Bitte genau so weitermachen mit den Pingpong-Texten!

Was für ein wunderbares Durcheinander!

Eigentlich wollte ich die bislang entstandenen Texte heute „schnell mal“ in einer Datei zusammenfassen und ausdrucken und dann „irgendwie“ so arrangieren, dass die einzelnen Stränge übersichtlicher zu Tage treten, als das jetzt in dieser Blogkommentar-Struktur möglich ist, aber es sind – und ich freue mich sehr darüber! – zu viele Texte, als dass ich das jetzt gerade schnell mal erledigen kann …

Und deswegen mache ich das in Ruhe in der nächsten Woche und schreibe heute nur, dass Ihr unbedingt und gerne so weitermachen sollt. Super, dass Ihr immer dazu geschrieben habt, auf welchen Text Ihr Euch bezieht. Es macht auch so schon großen Spaß, durch diese Texte lesend zu gleiten …

Also: Alle die Lust haben, sind herzlich eingeladen genau so weiterzumachen – oder auch jetzt noch mit einer kleinen Text-Reaktion einzusteigen!

Und für die, die gar nicht wissen, um was es geht: Hier gehts zu den Pingpong-Texten mit der Möglichkeit des Mitmachen und hier gibt es ein paar erläuternde Hinweise zu der gemeinsamen Schreibaktion.

Kleines Update zum Pingpong-Textprojekt

Ich freue mich sehr über die vielen schönen Reaktionen und bedanke mich herzlich bei allen, die bei unserem Pingpong bereits mitgemacht haben! Es liegt in der Natur dieser Art von „Gemeinschaftsprojekt“, dass es schnell ein bisschen unübersichtlich wird – deswegen möchte ich die aktuelle Pingpong-Lage hier in eine halbwegs übersichtliche From bringen. Und ich möchte ein paar Fragen beantworten, die mich erreicht haben.

Zunächst zum Stand der Dinge: Es gibt aktuell sechs Texte, die sich direkt auf den Ausgangstext beziehen und einen, der sich auf einen dieser Texte bezieht. Für das Beitragsfoto habe ich das in einer kleinen Collage untergebracht. Dieser Collage könnt Ihr entnehmen, dass Ihr mit einem Text weiterhin an jeder Stelle weiterhin „einsetzen“ könnt.

Was Ihr der Collage nicht entnehmen könnt: Die bislang geschriebenen Texte greifen direkt oder indirekt nach einem erzählerischen Faden im Zusammenhang mit der Tante. Jede dieser „Reaktionen“ gefällt mir sehr und es würde mich auch freuen, wenn diese Fäden noch weitergesponnen würden – aber es würde mich ebenfalls freuen, wenn auch noch „Pongs“ entstünden, die weniger erzählerisch sind. Die unbestimmter, vager oder rätselhafter etwas von dem Ursprungstext aufnehmen – ohne ihn weiterzuschreiben. Ich fände das schön, weil ich diese Art von „Pingpong“ für eine besonders reizvolle halte und weil ich den Eindruck habe, dass die meisten Schreibenden ein paar Anläufe benötigen, um hineinzufinden. Wer einen konkreten Eindruck gewinnen möchte, kann sich, wie bereits erwähnt, den Pingpong-Text, den ich gemeinsam mit Laura Müller-Hennnig für das Buch Blaumeier oder der Möglichkeitssinn geschrieben habe, hier anhören. (Übrigens können auch sämtliche andere Texte des Buches auf der Blaumeier-Homepage gehört werden.)

Ich freue mich bis zum 31. Januar weiter über Texte, bin neugierig, wie es, ob es mit den Tanten und vielleicht auch ohne sie weitergeht und werde hier immer mal wieder einen aktualisierten Überblick über den Stand der Dinge geben. Die Texte selbst schreibt Ihr bitte weiter als Kommentar unter den ursprünglichen Beitrag: Pingpong-Text: Mitschreiben:innen gesucht. Aber natürlich könnt Ihr Euren Text auch für Euch auch „weiterschreiben“ und auf Eurem Blog veröffentlichen oder in der Schublade reifen lassen – dann würde ich mich über einen kurzen Hinweis hier freuen.

