(39) Nach einer wahren Geschichte, oder: „Ist das autobiographisch?“

Vor wenigenTagen habe ich meinen Text Wie ich Schriftstellerin wurde. Geschichte einer Hochstapelei bei zwei Veranstaltungen des Bremer Kultursommers gelesen. Der Text endet mit dem Satz:“ Mit dem Erscheinen der Wiederholte Verdächtigungen konnte es auch für mich keinen vernünftigen Zweifel mehr daran geben: Aus der bemerkenswert phantasielosen Person, die ich den größten Teil meines Lebens gewesen war, war eine ganz normale Schriftstellerin geworden …
Diese halbwegs normale Schriftstellerin, erzählte ich den Zuhörer:innen, konnte sich viele Themen und Stoffe, viele Genres und Textsorten für noch zu schreibende Texte vorstellen, eines schien mir allerdings ausgeschlossen: Dass ich jemals einen autobiographischen Text wie diesen verfassen würde, den ich gerade vorgelesen hatte …
Wenn es sich nicht um mein reales Leben, sondern um eine erfundene Geschichte handeln würde, käme es mir vermutlich ein bisschen gewollt vor, dass es gerade Frage nach den autobiographischen Hintergründen meines Romans war, dass es die Ratlosigkeit war, in die ich daraufhin geriet, die mir überhaupt erst die Entdeckung bescherte, wie viele Fragen es gab, die ich nicht oder nicht gut beantworten konnte.
Während ich noch darüber nachdachte, wie das sein konnte, während ich mich fragte, was denn überhaupt der Grund für diese tiefe Ratlosigkeit war, erschien im Internet eine Leserrezension der Wiederholten Verdächtigungen mit der Überschrift: „Der Mann, der sich nicht kennt“ und ich hatte die Zeile kaum zu Ende gelesen, da dachte ich schon: Das bin doch ich – ich bin die Frau, die sich nicht kennt! Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich so zu beschreiben, aber ich verstand plötzlich die Absurdität, die Unmöglichkeit meiner Situation: Wie sollte ich Auskunft geben über mich, über mein Schreiben, wenn doch gerade das „mein Thema“ war – nicht so umstandslos über eine (Lebens-)Geschichte zu verfügen wie die meisten anderen Menschen? Erzählten die Wiederholten Verdächtigungen nicht genau davon? Wie elegant hätte ich mich im Gespräch mit der Journalistin aus der Affäre ziehen können mit einem Hinweis auf den Klappentext, auf dem zu lesen war, dass dieser Roman von Menschen erzählt, „die sich oder anderen keine Auskunft, keine Antwort geben können – über sich selbst.“ Mit einer gewissen Logik hatte der „autobiographische Hintergrund“ meines Textes verhindert, dass ich über ihn Auskunft geben, dass ich ihn überhaupt klar und deutlich erkennen konnte.

„Ist das wirklich so?“, fragte eine Zuhörerin. „Ist das Interesse an den Überschneidungen von Text und Leben wirklich so groß bei Leser:innen?“ Das war eine leicht zu beantwortenden Frage: Ja, das ist es. Ich habe noch keine Lesung erlebt, bei der diese Frage nicht früher oder später gestellt worden wäre. Dabei können ganz entgegengesetzte Untertöne diese Frage begleiten: Für manche Fragesteller:innen scheint erst das selbst Erlebte den Text zu „beglaubigen“, während andere umgekehrt einen Makel darin sehen, wenn das Erzählte nicht erfunden ist, als wäre es dann dem Leben bloß „abgeschrieben“. Immerhin in einem Punkt scheint Einigkeit zu bestehen: wann wir es überhaupt mit autobiographischer Literatur zu tun haben. Aber das ist ein Irrtum und um ihn zu illustrieren, habe ich eine Schriftstellerin erfunden, die auf ihrem abendlichen Spaziergang für einen Augenblick ein Gefühl großer Verlorenheit empfindet. An den Schreibtisch zurückgekehrt, erwägt sie keinen Moment, dieses Gefühl einer Frau auf ihrem abendlichen Spaziergang zuzuschreiben, sondern sie sucht nach Bildern, nach Figuren, mit denen sie davon erzählen kann. So erzählen kann, dass Leser:innen sich eine Vorstellung machen können.
Vielleicht erfindet sie ein Kind, das sich verlaufen hat, oder einen alten Mann, der weiß, dass er das Grab seiner Frau ein letztes Mal besucht. Vielleicht findet die Szene Eingang in den Roman, den sie gerade schreibt und ihr wird die Frage gestellt, ob sie „das“ erlebt hat? Hat sie? Was ist „autobiographischer“: Die minutiöse, detaillierte Schilderung ihres Spaziergangs einschließlich des Hinweises auf einen „kurzen verstörenden Moment der Verlorenheit“ oder ein Text, in dem niemand auftaucht, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit ihr aufweist, der aber von ihrem Gefühl so erzählt, dass er in unterschiedlichen Leser.innen eben dieses Gefühl der Verlorenheit evoziert?

