(50) Eine Kreuzung im Bremer Westen – oder wo auch immer

Eine Kreuzung. Geschäfte, Autos, Straßenbahnen, Menschen. Menschen, die unterwegs sind: auf dem Weg zur Arbeit, zu einer Verabredung, einem Vorstellungsgespräch. Menschen, die noch schnell etwas einkaufen wollen. Die hoffen, jemanden zu treffen – oder die Angst davor haben. Menschen, die warten. Auf ihren Friseurtermin, eine Untersuchung oder ihren Castingtermin …
Stell dir einen dieser Menschen vor und beschreibe, was ihr oder ihm widerfährt – und wenn du dir das Schreiben leichter machen möchtest, dann bringe deine Figur ordentlich in Schwierigkeiten!

Beim Aufräumen ist mir diese Schreibanregung in die Hände gefallen. Sie ist fast zehn Jahre alt und ich hatte sie mir ursprünglich für eine größere Gruppe Schüler:innen ausgedacht. Aber wie alle Schreibanregungen, die sich gut für kollaboratives Schreiben eignen, ist sie auch eine schöne Anregung für alle, die eine kleine Serie schreiben möchten.
Eine solche Serie könnte aus einer Reihe kürzerer Texte bestehen, die „nur“ durch die Einheit von Ort und Zeit zusammengehalten werden (Was passiert alles gleichzeitig an dieser Kreuzung?) oder nur durch den Ort, was die schöne Möglichkeit eröffnet, dass Figuren, die in dem einen Text eine Hauptfigur sind, in einem andern zur Nebenfigur werden oder auch nur „einmal durchs Bild laufen.“
Für diejenigen von Euch, die normalerweise eher dazu neigen, „drauflos zu schreiben“ bietet eine solche Szenerie auch die Möglichkeit, das eher reißbrettartige Planen von Geschichten einmal spielerisch auszuprobieren.

Ich freue mich über Eure Text(anfäng)e, Fragen, Erfahrungsberichte!


(44) Tagebuchnotizen: Wann fing „Corona“ eigentlich an?

Der Fall der Berliner Mauer oder der Einsturz der Twin Tower – manche historische Zeitenwende verdichtet sich in einem sehr konkreten Moment und viele Menschen verbinden genaue Erinnerungen damit. Andere Veränderungen oder Prozesse vollziehen sich schleichend, eher unsichtbar und es gibt nicht den „einen Moment“, an dem sich „alles ändert“.

In ihrem Beitrag Documenting All the Small Things That Are Easily Lost für die New York Times fragt Lynda Barry: Wann ging die Zeit, die jetzt nicht mehr ist, vorbei? Was genau passierte da? Und sie fordert dazu auf, sich an ganz konkrete Szenen zu erinnern, in denen sich dieser Übergang vollzog. Was sind die letzten Situationen, die wir erinnern, in denen es noch kein Corona gab? Wie haben wir davon erfahren? Wann hat es begonnen unser Leben zu verändern. Wie?

Ich erinnere mich, dass ich im Radio von italienischen Städten hörte, die abgesperrt worden waren – und dass ich beim Hören dieser Meldung noch vollkommen überzeugt war, dass das, was dort passierte, nichts mit mir und meinem Leben zu tun haben würde. Ich erinnere mich an Lastwagen, die Leichen abtransportierten und Bilder von Menschen, die unbegleitet starben. Ich erinnere mich …

Woran erinnert ihr Euch? Wann hat diese Zeit begonnen, die (ganz unabhängig davon, wie lange sie noch dauert) einen tiefen Einschnitt im Leben von uns allen markiert?

Aber Lynda Barry, deren Buch „How to make Comics“ ich nicht genug rühmen kann (ich finde, dass es viele Anregungen und Inspirationen bereithält auch für Menschen, die kein bisschen an Comics interessiert sind, sondern „nur“ an Schreiben und Literatur), Lynda Barry stellt die Frage nach der „Serie von Momenten“ nicht allein in Bezug auf Corona, sondern überhaupt im Hinblick auf Prozesse, auf Entwicklungen und ermutigt uns, sie aufzuschreiben, all die kleinen Begebenheiten, die vielleicht erst im Nachhinein für uns Bedeutung erlangen. Vielleicht weil es die letzten Momente waren, die wir mit einer Person erlebt haben, bevor sie starb.