Und falls Ihr Fragen, Wünsche, Anmerkungen habt: Immer her damit!

(53) Pingpong-Texte: Schreiben als Reaktion

Von den zahlreichen Möglichkeiten, gemeinsam einen Text zu verfassen (dem sog. kollaborativen Schreiben), gefällt mir das Schreiben von Pingpong-Texten besonders gut. Eine/r fängt an und dann reagiert jemand darauf – indem er oder sie weiterschreibt. Dieses „Weiterschreiben“ kann aus einzelnen Sätzen oder Abschnitten bestehen oder auch aus kurzen Texten, die in sich abgeschlossen sind.

Auf diese Weise ist auch der Text Laura oder Schreiben als Reaktion entstanden, den ich gemeinsam mit der Bremer Autorin Laura Müller-Hennig für das Buch Blaumeier oder der Möglichkeitssinn geschrieben habe. Wer ihn sich anhören möchte, findet hier eine von Laura und mir gelesene Audio-Version. Der Text ist ein schönes Beispiel für eine Form des Pingpongs bei der die einzelnen Texte so lose miteinander verbunden sind, dass der Zusammenhang vielleicht noch nicht einmal immer klar zutage tritt. Und dennoch kann so eine Text-Kette entstehen, bei der jeder Text einen anderen ausgelöst hat. Vielleicht ist dieser Auslöser ein kleines Detail, wie eine Farbe oder ein Gegenstand oder eine Stimmung, vielleicht ein Wort oder eine Figur.

Morgen werde ich als kleine Weihnachtsaktion hier auf dem Blog einen solchen Pingpong-Text starten und alle, die Lust haben mitzuschreiben, sind herzlich eingeladen mitzumachen. Es gibt eigentlich keine Regeln oder etwas, das man falsch oder richtig machen kann. Der Text, mit dem ich starte, hat ca. 150 Wörter und viel mehr sollten die „Reaktionen“ auch nicht haben, aber auch das soll nur eine ungefähre Orientierung sein. Eure Texte könnt Ihr direkt als Kommentar unter den Text schreiben, aber wenn das nicht funktioniert, könnt Ihr mir den Text auch als Email schicken (juttareichelt@aol.com) und ich füge ihn ein. Schreibt dann bitte unbedingt dazu, auf welchen Text ihr Euch bezieht, denn es kann ja sein, dass auch jemand anderes „reagiert“ hat. Dann würde (was mich sehr freuen würde) aus dem Pingpong ein Rhizom …

Dass ich darüber überhaupt jetzt schon hier und heute schreibe liegt daran, dass ich möchte, dass wir alle Fragen oder Kommentare (die keine Beiträge zum Text sind) hier klären, damit der morgige Weihnachts-Pingpong-Text-Beitrag wirklich nur die jeweiligen Pingpong-Texte enthält – denn sonst funktioniert das ganz nicht .

Ich freue mich auf Eure Fragen und natürlich auf Texte, mit denen Ihr Euch aber auch Zeit lassen könnt, denn bis Ende Januar wird hier auf dem Blog nichts anderes passieren (ich mache also eine kleine Pause).

Und dann wünsche ich natürlich allen, die diesen Blog sporadisch oder regelmäßig lesen von Herzen alles Gute für die Feiertage und den Jahreswechsel und dass Euch die ganz großen Sorgen und Kümmernisse erspart bleiben!

(52) Was machen eigentlich die anderen?