„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“ stellt Eugen Ruge seinem Roman Cabo de Gata voran und Jonathan Franzen bezeichnet in seinem Essay Über autobiographische Literatur zunächst allein solche Texte als autobiographisch, bei denen „die beschriebenen Geschehnisse denen des Autors im wirklichen Leben gleichen“, um unmittelbar danach darauf hinzuweisen, dass seine eigenen Texte, die in diesem eben genannten Sinn keinesfalls autobiographisch seien, gleichzeitig „extrem autobiographisch“ wären – und steigert diesen Widerspruch zum programmatischen, „wichtigen Paradox: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Leben.“

Vor vielen Jahren kam ein älterer Herr nach einer Preisverleihung, bei der ich den prämierten Text vorgetragen hatte, auf mich zu. Er wolle mir gerne persönlich gratulieren, sagte er und dass er sehr berührt sei von der Geschichte – er habe genau das Gleiche erlebt. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es sei seine eigene Geschichte. Aufgeregt stand er vor mir und konnte das Ausmaß an Überschneidung kaum glauben. Auch ich war überrascht, immerhin gab es in dem Text einen Banküberfall mit mehreren Toten. Dann erzählte er seine Geschichte und was mich dann wirklich verblüffte, war, dass es mir beim besten Willen nicht gelang, überhaupt irgendeine Ähnlichkeit zwischen der von ihm daraufhin recht ausführlich vorgetragenen Lebensgeschichte und meinem Text auszumachen.

Als ich es erlebte, kam mir diese Episode wie eine kleine skurrile Begebenheit vor, heute beschreibt sie für mich sehr zutreffend den Reiz und die ganz besonderen Möglichkeiten, die literarische Texte besitzen: Sie erlauben es uns, Erfahrungen zu teilen. Erfahrungen, die anders waren und zugleich sehr ähnlich – denn darum geht es ja immer in der Literatur: dass sich im Besonderen das Allgemeine spiegelt. Deswegen sind Texte uns „auf unerklärliche Weise oft näher als selbst vertraute Personen“ schreibt Wilhelm Genazino und glaubt, dass aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens die Vorstellung entsteht, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen.“

Vor einiger Zeit bat mich eine befreundete Autorin um die kritische Lektüre eines Textes. Mein Eindruck fiel sehr positiv aus, aber irgendetwas beschädigte die Glaubwürdigkeit einer der Figuren. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es die beiden der Realität entnommen „Splitter“ des Textes waren. Kaum jemand, der schreibt und diese Erfahrung nicht bereits gemacht hat. Auch Glaubwürdigkeit oder „Authentizität“ sind immer auch etwas „Gemachtes“ oder „Hergestelltes“, sie entstehen nicht automatisch, nur weil jemand „über sich selbst schreibt“.

Es gehört zur Magie des Lesens, dass die Fiktion uns zur Realität werden und uns umgekehrt das Realistische, das Wahre, als erfunden, als unglaubwürdig vorkommen kann und es gehört daher zum Kern schriftstellerischer Praxis bei Leser:innen genau diesen Eindruck hervorzurufen: dass es sich genau so zugetragen hat, wie es da geschrieben steht. Seit Jahrhunderten spielen Autor.innen mit ihren Leser.innen Katz und Maus, ersinnen immer neue Listen, oder Möglichkeiten (postmoderner) Verwirrung.

Wir sprachen am Sonntag noch eine Weile über diese Themen. Rätselten, woran es liegt, dass sich die Frage nach dem selbst Erlebten oft in unsere Lektüren drängt, selbst wenn wir sie „eigentlich“ gar nicht stellen wollen, wenn wir uns gar nicht dafür interessieren wollen, wenn es uns vielleicht sogar absurd vorkommt. So ist es mir selbst zum Beispiel auch gegangen, als ich das Buch Nach einer wahren Geschichte der französischen Autorin Delphine de Vegan las. Es ist die Geschichte einer Autorin, die in eine existentielle Lebens- und Schaffenskrise gerät, weil die Grenzen zwischen Text und Leben immer diffuser werden, weil sie immer weniger einschätzen kann, was von den Überzeugungen ihrer neuen Freundin zu halten ist, die sie mit großer Beharrlichkeit drängt, den Bereich der Fiktion vollkommen aufzugeben: „Die Handlung? Meinst du das ernst? Du brauchst keine Handlung, Delphine, auch keine fiktiven Schicksalswendungen. Du stehst inzwischen darüber, das musst du endlich einsehen.“ Delphine … Hatte die Autorin womöglich selbst etwas Ähnliches …

Ähnlich. Eindeutig. Identisch. Etwas ist ähnlich und doch anders. Es sind manchmal folgenschwere Verwechslungen, in die das Reden über das Autobiographische schnell gerät. Wenn wir über uns selbst schreiben, kann das einer bewussten Absicht, einer inneren Notwendigkeit folgen oder es können sich unbemerkt Fäden hinter dem Rücken unseres Bewusstseins in unsere fiktiv gedachten Texte einweben. Manchmal irren wir uns über die Motive unseres Schreibens, manchmal erzählen die Leerstellen unserer Texte mehr über uns als die Zeichen, die sie enthalten. Ob ein Text autobiographisch ist und auf welche Weise, ist also eine selten einfach zu beantwortende Frage …

Ich freue mich über Kommentare, Gedanken und Fragen!

