(46) Schreiben, als würde ich es können

Entspannte Person in einer Hängematte

„Aber eigentlich habe ich in diesen Jahren die meiste Zeit nur so getan, als würde ich schreiben. So wie ich als Kind so getan hatte, als ob ich spielen würde, so habe ich am Schreibtisch gesessen und so getan, als wäre ich mit erfundenen Welten und Figuren beschäftigt – dabei konnte ich überhaupt nicht in sie eintauchen, weil ich ständig von außen auf sie und auf mich und den entstehenden Text blickte. Ohne, dass ich es abschalten konnte, beobachtete ich permanent mich und mein Tun. War das gut, was ich machte und warum nicht? Was konnte, was musste ich anders machen? War dies nicht furchtbar kitschig und jenes vordergründig? War diese Idee nicht vollkommen unoriginell und jene gewollt? Würde irgendjemand das lesen wollen? Musste ich es nicht unbedingt unter Verschluss halten, weil es so beschämend schlecht war?“ 

Diese Passage stammt aus meinem Text Wie ich Schriftstellerin wurde und auch wenn ich vermute, dass die meisten Menschen, die diesen Blog lesen, (etwas) weniger Schwierigkeiten haben, sich wirklich auf den Schreibprozess einzulassen, als das bei mir lange Zeit der Fall war, begegnen mir doch immer wieder Menschen, denen es ähnlich geht. Menschen, die jeden Text, den sie schreiben, bang danach befragen, ob er „gut“ ist. Vielleicht sogar „sehr gut“? Veröffentlichungswert? Und weil der Text nicht oder nicht vernehmlich oder klar zu ihnen spricht, landet die Frage irgendwann bei mir.

In der Regel versuche ich dann Zeit zu gewinnen. Richtig viel Zeit. Nicht nur ein paar Sekunden, die ich zum Nachdenken benötige, sondern Wochen, Monate, manchmal auch Jahre, bis diese Frage überhaupt sinnvoll gestellt und beantwortet werden kann. Auch das ist eine dieser Paradoxien, die zumindest mein Leben und Schreiben geprägt haben: Dass gute Texte erst entstehen können, wenn das Schreiben nicht permanent oder vollständig von dem Druck und Anspruch begleitet wird, gute Texte schreiben zu müssen. Zumindest phasenweise, zumindest hin und wieder muss diese nervig quäkende Frage verstummen, damit wir uns wirklich einlassen können auf den kreativen Prozess. Auf seinen Eigensinn. Auf das, was ohne Anstrengung, ohne Druck, ohne Absicht entsteht. Ich kann die schöne Beobachtung von Siri Hustvedt nicht oft genug zitieren: „Schreiben ist meistens unbewust. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft“.

Wenn wir jeden Satz, jeden rohen Entwurf, jede erste Version besorgt daraufhin befragen, was sie über unser Talent, unser Schreibvermögen aussagen – dann finden wir kaum in die neugierige, offene Grundhaltung, die wir für kreatives Tun unbedingt benötigen. Aber wie können wir Zweifel und Besorgnisse loswerden, wenn sie sich erstmal an unsere Fersen geheftet haben?
Natürlich gibt es dafür keine Standardlösung, aber ich bin überzeugt, dass ein wichtiger erster Schritt darin liegt, die paradoxe Lage überhaupt zu verstehen, in der wir uns befinden. Ein zweiter Schritt könnte ein Gedankenspiel sein: Wie würde sich mein Schreiben verändern, wenn ich wüsste, dass ich es „eigentlich“ kann. Wenn mein Talent und mein grundsätzliches Schreibvermögen anerkannt wären, von mir selbst und auch von anderen. Und wenn Ihr Euch an den ungeheuerlichen Gedanken, dass Ihr es eigentlich könnt oder lernen könnt erstmal gewöhnt habt, probiert es doch einfach mal aus: Schreibt, als müsstet Ihr niemandem etwas beweisen!

Ich freue mich auf Fragen, Gedanken und Anregungen!

12 Kommentare

  1. Meine besten Texte – how die ich am besten finde – und einfach so aus mir heraus gepurzelt. Es schreibt mich.
    Weil das so flow, so leicht, so eindeutig ist, tue ich mich schwer es als Leistung zu bewerten.
    Diese geflossenen Texte dann aber zu überarbeiten ist schwer – stelle ich damit die intuitive Richtigkeit, die verborgene Wahrheit in Frage, zerstöre ich vielleicht sogar den Zauber des Textes?