Ich will nicht groß drumherum reden: Mir fehlt es gerade an Zeit. Und während ich darüber nachdachte, ob mir nicht eine Schreibanregung, ein Gedanke einfällt, den ich hier relativ unaufwändig präsentieren könnte, kam der neue Newsletter von Austin Kleon. Jeden Freitag teilt Austin Kleon interessante Links zum Schreiben, Zeichnen oder allgemein zu Kreativität. Da er täglich bloggt, verlinkt er auch immer ein oder zwei seiner Blogs.

Diese Woche hat er beispielsweise zu Morgenseiten geschrieben und andere Schreibrituale vorgestellt, er hat über Stifte geschrieben, über den „Vampirtest“ (sehr empfehlenswert!) und über Fragen von Qualität/Quantität. Wenn Ihr durch seinen Blog scrollt werdet Ihr sicherlich etwas finden, das Euch interessiert oder anregt – und deswegen möchte ich das gerne an euch weitergeben.

Viele Menschen haben die Vorstellung, dass bestimmte kreative Techniken für sie sehr geeignet sind – und andere gar nicht. Und natürlich gibt es das auch. Aber oft passt eine Technik auch nur in einer bestimmten Phase nicht oder besonders gut und wenn wir sie nach Jahren nochmal ausprobieren, passiert etwas Unerwartetes. Auch deswegen ist es gut, immer mal wieder neugierig zu schauen, wie andere eigentlich arbeiten oder wovon sie sich inspirieren lassen.

Hier gehts zur Website von Austin Kleon (seinen Newsletter kann man dort abonnieren) und wenn Ihr etwas findet, das Euch interessiert, notiert es gerne hier!

(51) „Wächst das Rettende auch?“

Ich weise nur selten auf Wettbewerbe in Werkstätten hin. Eigentlich nur, wenn das Thema mir als Schreibimpuls gefällt – so wie es hier der Fall ist: Die Frage „Wächst das Rettende auch?“ zieht mich spontan an und zugleich hat sie etwas Sperriges, etwas Widerborstiges, das ich bisher nicht so recht fassen kann. Meine Gedanken laufen in sehr unterschiedliche Richtungen, seit ich über die Frage nachzudenken begonnen habe und vielleicht geht das Euch ja auch so. Vielleicht habt Ihr Lust „einfach so“ ein paar Gedanken zu notieren, vielleicht hat auch jemand Lust, sich an dem ausgeschriebenen Wettbewerb zu beteiligen, der (auch) eine Reaktion auf all die ausgefallenen Veranstaltungen ist, die ursprünglich zu Friedrich Hölderlins 250. Geburtstag in diesem Jahr geplant waren.

„Zugleich“, heißt es im Ausschreibungstext der Akademie für gesprochenes Wort und des PEN-Zentrums Deutschland, „wurde immer wieder auf das Hölderlinwort aus der Hymne Patmos verwiesen: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Hölderlins Verse verströmen – gerade in ihrer dialektischen Spannung – Trost und Zuversicht. Doch worauf fußt die Zuversicht, worin ist die Hoffnung jenseits ihrer rhetorischen Kraft begründet? Welche Einsichten und Aussichten lassen sich aus den Versen gewinnen, welche Erkenntnisse und Erfahrungen mit ihnen verbinden?“ 

Ich glaube, dass es in diesen Tagen gut und hilfreich sein kann, sich mit den beiden angesprochenen Polen zu beschäftigen: Mit der Gefahr, mit der Not womöglich, in der wir uns befinden – und mit dem, was uns hoffnungsvoll stimmt, mit der Aussicht auf Besserung – ja, vielleicht sogar auch auf „Rettung“?

