32. „Woher kommt dieser Verdruss?“, fragte die Werkstattleiterin

Die Teilnehmer:innen von Schreibwerkstätten müssen oft mutig sein, wenn sie zum Beispiel ihre ersten Entwürfe oder Versuche der Gruppe vorlesen – und manchmal auch tapfer. Wie schlecht die Chancen für eine Veröffentlichung in einem seriösen Verlag sind, überrascht (und enttäuscht) oft selbst diejenigen, die sich um eine realistische Einstellung bemühen. Nicht selten kommt jemand mit einem Roman-Manuskript in die Werkstatt, um Hinweise für eine „letzten“ Überarbeitung zu erhalten und erfährt, dass die Konstruktion nicht „funktioniert“. Ein anderer mag kaum glauben, dass niemand im Raum über die „lustigen“ Wendungen in seiner Geschichte lachen kann. Wir irrren uns erstaunlich oft über das, was schon gut ist an unseren Texten – und über die Aspekte, die (unbedingt) noch weiterentwickelt oder verbessert werden müssen.

Das ist so und die meisten Teilnehmer:innen nehmen diese Rückschläge mit einer bemerkenswerten Haltung hin, schütteln die Enttäuschung nach einer Weile ab – und schreiben weiter, überarbeiten, versuchen die Anregungen zu nutzen. Die Werkstattleiterin meines Typs bemüht sich sehr, entsprechende Hinweise den Teilnehmer:innen nicht wie „einen nassen Lappen um die Ohren zu schlagen, sondern wie einen Mantel, in den man hineinschlüpfen kann“ (Max Frisch). Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen es schwierig wird – und ich habe zunächst nicht begriffen, warum es an ganz bestimmten, sich wiederholenden Punkten immer wieder besonders schwierig wird, manchmal sogar zu ernstem Verdruss kommt.

Sehr oft ist das so, wenn es um bestimmte Fragen der sprachlichen Form geht. Ein schönes Beispiel ist „sagte er/antwortete sie“. Diese beiden schlichten Möglichkeiten zu markieren, dass gerade etwas gesagt wurde (und von wem), missfallen vielen Kursteilnehmer:innen und deswegen bevorzugen sie eine der folgenden Varianten:
„Das ist aber doch langweilig“, sagt der Teilnehmer flehend/flüsternd/stockend/bittend/wütend/ungläubig.
„Das ist hier unerheblich“, bellt/zischt/jammert/klagt die Werkstattleiterin.

An diesem Punkt wird es oft schwierig – denn gleich zwei „Regeln“ scheinen gegen die Forderung der Werkstattleiterin zu sprechen (und möglicherweise ihre Autorität zu untergraben): 1. Vermeide Wortwiederholung, sofern sie kein Stilmittel sind. 2. Erzähle so konkret, so anschaulich, so originell wie möglich.

Bis vor einer Woche sah ich diesem unvermeidlichen Konflikt stets mit Bangigkeit entgegen – nicht zuletzt, weil meine „Belegstellen“ und Argumentationshilfen eher aus dem literarischen Bereich (im engeren Sinn) stammten und von meine „Genre-Schreiber:innen“ sich davon nicht immer angesprochen fühlten. Aber dann sprang mir jemand zur Seite, der irgendwelcher literarischer Mätzchen vollkommen unverdächtig ist: Stephen King! Stephen King, der mir schon in dem Beitrag zu den Plotmodellen so unerwartet beigestanden hatte, outet sich in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“ als absoluter Verächter des Adverbs (also der Wörter, die andere Verben, Adjektive oder Adverbien näher bestimmen): „Ich bin überzeugt, dass die Straße zur Hölle mit Adverbien gepflastert ist. … Anders ausgedrückt: Adverbien sind wie Löwenzahn – hat man einen auf der Wiese, sieht er lustig aus. Doch rupft man ihn nicht aus … Ich bestehe darauf, dass Sie das Adverb in Begleitung von wörtlicher Rede nur in den allergrößten Ausnahmefällen verwenden. … Die beste Art und Weise, wörtliche Rede einzuleiten, lautet „sagte“ wie in „er sagte, sie sagte, Bill sagte, Monica sagte“.

