(3) Geschichtengenerator in Aktion

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In meiner Vorstellung vom Schreiben kommt es zunächst vor allem darauf an, in eine möglichst mühelose Schreibpraxis zu finden: Material zu sammeln, offen zu werden dafür, wohin es eine/n zieht, Erfahrungen zu machen und all die inneren Ansprüche „es gut/besser/perfekt“ zu machen, zumindest vorübergehend einmal abzuschütteln (wer mag, kann sie dann später gerne wieder aufnehmen, wenn es an das Überarbeiten geht – aber das Schreiben wird nicht erst dann, nicht erst dadurch  wertvoll).

So verstanden ist der Geschichtengenerator vor allem eine spielerische Möglichkeit eben dazu: Material zu sammeln, offen zu werden usw. … Und ich möchte versuchen, in diesem Jahr schrittweise die Entwicklung eines Schreibnovizen hier auf dem Blog zu begleiten, wie sie sich „idealtypisch“ vollziehen könnte. Die Fragen, die auftauchen, die typischen Probleme, die sich stellen. Eure konkreten Erfahrungen sind sehr dabei sehr willkommen!

Ich freue mich über alle, die Lust haben, sich anregen zu lassen, von den Karten, die der Generator diese Woche ausgespuckt hat: Atelier, Flo (Junge oder Mädchen?) und Komm!. Wie immer ist alles erlaubt, es müssen nicht alle Worte im Text auftauchen und es müssen auch keine “richtigen Geschichten” sein. Eine kleine Skizze, Notiz oder auch nur etwas, das ein Anfang werden könnte sind ebenfalls sehr willkomen. Und vielleicht geht ja auch etwas weiter?

Bücher über das Schreiben: „Meine Schreibmaschine und ich“ (Thomas Glavinic)

Wie sieht der Schreibprozess eines Schriftstellers ganz konkret aus? Was muss man wissen, um mit dem Schreiben eines neuen Romans beginnen zu können und was macht man, wenn man nach 100 Seiten feststellt, „es klappt nicht“? Ungewöhnlich konkret und anschaulich berichtet Thomas Glavinic in „Meine Schreibmaschine und ich“ von der Entstehung seiner Werke und wie er seine schriftstellerischen Fähigkeiten schreibend entwickelt hat. „Wie kommt man zu einem Roman?“, fragt Thomas Glavinic und gibt nicht nur die schöne Antwort: „Indem man einer Idee in sich Raum gibt“, sondern er schildert auch die ganz unterschiedlichen Arten, in denen dieses „Raumgeben“ vonstatten gehen kann.

Es dürfte für diejenigen, denen es (noch) an der rechten Roman-Idee fehlt, vielleicht ermutigend sein, wenn Glavinic schreibt: „Wenn inzwischen so etwas wie ein Schriftsteller aus mir geworden ist, dann auch durch die sieben oder acht unausgegorenen Roman, die ich zwischen 18 und 22 geschrieben habe, sie handelten (…) im Grunde von gar nichts. Ich hatte kein Thema, ich hatte nichts als den brennenden Wunsch zu schreiben. Ich schrieb tausende von Seiten, schlechte Seiten, doch sie brachten mich voran …“ Und dann? Was passierte dann? Woher kamen seine Themen, Ideen, Einfälle? Es ist interessant, wie unterschiedlich sie sich entwickeln: Während das Debüt „Carl Haffner“ ein hstorischer Roman ist, der sich an die Biographie des realen Carl Schlechter, eines Schachspielers, anlehnt, und einer jahrelangen, leidenschaftlichen Beschäftigung des Autors mit dem Schachspielen entspringt, entsteht der „Kameramörder“ aus einem Traum: „Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb eine ganze Seite mit Notizen voll. Dann noch eine. Und noch eine. Nach einer Stunde blickte ich wieder auf, da lagen zehn Seiten an Notizen und Textpassagen. Es war alles da. Ich hatte einen ganzen Roman geträumt.“

Größer könnte ein Kontrast in der Entstehung kaum sein und natürlich gibt es auch „etwas dazwischen“, bildet sich bei „Arbeit der Nacht“ oder „Das bin doch ich“ die Idee allmählich aus. Dankenswerter Weise schildert Glavinic auch hier, welche Schritte, welche Umwege die Idee nahm, um letztlich (die richtige) Gestalt annehmen zu können. So unterschiedlich die Themen, die Entstehungsprozesse sind, zweierlei bleibt nach Aussage des Autors über die vielen Jahre und zahlreichen Bücher gleich: Er besitzt ein Gefühl für den „Bogen“ eines Romans („Ich verstand, dass ich das schon immer verstanden hatte, dass auch meine ungeschicktesten Romanfragmente Jahre zuvor wenigstens eine Qualität gehabt hatten: Dieser Bogen, der war immer da gewesen …“) und ebenfalls schon bei der Arbeit am Debüt „Carl Haffner“ findet Glavinic heraus „wie ich am besten arbeite“ – und diese Methode ist durchaus ungewöhnlich. Sobald Glavinic das Gefühl hat, dass es „soweit“ ist, dass er beginnen kann, schreibt er drei Wochen lang jeden Tag zwei Seiten – mit einer Schreibmaschine. Wer wissen möchte, wie es dann weitergeht, wer überhaupt an Schriftstellerei oder an diesem konkreten Autor interessiert ist, lese unbedingt dieses Buch, das ein Vorwort von John Burnside enthält (Stille und Lärm: Drei Anmerkungen zu Thomas Glavinic).

Thomas Glavinic: Meine Schreibmaschine und ich. Edition Akzente Hanser, 2014

Über Schreibratgeber und andere Regelwerke

Ohne dass wir die Regeln formulieren könnten, wenden wir sie (meist weitgehend) problemlos an, wenn wir in unserer Muttersprache sprechen. Und sehr oft wissen wir gar nicht, dass wir eine Regel anwenden. So ähnlich ist es auch mit dem Schreiben von Geschichten: Sehr viele Regeln, sehr viel „verstecktes Wissen“ haben wir schon dadurch erworben, dass wir tausende von Geschichten gehört, gelesen und gesehen haben.

Wir haben eine Vorstellung davon, was Spannung ist oder wie es sich anfühlt, wenn wir jemanden mit dem, was wir erzählen „auf eine falsche Fährte“ locken. Wenn uns jemand gegenübersitzt spüren wir meist sofort, ob er oder sie uns noch gerne zuhört oder ob er sich zu langweilen beginnt.

Meine Erfahrung ist, dass wir dieses (verborgene) Wissen nutzen und anwenden lernen müssen, wenn wir Geschichten schreiben wollen, die auf Interesse stoßen. Die Tipps der Schreibratgeber (Konflikt! Wendepunkte! Entwicklung!) sind zumeist ja nicht falsch und helfen manchen Schreibenden auch weiter, aber oft ergeben sich mit oder aus ihnen auch (erst) neue Probleme. Weil Schreibende sehr oft Schwierigkeiten haben, das „allgemeine“ Gelesene auf das „konkrete“ Geschriebene des eigenen Textes anzuwenden – und weil es leider kaum eine Regel gibt, die wirklich immer gilt.

Deswegen bleibt uns nichts anderes übrig, als immer besser, immer konkreter herauszufinden, was für einen Text, was für eine Geschichte wir „eigentlich“ schreiben wollen. Oder was mit dem Text, mit der Geschichte, die wir geschrieben haben, vielleicht noch nicht ganz stimmt. Noch nicht gut ausbalanciert ist.