Tag 6: Erfinde eine Figur – und bringe sie in (ergiebige) Schwierigkeiten!

Ich habe viele Schreib-Anregungen von anderen übernommen, aber diese habe ich mir selbst einfallen lassen und ich bin ein bisschen stolz darauf, denn sie hat sich wirklich gut bewährt und ich habe den Eindruck, dass sie gerade Anfänger:innen eine gute Orientierung bietet, um erste Geschichten zu entwickeln. Aber bevor ich darauf näher eingehe, muss ich vorher noch auf die grundsätzlichen und leider oft unergiebigen Schwierigkeiten eingehen, in die wir beim Reden über literarische Texte fast unvermeidlich geraten – denn sie sind in jeder Schreibwerkstatt allgegenwärtig, also auch hier!

Was überhaupt das Problem ist, möchte ich durch einen Vergleich aus dem Sport verdeutlichen: Eishockey und Ringen, Fußball und Skifliegen, Turnen und Gewichtheben, all das ist „Sport“. Auch hinter dem Oberbegriff „Literatur“ verbergen sich ganz unterschiedliche Texte, die alle ihre Berechtigung, alle ihre Qualitäten haben – und nach unterschiedlichen Logiken funktionieren. Leider wird es nochmals komplizierter, wenn wir nicht „fertige“ Texte betrachten, sondern solche, die im Entstehen sind, denn dann wissen wir oft selbst nicht, was für eine Art von Text aus unserer kleinen Skizze später einmal werden wird. Was das Besondere an diesem Text werden könnte.

Erst der „fertige“ Texte gibt uns, wenn wir ihn lesen, darüber Auskunft, zu welcher „Disziplin“ er gehört, nach welchen Kriterien wir ihn beurteilen sollten. Es gibt Texte, die „funktionieren“ nicht, wenn sie über weite Strecken keine Spannung entwicklen und es gibt andere, bei deren Beurteilung spielt Spannung keine Rolle. Texte enthalten ihre Poetologie, sagen Literaturwissenschaftler:innen zu dem Phänomen, dass es die Texte selbst sind, die darüber bestimmen, welche Regeln für sie jeweils gelten sollen.
Das bedeutet auch, es gibt keine Regeln, die immer und für alle Texte gelten würden. Wenn ich bei einem Text kritisiere, dass er nicht spannend genug ist, dass nicht genug passiert, dann bedeutet das nicht, dass ich fände, (alle) Texte müsste spannend sein oder es müsste immer einen starken Plot geben. Ich habe dann nur eine Aussage über diesen einen Text gemacht – und die kann obendrein selbstverständlich auch falsch sein, weil ich vielleicht nicht wahrgenommen habe, dass in dem Text andere Qualitäten angelegt, aber noch nicht recht entwickelt sind.

Auch „Erfinde eine Figur – und bringe sie in (ergiebige) Schwierigkeiten“ ist also keine allgemeine Regel im Gewand einer Schreibanregung, sondern nur ein Orientierungs-Vorschlag. Aber wenn man es sich genauer ansieht, dann sind Geschichten (fast) immer Geschichten davon, dass jemand in Schwierigkeiten steckt und alles daran setzt, da wieder raus zu kommen oder erst gar nicht hinein zu geraten.
Krimis erzählen von den Schwierigkeiten, den Täter zu finden oder zu überführen, in Liebesgeschichten dreht sich alles um die Frage, warum die beiden Liebenden nicht zusammenkommen können und wie ist es in der guten, in der „anspruchsvollen Literatur“? Auch da begegnen wir Schwierigkeiten und dem Versuch, ihnen zu entkommen auf Schritt und Tritt: Thomas Melles Erzählung “Gewissen” (Raumforderungen, 2007) beginnt mit dem Satz: “Sie hielt die Porno-DVD in der Hand”. Es ist eine selbstgedrehte Porno-DVD, die der Neffe, der jeden Moment aus der Schule kommt, offenbar gefunden und sich angesehen hat. Was wird sie tun? Wie wird sie sich verhalten? Hat sie irgendeine Chance, diese Peinlichkeit zu überleben?
Monika Marons “Ach Glück!” beginnt damit, dass die Protagonistin einen herrenlosen Hund mit nach Hause bringt. In Raymond Carvers Kurzgeschichte “Nachbarn” entwickeln sich die (erheblichen) Schwierigkeiten eines Ehepaares aus dem Auftrag, in der Nachbarwohnung Blumen und Katze zu versorgen.

In unserer Virtuellen Schreibwerkstatt geht es noch immer vor allem darum, Material zu sammeln und etwas hinzukritzeln. Beides auszuprobieren und sich im Idealfall ergänzen lassen: Das Drauflosschreiben und das Draufrumkauen. Überhaupt ein bisschen lockerer zu werden. Rumspinnen. Figuren aufsteigen lassen und dann wieder zu verwerfen. Überhaupt einmal irgendetwas in eines dieser teuren Notizbücher zu schreiben, die sich in unseren Schränken stapeln. Auch aufmerksamer zu werden für andere Geschichten. Vielleicht achtet Ihr mal bei den Büchern, die Ihr gerade lest, den Filmen, die Ihr seht, darauf, von welchen Schwierigkeiten sie erzählen: Sind sie diese von Beginn an da? Oder entwickeln sie sich erst? Kündigen sie sich an? Gibt es Lösungen? Warum bleibt es dennoch spannend?

