Sechs Jahre haben Sie an diesem Roman gearbeitet?!

Mir schien diese Information nicht besonders wichtig oder bemerkenswert: Etwa sechs Jahre lang habe ich an den „Wiederholten Verdächtigungen“ gearbeitet. Nicht, dass ich das so geplant hätte oder gewollt –  es war eben so.

In dem Text selbst gibt es das Bild von einem Berg an Puzzle-Teilen, bei denen noch nicht einmal klar ist, ob sie überhaupt alle zu einem Spiel gehören. Dieses Bild beschreibt für mich auch den Prozess des Schreibens: Was gehört zu genau dieser Geschichte oder was ist in einer anderen besser untergebracht? Und später dann vor allem: Welches Teil gehört an welche Stelle?

Ich glaube, nach etwa zwei Jahren dachte ich das erste Mal, dass ich kurz davor wäre, die Arbeit beenden zu können. Und dann stimmte doch etwas nicht, was ich selbst bemerkte oder diejenigen, denen ich das Manuskript geschickt hatte. So ging es dann weiter.

Natürlich war ich zwischendurch enttäuscht, manchmal ärgerlich, gelegentlich fühlte ich mich unverstanden – aber die meiste Zeit konnte ich es sportlich sehen: sobald ich wieder eine klare Vorstellung davon gewonnen hatte, durch welche Veränderung der Text gewinnen würde, war ich mit relativ unverwüstlichem Engagement bei der Sache.

Und weit mehr, als eine nüchterne Betrachtung hergegeben hätte, war ich fast immer davon überzeugt, dass diese Geschichte ihren Weg finden würde, dass sie eine spezielle Qualität entfalten könnte – wenn ich alles daran setzen würde. Jonathan Franzen schreibt: „Es ist eines meiner Vorurteile: (…) wenn das Buch nicht für den Autor selbst, in gewisser Hinsicht, eine Expedition ins Unbekannte war; wenn er sich nicht selbst eine schwierige Aufgabe gestellt hat; wenn das fertige Buch nicht die Überwindung eines großen Widerstands ist – ,  (es) dann das Lesen nicht lohnt“. Dieser Text war in verschiedener Hinsicht eine Expedition, und ich war froh und erleichtert, als sie geglückt beendet war.

Als ich dann im Entwurf des Verlagsprospektes zum ersten Mal den Hinweis auf die sechs Jahre las, habe ich kurz darüber nachgedacht, welche Lesarten diese Aussage erlaubt und ob ich sie besser streichen sollte. Ach was, da hat jemand sorgfältig gearbeitet, dachte ich, würden LeserInnen vermutlich denken.

Und nun bin ich überrascht, wieviel staunendes Nachfragen mir dieser kleine Hinweis einbringt. „Das könnte ich nicht!“, höre ich oft und glaube es selten, denn auch vor mir stand ja, wie gesagt, dieser Zeitraum nie als ein feststehender. Manche Nachfragende suchen auch nach einer höflichen Umschreibung von: „Aber was, um Gottes Willen, haben Sie denn SECHS Jahre lang gemacht, wenn dann so ein schmaler Roman dabei herausgekommen ist? Wie lange brauchen Sie für einen Satz? Kann man das nicht irgendwie optimieren?“. Ich finde das meistens lustig. Die schönste Reaktion aber kam kürzlich von R., einer so engagierten wie eifrigen Teilnehmerin meiner Werkstätten. „Endlich habe ich alle Zeit der Welt für meine Texte. Niemand treibt mich mehr an oder schaut mir prüfend über die Schulter“, erzählte sie vergnügt und verkündete, „Schreibblockaden ade!“. Allein deswegen bin ich froh, dass der Hinweis im Klappentext steht …

10 Comments

  1. „Wie lange brauchen Sie für einen Satz?“ … das hat mir gefallen.

    da müsste man ernst die stirn in falten legen, einen taschenrechner zücken (das smartphone tut es auch), konzentriert tippen und dann verkünden: ja, also, wissen sie, sätze sind ja unterschiedlich lang. aber für ein wort, so ein durchschnitts-8-buchstaben-wort, da brauche ich so an die 6 minuten.

    Gefällt mir

  2. Man könnte auch eine andere Rechnung aufmachen: Donna Tartt brauchte für einen Roman, der etwa sechsmal so umfangreich ist wie Deiner, zehn Jahre. Mir kam das Lesen – ca anderthalb Wochen jeden Abend – gefühlt vor wie ein Lesejahr. Dein Roman – sechs Jahre, sechstel Umfang – Lesezeit 1 : Drei Tage. Und dann noch eine Zweitlesung, mit langsamerer Gangart, gefühlte Lesezeit: ein vergnügliches Jahr. So, und jetzt habe ich mich vergaloppiert. Was ich eigentlich sagen wollte: Egal, wie lang ein Autor an einem Buch schreibt, egal wie kurz oder lang das Buch ist – wenn es sein sehr gutes Buch ist so wie Deines – spielt Zeit für den Leser keine Rolle.

    Gefällt mir

    1. Liebe Birgit, obwohl du es ja auch in der Vergangenheit bereits einmal erwähnt hattest – ich freue mich immer wieder sehr, wenn ich lese, dass dir die „Wiederholten Verdächtigungen“ so gut gefallen haben! Und gerade freut es mich auch, dass wir neben anderem offenbar auch die Freude an absurden Berechnungen teilen. Mir ist kürzlich der Gedanke gekommen (angesprochen auf das unglückliche Verhältnis von Schreibzeit zu Lesezeit, dass man die Lesezeiten der einzelnen Leser:innen addieren müsste – und dann erst den Quotienten bilden 😉

      Gefällt 1 Person

  3. Ein treffend wahrer Satz von Italo Calvino auf der Startseite deines Verlages: »Lesen heißt, sich an etwas annähern, was gerade im Entstehen begriffen ist.« Ich meine, das gilt auch fürs Schreiben. Und jetzt wünsche ich deinem Buch die Beachtung, die es verdient.

    Gefällt mir

  4. Ich arbeite auch schon fast so lange an einem Manuskript, allerdings mit längeren Unterbrüchen. Und weil immer wieder anderes dazwischen kommt – insbesondere Zweifel. 😉

    Ich habe nun deine „Verdächtigungen“ als epub (Rezi-Ex) bekommen und werde es lesen und besprechen. Freue mich schon total und bin sehr gespannt.

    (Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich dich in meiner Blogroll gelistet habe?)

    Gefällt mir

  5. Ja, komisch, wie manche immer noch meinen, Schreiben sei so etwas wie Tippen und man müsse sich eben nur vorstellen, ein Buch einmal abzuschreiben und schon wisse man, wie lange ein/e Autor/in daran gearbeitet habe. Das ist sogar so bei Artikeln oder anderen journalistischen Texten. Wie lange eine/r daran schreibt – und das kommt bei den Honorarverhandlungen unterschwellig ja immer auf den Tisch – kann niemand, selbst beim besten Willen, sagen.

    Gefällt mir

Ich freue mich über Kommentare!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s