(36) Ändere nicht deinen Stil, sondern deine Persönlichkeit

lautet eine von dreizehn Empfehlungen des Schweizer Autors Peter Stamm (angestiftet dazu von der „Neuen Rundschau“ und in Anlehnung an Walter Benjamins „Ankleben verboten“). Kann das ernst gemeint sein? Oder müssen wir uns nicht zumindest ein Augenzwinkern des Autors vorstellen, wenn nicht vielleicht sogar ein schallendes Gelächter?

Bar jeder Ironie und mit dem Pathos, das vielleicht nur einem amerikanischen Autor möglich ist, schreibt jedoch auch Jonathan Franzen: „Mit jedem Buch muss man so tief wie möglich graben und so weit wie möglich ausholen. Und wenn man das tut, und es gelingt einem ein halbwegs gutes Buch, dann heißt das, beim nächsten Buch noch tiefer graben und noch weiter ausholen zu müssen (…). Was praktisch heißt, dass man um das nächste Buch zu schreiben, ein anderer Mensch werden muss. Der Mensch, der man bereits geworden ist, hat das beste Buch, das er schreiben konnte, ja bereits geschrieben. Ohne sich zu ändern, kommt man nicht voran.“ (Weiter weg, 2013)

Die Aufforderung, um des Schreibens willen, um eines besseren Textes willen eine andere, ein anderer zu werden, kehrt unsere übliche Denkrichtung um: Nicht ich mit meiner Persönlichkeit, meiner Vergangenheit schreibe mich in meine Texte ein, sondern die von mir zu schreibenden Texte ermöglichen mir (erzwingen vielleicht auch) ein anderes Leben.

Ein sehr schönes und literarisch geglücktes Beispiel für die ja selten bewusst und strategisch planbaren Wechselwirkungen von Leben und Schreiben hat die Berliner Autorin Katja Oskamp mit Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin vorgelegt. Mit 44 Jahren beschließt sie 2015 eine Ausbildung zur Fußpflegerin zu machen. Nicht, um eines Tages darüber zu schreiben, sondern weil sie nochmal etwas anderes machen möchte: „Mein Leben war fad geworden – das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig.“ Katja Oskamp wird Fußpflegerin und das nicht, um irgendwie Geld zu verdienen, nicht als „Brotjob“, sondern weil es ihr Freude macht: „Ich freue mich immer auf die Arbeit, selbst wenn ich hundemüde bin, selbst wenn dicke Luft herrscht im Studio. Ich weiß, dass ich es schaffen werde. Ich bin noch nie zu spät gekommen. Ich habe das Tagesprogramm immer im Kopf.“
Katja Oskamp wird Fußpflegerin, aber sie hört dadurch natürlich nicht auf, Schriftstellerin zu sein. Eines Tages beginnt sie, aufzuschreiben, was sie erlebt und vor allem, wen sie erlebt. Es sind Menschen, die in unserer Gegenwartsliteratur, aber auch im Theater oder Spielfilm kaum einen Auftritt haben – und wenn, dann als kauzige Originale, über die wir lachen, ohne uns für ihre Geschichten, ihre Nöte zu interessieren. Katja Oskamp interessiert sich für sie. Natürlich für ihre Füße (und auch das sind wirklich interessante Geschichten und Details), aber eben auch für die Wege, die diese Füße bereits zurückgelegt haben, für das Leben, das diese Menschen leben. Mit einem freundlichen, humorvollen und lebensklugen Blick ermöglicht Katja Oskamp uns einen Einblick in den Mikrokosmos von Marzahn – und greift dabei auch Lebensfragen auf, die sich an anderen Orten stellen. Aber wie die Hintergrundinformationen zu den Figuren, sind auch diese Überlegungen ungewöhnlich leichthändig in den Text eingewoben.

Eingewoben in den Text sind auch einige, wenige Informationen zu seiner Entstehung: „Von vier bis sechs sitze ich am Schreibtisch. Dann hüpfe ich unter die Dusche, schmiere mir Stullen, packe den Rucksack. Halb acht verlasse ich das Haus …“ Hört sich so an, als habe da jemand eine Form des Lebens und des Schreibens gefunden, die gerade passt, die gut ist. Mir gefällt diese Geschichte sehr. Und es gefällt mir auch sehr, dass die Schriftstellerin Katja Oskamp für dieses Buch große Anerkennung gefunden hat – jetzt wo sie vor allem Fußpflegerin ist.