Mir ist klar, dass das für nicht wenige um Originalität ringende Schreiber:innen ein ziemlicher Schlag ist. Und deswegen ende ich versöhnlich mit einem Zitat aus Ludwig Reiners „Stilkunst“ (das erstmals 1943 erschien) und das sogar das Kapitel „Kampf dem Beiwort“ enthält: „Das Beiwort – sparsam verwendet, glücklich gegriffen – kann in der Hand des Meisters einen ganzen Satz ersparen. Aus dem Testament Lope des Vegas: Und so habe ich dir, mein Sohn, bei meinem Tode nichts zu hinterlassen, als diese nutzlosen Warnungen.“

Wie haben Autorinnen und Autoren Geschichten geschrieben, als es noch keine Plotmodelle gab?

Vorweg: Ich bin überzeugt, dass es Autorinnen und Autoren gibt, die in ihrer Arbeit von „Plots“ und den entsprechenden Modellen (Heldenreise, Sieben-Stufen-Plot, usw.) profitieren. Ich glaube, dass uns das Nachdenken darüber, was in unseren Texten wann passiert und ob es dafür einen guten Grund gibt, immer weiterhilft. Stephen King (und eben nicht, sagen wir: Genazino) schreibt dazu in einem Beitrag für den „Guardian“:

I won’t try to convince you that I’ve never plotted any more than I’d try to convince you that I’ve never told a lie, but I do both as infrequently as possible. I distrust plot for two reasons: first, because our lives are largely plotless, even when you add in all our reasonable precautions and careful planning; and second, because I believe plotting and the spontaneity of real creation aren’t compatible.

Das dürfte ein kleine Überraschung für diejenigen sein, die den Versprechen der „Plotter“-Fraktion so unbedingten Glauben schenken, dass sie das Schreiben ohne diese Modelle für unmöglich halten. Es gäbe diesen Beitrag nicht, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass die angeblich so hilfreichen Plotmodelle häufig in die Irre führen. Schon oft habe ich erlebt, dass die vorhandenen Stärken eines Textes nicht gesehen wurden und stattdessen (krampfhaft) Wendpunkte gesucht und konstruiert wurden oder Konflikte in eine Eskalation getrieben wurden, die nicht nachvollziehbar oder glaubwürdig waren.

Jetzt ließe sich einwenden: Da werden die Modelle eben falsch angewendet und das ist sicherlich nicht vollkommen von der Hand zu weisen. Aber das Entscheidende scheint mir: Wer die Modelle gut und richtig anwenden kann, der benötigt sie gar nicht mehr, weil sich das, was das Modell „fordert“ aus unseren Vorstellungen einer „guten Geschichte“ von selbst ergibt:

Gibt es keine „überraschenden Wendungen“ in einer Geschichte, wird sie vorhersehbar und also langweilig. Auch ohne jedes Modell wissen wir um die Notwendigkeit von komplexen und originellen Figuren, Schauplätzen und Handlungsverläufen und um die Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Und warum ist es dann trotzdem so schwierig? Weil wir uns originelle Figuren und überraschende Handlungsabläufe nicht „mal eben so“ ausdenken und dann auf Papier bringen können. Weil wir unsere Phantasie trainieren und unser Urteilsvermögen  schärfen müssen. Für beides brauchen wir Zeit und detaillierte wie konstruktive Rückmeldungen.

Und wenn sie uns dann tatsächlich gelingt, die „gute“, „starke“ Geschichte, dann könnte man sie, bei näherer Betrachtung, vielleicht für das Ergebnis einer „Masterplot“-Anwendung halten. Aber die wenigsten Autorinnen und Autoren haben beim Schreiben auf Plot-Modelle zurückgegriffen, die Reihenfolge war umgekehrt: Anhand einer Vielzahl von einzigartigen Geschichten wurden Modelle gebildet, die Gemeinsamkeiten beschreiben.  Deswegen sind wir meistens schon auf einem ziemlich guten Weg, wenn wir alles daransetzen, eine „starke“ Geschichte zu schreiben und die Plotmodelle nicht als „Regelwerke“ ansehen, sondern als Einladung über einzelne Bausteine unserer Texte nachzudenken.