(48) Schreiben als Stimmungsaufheller? Einige Anregungen

Das sind schwierige, krisenhafte Zeiten gerade und ich habe das Gefühl, dass in meiner Umgebung viele Menschen schon jetzt sehr bedrückt sind – und dabei geht der (Corona)-Winter gerade erst los. Also habe ich mir in den letzten Tagen Gedanken über das Schreiben als Stimmungsaufheller gemacht und als erstes fiel mir Pooky Knightsmith ein, eine Expertin für psychische Gesundheit, die bei Twitter (@PookyH) jeden Tag einen Tweet schreibt, in dem sie drei Dinge auflistet, die sie an diesem Tag erlebt hat und die gut waren. #3goodthings lautet der Hashtag und jeder dieser Tweets endet mit der Frage: „Yours?“ Und jedesmal, wenn ich das lese, lasse ich meinen Tag Revue passieren. Ein, zwei Sachen fallen mir meistens ein, aber drei längst nicht immer. Das gibts doch nicht, denke ich dann. Da muss doch irgendwo noch ein kleiner, guter Moment gewesen sein. Und dann geschieht oft etwas Interessantes: Ohne dass ich es mir bewusst vornehmen würde, nehme ich die Frage mit in die nächsten Tage und bin plötzlich aufmerksamer für die guten Momente – oder schaffe sie mir auch erst. Setze mich wirklich mittags für 10 Minuten in die Sonne, mache eine Radtour um den See, wenn die Konzentration nachlässt oder gönne mir eine halbe Stunde Lesen „einfach so“.

Die zweite Anregung nimmt diese Beschäftigung mit den guten Momenten des eigenen Lebens auf – und dehnt sie zeitlich und/oder thematisch aus: Welche Erlebnisse, welche Menschen, welche Orte fallen uns ein, die „gut“ für uns waren, die vielleicht eine Wendung zum Guten ermöglicht haben? Wer mag, könnte in einem ersten Schritt eine Liste oder ein Alphabet der „guten Momente“ erstellen (beides lässt sich natürlich später noch ergänzen und erweitern) und könnte dann einzelne dieser Begebenheiten, dieser „Szenen“ detaillierter schildern.

Diese Beschäftigung mit den „guten Momenten“, die wir bereits erlebt haben, die wir tagtäglich erleben, kann uns in schwierigen Zeiten helfen, Lebensmut und Zuversicht zu bewahren oder wiederzugewinnen – aber sie kann auch das Gegenteil bewirken, sie kann unsere Stimmung noch tiefer in den Keller befördern. Ich kenne das auch von mir selbst: Wenn ich wirklich verärgert und schlecht gelaunt bin, wenn ich niedergeschlagen oder gekränkt bin, dann gibt es manchmal nur eins, das mir hilft: Es aufschreiben. Dem Ärger oder der Wut einen Raum geben. Gerade mal nicht positiv und vernünftig sein müssen. Nicht die andere Perspektive mitdenken. Stattdessen: Eine Wutrede schreiben. Ein Pamphlet. Einen neuen Abschnitt der Abhandlung über die Zumutung, die der Mensch dem Menschen sein kann. Danach gehts mir eigentlich immer besser …

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als es immer wieder neu auszuprobieren, wie uns das Schreiben helfen kann – und ob überhaupt. Für viele ist das Schreiben ja eher ein Stress- als ein Entspannungsfaktor und das liegt natürlich vor allem an dem Druck, den wir uns machen, „gut“ zu sein, „gute“ Texte zu schreiben. Aber vielleicht sind die Zeiten ja gerade so schwierig, dass sich die eine oder der andere endlich mal erlaubt, „schlechte Texte“ zu schreiben – oder zumindest solche, bei denen es auf gut und schlecht kein bisschen ankommt. Weiterführende Gedanken zu und Anregungen zum Thema „good art, bad art“ gibt es einmal mehr von Austin Kleon, der gerade zum Thema: Keep calm and make ugly art gebloggt hat.