Wie bereits einige vor ihm, widmet sich auch dieser Blogbeitrag dem großen Thema der Suche. Der Suche nach den Geschichten, den Texten, die wir „eigentlich“ schreiben wollen und was wir manchmal alles unternehmen müssen, um sie aufzustöbern, um sie zu finden oder uns ihnen weiter anzunähern. In solch einem Prozess der Annäherung an einen Text befinde ich mich seit vielen Jahren und weil es an der Zeit ist, den vermutlich letzten großen Schritt zu machen, werde ich in Zukunft „nur noch“ einmal wöchentlich bloggen, nämlich freitags.

Ich freue mich auf Eure Fragen, Kommentare, Hinweise!

(32) Schreibfreude – nicht nur etwas für Profis

Normalerweise denke ich über die Titel meiner Blog-Beiträge nicht sehr lange nach. Natürlich sollen sie halbwegs passen und nicht in die Irre führen und gleichzeitig aber auch neugierig machen. Aber die Suche nach geeigneten Titeln für den Blog unterliegt auch einem gewissen Pragmatismus: sie soll nicht zu lange dauern und mich nicht um den Schlaf bringen. Ich erwähne das, weil ich über diesen Titel sehr lange nachgedacht habe. Wieder und wieder habe ich ihn geändert und das, obwohl ich einen hatte, den ich gut fand: Schreibfreude als Kompass. Aber Schreibfreude ist sowieso schon ein schwieriges Thema und viele, denen ich in meinen Werkstätten begegne, wollen davon (erstmal) nichts wissen. Als wenn Schreibfreude der Ernsthaftigkeit der eigenen literarischen Ansprüche und Bemühungen entgegenstünde, als wenn die Suche danach eine falsche Grundeinstellung verrate, so etwas wie eine amateurhafte Gesinnung.
Dabei ist das Gegenteil richtig. Ohne Schreibfreude kommen wir nicht sehr weit. „Wenn es nicht lustvoll ist, weiß man, dass irgendetwas nicht stimmt“, diese Aussage von Siri Hustvedt hatte ich kürzlich zitiert und wie sehr die Schreibfreude ein Wegweiser sein kann, davon berichtet indirekt auch Jonathan Franzen in seinem Essay Über autobiographische Literatur (erschienen in Weiter Weg, Rowohlt 2013): Wie Hustvedt erzählt er von dem mühevollen, komplizierten Entstehungsbedingungen eines Texts, an dem er Jahre schrieb, ein Text, der ein „großer Gesellschaftsoman“ werden sollte. „Aber schließlich machte der kaum zu leugnende falsche Ton offensichtlich, dass ich ein anderer Schriftsteller werden musste, um den Roman schreiben zu können. Mit anderen Worten, ich musste ein anderer Mensch werden“.
Ich werde gelegentlich auf diesen sehr interessanten Bericht über das Ineinander von Leben und Text zurückkommen, aber heute geht es um Schreibfreude. Und die ist es, die Franzen auf zwei Figuren aufmerksam macht: „Dabei hatte ich mir öfter mal längere und vergnügliche Ferien von Andy Aberant gegönnt, um über zwei andere Figuren zu schreiben, Enid und Alfred Lambert, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und einige Ähnlichkeit mit meinen Eltern hatten. Die Kapitel über sie waren schnell – und im Vergleich mit meinen qualvollen Versuchen, über Andy Aberant zu schreiben – mühelos aus mir herausgeflossen. Da Andy nicht der Sohn der Lamberts war und aus komplizierten Plot-Gründen auch nicht ihr Sohn sein konnte, war ich nun damit beschäftigt, noch kompliziertere Wege zu erfinden, um seine Geschichte zu erfinden, um seine Geschichte mit ihrer zu verknüpfen“.
Erst als Franzen diesen Versuch aufgibt (und damit genau wie Siri Hustvedt die jahrelange Arbeit, die bereits in dem Manuskript steckt), eröffnet sich der Weg zu dem Text, der dann als Die Korrekturen weltweit Beachtung und Anerkennung findet.
Mein Titel Schreibfreude – nicht nur etwas für Profis ist also nicht nur der Lust an der Verdrehung, der Umkehr, der milden Provokation geschuldet, sondern es ist vielleicht tatsächlich so, dass wir viele Jahre der Schreibpraxis benötigen, um die Signale der Schreibfreude wahrzunehmen, um sie ernst zu nehmen und vielleicht auch, um sie uns wieder (zurück) zu erobern. Immer wieder begegne ich in Schreibwerkstätten der Überzeugung, ein Text könne schon deswegen nicht gut, nicht literarisch sein, weil er vergleichsweise mühelos entstanden sei. Natürlich ist auch der aus einem großen Schwung, in einem Flow (auch darüber demnächst noch einmal mehr) entstandene Text, so wie er sich aufs Papier oder in die Datei gedrängt hat, in aller Regel nicht bereits ein rundum geglückter Text. Aber es lohnt sich nach meiner Erfahrung immer, Momente der Schreibfreude zu registrieren, sie als Orientierung zu verwenden – oder sich überhaupt einmal an den Gedanken zu wagen, dass Schreibfreude vielleicht wirklich etwas für Profis ist …
Ich freue mich auf Eure Erfahrungen, Tipps, Ideen und Fragen!

