Und dann? Was passiert dann?

Wenn wir eine Figur haben und eine Idee, wie wir diese Figur in Schwierigkeiten bringen können, dann fehlt uns zu einer ordentlichen Geschichte eigentlich nur noch eins: die Handlung. Wir alle wissen, was „Handlung“ ist – wir haben auch eine Vorstellung davon, dass sie für Geschichten vermutlich unverzichtbar ist – und dennoch höre oder lese ich in Werkstätten verblüffend oft Geschichten, denen genau das fehlt: die Handlung.

„Wir sollten die Dinge nicht komplizierter machen, als sie sind – aber auch nicht einfacher.“ Dieses Zitat von Albert Einstein beschreibt wunderbar die Absicht und Haltung, die sich für mich mit dem Schreiben dieses Blogs verbindet. Deswegen werde ich zunächst noch nicht einmal versuchen, auch nur die wichtigsten Fragen zu beantworten, die sich in dem thematischen Zusammenhang von Handlung, Plot und  Geschichte stellen können. Ich werde mich auf zwei Worte beschränken, die uns allerdings sehr weiterhelfen können, auf die Worte: „und dann“.

„Und dann?“ ist nicht zufällig die Frage, die Kinder stellen, wenn sie gebannt einer Geschichte zuhören. Immer und immer wieder. Und auch wenn wir als Autor_innen gut daran tun, das „und dann“ nicht zu oft aufzuschreiben, sollten wir überprüfen, ob die innere Struktur unseres Textes sich aus einer Reihe von Ereignissen zusammensetzt, die auf einander folgen. Und zwar, und das ist das Wichtigste daran: die nicht beliebig aufeinander folgen, sondern so, dass eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen ihnen existiert.

Ein sehr schönes Beispiel dafür habe ich bei Fritz Gesing (Kreativ schreiben. 2000) gefunden, der es von E. M. Forster zitiert: „Der König starb, und dann starb die Königin“ ist eine bloße Reihenfolge. „Der König starb, und dann starb die   Königin aus Kummer“, könnte eine Geschichte werden.

Jetzt könnten Sie noch einmal überdenken, ob die Figur und die Schwierigkeit, die Sie ihr bereiten wollten, wirklich „ergiebig“ ist. Sie sollten Schwierigkeiten vermeiden, die es ihrer Person mühelos erlauben, auf dem Sofa über das Elend der Welt oder sonst etwas nachzudenken und in diesem Zustand zu verweilen …

Das ist das Tolle an Thomas Melles Porno-DVD: Es muss etwas passieren! Die Frau muss sich dazu verhalten (und wenn sie sich in ihr Bett legen würde und die Tür abschlösse und dort liegend den Neffen aus der Schule kommen hörte, dann wäre das natürlich auch der Beginn einer Handlung).

Oder:  Eine Tür öffnet sich und davor steht eine Person, die man gehofft hatte, nie wieder zu sehen …

Oder schreiben Sie vielleicht etwas dazu: Eine Frau hatte vor Jahren eine Affäre und hat die Briefe, die sie damals von ihrem Liebhaber erhielt, in einem alten Schrank versteckt. Nun kommt sie nach Hause und wird von ihrem Mann damit überrascht, dass er den alten Trödel einem Kollegen verkauft hat und vorschlägt, von dem Geld einen schönen Wochenend-Ausflug zu unternehmen …

Versuchen Sie, eine Geschichte allmählich einzukreisen. Zwingen Sie Ihre Figuren, zu handeln. Wie könnte es dann weitergehen? Könnte es, in kleinen Schritten, eskalieren? Oder, auf überraschende Weise, ein gutes Ende geben?

Wenn es Ihnen gelingt, schreiben Sie los. Wenn Sie immer noch nicht so richtig wissen, was oder wie – das ist überhaupt kein Problem! Im Moment kommt es vor allem darauf an, dass Sie sich eine kleine Welt erschaffen, dass Sie unter der Dusche oder in der Straßenbahn oder in dem Moment, in dem die Kollegin etwas zu schnell ihre Schreibtischschublade schließt, denken: Und dann? Was könnte dann passieren?

Ich freue mich über Kommentare!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s