Beim Schreiben literarischer Texte hängt (leider) alles mit allem zusammen

Heute ist Romanwerkstatt und während ich mich dafür vorbereite, denke ich darüber nach, dass eine große Herausforderung des Schreibens darin besteht, dass alles (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) mit allem (Figuren, Handlung, Stimme, Orte) auf eine schwer zu durchschauende Weise zusammenhängt. Das macht das Schreiben zu einer überaus komplexen Aufgabe und die Lektüre (da wo es gelungen ist) zu einem besonderen Vergnügen.

Immer wenn wir etwas lernen, gibt es am Anfang „zu viel“, das berücksichtigt werden müsste und auch wenn wir gerne sofort mit fünf Bällen entspannt lächelnd jonglieren möchten, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit zwei Bällen zu beginnen. Wir werden also zunächst einzelne „Bausteine“ in den Blick nehmen: Mit was für Figuren haben wir es zu tun? Was passiert ihnen wann und wo? Vielleicht haben wir ein schönes Tableau entwickelt, da stellen wir fest, dass wir unbedingt eine Figur benötigen, die mutiger ist. Aber die haben wir nicht. Also verändern wir sie. Dann kann sie aber unmöglich zu Beginn des Textes ängstlich vor XY stehen … Also müssen wir die Szene streichen. Dann fehlt uns aber das Motiv für die zweite Szene … So führt eine Veränderung oft zu einer Kette von Anschlussproblemen. Manche lassen sich umgehen, indem wir eine „bessere“ Lösung finden (vielleicht kann es gerade reizvoll sein, wenn eine eher ängstliche Figur in einer bestimmten Situation „allen Mut zusammennimmt“), aber oft werden wir in den sauren Apfel umfangreichen Überarbeitens beißen müssen und vielleicht kann dabei der Gedanke helfen, dass es sich um einen unvermeidlichen Lernschritt handelt, der nicht übersprungen werden kann.

Wir benötigen eine (relativ umfangreiche) Schreibpraxis, um die Wechselwirkungen zwischen den Rädern, an den denen wir drehen können, schon beim Schreiben selbst halbwegs zu erfassen: sobald wir die Figuren ändern, hat das Auswirkungen auf die Handlung (die Stimme, die Orte, die weitere Handlung), sobald wir etwas an der Handlung ändern … Und erst allmählich entwickelt sich eine Art gleichzeitigen Wahrnehmens, vielleicht vergleichbar mit der Entwicklung, die ein Koch benötigt, um mehrere Töpfe im Blick behalten zu können oder die Fußballtrainer brauchen, um aus einer (Über)-Fülle an Details bei einer Spielbeobachtung die relevanten „rauszufiltern“.

Ich schreibe nun schon eine ganz Weile und hatte in den letzten Wochen manchmal das Gefühl, dass ich erst jetzt allmählich beginne, die Fäden des Textes halbwegs in der Hand zu halten …

13 Comments

  1. Liebe Jutta,
    gerade habe ich so Deinen Beitrag gelesen…und plötzlich ging die Denkmaschine los. Spannend, was Du schreibst. Irgendwie irgendwie ging ich immer davon aus, dass eigentlich bei den Romanciers die Figuren schon da sind – mit ihren Charakteristika, ihren Merkmalen. Und sich eher der Plot darum entwickelt. Wie ich auf die Annahme kam – ich weiß es nicht.
    Das Einzige, was ich mir bislang bzgl. der Figuren dachte, war, dass sie im Rahmen dessen, was sie bereits schon sind, eher eine kleine Entwicklung durchmachen. Aber nicht, dass sie sich grundlegend plötzlich ändern und somit ein Umschreiben nötig ist.
    Da siehst Du, wie wenig die Leser vom Handwerk des Schreibens ahnen.
    Aber dann dachte ich mir: das ist ja wie im echten Leben. Man lernt einen Menschen kennen und hat bereits eine Vorstellung von ihr, ihm im Kopf. Manchmal lernt man ja auch Menschen kennen, weil sie im eigenen Leben einen bestimmten Platz einnehmen sollen – und da sollen sie bitte auch dazu passen. Und erst im Lauf der Zeit löst sich der Mensch aus diesem Rahmen und zeigt nicht die Vorstellung, die wir von ihm und seiner Persönlichkeit haben, sondern das, was ist.

    Vielleicht sind das ja Parallelen im Schreiben und im Leben: Dass man sich von den eigenen Vorstellungen lösen muss. Dass man Entwicklungen zulassen können müss. Und dass ehe alles kommt, wie es kommt.