Lynda Barry empfiehlt, vor dem eigentlichen Schreiben in einem ersten Schritt langsam eine kleine Spirale zu zeichnen (etwa 2 Minuten lang) und sich währenddessen einzelne, konkrete Szenen in Erinnerung zu rufen. In einem zweiten Schritt wird (erneut etwa 2 Minuten lang) eine Liste dieser Szenen angelegt – immer auf der Suche nach solchen Situationen, die sich wie ein aussagefähiger „Schnappschuss“ zeichnen (oder erzählen) lassen.

Wie bei allen Schreibanregungen ist es auch bei dieser möglich und sinnvoll, sie für sich selbst anzupassen. Die Themen oder Prozesse zu finden, die ein geeigneter Stoff zu sein scheinen oder herauszufinden, ob das Zeichnen einer Spirale ein Mittel sein kann, um Erinnerungen heraufzubeschwören. Mir hat es gut getan zu überlegen, wann und wie „Corona“ begonnen hat – vielleicht auch, weil das Vorübergehende, das Begrenzte daran mir dadurch wieder deutlicher geworden ist. Irgendwann wird „Corona“ auch wieder vorbei sein. Woran werden wir das erkennen? 

Aber jetzt ist erst mal auf jeden Fall der Sommer und damit auch die Sommerpause auf diesem Blog vorbei und es geht weiter mit dieser ein bisschen improvisierten offenen Digitalen Schreibwerkstatt. Falls Ihr Fragen oder thematische Wünsche für den Herbst habt, schreibt sie gerne in die Kommentare – ich freue mich, von Euch zu lesen und werde sie gerne aufgreifen (auch wenn es manchmal ein bisschen dauert).

(7) Erste kleine Schreibprojekte entwickeln

Nur ganz ausnahmsweise schreiben in meinen Werkstätten alle Teilnehmer:innen zu der selben Anregung. Das liegt vor allem an der simplen Tatsache, dass sie sich in so vielem unterscheiden: in ihren Erfahrungen und Wünschen, in dem, was sie gerade beschäftigt, in den Texten, die sie gerne lesen und eben auch in dem, was ihre Schreibfreude auslöst. Manche Teilnehmer:innen lieben es, wenn Schreib-Anregungen den Charakter einer „Challenge“ annehmen, wenn es viele Vorgaben (z. B. Reizwörter) gibt, während andere sich genau davon schnell eingeschränkt fühlen und offenere Anregungen favorisieren – z. B. den ersten Satz von Herta Müller: „Es ist Samstagnachmittag.“

Weil die Teilnehmer:innen so unterschiedlich sind und weil ich Schreib-Anregungen immer nur als „Überbrückungskabel“ verstehe, können sich alle aussuchen, was für sie passt oder es für sich passend machen. Diese Vorgehensweise hat einen wichtigen Nebeneffekt: Die Verantwortung für den Schreibprozess bleibt bei den Teilnehmer:innen. Das ist nicht ganz so selbstverständlich, wie es klingt, den bei manchen Lernprozessen liegt die Verantwortung ja tatsächlich zumindest zunächst vor allem bei den Lehrer:innen. Wenn ich ein Instrument lerne, gehe ich davon aus, das die Lehrer:in vorgibt, in welcher Reihenfolge ich was zu üben habe. Zumindest am Anfang.

Beim Schreiben ist das anders, jedenfalls kommt es mir so vor – vielleicht, weil wir ja schon mit viel Mühe und Aufwand gelernt haben zu lesen und zu schreiben. Die Menschen, die Schreibwerkstätten aufsuchen oder entsprechende Ratgeber kaufen, wollen nicht schreiben lernen, sondern sie wollen mehr schreiben und/oder „besser“ schreiben. Ich kann das sehr gut verstehen, denn ich habe mich selbst viele Jahre mit genau diesen beiden Wünsche rumgeplagt. Und auch mir haben die Schreibratgeber, die sich in meinen Regalen stapelten und die sporadischen Besuche von Schreibworkshops nicht nennenswert weitergeholfen, so wie es vielen ergangen ist, die bei mir „gelandet“ sind.

