Wie war der Weg vom Manuskript zum Buch?

cover_wvDiese und ein paar weitere Fragen stellte mir Birgit Böllinger, die den wunderbaren Blog „Sätze und Schätze“ unterhält, nachdem sie zuletzt dem Literaturagenten Gerald Drews die Frage gestellt hatte: „Sag mal an, was macht eigentlich so ein Literaturagent?“ Hier geht es zum Interview mit mir: Sag mal an, wie war der Weg vom Manuskript zum Verlag?

Habt ihr weitere Frage, Anmerkungen oder Kommentare zum Thema Verlagssuche? Ich freue mich darüber – auch wenn ich vielleicht nicht jede Frage oder Anmerkung umgehend beantworten kann.

Sechs Jahre haben Sie an diesem Roman gearbeitet?!

Mir schien diese Information nicht besonders wichtig oder bemerkenswert: Etwa sechs Jahre lang habe ich an den „Wiederholten Verdächtigungen“ gearbeitet. Nicht, dass ich das so geplant hätte oder gewollt –  es war eben so.

In dem Text selbst gibt es das Bild von einem Berg an Puzzle-Teilen, bei denen noch nicht einmal klar ist, ob sie überhaupt alle zu einem Spiel gehören. Dieses Bild beschreibt für mich auch den Prozess des Schreibens: Was gehört zu genau dieser Geschichte oder was ist in einer anderen besser untergebracht? Und später dann vor allem: Welches Teil gehört an welche Stelle?

Ich glaube, nach etwa zwei Jahren dachte ich das erste Mal, dass ich kurz davor wäre, die Arbeit beenden zu können. Und dann stimmte doch etwas nicht, was ich selbst bemerkte oder diejenigen, denen ich das Manuskript geschickt hatte. So ging es dann weiter.

Natürlich war ich zwischendurch enttäuscht, manchmal ärgerlich, gelegentlich fühlte ich mich unverstanden – aber die meiste Zeit konnte ich es sportlich sehen: sobald ich wieder eine klare Vorstellung davon gewonnen hatte, durch welche Veränderung der Text gewinnen würde, war ich mit relativ unverwüstlichem Engagement bei der Sache.

Und weit mehr, als eine nüchterne Betrachtung hergegeben hätte, war ich fast immer davon überzeugt, dass diese Geschichte ihren Weg finden würde, dass sie eine spezielle Qualität entfalten könnte – wenn ich alles daran setzen würde. Jonathan Franzen schreibt: „Es ist eines meiner Vorurteile: (…) wenn das Buch nicht für den Autor selbst, in gewisser Hinsicht, eine Expedition ins Unbekannte war; wenn er sich nicht selbst eine schwierige Aufgabe gestellt hat; wenn das fertige Buch nicht die Überwindung eines großen Widerstands ist – ,  (es) dann das Lesen nicht lohnt“. Dieser Text war in verschiedener Hinsicht eine Expedition, und ich war froh und erleichtert, als sie geglückt beendet war.

Als ich dann im Entwurf des Verlagsprospektes zum ersten Mal den Hinweis auf die sechs Jahre las, habe ich kurz darüber nachgedacht, welche Lesarten diese Aussage erlaubt und ob ich sie besser streichen sollte. Ach was, da hat jemand sorgfältig gearbeitet, dachte ich, würden LeserInnen vermutlich denken.

Und nun bin ich überrascht, wieviel staunendes Nachfragen mir dieser kleine Hinweis einbringt. „Das könnte ich nicht!“, höre ich oft und glaube es selten, denn auch vor mir stand ja, wie gesagt, dieser Zeitraum nie als ein feststehender. Manche Nachfragende suchen auch nach einer höflichen Umschreibung von: „Aber was, um Gottes Willen, haben Sie denn SECHS Jahre lang gemacht, wenn dann so ein schmaler Roman dabei herausgekommen ist? Wie lange brauchen Sie für einen Satz? Kann man das nicht irgendwie optimieren?“. Ich finde das meistens lustig. Die schönste Reaktion aber kam kürzlich von R., einer so engagierten wie eifrigen Teilnehmerin meiner Werkstätten. „Endlich habe ich alle Zeit der Welt für meine Texte. Niemand treibt mich mehr an oder schaut mir prüfend über die Schulter“, erzählte sie vergnügt und verkündete, „Schreibblockaden ade!“. Allein deswegen bin ich froh, dass der Hinweis im Klappentext steht …