„Ist das autobiographisch?“ Über eine erstaunlich schwer zu beantwortende Frage

Autobiographische Texte erobern die Bestsellerlisten und werden engagiert diskutiert: Nach Karl Ove Knausgård, dem ein weltweites Publikum „auf süchtige Weise verfallen scheint“ (Ursula März), fanden im Frühjahr Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz und aktuell Thomas Melles Die Welt im Rücken derart große Resonanz, dass Richard Kämmerlings bereits fragt, ob die Zukunft der Literatur in der radikalen Autobiographie liegt. (In welche Richtung will die Gegenwartsliteratur?)
Aber ist Thomas Melles Text überhaupt ein Roman? Oder zwar kein Roman, aber Literatur? Und wenn ja, warum? Reichlich Fragen rund um das Autobiographische, aber immerhin in einem Punkt scheint Einigkeit zu bestehen: wann wir es überhaupt mit autobiographischer Literatur zu tun haben.
Ich glaube hingegen, dass bereits an diesem Punkt die Schwierigkeiten beginnen und möchte sie aus der Perspektive der Schriftstellerin, die ich bin, beleuchten.

„Haben Sie das selbst erlebt?“ ist nicht nur eine der häufigsten Fragen nach einer Lesung, sie zielt vor allem genau auf die fragliche Grenzziehung: Hier das selbst erlebte Autobiographische, dort das Erfundene. Aber was bedeutet „das“? Genau dieses Ereignis? Oder ein anderes, das aber zugleich „irgendwie“ ähnlich ist?

Wir könnten uns eine Schriftstellerin vorstellen, die auf ihrem abendlichen Spaziergang für einen Augenblick ein Gefühl großer Verlorenheit empfindet. An den Schreibtisch zurückgekehrt, erwägt sie keinen Moment, dieses Gefühl einer Frau auf ihrem abendlichen Spaziergang zuzuschreiben, sondern sie sucht nach Bildern, nach Figuren, mit denen sie davon erzählen kann. So erzählen kann, dass Leser.innen sich eine Vorstellung machen können.
Vielleicht erfindet sie ein Mädchen, das sich verlaufen hat, oder einen alten Mann, der weiß, dass er das Grab seiner Frau ein letztes Mal besucht. Vielleicht findet die Szene Eingang in den Roman, den sie gerade schreibt und ihr wird die Frage gestellt, ob sie „das“ erlebt hat? Hat sie? Was ist „autobiographischer“: Die minutiöse, detaillierte Schilderung ihres Spaziergangs einschließlich des Hinweises auf einen „kurzen verstörenden Moment der Verlorenheit“ oder ein Text, in dem niemand auftaucht, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit ihr aufweist, der aber von ihrem Gefühl so erzählt, dass er in unterschiedlichen Leser.innen eben dieses Gefühl der Verlorenheit evoziert?

„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“ stellt Eugen Ruge seinen Roman Cabo de Gata voran und Jonathan Franzen bezeichnet in seinem Essay Über autobiographische Literatur zunächst allein solche Texte als autobiographisch, bei denen „die beschriebenen Geschehnisse denen des Autors im wirklichen Leben gleichen“, um unmittelbar danach darauf hinzuweisen, dass seine eigenen Texte, die in diesem eben genannten Sinn keinesfalls autobiographisch seien, gleichzeitig „extrem autobiographisch“ wären – und steigert diesen Widerspruch zum programmatischen, „wichtigen Paradox: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Leben.“

Vor vielen Jahren kam ein älterer Herr nach einer Preisverleihung, bei der ich den prämierten Text vorgetragen hatte, auf mich zu. Er wolle mir gerne persönlich gratulieren, sagte er und dass er sehr berührt sei von der Geschichte – er habe genau das Gleiche erlebt. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es sei seine eigene Geschichte. Aufgeregt stand er vor mir und konnte das Ausmaß an Überschneidung kaum glauben. Auch ich war überrascht, immerhin gab es in dem Text einen Banküberfall mit mehreren Toten. Was mich dann wirklich verblüffte, war, dass es mir beim besten Willen nicht gelingen mochte, überhaupt irgendeine Ähnlichkeit zwischen der von ihm daraufhin recht ausführlich vorgetragenen Lebensgeschichte und meinem Text auszumachen.

