(36) Ändere nicht deinen Stil, sondern deine Persönlichkeit

lautet eine von dreizehn Empfehlungen des Schweizer Autors Peter Stamm (angestiftet dazu von der „Neuen Rundschau“ und in Anlehnung an Walter Benjamins „Ankleben verboten“). Kann das ernst gemeint sein? Oder müssen wir uns nicht zumindest ein Augenzwinkern des Autors vorstellen, wenn nicht vielleicht sogar ein schallendes Gelächter?

Bar jeder Ironie und mit dem Pathos, das vielleicht nur einem amerikanischen Autor möglich ist, schreibt jedoch auch Jonathan Franzen: „Mit jedem Buch muss man so tief wie möglich graben und so weit wie möglich ausholen. Und wenn man das tut, und es gelingt einem ein halbwegs gutes Buch, dann heißt das, beim nächsten Buch noch tiefer graben und noch weiter ausholen zu müssen (…). Was praktisch heißt, dass man um das nächste Buch zu schreiben, ein anderer Mensch werden muss. Der Mensch, der man bereits geworden ist, hat das beste Buch, das er schreiben konnte, ja bereits geschrieben. Ohne sich zu ändern, kommt man nicht voran.“ (Weiter weg, 2013)

Die Aufforderung, um des Schreibens willen, um eines besseren Textes willen eine andere, ein anderer zu werden, kehrt unsere übliche Denkrichtung um: Nicht ich mit meiner Persönlichkeit, meiner Vergangenheit schreibe mich in meine Texte ein, sondern die von mir zu schreibenden Texte ermöglichen mir (erzwingen vielleicht auch) ein anderes Leben.

Ein sehr schönes und literarisch geglücktes Beispiel für die ja selten bewusst und strategisch planbaren Wechselwirkungen von Leben und Schreiben hat die Berliner Autorin Katja Oskamp mit Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin vorgelegt. Mit 44 Jahren beschließt sie 2015 eine Ausbildung zur Fußpflegerin zu machen. Nicht, um eines Tages darüber zu schreiben, sondern weil sie nochmal etwas anderes machen möchte: „Mein Leben war fad geworden – das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig.“ Katja Oskamp wird Fußpflegerin und das nicht, um irgendwie Geld zu verdienen, nicht als „Brotjob“, sondern weil es ihr Freude macht: „Ich freue mich immer auf die Arbeit, selbst wenn ich hundemüde bin, selbst wenn dicke Luft herrscht im Studio. Ich weiß, dass ich es schaffen werde. Ich bin noch nie zu spät gekommen. Ich habe das Tagesprogramm immer im Kopf.“
Katja Oskamp wird Fußpflegerin, aber sie hört dadurch natürlich nicht auf, Schriftstellerin zu sein. Eines Tages beginnt sie, aufzuschreiben, was sie erlebt und vor allem, wen sie erlebt. Es sind Menschen, die in unserer Gegenwartsliteratur, aber auch im Theater oder Spielfilm kaum einen Auftritt haben – und wenn, dann als kauzige Originale, über die wir lachen, ohne uns für ihre Geschichten, ihre Nöte zu interessieren. Katja Oskamp interessiert sich für sie. Natürlich für ihre Füße (und auch das sind wirklich interessante Geschichten und Details), aber eben auch für die Wege, die diese Füße bereits zurückgelegt haben, für das Leben, das diese Menschen leben. Mit einem freundlichen, humorvollen und lebensklugen Blick ermöglicht Katja Oskamp uns einen Einblick in den Mikrokosmos von Marzahn – und greift dabei auch Lebensfragen auf, die sich an anderen Orten stellen. Aber wie die Hintergrundinformationen zu den Figuren, sind auch diese Überlegungen ungewöhnlich leichthändig in den Text eingewoben.

Eingewoben in den Text sind auch einige, wenige Informationen zu seiner Entstehung: „Von vier bis sechs sitze ich am Schreibtisch. Dann hüpfe ich unter die Dusche, schmiere mir Stullen, packe den Rucksack. Halb acht verlasse ich das Haus …“ Hört sich so an, als habe da jemand eine Form des Lebens und des Schreibens gefunden, die gerade passt, die gut ist. Mir gefällt diese Geschichte sehr. Und es gefällt mir auch sehr, dass die Schriftstellerin Katja Oskamp für dieses Buch große Anerkennung gefunden hat – jetzt wo sie vor allem Fußpflegerin ist.

Wie bereits einige vor ihm, widmet sich auch dieser Blogbeitrag dem großen Thema der Suche. Der Suche nach den Geschichten, den Texten, die wir „eigentlich“ schreiben wollen und was wir manchmal alles unternehmen müssen, um sie aufzustöbern, um sie zu finden oder uns ihnen weiter anzunähern. In solch einem Prozess der Annäherung an einen Text befinde ich mich seit vielen Jahren und weil es an der Zeit ist, den vermutlich letzten großen Schritt zu machen, werde ich in Zukunft „nur noch“ einmal wöchentlich bloggen, nämlich freitags.

Ich freue mich auf Eure Fragen, Kommentare, Hinweise!

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