Wer sich für das Hölderlin-Zitat und seinen Hintergrund interessiert, erfährt in diesem kleinen 2-Minuten- Clip des ZDF mehr darüber:

https://ngp.zdf.de/miniplayer/embed/?mediaID=%2Fzdf%2Fkultur%2Fkulturzeit%2Fhoelderlin-zitat-102

Etwas mehr Informationen und Gedanken finden sich in diesem Radiobeitrag des SWR von Rainer Volk:

https://www.swr.de/swr2/literatur/hoelderlin-geburtstag-trost-auch-in-der-coronavirus-krise-104.html

Ich freue mich auf Eure Fragen und Gedanken – und wünsche viel Erfolg, sollte sich jemand von euch an der Ausschreibung beteiligen! (Sämtliche Informationen dazu findet Ihr über den verlinkten Ausschreibungstext).

(50) Eine Kreuzung im Bremer Westen – oder wo auch immer

Eine Kreuzung. Geschäfte, Autos, Straßenbahnen, Menschen. Menschen, die unterwegs sind: auf dem Weg zur Arbeit, zu einer Verabredung, einem Vorstellungsgespräch. Menschen, die noch schnell etwas einkaufen wollen. Die hoffen, jemanden zu treffen – oder die Angst davor haben. Menschen, die warten. Auf ihren Friseurtermin, eine Untersuchung oder ihren Castingtermin …
Stell dir einen dieser Menschen vor und beschreibe, was ihr oder ihm widerfährt – und wenn du dir das Schreiben leichter machen möchtest, dann bringe deine Figur ordentlich in Schwierigkeiten!

Beim Aufräumen ist mir diese Schreibanregung in die Hände gefallen. Sie ist fast zehn Jahre alt und ich hatte sie mir ursprünglich für eine größere Gruppe Schüler:innen ausgedacht. Aber wie alle Schreibanregungen, die sich gut für kollaboratives Schreiben eignen, ist sie auch eine schöne Anregung für alle, die eine kleine Serie schreiben möchten.
Eine solche Serie könnte aus einer Reihe kürzerer Texte bestehen, die „nur“ durch die Einheit von Ort und Zeit zusammengehalten werden (Was passiert alles gleichzeitig an dieser Kreuzung?) oder nur durch den Ort, was die schöne Möglichkeit eröffnet, dass Figuren, die in dem einen Text eine Hauptfigur sind, in einem andern zur Nebenfigur werden oder auch nur „einmal durchs Bild laufen.“
Für diejenigen von Euch, die normalerweise eher dazu neigen, „drauflos zu schreiben“ bietet eine solche Szenerie auch die Möglichkeit, das eher reißbrettartige Planen von Geschichten einmal spielerisch auszuprobieren.

Ich freue mich über Eure Text(anfäng)e, Fragen, Erfahrungsberichte!


(49) Auf Bewährtes zurückgreifen …

Ich habe in dieser Woche eine schöne (und mit einer lustigen Geschichte verbundene) Geschichten-Generator)-Bestellung erhalten und das hat mich auf die Idee gebracht, dass ich in dieser Woche, in der bei mir so viel los war, ruhig auf etwas zurückgreifen könnte, dass schon „da“ ist. Deswegen gibt es in dieser Woche nach längerer Zeit mal wieder drei Karten aus dem Geschichten-Generator, nämlich „John, ganz schön blass“, „Nö“ und „Bahnhof“.

Macht damit, was Ihr wollt! Schreibt einfach ein paar Zeilen zu einem John auf, der blass ist oder der sich darüber ärgert, dass jemand ständig behauptet, dass er es ist oder was auch immer. Oder stellt Euch vor, irgendjemand würde Euch viel Geld bezahlen, wenn Ihr drei oder fünf verschiedene „Johns“ zur Auswahl entwerft. Lasst den Bahnhof weg, wenn er Euch stört oder schreibt umgekehrt eine kleine Bahnhofs-Skizze, in der jemand „Nö“ sagt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass relativ viele Teilnehmer:innen spontan das Gefühl haben, dass eine Schreibanregung, der sie bereits einmal nachgegangen sind, irgendwie „verbraucht“ ist und sie reagieren fast ein bisschen empört (oder manchmal auch nicht nur fast ein bisschen), wenn ich eine Schreibanregung ein zweites oder gar drittes Mal präsentiere. Aber weil Schreibanregungen ja kein Rezept sind, weil ich sie mir mehr wie ein „Überbrückungskabel“ vorstelle, dass einen immer wieder neuen und andern „Motor“ anspringen lässt, können wir Schreibanregungen nach einer gewissen Zeit wieder neu verwenden – und manchmal empfiehlt sich das sogar: Wenn es uns schwer fällt, ins Schreiben zu kommen, dann kann es eine gute Idee sein, auf Bewährtes zurückzugreifen. Vielleicht können wir den ursprünglichen Impuls auch etwas verändern oder variieren. Wer länger schreibt, sammelt auch darin Erfahrung: Sich Schreibanregungen für sich passend zu machen.