Mit diesen Fragen gehts ins Wochenende. Die erste Woche unserer „Virtuellen Schreibwerkstatt“ ist zu Ende. Ich habe das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind. Nächste Woche werde ich noch ein, zwei weitere Anregungen vorstellen, mich aber vor allem auf Tipps dazu konzentrieren, wie Ihr ein erstes kleines Projekt entwickeln könnt. Und dann wird es, denke ich, noch zwei weitere Wochen so kompakt weitergehen. Danach wisst Ihr dann über alles wichtige Bescheid 😉

Vom Text zum Buch: Der erste Satz

Ich weiß nicht, woher er kam, der Satz: „Christoph ist verschwunden“. Eines Tages war er da und ich wusste, dass es der erste Satz meines zweiten Romans werden würde. Wer ist Christoph und wohin ist er verschwunden? Ich wusste es nicht. Für eine kurze Zeit (also für ein paar Monate) glaubte ich, dass Christoph verschwunden bliebe, dass der Text „nur“ aus den Spekulationen ihm nahestehender Menschen bestünde – aber das „funktionierte“ nicht. Die Spannung, ob er zurückkäme und wo er gewesen wäre, erdrückte den Text. Also war klar: So ging es nicht! Aber der Satz blieb: „Christoph ist verschwunden“.

Der Satz lieferte nicht sehr viele Hinweise, aber immerhin war klar, dass es nicht Christoph sein konnte, der die Geschichte erzählen würde. Wer denkt diesen Satz? Katharina – auch das war von Anfang an klar – wird die Geschichte erzählen, die Geschichte vom Verschwinden ihres Freundes. Lange Zeit dachte ich, dass sie es in der Ich-Form täte, was der erste Satz mir nahezulegen schien. Ich schrieb also die Geschichte vom verschwundenen Christoph aus der Perspektive seiner Freundin – warum eigentlich? Das fragte ich mich erstaunlich spät das erste Mal, und war erleichtert, dass es tatsächlich zwei gute Gründe dafür gab (die ich hier leider nicht nennen kann, weil sie zuviel verraten würden …). Es war also richtig, dass Christoph nicht erzählte, aber war es richtig, dass Katharina in der Ich-Form erzählte?

Der Text schien „fertig“, erste Reaktionen darauf waren ermutigend, auch wenn es Einwände gab, die sich, wie es immer so ist, zum Teil widersprachen – aber ich selbst gewann zunehmend den Eindruck, dass sich aus der gewählten Perspektive eine Form von „Unruhe“ ergab, die ich nicht wollte, nicht beabsichtigt hatte. Und wenn ich aus der Ich-Perspektive in die sog. „personale“ Perspektive wechseln würde? Wenn ich nur erzählte, was Katharina erlebte und dachte – aber aus ein wenig mehr Distanz. Wenn die „Kamera“ nicht mehr im Kopf, sondern auf der Schulter angebracht wäre?

Es war besser. Eindeutig. Ich hatte keinerlei Zweifel daran. Damit war aber auch klar, dass mein (an dieser Stelle muss einmal eine klischeehaft pathetische Formulierung erlaubt sein), dass mein so geliebter erster Satz diese Überarbeitung nicht überleben würde: „Christoph ist verschwunden“, musste nun selbst verschwinden. „Kill your darlings!“, sagt man dazu und so schlicht diese Aufforderung klingt – manchmal fühlt es sich tatsächlich genau so an und vielleicht erzähle ich hier auch deswegen davon, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass die Teilnehmer:innen meiner Werkstätten nicht glauben, dass ich das, was ich hartherzig vorschlage, tatsächlich auch selber mache: auf Sätze, auf Ideen, auf Personen, auf Wendungen verzichten, die doch „eigentlich“ unverzichtbar sind. Mit denen alles angefangen hat. Weil der Text als Ganzes dadurch gewinnt. Der neue erste Satz ist nicht besser als der alte, aber er etabliert einen anderen, einen für den Gesamtext geeigneteren Blickwinkel:

„Erst als sie die unbenutzte Teetasse auf dem Küchentisch stehen sieht, erinnert sich Katharina daran, dass sie Christophs Rückkehr schon vor zwei Stunden für möglich gehalten hat.“

(„Wiederholte Verdächtigungen“ erscheint im Frühjahr 2015 bei Klöpfer & Meyer.)

 

Wie haben Autorinnen und Autoren Geschichten geschrieben, als es noch keine Plotmodelle gab?

