Vom Text zum Buch: Der erste Satz

Ich weiß nicht, woher er kam, der Satz: „Christoph ist verschwunden“. Eines Tages war er da und ich wusste, dass es der erste Satz meines zweiten Romans werden würde. Wer ist Christoph und wohin ist er verschwunden? Ich wusste es nicht. Für eine kurze Zeit (also für ein paar Monate) glaubte ich, dass Christoph verschwunden bliebe, dass der Text „nur“ aus den Spekulationen ihm nahestehender Menschen bestünde – aber das „funktionierte“ nicht. Die Spannung, ob er zurückkäme und wo er gewesen wäre, erdrückte den Text. Also war klar: So ging es nicht! Aber der Satz blieb: „Christoph ist verschwunden“.

Der Satz lieferte nicht sehr viele Hinweise, aber immerhin war klar, dass es nicht Christoph sein konnte, der die Geschichte erzählen würde. Wer denkt diesen Satz? Katharina – auch das war von Anfang an klar – wird die Geschichte erzählen, die Geschichte vom Verschwinden ihres Freundes. Lange Zeit dachte ich, dass sie es in der Ich-Form täte, was der erste Satz mir nahezulegen schien. Ich schrieb also die Geschichte vom verschwundenen Christoph aus der Perspektive seiner Freundin – warum eigentlich? Das fragte ich mich erstaunlich spät das erste Mal, und war erleichtert, dass es tatsächlich zwei gute Gründe dafür gab (die ich hier leider nicht nennen kann, weil sie zuviel verraten würden …). Es war also richtig, dass Christoph nicht erzählte, aber war es richtig, dass Katharina in der Ich-Form erzählte?

Der Text schien „fertig“, erste Reaktionen darauf waren ermutigend, auch wenn es Einwände gab, die sich, wie es immer so ist, zum Teil widersprachen – aber ich selbst gewann zunehmend den Eindruck, dass sich aus der gewählten Perspektive eine Form von „Unruhe“ ergab, die ich nicht wollte, nicht beabsichtigt hatte. Und wenn ich aus der Ich-Perspektive in die sog. „personale“ Perspektive wechseln würde? Wenn ich nur erzählte, was Katharina erlebte und dachte – aber aus ein wenig mehr Distanz. Wenn die „Kamera“ nicht mehr im Kopf, sondern auf der Schulter angebracht wäre?

Es war besser. Eindeutig. Ich hatte keinerlei Zweifel daran. Damit war aber auch klar, dass mein (an dieser Stelle muss einmal eine klischeehaft pathetische Formulierung erlaubt sein), dass mein so geliebter erster Satz diese Überarbeitung nicht überleben würde: „Christoph ist verschwunden“, musste nun selbst verschwinden. „Kill your darlings!“, sagt man dazu und so schlicht diese Aufforderung klingt – manchmal fühlt es sich tatsächlich genau so an und vielleicht erzähle ich hier auch deswegen davon, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass die Teilnehmer:innen meiner Werkstätten nicht glauben, dass ich das, was ich hartherzig vorschlage, tatsächlich auch selber mache: auf Sätze, auf Ideen, auf Personen, auf Wendungen verzichten, die doch „eigentlich“ unverzichtbar sind. Mit denen alles angefangen hat. Weil der Text als Ganzes dadurch gewinnt. Der neue erste Satz ist nicht besser als der alte, aber er etabliert einen anderen, einen für den Gesamtext geeigneteren Blickwinkel:

„Erst als sie die unbenutzte Teetasse auf dem Küchentisch stehen sieht, erinnert sich Katharina daran, dass sie Christophs Rückkehr schon vor zwei Stunden für möglich gehalten hat.“

(„Wiederholte Verdächtigungen“ erscheint im Frühjahr 2015 bei Klöpfer & Meyer.)

 

16 Comments

  1. Liebe Jutta,
    hier gibst Du nicht nur einen interessanten Einblick über den Umgang mit Perspektiven. Sondern machst es auch fürchterlich spannend. Ich will JETZT wissen, wohin und warum Christoph verschwunden ist 🙂

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  2. puhhh, jetzt habe ich so bisschen ne Attacke innerlich gekriegt, weil ich auch so ne Geschichte im leben hab, und mich da jetzt so bisschen was getriggert hat… und danke für den Einblick in die Textwerkstatt. Sehr interessant.

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      1. ja, 🙂 wollte ja gleich nach dem Buch schauen, mir helfen Bücher zu diesen Themen oder ähnlichem oft sehr weil man auch Antworten findet oder Hilfe bei der Analyse.. bin ich z.B. Herrn Schlink das letzte Jahr sehr dankbar für seine Kurzgeschichten gewesen, die viel zum Thema Beziehungen und Lüge in petto hatten. Bücher helfen.

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  3. „Christoph Geiger heißt nicht nur Geiger, er ist auch Geiger……………………
    Er fuhr los, ohne Geige; er kam vom Weg ab und landete am Meer. Die Wellen spielten ihm eine ganz neue Melodie. Würde er sie mit zurücknehmen können, um den Winterblues zu vergessen?“
    ………Christophanfangsundendesätze…………….
    Dorothea

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    1. Liebe Dorothea, vielen Dank! Das ist ja immer wieder erstaunlich, wieviel Rätselhaftigkeit sich uns in wenigen Zeilen eröffnen kann! Würde mich freuen, wenn andere deinem Beispiel folgten und „ihren Christoph“ auf die Reise schicken würden …

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  4. Kill your darlings ist das Mem, mit dem Schriftsteller Furore machen. Nichts trifft es besser als dieser Aufruf, sich von den resistenten Gewohnheiten des Schreibens zu verabschieden. Aber wie bei jedem „Mord“: Man muß sich dazu überwinden 🙂 Ich bin gespannt, was da auf uns zukommt.

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    1. Lieber Achim, vielen Dank für deinen Zuspruch zum „Mord“ – damit hat man es ja zum Glück nicht so sehr oft zu tun 😉 Und ja – ich stimme dir zu! Ich glaube auch, dass die Bereitschaft, alles dem „Wohl des Textes“ unterzuordnen (so empfinde ich es) oft den Unterschied ausmacht … Herzliche Grüße!

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