Ich freue mich auf Textanfänge, Ideen, verlinkte Geschichten – wie immer ist alles erlaubt!


(48) Schreiben als Stimmungsaufheller? Einige Anregungen

Das sind schwierige, krisenhafte Zeiten gerade und ich habe das Gefühl, dass in meiner Umgebung viele Menschen schon jetzt sehr bedrückt sind – und dabei geht der (Corona)-Winter gerade erst los. Also habe ich mir in den letzten Tagen Gedanken über das Schreiben als Stimmungsaufheller gemacht und als erstes fiel mir Pooky Knightsmith ein, eine Expertin für psychische Gesundheit, die bei Twitter (@PookyH) jeden Tag einen Tweet schreibt, in dem sie drei Dinge auflistet, die sie an diesem Tag erlebt hat und die gut waren. #3goodthings lautet der Hashtag und jeder dieser Tweets endet mit der Frage: „Yours?“ Und jedesmal, wenn ich das lese, lasse ich meinen Tag Revue passieren. Ein, zwei Sachen fallen mir meistens ein, aber drei längst nicht immer. Das gibts doch nicht, denke ich dann. Da muss doch irgendwo noch ein kleiner, guter Moment gewesen sein. Und dann geschieht oft etwas Interessantes: Ohne dass ich es mir bewusst vornehmen würde, nehme ich die Frage mit in die nächsten Tage und bin plötzlich aufmerksamer für die guten Momente – oder schaffe sie mir auch erst. Setze mich wirklich mittags für 10 Minuten in die Sonne, mache eine Radtour um den See, wenn die Konzentration nachlässt oder gönne mir eine halbe Stunde Lesen „einfach so“.

Die zweite Anregung nimmt diese Beschäftigung mit den guten Momenten des eigenen Lebens auf – und dehnt sie zeitlich und/oder thematisch aus: Welche Erlebnisse, welche Menschen, welche Orte fallen uns ein, die „gut“ für uns waren, die vielleicht eine Wendung zum Guten ermöglicht haben? Wer mag, könnte in einem ersten Schritt eine Liste oder ein Alphabet der „guten Momente“ erstellen (beides lässt sich natürlich später noch ergänzen und erweitern) und könnte dann einzelne dieser Begebenheiten, dieser „Szenen“ detaillierter schildern.

Diese Beschäftigung mit den „guten Momenten“, die wir bereits erlebt haben, die wir tagtäglich erleben, kann uns in schwierigen Zeiten helfen, Lebensmut und Zuversicht zu bewahren oder wiederzugewinnen – aber sie kann auch das Gegenteil bewirken, sie kann unsere Stimmung noch tiefer in den Keller befördern. Ich kenne das auch von mir selbst: Wenn ich wirklich verärgert und schlecht gelaunt bin, wenn ich niedergeschlagen oder gekränkt bin, dann gibt es manchmal nur eins, das mir hilft: Es aufschreiben. Dem Ärger oder der Wut einen Raum geben. Gerade mal nicht positiv und vernünftig sein müssen. Nicht die andere Perspektive mitdenken. Stattdessen: Eine Wutrede schreiben. Ein Pamphlet. Einen neuen Abschnitt der Abhandlung über die Zumutung, die der Mensch dem Menschen sein kann. Danach gehts mir eigentlich immer besser …