Vorweg: Ich bin überzeugt, dass es Autorinnen und Autoren gibt, die in ihrer Arbeit von „Plots“ und den entsprechenden Modellen (Heldenreise, Sieben-Stufen-Plot, usw.) profitieren. Ich glaube, dass uns das Nachdenken darüber, was in unseren Texten wann passiert und ob es dafür einen guten Grund gibt, immer weiterhilft. Stephen King (und eben nicht, sagen wir: Genazino) schreibt dazu in einem Beitrag für den „Guardian“:

I won’t try to convince you that I’ve never plotted any more than I’d try to convince you that I’ve never told a lie, but I do both as infrequently as possible. I distrust plot for two reasons: first, because our lives are largely plotless, even when you add in all our reasonable precautions and careful planning; and second, because I believe plotting and the spontaneity of real creation aren’t compatible.

Das dürfte ein kleine Überraschung für diejenigen sein, die den Versprechen der „Plotter“-Fraktion so unbedingten Glauben schenken, dass sie das Schreiben ohne diese Modelle für unmöglich halten. Es gäbe diesen Beitrag nicht, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass die angeblich so hilfreichen Plotmodelle häufig in die Irre führen. Schon oft habe ich erlebt, dass die vorhandenen Stärken eines Textes nicht gesehen wurden und stattdessen (krampfhaft) Wendpunkte gesucht und konstruiert wurden oder Konflikte in eine Eskalation getrieben wurden, die nicht nachvollziehbar oder glaubwürdig waren.

Jetzt ließe sich einwenden: Da werden die Modelle eben falsch angewendet und das ist sicherlich nicht vollkommen von der Hand zu weisen. Aber das Entscheidende scheint mir: Wer die Modelle gut und richtig anwenden kann, der benötigt sie gar nicht mehr, weil sich das, was das Modell „fordert“ aus unseren Vorstellungen einer „guten Geschichte“ von selbst ergibt:

Gibt es keine „überraschenden Wendungen“ in einer Geschichte, wird sie vorhersehbar und also langweilig. Auch ohne jedes Modell wissen wir um die Notwendigkeit von komplexen und originellen Figuren, Schauplätzen und Handlungsverläufen und um die Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Und warum ist es dann trotzdem so schwierig? Weil wir uns originelle Figuren und überraschende Handlungsabläufe nicht „mal eben so“ ausdenken und dann auf Papier bringen können. Weil wir unsere Phantasie trainieren und unser Urteilsvermögen  schärfen müssen. Für beides brauchen wir Zeit und detaillierte wie konstruktive Rückmeldungen.

Und wenn sie uns dann tatsächlich gelingt, die „gute“, „starke“ Geschichte, dann könnte man sie, bei näherer Betrachtung, vielleicht für das Ergebnis einer „Masterplot“-Anwendung halten. Aber die wenigsten Autorinnen und Autoren haben beim Schreiben auf Plot-Modelle zurückgegriffen, die Reihenfolge war umgekehrt: Anhand einer Vielzahl von einzigartigen Geschichten wurden Modelle gebildet, die Gemeinsamkeiten beschreiben.  Deswegen sind wir meistens schon auf einem ziemlich guten Weg, wenn wir alles daransetzen, eine „starke“ Geschichte zu schreiben und die Plotmodelle nicht als „Regelwerke“ ansehen, sondern als Einladung über einzelne Bausteine unserer Texte nachzudenken.

Über Schreibratgeber und andere Regelwerke

Ohne dass wir die Regeln formulieren könnten, wenden wir sie (meist weitgehend) problemlos an, wenn wir in unserer Muttersprache sprechen. Und sehr oft wissen wir gar nicht, dass wir eine Regel anwenden. So ähnlich ist es auch mit dem Schreiben von Geschichten: Sehr viele Regeln, sehr viel „verstecktes Wissen“ haben wir schon dadurch erworben, dass wir tausende von Geschichten gehört, gelesen und gesehen haben.

Wir haben eine Vorstellung davon, was Spannung ist oder wie es sich anfühlt, wenn wir jemanden mit dem, was wir erzählen „auf eine falsche Fährte“ locken. Wenn uns jemand gegenübersitzt spüren wir meist sofort, ob er oder sie uns noch gerne zuhört oder ob er sich zu langweilen beginnt.

Meine Erfahrung ist, dass wir dieses (verborgene) Wissen nutzen und anwenden lernen müssen, wenn wir Geschichten schreiben wollen, die auf Interesse stoßen. Die Tipps der Schreibratgeber (Konflikt! Wendepunkte! Entwicklung!) sind zumeist ja nicht falsch und helfen manchen Schreibenden auch weiter, aber oft ergeben sich mit oder aus ihnen auch (erst) neue Probleme. Weil Schreibende sehr oft Schwierigkeiten haben, das „allgemeine“ Gelesene auf das „konkrete“ Geschriebene des eigenen Textes anzuwenden – und weil es leider kaum eine Regel gibt, die wirklich immer gilt.

Deswegen bleibt uns nichts anderes übrig, als immer besser, immer konkreter herauszufinden, was für einen Text, was für eine Geschichte wir „eigentlich“ schreiben wollen. Oder was mit dem Text, mit der Geschichte, die wir geschrieben haben, vielleicht noch nicht ganz stimmt. Noch nicht gut ausbalanciert ist.