    1. Bei mir gibt es beides: die „herausgepurzelten“ und die in langsamen (oft mühsamen) Prozessen entstandenen Texte – und ich kann nicht sagen, dass die s oder os entstandenen Texte die stärkeren wären.
      Ich kenne aber auch die Schwierigkeit, die du beschreibst. „Intuitive Richtigkeit“ – das ist ein guter Begriff.
      Manchmal ist es ja auch so (das kann ich natürlich bei den Texten anderer besser erkennen), dass es für einen Satz, eine Formulierung einen guten (intuitiven) Grund gibt und der sich aber in dieser Formulierung, in diesem Satz noch nicht restlos entfaltet.
      Bei mir ist es so, dass mir kritische Rückmeldungen zu meinen Texten (meist geht es ja um Details) oft spontan einleuchten. Aber manche natürlich auch nicht. Also ändere ich an diesen Stellen nichts. Und interessanterweise ist dann manchmal so, dass ich mit etwas mehr zeitlichem Abstand erst begreife, dass diese Kritik doch berechtigt, dass ein Verbesserungsvorschlag gut gewesen ist und kann gar nicht glauben, dass mir das nicht sofort eingeleuchtet hat … Ein weites Feld.

  2. Hallo Jutta, was für ein ermutigender Artikel. Denn obwohl ich momentan sehr viel Zeit und Möglichkeiten zum Schreiben habe, dringe ich nicht mehr in die Tiefe vor; aus Gründen, die du auch erwähntest: ist das gut genug, was werden andere dazu sagen, hab ich Talent? Dein Text ermutigt mich dazu, mich mal wieder ohne Hintergedanken ans Schreiben zu setzen, einfach des Schreibens wegen. Danke dafür und liebe Grüße von Ulrike

  3. Der innere Zensor ist doch oft das größte Hemmnis für die eigene Kreativität. Lieber auch mal etwas schreiben, was hinterher für lange Zeit oder für immer in der Schublade verschwindet, als den Moment des Schreibens nicht auszunutzen. Schreiben als Prozess, ohne Ergebnisfixierung, ist für mich immer wieder ein Erlebnis. Insbesondere weil es eine so heilende Wirkung haben kann.

    1. Ja, so ist es! Und es ist manchmal schwer zu glauben, mit wieviel Energie und Hinterlist manch „innerer Zensor“ ausgestattet ist … Wie gut, dass er dir offenbar nicht mehr in die Quere kommt!

  4. Dass einen das nie ganz verlässt, hab ich gedacht. Diese Zensur. Dieser Blick von aussen. Und manchmal bringt eine/n ein Wort, ein Satz von aussen aus der mühsam erarbeiteten Selbstverständlichkeit, Sicherheit, weg von dem Selbstbewusstsein, es zu können. Das doch auf jeden Fall: schreiben zu können. Auch wenn nicht jeder Text gleichermassen „gelingt“.

    Und genau: Wie glücklich diese Purzel- oder Fliessmomente. Und meistens ja die, in denen das Schreibenwollen oder sogar -müssen stärker ist als das „eine gute Schriftstellerin sein wollen“. Diese Momente, die zum Glück immer wieder kommen, manchmal überraschend. Und danke, dass du uns daran erinnert hast, dass es möglich ist, ihnen einen Teppich auszurollen. Und das Gerümpel wegzuräumen, das im Weg steht.

    1. Vielen Dank für diesen schönen Kommentar! Im Gespräch mit einer Freundin hat sich einmal das Bild ergeben (ich weiß gar nicht mehr, wem von uns beiden es in den Sinn kam), dass diese Zweifel wie Mückenstiche sind: nervig, aber ohne größere Bedeutung – sie stehen eben nicht für „die Wahrheit“.

  5. Was für ein schöner Post.
    Ich kenne das – die besten Texte, die mir am besten gefallen, sind die, die ich schreiben kann, ohne darüber nachzudenken. Sobald das Denken anfängt, hört das Schreiben auf und ich sitze da und (ver-)zweifle an mir selber.
    Die aufgezeigte Lösung gefällt mir, aber es ist sicherlich auch eine Herausforderung. (Ich bin eher für das gute alte „Den Kopf freikriegen“, was man im falschen Licht vielleicht auch für Weglaufen halten könnte.) Trotzdem werde ich das beim nächsten Mal versuchen, wenn’s wieder so gar nicht läuft. Vielen Dank dafür!

Ich freue mich über Kommentare!

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