person mühelos erlauben, auf dem Sofa über das Elend der Welt oder sonst etwas nachzudenken und in diesem Zustand zu verweilen …

Das ist das Tolle an Thomas Melles Porno-DVD: Es muss etwas passieren! Die Frau muss sich dazu verhalten (und wenn sie sich in ihr Bett legen würde und die Tür abschlösse und dort liegend den Neffen aus der Schule kommen hörte, dann wäre das natürlich auch der Beginn einer Handlung).

Oder:  Eine Tür öffnet sich und davor steht eine Person, die man gehofft hatte, nie wieder zu sehen …

Oder schreiben Sie vielleicht etwas dazu: Eine Frau hatte vor Jahren eine Affäre und hat die Briefe, die sie damals von ihrem Liebhaber erhielt, in einem alten Schrank versteckt. Nun kommt sie nach Hause und wird von ihrem Mann damit überrascht, dass er den alten Trödel einem Kollegen verkauft hat und vorschlägt, von dem Geld einen schönen Wochenend-Ausflug zu unternehmen …

Versuchen Sie, eine Geschichte allmählich einzukreisen. Zwingen Sie Ihre Figuren, zu handeln. Wie könnte es dann weitergehen? Könnte es, in kleinen Schritten, eskalieren? Oder, auf überraschende Weise, ein gutes Ende geben?

Wenn es Ihnen gelingt, schreiben Sie los. Wenn Sie immer noch nicht so richtig wissen, was oder wie – das ist überhaupt kein Problem! Im Moment kommt es vor allem darauf an, dass Sie sich eine kleine Welt erschaffen, dass Sie unter der Dusche oder in der Straßenbahn oder in dem Moment, in dem die Kollegin etwas zu schnell ihre Schreibtischschublade schließt, denken: Und dann? Was könnte dann passieren?