Für eine Geschichte sind zwei Wendepunkte erforderlich

Damit eine Erzählung als Geschichte identifiziert wird, sind angeblich zwei Wendepunkte erforderlich. „Es war gut und wurde schlecht“ wird so wenig als Geschichte wahrgenommen, wie „Es war schlecht und wurde gut“ oder „Es war schlecht und wurde schlechter“ (was allerdings angeblich zumindest in der „extremen“  Version: „Erst Scheidung, dann Tod“ als Geschichte wahrgenommen wird). Hingegen: „Es war gut, wurde schlecht und dann super“ wird genauso als Geschichte identifiziert, wie der umgekehrte Verlauf: „Es war schlecht, wurde gut und dann katastrophal“.

Ich habe das dem Buch „Hollywood im journalistischen Alltag. Storytelling für erfolgreiche Geschichten. Ein Praxisbuch“ von Christian Friedl entnommen (Springer 2013) und seit ich es gelesen habe, geht es mir durch den Kopf, immer verbunden mit der Frage, ob es eine Bedeutung für mich hat? Für mein eigenes Schreiben wohl nicht, aber vielleicht für die Werkstätten? Für die immer wieder auftauchende Frage, warum ein bestimmter Text nicht im engeren Sinn „eine Geschichte“ ist? Was ihm dazu fehlt? Was überhaupt eine Geschichte ist?

Um Missverständnisse zu vermeiden: literarische Texte müssen selbstverständlich nicht unbedingt „Geschichten“ erzählen und z.B. auch und gerade die klassischen „Kurzgeschichten“ erfüllen selten, was hier als notwendig postuliert wird – sind also entgegen ihrer Bezeichnung keine „Geschichten“ im engeren Sinn. Ich bin überzeugt, dass ein Teil der Schwierigkeiten, in die wir beim Reden über Texte, über Literatur, über Geschichten kommen können, mit der Kompliziertheit des Gegenstands zu tun hat. Und vielleicht dient dieser kleine Blog-Beitrag vor allem dazu, dies zu „belegen“, indem ich mich bemüht habe, schnellstmöglich eine ordentliche Verwirrung darüber herzustellen, was wir meinen, wenn wir von einer Geschichte sprechen …

Was meint Ihr?

7 Comments

  1. “Es war gut, wurde schlecht und dann super” ist für mein Verständnis eine Reihung von Ereignissen, die aber noch nicht durch eine Motivation verbunden sind – und damit hätten wir es auch noch nicht mit einer Geschichte zu tun, oder?

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    1. Das stimme ich absolut zu! Leider finden sich in dem erwähnten Text keine genaueren Angaben zu der Untersuchung. Ich war davon ausgegangen, dass die ausgewählten Erzählungen diese motivationale Verbindung besaßen, die dann nur in der „Kurzform“, die ich ebenfalls übernommen habe, weggefallen ist.

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  2. Liebe Jutta, ich nehme die Frage mit hinaus auf den sonnigen Balkon. Spontan habe ich „O-Beine“ vor Augen, wie sie so manche Love Story kennzeichnen: Erst mögen sie sich, dann passiert etwas Furchtbares, und am Ende kriegen sie sich doch… 😉

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    1. Dann nehme ich doch glatt die O-Beine mit in den Garten und frage mich (aber natürlich erst vor Ort) was heutzutage glaubwürdige Hürden sein könnten – soziale Herkunft aber ja eigentlich immer noch, nur vielleicht mit anderen Vorzeichen? Die Hanseatin und … Herzliche Grüße auf den Balkon!

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  3. mmh ich bin mir über die Aussage nicht sicher ..also ob ich dem Zustimme, moemntan eher nicht, lass mal so die Geschichten Revue passieren…wenn ich meine Meinung ändern sollte sag ich bescheid ;-)..is halt auch die Frage was genau Wendungen sind…bzw wie man diese definiert

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    1. Da spricht du mir gleich doppelt aus dem Herzen, denn die allermeiste Zeit finde ich ja auch, dass sich vernünftig und hilfreich nur über konkrete Texte reden lässt. Und sehr selten kommt es mir dann aber auch mal so vor, als wenn es Schwierigkeiten gäbe, denen ich öfter begegne. Eine davon ist Vorhersehbarkeit – aber die kann natürlich auch entstehen, wenn die Wendepunkte genau in der Art und zu dem Zwitpunkt auftreten, an dem sie zu erwarten waren … Herzliche Grüße!

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