Im Badezimmer oder auf einem Pferd sitzend schreiben

Ich könnte abends schreiben. Oder im Badezimmer. Auf einem Pferd sitzend oder während ich mit der linken Hand einen Teig anrühre. Einen Teig, aus dem der Schokoladenkuchen werden wird für Larissa, deren Schwester vielleicht etwas für mich machen kann. Für meinen Text. Oder eigentlich nicht für mich oder meinen Text – wir brauchen keine Hilfe. Mein Text und ich sind nämlich sehr zufrieden mit uns. Und auch die Leserinnen und Leser sind, soweit wir wissen, zufrieden mit uns beiden. Zufrieden, manche sogar sehr zufrieden, einige sogar begeistert. Aber nicht zahlreich. Also nicht: zwar zahlreich, aber „nicht zahlreich begeistert“, sondern einfach insgesamt nicht sooo zahlreich. Damit kein falscher Eindruck entsteht: auch nicht nur ganz wenige. Keineswegs nur sehr wenige! Nicht, dass ich da jetzt einen Eindruck erwecke, der geschäftsschädigend wäre. Denn darum geht es ja eben auch – ums Geschäft. Obwohl es ja selbst bei der Frage nach den Zahlen, nach den vielen oder wenigen Leserinnen oder Lesern gar nicht mal nur oder gar automatisch ums Geschäft geht, gehen muss. Sondern ja auch um die Leserinnen und Leser. So betrachtet, bräuchten weder mein Text noch ich Hilfe von Larissas Schwester, von der ich gerade nicht mehr weiß, wen sie kennt oder einmal gekannt hat und was sie eigentlich machen könnte für mich oder meinen Text, wenn ihr mein Schokoladenkuchen mundet. Ich glaube es hatte damit zu tun, dass ich dann wieder Zeit hätte um zu schreiben, zumindest abends oder auf Pferden, aber vielleicht ist das alles gerade auch zu wenig und zu viel gleichzeitig für mich und es ist gut, dass jetzt ein paar freie Tage kommen und möglicherweise werde ich nach Ostern ein Gedicht aus Eierschalen gestreut haben und niemand benötigt mehr Hilfe von irgendwem …

Ich wünsche schöne Ostertage!

Social reading? LovelyBooks? Ausprobieren!

Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment skeptisch war! Die „Wiederholten Verdächtigungen“ bei LovelyBooks? Der führenden Plattform für „Social Reading“? Und was ist das überhaupt genau, „Social Reading“? Ich sehe mich auf der LovelyBooks-Homepage um. Der erste Eindruck lässt meine Skepsis nicht schwinden: An Lovelybooks scheint mir keineswegs nur der Name sehr „mainstreamig“ zu sein.

Nein, das ist wahrscheinlich nichts für mich, denke ich – da schickt mir eine Freundin den passenden Link: „Unter Amateuren“ ist der Titel eines Erfahrungsberichtes von Katharina Lukoschek, veröffentlicht auf dem von mir sehr geschätzten „Litlog“, den Göttinger Studierende der Philologie betreiben.

Und das ist das Fazit: „Worum es in einer Leserunde wie dieser geht, ist also weder die oft behauptete, trotzige Abgrenzung eines literarischen Pöbels gegen den hermetisch abgeschlossenen Intellektualismus einer kleinen Kulturelite, noch ist es das, was manche Forscher und Kritiker als Selbstprofilierung des Nobody bezeichnen. Es ist auch kein Kaffeekranz oder Autorenvoyeurismus. Vielmehr hinterlässt die Leserunde den Eindruck, dass es um die Suche nach Gleichgesinnten geht, mit denen man gemeinschaftlich liest und diskutiert, wenn es nun mal keinen Lesekreis am Wohnort gibt.“

Meine Neugierde gewinnt die Oberhand und ich schaue mich ein weiteres Mal auf LovelyBooks um – und tatsächlich entdecke ich jetzt, auf den zweiten Blick, Autor:innen wie Ulrike Draesener, Gila Lustiger oder Thomas Melle – und begeisterte Teilnehmer:innen an deren „Leserunden“.