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als es immer wieder neu auszuprobieren, wie uns das Schreiben helfen kann – und ob überhaupt. Für viele ist das Schreiben ja eher ein Stress- als ein Entspannungsfaktor und das liegt natürlich vor allem an dem Druck, den wir uns machen, „gut“ zu sein, „gute“ Texte zu schreiben. Aber vielleicht sind die Zeiten ja gerade so schwierig, dass sich die eine oder der andere endlich mal erlaubt, „schlechte Texte“ zu schreiben – oder zumindest solche, bei denen es auf gut und schlecht kein bisschen ankommt. Weiterführende Gedanken zu und Anregungen zum Thema „good art, bad art“ gibt es einmal mehr von Austin Kleon, der gerade zum Thema: Keep calm and make ugly art gebloggt hat.

Ich freue mich über Fragen und Hinweise – und natürlich über weitere stimmungsaufhellende Schreibanregungen!

(47) Aufschreiben, was draußen geschieht

Ich liebe Serien, die aus einer Reihe eher kurzer Texten bestehen. Heute möchte ich Euch dazu einladen, rauszugehen (vielleicht jeden Tag oder jeden Sonntag oder wie auch immer) und Eure Beobachtungen zu notieren. Vielleicht packt ihr ein Sitzkissen oder eine Decke ein, vielleicht gönnt Ihr Euch eine Thermoskanne heißen Tee oder Kaffee – und setzt Euch auf eine Bank oder wo immer Ihr es so ausgestattet gut für eine Viertelstunde aushalten könnt. Und dann schreibt Ihr auf, was Ihr seht. Wenn Ihr mögt könnt Ihr auch notieren, was Euch dazu alles in den Sinn kommt, könnt Ihr Euren Gedanken und Assoziationen nachgehen. (s. Vom Hölzchen aufs Stöckchen)

Ich glaube, dass es in diesen richtig schwierigen Corona-Zeiten besonders wichtig ist, Neues auszuprobieren und die Gestaltungsspielräume, die in vielem so eingeschränkt sind, wieder zu erweitern und zu experimentieren. Vieles ist gerade nicht möglich – aber manches auf eine andere als die gewohnte Weise dann doch. Die Psychologin und Autorin Pia Lamberty (@_pietz_) hat auf Twitter einen langen Thread mit Vorschlägen zusammengetragen, der hier noch mal in einer lesefreundlicheren Variante zusammengefasst ist und den ich sehr anregend finde: https://threadreaderapp.com/thread/1320815803437076481.html

Obwohl ich Euch – zugegeben – mit dieser Schreibanregung ganz gerne nach draußen locken möchte (weil es mir und meiner manchmal auch nicht so überragenden Stimmung meist gut tut), gibt es natürlich auch Lebens- und Wetterlagen, in denen das nicht geht. Vielleicht könnte dann der Blick aus dem Fenster eine geeignete Alternative sein? Oder der vom Schreibtischstuhl aus? In dem schönen und sehr anregenden Buch How to be an Explorer of the World von Keri Smith findet sich als erste von 59 Entdeckungs-Empfehlungen genau dieser Tipp:

„Genau dort, wo du sitzt. Schreibe zehn Dinge auf, die du jetzt siehst und die du nicht wahrgenommen hast, als du dich gesetzt hast. Nutze deine Sinne. Mach es schnell. Zensiere nicht. Okay, fang an.“

Okay, fang an … Ich bin neugierig, auf Eure Anfänge oder Ideen oder was immer Euch zu dieser Anregung einfällt. Wie immer ist die einzige und wirklich wichtige Regel: Alles ist erlaubt!