Das, was ich in großspurigen Momenten „meinen Ansatz“ nenne, ist aus dem jahrelangen Nachdenken darüber entstanden, was mir selbst und was den Teilnehmer:innen meiner Werkstätten tatsächlich weitergeholfen hat. Weil wir uns alle unterscheiden (s.o.), sind auch die Wege unterschiedlich, die wir jeweils zurückgelegt haben – und die Ziele. Und dennoch gibt es natürlich auch Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen, Erkenntnisse.

Eine davon ist, wie wichtig und zugleich wie schwierig es für viele ist, überhaupt einmal in eine kreative Haltung hineinzufinden. Neugierig zu werden. Lust am Ausprobieren und Experimentieren zu entwickeln. Etwas „nur so“ schreiben, ohne dass daraus ein fertiger, vorzeigbarer Text werden muss. Mit der Selbstverständlichkeit, mit der bildende Künstler:innen Skizzen anlegen, kleine Notizen zu machen.

Natürlich freue ich mich, wenn in meinen Werkstätten „gute“ Texte entstehen, aber noch mehr freue ich mich, wenn Teilnehmer:innen in dem gerade beschriebenen Sinn mutiger werden, neue Erfahrungen machen, etwas ausprobieren, was ihnen zunächst abwegig vorkam – so wie es auch manche von Euch hier schon beschrieben haben.

Auch eine kleine Serie zu schreiben bedeutet nicht, dass es jetzt allmählich „ernst“ wird – ganz im Gegenteil. Auch das Entwickeln eines kleinen Schreibprojektes soll das Schreiben nicht schwerer, nicht anstrengender machen: Weiterschreiben ist oft leichter als anfangen. Und kleine Schreibprojekte zu beenden und sie eventuell (vielleicht „nur“ für eine/n selbst) in eine schöne Form bringen, kann zu dem beitragen, was ja das Ziel der meisten ist: Jemand werden, die/der schreibt.

Auch diese „Serien“ sind nicht für jede/n etwas. Ihr müsst selbst herausfinden, ob und in welcher Form das für Euch passt. Ein paar konkrete Tipps werde ich hier in dieser Woche dazu geben, aber auch die sind wieder nur als „Überbrückungskabel“ gedacht. Die wichtigste Frage, die Ihr Euch stellen solltet: Was hat Euch in der vergangenen Woche (oder überhaupt in der Vergangenheit) schreibend am meisten Spaß gemacht? Oder Euch gereizt? Vielleicht habt Ihr noch immer keine Figur, die in Schwierigkeiten steckt, aber Ihr hättet gerne ein? Dann könnte das eine Serie sein: Eine Figur in (drei bis fünf) unterschiedliche Schwierigkeiten bringen. Oder fünf Figuren?

Wenn Euch das Daily Diary von Lynda Barry gefallen hat: Macht diese Woche jeden Tag eins.

Oder Ihr macht etwas ganz anderes, wie meine Schriftsteller-Kollegin Bettina Beutler-Prahm, der ich das schöne Beitrags-Foto zu verdanken habe: Bettina hatte letzte Woche dieses Video von Austin Kleon gesehen – und ihre ganz eigene Serie daraus gemacht.

https://youtu.be/ab4O9SWNl9g

Wie immer bin ich sehr gespannt auf Eure Ideen, Erfahrungen, Fragen.

Eine kleine Serie schreiben: Nachbarschaft

Wer eine kleine Serie von miteinander verbundenen Texten schreiben möchte, braucht ein Thema, eine Figur oder einen Ort, der die Texte „zusammenhält“ – ich hatte zuletzt darüber geschrieben. Eine schöne Möglichkeit, die sich in vielen Werkstätten bewährt hat, ist das Erfinden einer „Nachbarschaft“. Das kann eine Reihenhaussiedlung so gut wie ein Hochhaus oder auch ein „Kreuzungsbereich“ sein. Wichtig ist nur, dass es genug von all dem gibt, was uns das reale Leben manchmal schwer macht: Tratsch und Intrigen, Geheimnisse und Krisen …