Leserunden scheinen das heimliche Herzstück von LovelyBooks zu sein, sie sind digitale „Lesekreise“: Die Teilnehmer:innen einer „Leserunde“ lesen ein Buch und tauschen sich darüber (abschnittsweise) aus. Weil solch echte Büchernärrinnen und -narren ein interessantes (Test)-Publikum sind, freuen sich die Verlage, wenn „Leserunden“ stattfinden und verschenken dafür Lese-Exemplare, die gewinnen kann, wer teilnehmen möchte. Und fragen ihre Autor:innen, ob sie sich vorstellen können, an einer solchen Runde teilzunehmen – und z. B. Fragen zu beantworten. Das kann ich mir nun allerdings sehr gut vorstellen – und deswegen probiere ich es jetzt einfach mal aus!

Wer Lust hat, an „meiner“ Leserunde teilzunehmen, muss sich dafür bei LovelyBooks registrieren (das ist kostenlos und jederzeit widerrufbar) und bereit erklären, am Ende eine kleine Rezension zum Text zu schreiben und (zumindest bei LovelyBooks) online zu stellen – und hat für die „Bewerbung“ um eins von zehn Rezensionsexemplaren Zeit bis zum 26.03.2015.

Natürlich werde ich hier berichten, wie es war. Und vielleicht hat auch jemand von Euch Lust, einen eigenen Eindruck davon zu gewinnen – das würde mich sehr freuen!

Auch über „Geheimtipps“ muss geredet werden!

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„Schier sensationell“ fand der verblüffte Verleger, dass 170 Menschen zur Buchpremiere der „Wiederholten Verdächtigungen“ in den Wallsaal der Bremer Stadtbibliothek gekommen waren – und wer möchte ihm da widersprechen? Herzlichen Dank also an alle, die gekommen sind und dem Abend so ein fröhlich-festliches Gepräge gaben: Herzlichen Dank auch an diejenigen, die wegen „voll“ nicht mehr reingekommen sind (und sich davon nicht anhaltend die gute Laune verderben ließen) und natürlich an die „Mitwirkenden“ Gudrun Liebe-Ewald (Stadtbibliothek Bremen), Hendrik Werner (Weser Kurier) und Axel Stiehler (Logbuchladen)!

Es war ein wunderbarer Start für den Roman und für die Aktion: „Auch über Geheimtipps muss geredet werden!“. Weit mehr, als viele sich das vorstellen können, sind die Autor:innen unabhängiger Verlage  genau darauf angewiesen – dass über ihre Texte geredet wird! Dass sie (sofern sie zu überzeugen vermögen) der Buchhändler:in um die Ecke empfohlen werden oder der Stadtbibliothek zur Anschaffung. Ich freue mich über weitere Verbreitungs-Vorschläge und empfehle (zugegeben ein wenig übermütig) Manus Ankündigung zur Nachahmung: „Dieses Jahr verschenke ich nur noch dieses Buch!“

Wiederholte Verdächtigungen: Erste Reaktionen und Rezensionen

„Virtuose Mutmaßungsprosa“ ist der Titel der Rezension von Hendrik Werner im Weser-Kurier vom 22.02.2015. „Jutta Reichelt ist mit ‚Wiederholte Verdächtigungen‘ ein eindringlicher, fesselnder und kluger Roman gelungen. Die Bremer Autorin, die sechs Jahre an dem schmalen wie gewichtigen Band gearbeitet hat, entwirft anhand von Katharina und Christoph ein packendes Spiel vom Fragen. Ein irritierendes Spiel, das Erwartungen, Vermutungen, Zuschreibungen der Figuren und des Lesers wiederholt virtuos unterläuft. (…) Jutta Reichelt, eine sehr präzise (Selbst-)Beobachterin, schreibt ungemein ökonomisch. Zwar wägt sie jedes Wort. Und doch atmet der kompakte Roman eine erzählerische Leichtigkeit, die sein schweres Sujet wohltuend kontrastiert.“

„Die Bremer Autorin Jutta Reichelt macht auch in ihrem jüngsten Roman das Auseinandergleiten von Lebens- und Identitätskonstrukten zum Thema. Was auf einer Ebene durchaus autobiografisch ist“, schreibt Carola Ebeling in ihrem Portrait für die taz. Esther Willbrandt führte für die „Buchpiloten“ des nordwestradios ein Gespräch mit mir, das neben dem Text selbst auch den Entstehungsprozess des Romans in den Blick nimmt.