Ich freue mich über Fragen und Hinweise – und natürlich über weitere stimmungsaufhellende Schreibanregungen!

11 Kommentare

  1. Schreiben ist immer gut, für den, der es mag. Ob „Frust von der Seele“, oder „Zur Ablenkung das Thema wechseln“, wenn man die Gedanken zu Papier bringt, können sie im Kopf nicht mehr Karussell fahren.

  2. Spannend, dass du das mit der Wutrede schreibst. Ich habe vor ein paar Tagen mit dem Satzanfang „Es macht mich wütend, dass“ geschrieben. Die Übung, mit z.B. diesem Satzanfang einen Text zu beginnen, habe ich von dir. Und ich wende sie auch immer gern in Schulklassen an, wo sie auf grosse Begeisterung stösst.

    Als ich vor ein paar Tagen selbst mit dem Satz geschrieben habe, kam ich zwar nicht so weit, wie ich wollte. Aber ich hab deutlich gemerkt, wo gerade meine Prioritäten sind. Ich werde dem nochmals nachgehen. Mir vielleicht eine Figur zu Hilfe nehmen, die ich dann so richtig wütend werden lasse!

    Und jetzt schreib ich aber als erstes die drei guten Dinge des Tages auf: 1. In der Sonne auf dem Velo den Berg runtergerollt; 2. Feines Risotto von gestern aufgewärmt und ordentlich Parmesan drübergerieben; 3. Herausgefunden, dass ich noch ein Honorar zugute habe, von dem ich dachte, ich hätte es bereits bekommen und ausgegeben.

    Toll. Geht mir schon besser!

    1. Ach Ulrike, vielen Dank für deinen schönen Kommentar – ich freue mich sehr darüber (und lustigerweise habe ich diese Schreibanregung „Es macht mich wütend, dass …“ schon wieder vergessen gehabt – nachdem du mich doch vor einiger Zeit schon mal daran erinnert hattest … Ich glaube, sie ist ein bisschen in den Schatten der „Ich bin eher nicht so wütende Typ“-Anregung geraten, die ich ja sehr liebe. Hast du dazu eigentlich mal geschrieben? Das ist wirklich ein schöner Einstieg …

  3. Unser Gehirn tickt ja so, dass es die negativen Dinge eher abspeichert, da ist es gut, sich explizit mit den positiven Dingen zu befassen.
    Ich habe es ein Jahr lang mit dem „6-Minuten-Tagebuch“ versucht (kann man leicht googeln). Es hat mir geholfen, mich jeden Abend auf die positiven Dinge des Tages zu besinnen. Das war eine gute Übung, von der ich wahrscheinlich noch immer profitiere. Man braucht dieses Tagebuch freilich nicht unbedingt und es reicht ein gewöhnliches Notizbuch. Es hilft aber dabei, sich regelmäßig mit den positiven kleinen Dingen zu befassen und eine Routine zu bekommen. Bei mir ist es jetzt eingeübt und ich empfinde vielleicht noch mehr Glück, wenn der Herbstwind feurige Blätter von den Bäumen wehen lässt und ich in diesem Moment dabei sein darf.
    Aber auch das Negative muss aufgeschrieben werden. Einfach alles, was gerade in meinem Kopf ist. Und ich merke, wenn es mir richtig schlecht geht, beruhigt es mich, wenn ich einfach alles aufschreibe, was mir gerade in den Sinn kommt. Das hilft, die Situation mit Distanz zu betrachten.
    Ich habe mir vorgenommen, jetzt wieder routinemäßig jeden Abend wenigstens einen Satz zu schreiben.

  4. Die drei guten Dinge an einem Tag – das ist eine sehr alte jesuitische Tradition, vom Begründer des Ordens Ignatius von Loyola. In der modernen Variante heißt sie „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ und hat gerade in diesen Zeiten Hochkonjunktur.

Ich freue mich über Kommentare!

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