    LG Birgit, hochküchenphilosophisch heute 🙂

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  2. Liebe Birgit, freue mich sehr von dir zu lesen – und dass du offenbar „wohlauf“ bist! Was die Frage nach Huhn oder Henne (quatsch Ei 😉 betrifft:
    Das unterscheidet sich zwischen Autor:innen tatsächlich sehr und alles kommt vor: zuerst (und vor allem) die Figur oder umgekehrt die Handlung. Oder: nur eine Szene. Vage oder deutlich.
    Und dann stimme ich dir sehr zu: Ich empfinde auch die Ähnlichkeit, insbesondere beim Kennenlernen, zwischen realen und fiktiven Figuren und scheue mich jetzt einmal nicht auf einen früheren Beitrag auf diesem Blog hinzuweisen: https://juttareichelt.com/2014/03/24/wie-lernen-wir-andere-menschen-kennen-oder-die-figuren-in-geschichten/
    Sehr herzliche Grüße!

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    1. Liebe Jutta,
      ja danke der Nachfrage – bei mir alles klar. Nur dass mir jetzt die halbe Zeit – statt einer Idee für ein Grußwort, das ich schreiben müsste – die Geschichte vom Herrn Keuner (Brecht) durch den Kopf ging. Passt so gut zu Deinem Thema: „Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“

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      1. Schade, dass ich sofort wieder los muss, sonst hätten wir gemeinsam spielen können: „Wie man innerhalb von drei Sätzen zu jedem beliebigen Satz kommen kann“ – mit Herrn K. als „Ziel“ – denn den kann man ja gar nicht oft genug zitieren und gibt es ein Grußwort, das er nicht bereichern würde?! Allerbeste Grüße!

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        1. Na ja, ein Grußwort zum Thema Suizidalität? Ich weiß nicht, ob da das Zitat so gut wäre (das ist jetzt sehr rabenschwarz). Aber was kann ich für meine Realität 🙂 Lieber würde ich heute noch Geschichten schreiben…

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          1. Ach je – nein, da ziehe ich meinen so vorwitzigen, wie unbedachten Vorschlag natürlich zurück – „Grußwort“ hatte für mich so eine harmlose Aura … Wünsche dir sehr ernsthaft gutes Gelingen!

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          2. Liebe Jutta,
            Du konntest das doch nicht ahnen – alles gut! Aber wahrscheinlich hast Du mich als Figur schon in die Schublade Grußwort-Redner für ein Kulturevent gesteckt 🙂 Dir ein gutes Gelingen bei deinem Termin heute und viel Spaß!!!

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  3. Danke, dass Du auf so intensive, einfühlsame, erklärende Weise, Deinen Schreibunterricht vorbereitest. Ein größeres Geschenk, kannst Du Deinen Teilnehmer/innen nicht machen. Du bist selbst ein Buch, mit Seiten, die noch nicht gelesen. Mit jedem umblättern, bereicherst Du sie mit einem Wohlgefühl.

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  4. Die Essenz deines Artikels liegt für mich darin, dass wir Schreibende lernen müssen, dass wir streichen müssen oder umschreiben, dies kommt für mich allerdings erst nacdem ich die Geschichte und die „charaktere“ haben laufen lernen lassen-

    spannend ist es so oder so

    liebe Grüsse Ulli

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    1. Liebe Ulli, ich glaube ja tatsächlich, dass Überarbeitungen oft unerlässlich sind, aber was mir gerade noch mehr angesichts meiner eigenen Erfahrungen durch den Kopf geht: dass wir der Komplexität eines Textes am Anfang nur schwer gerecht werden können, wenn wir den Blick vor allem auf einzelne „Bausteine“ richten – und dass uns gleichzeitig nichts anderes übrig bleibt 😉 Herzliche Grüße!

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  5. Liebe Jutta,
    einen kleinen Einblick in die Schreibwerkstatt zu erhaschen, finde ich immer ganz außerordentlich spannend. Mit ist schon klar, dass auch das Schreiben von Romanen nicht immer der reinste Spaß ist, dass es das berühmte Genie, aus dem die Geschichten direkt druckreif nur so heraussprudeln, wohl in der Realität eher selten gibt. Aber ich bin trotzdem immer wieder ganz tief beeindruckt, WIE VIEL Arbeit so ein Schreibprozess ist, wie oft überarbeitet und umgestellt werden muss, dass sich manchmal auch die Arbeit von Jahren als nicht tragfähig erweist (darüber berichtet Teresia Mora in ihren Frankfurter Vorlesungen) und mehr oder weniger im Papierkorb landet. Wenn ich das lese bei meinen kleinen Einblicken in die Schreibwerkstatt, dann habe ich immer noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Werke der Literatur.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, ich habe mich über deine Rückmeldung ganz besonders gefreut – denn manchmal fürchte ich, dass ich mich mit meinen Hinweisen zur Notwendigkeit von Überarbeitungen in der Nähe des Wiederholungszwangs befinde 😉 Aber tatsächlich bin ich überzeugt, dass der entscheidende Unterschied zwischen mehr oder weniger gelungenen Texten nur selten in der unterschiedlichen Qualität des ersten Entwurfs begründet ist, sondern in der Qualität der folgenden Überarbeitung … Sehr herzliche Grüße und vielen Dank für die freundliche Nachricht!

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