In ihrer (also ja, tatsächlich) sehr begeisterten Rezension des Roman freut sich die überaus geschätzte Blogger-Kollegin Birgit Böllinger („SätzeundSchätze„), dass Christoph endlich wieder da ist und kommt zu dem Ergebnis: „Neben der klug konstruierten Handlung zeichnen ein ganz feiner, leiser Humor und mit sehr viel Empathie gezeichnete Figuren (die so lebensnah geschildert sind, dass man sie beinahe vor Augen hat) diesen Roman aus. Was mich aber vollends gefangen hat, ist die ruhige, ganz unaufgeregte Sprache, die Jutta Reichelt in diesem Buch anschlägt – glasklar und kein Ton zu viel.“

Zustimmung erhält sie dafür u.a. von Susanne, die in einer Gastrezension für den Blog „Die Bibliophilin“ bereits geschrieben hatte: „Vielen Dank für eine Geschichte, die mich mit dem ersten Satz reingezogen und erst nach dem letzten wieder ausgespuckt hat. (…) Jutta Reichelt beobachtet unfassbar gut, kann diese Beobachtungen eins zu eins in Sprache überführen und hat offenbar ein untrügliches Gespür dafür, wann es genug ist (eine Tugend, die man nicht hoch genug schätzen kann). Und obwohl Schauplatz, Protagonisten und Handlung genau genommen ziemlich unspektakulär sind, hatte ich beim Lesen so ein Thriller-Feeling, das ich nicht vermutet hätte bei einem so netten, harmlosen, jungen Vorstadt-Pärchen.

Auf ihrem wunderbar vielseitigen Blog „Von Orten und Menschen“ fasste Maren Wulf ihre Lese-Eindrücke in 9 Feststellungen und Gedanken zusammen – von Nr. 1: Ist das spannend! Ich habe schon eine Weile kein Buch mehr so atemlos gefressen. – Nr. 9: Es geht immer darum, Geschichten zu erzählen. That is what it’s all about.“

Joachim Mols formuliert begründet seine Leseempfehlung auf „bestreaders“ so: „Jutta Reichelt hat es wunderbar geschafft, die ungeheure Tiefe der Frage nach der eigenen Identität auf den Punkt zu bringen. Ohne mit einer aufdringlichen Psychoschnulze aufzuwarten, erzählt sie von der Bedeutung, die das persönliche, familiäre Erbe für den Menschen hat.

Ich freue mich sehr!

Und hier geht es zu den Verlags-Information von Klöpfer & Meyer und zu der Leseprobe.

Christoph ist jetzt unwiderruflich da!

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Gestern ist mein Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ bei Klöpfer & Meyer erschienen und das bedeutet: Christoph ist nun unwiderruflich da. Damit werden sich einige, wenngleich nicht alle, Fragen klären, die sein Verschwinden in der Vergangenheit ausgelöst hatte  …

Ich freue mich nun sehr, dass die lange Zeit des Schreibens, der Überarbeitung und des Suchens ein Ende gefunden hat und ich freue mich sehr über erste sehr ermutigende Rückmeldungen, die mich erreichen – darunter auch das Gespräch, das Esther Willbrandt für die Sendung „Buchpiloten“ des Nordwestradios mit mir geführt hat.

Sagen Sie – bitte in einem Satz – wovon handelt Ihr Roman?

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Ich habe mich jahrelang geweigert. Unmöglich, habe ich gesagt. Was wäre das für ein Roman, der sich in einem Satz wiedergeben ließe? Warum ihn dann noch schreiben?

Es muss ja nicht EIN Satz sein. Aber sagen Sie doch einfach, um was es geht? Wovon handelt ihr Roman? Auch darauf hatte ich keine Antwort. Natürlich wusste ich, wovon der Roman handelte – jedenfalls nach ein paar Jahren. Aber das ist doch nur der Plot, entgegnete ich dann ein wenig gequält. Der Plot, die Handlung – das ist, als würde ich statt eines sorgfältig gekochten Essens das Rezept herzeigen sollen … Es ist doch der Ton, der Rhythmus der Sprache, die Atmosphäre die einen literarischen Text erst ausmachen.