Als ich es erlebte, kam mir diese Episode wie eine kleine skurrile Begebenheit vor, heute beschreibt sie für mich sehr zutreffend den Reiz und die ganz besonderen Möglichkeiten, die literarische Texte besitzen: Sie erlauben es uns, Erfahrungen zu teilen. Erfahrungen, die anders waren und zugleich sehr ähnlich – denn darum geht es ja immer in der Literatur: dass sich im Besonderen das Allgemeine spiegelt. Deswegen sind Texte uns „auf unerklärliche Weise oft näher als selbst vertraute Personen“ schreibt Wilhelm Genazino und glaubt, dass aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens die Vorstellung entsteht, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen.“

Erst vor kurzem bat mich eine befreundete Autorin um die kritische Lektüre eines Textes. Mein Eindruck fiel sehr positiv aus, aber irgendetwas beschädigte die Glaubwürdigkeit einer der Figuren. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es die beiden der Realität entnommen „Splitter“ des Textes waren. Kaum jemand, der schreibt und diese Erfahrung nicht bereits gemacht hat. Glaubwürdigkeit oder „Authentizität“ sind immer auch etwas „Gemachtes“ oder „Hergestelltes“, sie entstehen nicht automatisch, nur weil jemand „über sich selbst schreibt“.

Es gehört zur Magie des Lesens, dass die Fiktion uns zur Realität wird und uns umgekehrt das Realistische, das Wahre, als erfunden, als unglaubwürdig vorkommen kann und es gehört daher zum Kern schriftstellerischer Praxis bei Leser.innen genau diesen Eindruck hervorzurufen: dass es sich genau so zugetragen hat, wie es da geschrieben steht. Seit Jahrhunderten spielen Autor.innen mit ihren Leser.innen Katz und Maus, ersinnen immer neue Listen, oder Möglichkeiten (postmoderner) Verwirrung.

Robert Musil unterscheidet im Mann ohne Eigenschaften den Wirklichkeits- vom Möglichkeitssinn. Wer letzteren besitze, denke „wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, (…): Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“ Und Joan Didion notiert einige Jahrzehnte später ganz ähnlich: “… denn ich habe nicht nur immer schon Schwierigkeiten damit, zwischen dem, was passiert ist, und dem, was einfach hätte passiert sein können, zu unterscheiden, sondern ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass diese Unterscheidung, jedenfalls für meine Zwecke, eine Rolle spielt”.
Vielleicht kann an eine klare Markierung autobiographischen Geländes nur glauben, wer über keinen ausgeprägten Möglichkeitssinn verfügt?

Aber auch eine andere Automatismus-Annahme läuft ins Leere: Der Vorwurf, wer über sich selbst schreibt, könne, ja müsse sich zu ernst nehmen, stelle auf übertriebene Weise das eigene Ich in den Mittelpunkt der Welt, überzeugt nur auf den ersten Blick.
Tatsächlich gibt es autobiographische Texte, die weit über sich hinausweisen, wie beispielsweise Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion, Die zitternde Frau von Siri Hustvedt oder Wie wir begehren von Carolin Emcke. Das Besondere des selbst Erlebten, das Spezielle verweist auch hier jeweils auf etwas Allgemeines. Immer geht es um ein Thema, das eine nicht loslässt, um das Gefühl, dass etwas, das man selbst erlebt hat, eine Seite aufweist, die bislang übersehen oder nicht hinreichend verstanden wurde. Auch hier geht es um das Teilen, das Austauschen von zentralen Erfahrungen des Lebens: Was bedeutet es, über den Verlust eines geliebten Menschen fast verrückt zu werden (Didion)? Was können wir heute wissen über das Ineinander von Körper und Psyche (Hustvedt)? Wie kann sich ein Begehren entwickeln, für das es zunächst keine passenden Worte zu geben scheint (Emcke)?
Obwohl sie von Intimem berichten, bleiben diese Texte diskret. Umgekehrt gibt es fiktionale Texte, in denen die eigenen Erfahrungen so schlicht, so unreflektiert Niederschlag gefunden haben, dass tatsächlich der Eindruck entstehen kann: Hier kreist jemand allein um sich selbst ohne je die Leser.innen-Perspektive einzunehmen.

Es kommt mir so vor, als wäre die ganz große Begeisterung für einen bestimmten Typus autobiographischen Schreibens (Knausgård) nur zu haben, wenn wir in einer Weise an „die Wahrheit“ des Erzählten glauben, die sich schwer vereinbaren lässt mit dem, was wir „eigentlich“ wissen: über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen, darüber, dass wir unsere Lebens-Geschichten immer wieder umschreiben und schließlich über die Unterschiede zwischen dem Erleben und der Schilderung des Erlebten.
Zu glauben, dass man ertrinkt, ist etwas ganz anderes, als mit dem Medium der Sprache wiederzugeben, wie es ist zu glauben, dass man ertrinkt: „Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt, ist nicht wahr“, sagt Herta Müller in ihrer Poetikvorlesung In jeder Sprache sitzen andere Augen, und in einer weiteren Vorlesung heißt es: „Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort“.

