(32) Schreibfreude – nicht nur etwas für Profis

Normalerweise denke ich über die Titel meiner Blog-Beiträge nicht sehr lange nach. Natürlich sollen sie halbwegs passen und nicht in die Irre führen und gleichzeitig aber auch neugierig machen. Aber die Suche nach geeigneten Titeln für den Blog unterliegt auch einem gewissen Pragmatismus: sie soll nicht zu lange dauern und mich nicht um den Schlaf bringen. Ich erwähne das, weil ich über diesen Titel sehr lange nachgedacht habe. Wieder und wieder habe ich ihn geändert und das, obwohl ich einen hatte, den ich gut fand: Schreibfreude als Kompass. Aber Schreibfreude ist sowieso schon ein schwieriges Thema und viele, denen ich in meinen Werkstätten begegne, wollen davon (erstmal) nichts wissen. Als wenn Schreibfreude der Ernsthaftigkeit der eigenen literarischen Ansprüche und Bemühungen entgegenstünde, als wenn die Suche danach eine falsche Grundeinstellung verrate, so etwas wie eine amateurhafte Gesinnung.
Dabei ist das Gegenteil richtig. Ohne Schreibfreude kommen wir nicht sehr weit. „Wenn es nicht lustvoll ist, weiß man, dass irgendetwas nicht stimmt“, diese Aussage von Siri Hustvedt hatte ich kürzlich zitiert und wie sehr die Schreibfreude ein Wegweiser sein kann, davon berichtet indirekt auch Jonathan Franzen in seinem Essay Über autobiographische Literatur (erschienen in Weiter Weg, Rowohlt 2013): Wie Hustvedt erzählt er von dem mühevollen, komplizierten Entstehungsbedingungen eines Texts, an dem er Jahre schrieb, ein Text, der ein „großer Gesellschaftsoman“ werden sollte. „Aber schließlich machte der kaum zu leugnende falsche Ton offensichtlich, dass ich ein anderer Schriftsteller werden musste, um den Roman schreiben zu können. Mit anderen Worten, ich musste ein anderer Mensch werden“.
Ich werde gelegentlich auf diesen sehr interessanten Bericht über das Ineinander von Leben und Text zurückkommen, aber heute geht es um Schreibfreude. Und die ist es, die Franzen auf zwei Figuren aufmerksam macht: „Dabei hatte ich mir öfter mal längere und vergnügliche Ferien von Andy Aberant gegönnt, um über zwei andere Figuren zu schreiben, Enid und Alfred Lambert, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und einige Ähnlichkeit mit meinen Eltern hatten. Die Kapitel über sie waren schnell – und im Vergleich mit meinen qualvollen Versuchen, über Andy Aberant zu schreiben – mühelos aus mir herausgeflossen. Da Andy nicht der Sohn der Lamberts war und aus komplizierten Plot-Gründen auch nicht ihr Sohn sein konnte, war ich nun damit beschäftigt, noch kompliziertere Wege zu erfinden, um seine Geschichte zu erfinden, um seine Geschichte mit ihrer zu verknüpfen“.
Erst als Franzen diesen Versuch aufgibt (und damit genau wie Siri Hustvedt die jahrelange Arbeit, die bereits in dem Manuskript steckt), eröffnet sich der Weg zu dem Text, der dann als Die Korrekturen weltweit Beachtung und Anerkennung findet.
Mein Titel Schreibfreude – nicht nur etwas für Profis ist also nicht nur der Lust an der Verdrehung, der Umkehr, der milden Provokation geschuldet, sondern es ist vielleicht tatsächlich so, dass wir viele Jahre der Schreibpraxis benötigen, um die Signale der Schreibfreude wahrzunehmen, um sie ernst zu nehmen und vielleicht auch, um sie uns wieder (zurück) zu erobern. Immer wieder begegne ich in Schreibwerkstätten der Überzeugung, ein Text könne schon deswegen nicht gut, nicht literarisch sein, weil er vergleichsweise mühelos entstanden sei. Natürlich ist auch der aus einem großen Schwung, in einem Flow (auch darüber demnächst noch einmal mehr) entstandene Text, so wie er sich aufs Papier oder in die Datei gedrängt hat, in aller Regel nicht bereits ein rundum geglückter Text. Aber es lohnt sich nach meiner Erfahrung immer, Momente der Schreibfreude zu registrieren, sie als Orientierung zu verwenden – oder sich überhaupt einmal an den Gedanken zu wagen, dass Schreibfreude vielleicht wirklich etwas für Profis ist …
Ich freue mich auf Eure Erfahrungen, Tipps, Ideen und Fragen!

7 Kommentare

  1. Liebe Jutta, der letzte Satz – ist er nicht ein Widerspruch zur Überschrift? Oder fehlt ein Wort? Ich bin ja eine, die eigentlich nur „im Flow“ schreibt. Es macht mir aber auch Spaß, die so entstandenen Texte zu überarbeiten. Nur mit dem weiter schreiben hapert es noch..
    Danke für deine immer wieder anregenden Fragestellungen
    Cordula

  2. Liebe Cordula, das ist jetzt wirklich lustig, denn ich habe den Titel noch während des Schreibens zweimal verändert – weswegen der letzte Satz nicht mehr passte … Vielen Dank für deinen Hinweis (es reichte schon das kleine „auch“ zu streichen) und für deine freundlichen Rückmeldungen, ich freue mich sehr darüber!

  3. Schreibfreude ist ein wunderbarer Begriff. ❤ Neulich habe ich das tolle Zitat "Geh dahin, wo deine Freude ist" gelesen – das deckt sich toll zu deinem Beitrag. Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, wie leicht und mühelos manche Texte aus einem herausfließen und wie lange man mit anderen kämpft. Aber das scheint ja ein weit verbreitetes Problem zu sein. Die Bücher von Siri Hustvedt und Jonathan Franzen kannte ich dabei noch gar nicht, die habe ich mir direkt aufgeschrieben. Danke für den tollen Tipp. 🙂

    1. Sehr gerne. Ich finde beide Texte wirklich sehr erhellend, was das Schreiben und die Suche nach den Texten betrifft, die wir „eigentlich“ erzählen wollen … Und eigentlich ist es doch toll, dass die Schreibfreude da ein so relativ zuverlässiger Wegweiser ist – wenn wir sie denn überhaupt einmal beim Schreiben finden 😉

Ich freue mich über Kommentare!

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