Das stimmt – und ist doch zugleich nur „die halbe Wahrheit“. Denn jetzt, wo die Arbeit am Roman beendet ist, wo sein Erscheinen unmittelbar bevorsteht, da merke ich, dass ich so nicht weiterkomme. Dass es nicht nur unklug ist, sondern auch naseweis. Und dass es ja vielleicht auch der fragenden Person gar nicht unbedingt um die Handlung geht, sondern darum, etwas über den Text zu erfahren. Was daran besonders sein könnte. Was für mich besonders daran sein könnte.

Ich habe darüber nachgedacht und über einige andere Fragen die „Wiederholten Verdächtigungen“ betreffend und ich habe einmal mehr festgestellt, dass sich vieles erst klärt, wenn die Arbeit an einem Text beendet ist. Wenn nicht mehr die Frage im Vordergrund steht: Was könnte auch anders, was könnte noch besser/klarer/genauer sein.

Ich bilde mir ein, den Text und seine spezifischen Herausforderungen jetzt viel besser zu verstehen: Wie sehr die Erzähllogik der Geschichte und die innere Logik der Figuren in einem Spannungsverhältnis stehen. Und dass die Herausforderung nicht darin bestand, den Text spannend werden zu lassen, sondern spannend und glaubwürdig zugleich.

So denke ich also gerade viel vor mich hin und da ich Schwierigkeiten habe, zu denken ohne zu schreiben, kritzele ich dabei ein bisschen herum (s. o.). Und suche nach Sätzen, die etwas verraten über den Text. Natürlich nicht alles, noch nicht einmal sehr viel, die aber einen ersten Hinweis geben können. Hier kommt nun also mein aktueller Favorit: „Der Roman erzählt die Geschichte von Christoph, dessen Leben innerhalb weniger Monate ins Wanken gerät – und der noch nicht einmal weiß, warum.“

Am 09.02.2015 kommen die „Wiederholten Verdächtigungen“ in den Handel, ab dann freue ich mich sehr auch über Eure/Ihre Vorschläge für einen vielsagenden Satz – und bevor es jetzt also bald so weit ist, verabschiede ich mich erst noch Mal für ein paar Tage ans Meer …

Vom Text zum Buch: Die Verlags-Vorschau

Wenn ich mir aussuchen könnte, wie mein Arbeitstag aussähe, dann würde ich gerne alleine am Schreibtisch sitzen – jeden Tag. Manchmal halte ich für möglich, dass das meine Hauptmotivation für den Wunsch war, Schriftstellerin zu werden – die Vorstellung, dass ich dann in aller Regel meine Ruhe hätte. Ich glaube niemand strebt eine Existenz als Schriftsteller*in an, die oder der nicht gerne alleine arbeitet. Wem diese Vorstellung unangenehm ist, wird Schauspieler*in oder Veranstaltungskaufmann oder Erzieher oder Fußballerin. Nun gibt es sicherlich Schriftsteller*innen, die jedwede Form von Zusammenarbeit oder Kooperation mit anderen gerne vermeiden würden  – aber so bin ich nicht. Ab und zu arbeite ich gerne mit anderen zusammen und freue mich, wenn daraus eine Aufführung oder Lesung oder eben auch ein Buch entsteht.

Denn so sehr der Text, an dem ich jahrelang gearbeitet habe „meiner“ war (ich lasse jetzt einmal unberücksichtigt, wie sich natürlich auch in diesen Text andere Autor*innen „eingeschrieben“ haben), so sehr ist ein Buch immer das Ergebnis der Arbeit vieler. Die ihrem Beruf als Lektor*in, Hersteller*in, Gestalter*in, Verleger*in, Vertreter*in im Idealfall mit genau soviel Hingabe nachgehen, wie ich meinem. Und die dann, wenn die Arbeit getan ist, wenn es „gut geworden“ ist, ebenso Grund und Anlass haben, sich zu freuen, stolz zu sein.