Ähnlich. Eindeutig. Identisch. Etwas ist ähnlich und doch anders. Es sind folgenschwere Verwechslungen, in die das Reden über das Autobiographische so schnell gerät.
Wenn wir über uns selbst schreiben, kann das unterschiedlichste Formen annehmen. Es kann einer bewussten Absicht, einer inneren Notwendigkeit folgen oder es können sich unbemerkt Fäden hinter dem Rücken unseres Bewusstseins in unsere Texte einweben. Manchmal irren wir uns über die Motive unseres Schreibens, manchmal erzählen die Leerstellen unserer Texte mehr über uns als die Zeichen, die sie enthalten. Ob ein Text autobiographisch ist, scheint mir also eine reichlich komplizierte Frage …

Ich freue mich über Kommentare und Fragen!

Die Geschichten (er)finden, die nur wir erzählen können

In der letzten Zeit gab es viele – sehr unterschiedliche – Gründe und Anlässe für mich über mein Schreiben nachzudenken. Ich war überrascht, wie klar und übersichtlich mir auf einmal schien, was viele Jahre ein unentwirrbares Knäuel aus Gedanken, Überzeugungen und diffusen Ahnungen war:

Heute glaube ich, dass nichts so wichtig ist, wie „unsere eigenen Geschichten zu (er)finden“. Ich glaube, dass wir so etwas wie einen individuellen, literarischen Fingeradbruck entwickeln müssen, in den alles einfließt, was wir je erlebt und gelesen und geschrieben haben. All unsere Albträume und Ängste und Besorgnisse und unsere enttäuschten Hoffnungen. Und vor allem unsere Fragen. Unsere Verwunderung und unser Staunen. Ich glaube, dass sich daraus die spezielle Weise der Weltwahrnehmung eines jeden speist und ich glaube, dass ein großer Teil unserer Aufgabe darin besteht, dafür eine Form und einen Ton finden. Ich weiß, dass die „Geschichten, die nur wir erzählen können“ nicht die ersten sind, die uns begegnen (und meistens leider auch nicht die, die dann folgen) – und dass die Suche danach ein langer und mühseliger Prozess sein kann.

Mittlerweile bin ich erstaunt, wie sehr ich mich in der Vergangenheit geirrt habe über so viele Aspekte, die das Schreiben betrifft. Ich habe die Bedeutung von Talent vollkommen überschätzt und diejenige von Praxis und konstruktiver Kritik unterschätzt. Ich habe geglaubt, dass eine Person über Phanatasie und Einfallsreichtum verfüge – oder eben nicht. Ich habe nicht gewusst, dass sich auch die Notwendigkeit unseres Schreiben entwickeln kann. Ich habe nicht gewusst, wie wichtig es ist, dass wir für unsere eigenen Ideen offen werden und dass wir es auch gerade da aushalten, wo es unbequem zu werden droht. Aber vor allem hatte ich keine Vorstellung davon, dass es „nötig ist, zu dem Menschen zu werden, der das Buch schreiben kann, das man schreiben muss.“ (Jonathan Franzen). Ich glaube, genau so verhält es sich.

„Ändere nicht deinen Stil, sondern deine Persönlichkeit!“

lautet eine von dreizehn Empfehlungen des Schweizer Autors Peter Stamm (angestiftet dazu von der „Neuen Rundschau“ und in Anlehnung an Walter Benjamins „Ankleben verboten“). Kann das ernst gemeint sein? Oder müssen wir uns nicht zumindest ein Augenzwinkern des Autors vorstellen, wenn nicht vielleicht sogar ein schallendes Gelächter?

Bar jeder Ironie und mit dem Pathos, das vielleicht nur einem amerikanischen Autor möglich ist, schreibt jedoch auch Jonathan Franzen: „Mit jedem Buch muss man so tief wie möglich graben und so weit wie möglich ausholen. Und wenn man das tut, und es gelingt einem ein halbwegs gutes Buch, dann heißt das, beim nächsten Buch noch tiefer graben und noch weiter ausholen zu müssen (…). Was praktisch heißt, dass man um das nächste Buch zu schreiben, ein anderer Mensch werden muss. Der Mensch, der man bereits geworden ist, hat das beste Buch, das er schreiben konnte, ja bereits geschrieben. Ohne sich zu ändern, kommt man nicht voran.“ (Weiter weg, 2013)

Diese Aufforderung, um des Schreibens willen, um eines besseren Textes willen eine andere, ein anderer zu werden, könnte dem bisherigen Nachdenken über „das Autobiographische“ eine willkommene Wendung ins Absurde geben: Nicht, wir schreiben uns in unsere Texte ein, sondern die Texte schreiben, ja erzwingen von uns ein anderes Leben.

Aber das ist ja nur eine mögliche Lesart. Eine andere: (Auch) wenn wir schreiben, machen wir es uns vielleicht manchmal gerne eine bisschen gemütlich – oder auf „bequeme“ Weise ungemütlich. Anstatt nach Geschichten zu suchen, die uns erlauben, von dem zu erzählen, was uns wirklich beunruhigt, was uns ratlos und unglücklich macht, beugen wir uns beredt über die Probleme und Unglücke, die nichts an oder in uns ernsthaft in Frage stellen. Sehen wir schon in der Anstrengung des Gestaltens einen Beleg dafür, dass wir „die Guten“ sind. Verschenken wir die Möglichkeit, uns zu ändern …

Randnotiz: Aber was genau ist denn das „Autobiografische“ am „autobiografischen Text“?