(46) Schreiben, als würde ich es können

„Aber eigentlich habe ich in diesen Jahren die meiste Zeit nur so getan, als würde ich schreiben. So wie ich als Kind so getan hatte, als ob ich spielen würde, so habe ich am Schreibtisch gesessen und so getan, als wäre ich mit erfundenen Welten und Figuren beschäftigt – dabei konnte ich überhaupt nicht in sie eintauchen, weil ich ständig von außen auf sie und auf mich und den entstehenden Text blickte. Ohne, dass ich es abschalten konnte, beobachtete ich permanent mich und mein Tun. War das gut, was ich machte und warum nicht? Was konnte, was musste ich anders machen? War dies nicht furchtbar kitschig und jenes vordergründig? War diese Idee nicht vollkommen unoriginell und jene gewollt? Würde irgendjemand das lesen wollen? Musste ich es nicht unbedingt unter Verschluss halten, weil es so beschämend schlecht war?“ 

Diese Passage stammt aus meinem Text Wie ich Schriftstellerin wurde und auch wenn ich vermute, dass die meisten Menschen, die diesen Blog lesen, (etwas) weniger Schwierigkeiten haben, sich wirklich auf den Schreibprozess einzulassen, als das bei mir lange Zeit der Fall war, begegnen mir doch immer wieder Menschen, denen es ähnlich geht. Menschen, die jeden Text, den sie schreiben, bang danach befragen, ob er „gut“ ist. Vielleicht sogar „sehr gut“? Veröffentlichungswert? Und weil der Text nicht oder nicht vernehmlich oder klar zu ihnen spricht, landet die Frage irgendwann bei mir.

In der Regel versuche ich dann Zeit zu gewinnen. Richtig viel Zeit. Nicht nur ein paar Sekunden, die ich zum Nachdenken benötige, sondern Wochen, Monate, manchmal auch Jahre, bis diese Frage überhaupt sinnvoll gestellt und beantwortet werden kann. Auch das ist eine dieser Paradoxien, die zumindest mein Leben und Schreiben geprägt haben: Dass gute Texte erst entstehen können, wenn das Schreiben nicht permanent oder vollständig von dem Druck und Anspruch begleitet wird, gute Texte schreiben zu müssen. Zumindest phasenweise, zumindest hin und wieder muss diese nervig quäkende Frage verstummen, damit wir uns wirklich einlassen können auf den kreativen Prozess. Auf seinen Eigensinn. Auf das, was ohne Anstrengung, ohne Druck, ohne Absicht entsteht. Ich kann die schöne Beobachtung von Siri Hustvedt nicht oft genug zitieren: „Schreiben ist meistens unbewust. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft“.

Wenn wir jeden Satz, jeden rohen Entwurf, jede erste Version besorgt daraufhin befragen, was sie über unser Talent, unser Schreibvermögen aussagen – dann finden wir kaum in die neugierige, offene Grundhaltung, die wir für kreatives Tun unbedingt benötigen. Aber wie können wir Zweifel und Besorgnisse loswerden, wenn sie sich erstmal an unsere Fersen geheftet haben?
Natürlich gibt es dafür keine Standardlösung, aber ich bin überzeugt, dass ein wichtiger erster Schritt darin liegt, die paradoxe Lage überhaupt zu verstehen, in der wir uns befinden. Ein zweiter Schritt könnte ein Gedankenspiel sein: Wie würde sich mein Schreiben verändern, wenn ich wüsste, dass ich es „eigentlich“ kann. Wenn mein Talent und mein grundsätzliches Schreibvermögen anerkannt wären, von mir selbst und auch von anderen. Und wenn Ihr Euch an den ungeheuerlichen Gedanken, dass Ihr es eigentlich könnt oder lernen könnt erstmal gewöhnt habt, probiert es doch einfach mal aus: Schreibt, als müsstet Ihr niemandem etwas beweisen!

Ich freue mich auf Fragen, Gedanken und Anregungen!