Es ist wie mit der Küche in einem Restaurant: Niemand kommt wieder, wenn das Essen nichts taugt – aber ebenso wird kaum jemand das Lokal betreten, wenn es nicht ansprechend gestaltet ist. Wenn der Service nicht stimmt. Wenn es zieht. Wenn die Stühle unbequem, die Preise überzogen, die Toiletten dreckig sind. Sehr viel muss stimmen, muss zusammenkommen, damit ein „gutes Buch“ entsteht. Vieles muss abgestimmt werden – und nicht immer können alle einer Meinung sein. Und warum erzähle ich das alles? Weil seit kurzem die Verlags-Vorschau „meines“ Verlags Klöpfer & Meyer online ist – und ich mich freue, wie viele Leute dabei einen richtig guten Job gemacht haben …

Vom Text zum Buch: Der erste Satz

Ich weiß nicht, woher er kam, der Satz: „Christoph ist verschwunden“. Eines Tages war er da und ich wusste, dass es der erste Satz meines zweiten Romans werden würde. Wer ist Christoph und wohin ist er verschwunden? Ich wusste es nicht. Für eine kurze Zeit (also für ein paar Monate) glaubte ich, dass Christoph verschwunden bliebe, dass der Text „nur“ aus den Spekulationen ihm nahestehender Menschen bestünde – aber das „funktionierte“ nicht. Die Spannung, ob er zurückkäme und wo er gewesen wäre, erdrückte den Text. Also war klar: So ging es nicht! Aber der Satz blieb: „Christoph ist verschwunden“.

Der Satz lieferte nicht sehr viele Hinweise, aber immerhin war klar, dass es nicht Christoph sein konnte, der die Geschichte erzählen würde. Wer denkt diesen Satz? Katharina – auch das war von Anfang an klar – wird die Geschichte erzählen, die Geschichte vom Verschwinden ihres Freundes. Lange Zeit dachte ich, dass sie es in der Ich-Form täte, was der erste Satz mir nahezulegen schien. Ich schrieb also die Geschichte vom verschwundenen Christoph aus der Perspektive seiner Freundin – warum eigentlich? Das fragte ich mich erstaunlich spät das erste Mal, und war erleichtert, dass es tatsächlich zwei gute Gründe dafür gab (die ich hier leider nicht nennen kann, weil sie zuviel verraten würden …). Es war also richtig, dass Christoph nicht erzählte, aber war es richtig, dass Katharina in der Ich-Form erzählte?

Der Text schien „fertig“, erste Reaktionen darauf waren ermutigend, auch wenn es Einwände gab, die sich, wie es immer so ist, zum Teil widersprachen – aber ich selbst gewann zunehmend den Eindruck, dass sich aus der gewählten Perspektive eine Form von „Unruhe“ ergab, die ich nicht wollte, nicht beabsichtigt hatte. Und wenn ich aus der Ich-Perspektive in die sog. „personale“ Perspektive wechseln würde? Wenn ich nur erzählte, was Katharina erlebte und dachte – aber aus ein wenig mehr Distanz. Wenn die „Kamera“ nicht mehr im Kopf, sondern auf der Schulter angebracht wäre?

Es war besser. Eindeutig. Ich hatte keinerlei Zweifel daran. Damit war aber auch klar, dass mein (an dieser Stelle muss einmal eine klischeehaft pathetische Formulierung erlaubt sein), dass mein so geliebter erster Satz diese Überarbeitung nicht überleben würde: „Christoph ist verschwunden“, musste nun selbst verschwinden. „Kill your darlings!“, sagt man dazu und so schlicht diese Aufforderung klingt – manchmal fühlt es sich tatsächlich genau so an und vielleicht erzähle ich hier auch deswegen davon, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass die Teilnehmer:innen meiner Werkstätten nicht glauben, dass ich das, was ich hartherzig vorschlage, tatsächlich auch selber mache: auf Sätze, auf Ideen, auf Personen, auf Wendungen verzichten, die doch „eigentlich“ unverzichtbar sind. Mit denen alles angefangen hat. Weil der Text als Ganzes dadurch gewinnt. Der neue erste Satz ist nicht besser als der alte, aber er etabliert einen anderen, einen für den Gesamtext geeigneteren Blickwinkel:

„Erst als sie die unbenutzte Teetasse auf dem Küchentisch stehen sieht, erinnert sich Katharina daran, dass sie Christophs Rückkehr schon vor zwei Stunden für möglich gehalten hat.“

(„Wiederholte Verdächtigungen“ erscheint im Frühjahr 2015 bei Klöpfer & Meyer.)