Es lässt sich an einer solchen Nachbarschaft auch auf unterhaltsame Weise das spielerische „Anlegen“ von Figuren und Entwicklungen einmal ausprobieren. Wer also Lust dazu hat, könnte (s)eine individuelle Nachbarschaft entwerfen (s. u.), oder auch (was ja immer zumindest eine Möglichkeit der Annäherung ist) drauflosschreiben und wen gerade weder das eine noch das andere reizt, der findet vielleicht Freude an diesem Figuren-Tableau:

Nachbarn

Wie immer freue ich mich über Anmerkungen, Rückmeldungen und Erfahrungsberichte: Ich bin gespannt, was Euch dazu einfällt …

Der zweite Schritt beim Schreiben könnte in einer kleinen Serie bestehen

Wenn Menschen mit „dem Schreiben beginnen“, dann ist das wichtigste Kriterium für die Güte einer Schreibanregung, dass sofort etwas „da“ ist: eine Idee, ein erster Satz, eine Figur. Groß sind oft die Bedenken, ob eine/r das überhaupt kann, ob es nicht vielleicht eine Anmaßung ist, zu sagen: Ich schreibe jetzt. Kaum etwas vertreibt diese Befürchtungen (zumindest für eine Weile) so mühelos wie ein Text, in den man schreibend hineingezogen wird.

Deswegen erscheint mir nichts so sinnvoll, wie genau das eine Weile zu machen: ersten Schreib(ideen) nachzugehen und eine kleine (Material)-Sammlung anzulegen. Das brauchen noch keine „richtigen“, „fertigen“ Texte oder Geschichten zu sein, sondern „Notizen“ oder „Skizzen“, in denen man vor allem ausprobiert, was passiert, wenn man einmal mit dem Schreiben beginnt. Wo man landet. Das werden mitunter Sackgassen ein, wo der Text zerfranst oder es schlichtweg „nicht mehr weitergeht“ – aber das macht nichts. Es geht am Anfang vor allem darum, sich an das Schreiben zu gewöhnen und zu schauen, wo es eine/n hinzieht. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand mehr als fünf solcher kleiner Texte schreibt und sich nicht irgendetwas wiederholen oder zeigen würde, an dem es lohnt „dranzubleiben“: eine Figur oder ein Ort, ein Motiv oder Thema, eine innere Haltung oder ein Ton.

Wer dazu Lust hat, kann dann, sozusagen als zweiten Schritt, eine kleine „Serie“ anfertigen. Mehrere kürzere Texte, die durch eben dieses  gemeinsame Merkmal „zusammengehalten“ werden. Eine solche „Serie“ scheint mir auch ein guter Zwischenschritt zu sein, wenn der Blick der Schreibenden sich allmählich auf etwas „Größeres“ richtet, ohne dass für einen Roman oder eine längere Erzählung schon die Idee und das Zutrauen vorhanden wäre.

Wie gesagt, idealerweise findet sich das „verbindende“ Element in den schon vorhandenen Texten oder Notizen und manchmal ist es für die Werkstattleiterin leichter zu entdecken, als für denjenigen, der (erstmals) mitten drinsteckt im Prozess. Aber es ist auch möglich, eine solche Serie zu „planen“ und rund um einen Ort (ein Haus, eine Straße, ein Dorf, eine Eisdiele – was auch immer), eine Figur oder ein anderes „Verbindungsstück“ herum mehrere Texte zu gruppieren.

Und auch wenn es nicht leicht fällt: das Ziel sollte nicht in erster Linie darin bestehen, etwas „Vorzeigbares“, etwas „Gutes“ zu schreiben, sondern neugierig zu verfolgen, was da entsteht – an Text(fragmenten) und vor allem an neuen Ideen …

Zuletzt war das hier im Blog und auch in meinen realen Werkstätten mehrfach Thema: die Suche nach dem jeweils individuell „passenden“ Text. Und deswegen ist das nun schon der zweite Beitrag in Folge, der sich damit beschäftigt. Hier geht es zu: Zum Schreiben gehört auch die Suche nach dem, was einmal ein Text werden könnte. Ich freue mich bei diesem Thema ganz besonders über eure Erfahrungen und Einschätzungen: Könnte das ein Weg sein? Wer hat vielleicht schon einmal ähnliches versucht? Wo liegen Hürden? Gibt es Abkürzungen oder andere gute Tipps? Vielleicht können wir hier darüber ins Gespräch kommen!