Was man auf den ersten Blick für eine unsinnig spitzfindige Frage halten könnte, weist bei genauerem Hinsehen auf einen tatsächlich erstaunlich komplexen Sachverhalt hin. Zur Erläuterung folgendes Gedankenexperiment:

Eine Familie auf dem Weg in den Urlaub. Gereizte Stimmung. Die Tochter kneift den Sohn, weil der ihrer Puppe die Zunge rausgestreckt hat. Rangelei. Der Vater brüllt die Kinder an, die Mutter den Vater, er solle nicht brüllen. Dann:  Ein Auffahrunfall. Zum Glück ist auch im anderen Auto niemandem etwas passiert.

Im Urlaub bleibt die Stimmung gereizt und zwei Tage vor der Rückreise eröffnen die Eltern den Kindern, dass sie sich scheiden lassen wollen. Der Sohn erprobt gerade sein Talent für das Aufspüren kausaler Zusammenhänge und erkennt sofort: ohne Zungerausstrecken, kein Streit; ohne Streit, kein Gebrüll; ohne Gebrüll, kein Unfall; ohne Unfall, keine Scheidung. Also: Schuld!

Da für den Jungen der Sachverhalt erschütternd eindeutig ist, redet er nicht über seine Erkenntnis, wird stattdessen später Schriftsteller.

Welche Texte können wir von ihm erwarten oder richtiger: Bei welchen Texten wären wir geneigt, sie autobiografisch zu nennen? Bei solchen, die das Thema Schuld aufgreifen, es immer wieder umkreisen – ohne dass je von einem Unfall, einem Kind die Rede wäre? Oder vielleicht, wenn von „Schuld“, überhaupt von moralischen Fragen nie die Rede ist, auch nicht unausgesprochen? Wenn die Hauptfiguren stets Kinder sind? Kinder, die die Welt retten – oder zumindest ihre Eltern? Oder wenn es, irgendwo im Text stets einen folgenschweren/folgenlosen Unfall gibt? Sprachlosigkeit?

Was mir an diesem Gedankenexperiment gefällt: Es löst die vermeintliche „Eindeutigkeit“ auf, die zwischen den realen Ereignissen und dem späteren Text existiert und die auf den ersten Blick nahelegt, dass es nur eine einzige Möglichkeit, eine einzige Verbindung gibt. Es gibt unendlich viele und nie determiniert das reale Geschehen den Text.

Jonathan Franzen nennt es in seinem Essay „Was ist autobiographische Literatur“ (dt. 2013) ein wichtiges Paradox: „das ich hervorheben möchte: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigentlichen Leben.“

Die eigenen Geschichten (er)finden

Für diejenigen, die schreiben, gibt es zwei Arten von eigenen Geschichten: die selbst erlebten und die selbst erfundenen – und es gibt Geschichten, die man „erfindet, um zu erzählen, wie es war“ (Eugen Ruge). Weil für das Erlebte die Worte fehlen oder eher noch: weil die Schilderung des Erlebten das Wesentliche nicht enthält.

Jonathan Franzen schreibt in seinem Essay „Über autobiographische Literatur“ (dt. 2013): „Hier liegt ein wichtiges Paradox, das ich hervorheben möchte: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem Leben.“

Wir können uns das Schreiben einfacher machen, wenn wir nach den Dingen suchen, die uns umtreiben, uns berühren oder die uns als Fragen verfolgen. Wenn wir hingegen davon erzählen, was wir „der Welt immer schon mal sagen wollten“, geraten wir unweigerlich in eine dozierende Haltung, die kaum eine Leserin, kaum ein Leser mögen wird. Wenn wir hingegen eine Geschichte erzählen, die von einem echten Dilemma handelt, von einem Konflikt, in dem es keine einfache Lösungen gibt, dann bekommen wir möglicherweise etwas geschenkt, das wir sonst mit noch so viel Mühe nicht in den Text hineinpumpen können: Dass es um etwas geht.

„Muss es denn aber immer um die schweren Themen gehen?“ Natürlich nicht! Es muss nicht immer ernst sein und es muss auch nicht immer um Untreue, Verrat, das missglückte Leben, Wahnsinn oder Tod gehen. Aber erstaunlich oft geht es eben um solche Ereignisse. Oder die Angst vor ihnen.

Wenn Sie mögen, bewegen Sie diese Frage einmal im Kopf: In was für eine konflikthafte Situation möchten Sie nicht geraten? Wo beginnt es für Sie wirklich ungemütlich zu werden? Finden Sie drei Szenarien? Lassen sich diese Konflikte in Ihrer Vorstellung noch anheizen oder auch entschärfen? Spielen Sie mit den Möglichkeiten – und schreiben Sie doch einfach mal drauflos;-)