„Ist das autobiographisch?“ Über eine erstaunlich schwer zu beantwortende Frage

Autobiographische Texte erobern die Bestsellerlisten und werden engagiert diskutiert: Nach Karl Ove Knausgård, dem ein weltweites Publikum „auf süchtige Weise verfallen scheint“ (Ursula März), fanden im Frühjahr Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz und aktuell Thomas Melles Die Welt im Rücken derart große Resonanz, dass Richard Kämmerlings bereits fragt, ob die Zukunft der Literatur in der radikalen Autobiographie liegt. (In welche Richtung will die Gegenwartsliteratur?)
Aber ist Thomas Melles Text überhaupt ein Roman? Oder zwar kein Roman, aber Literatur? Und wenn ja, warum? Reichlich Fragen rund um das Autobiographische, aber immerhin in einem Punkt scheint Einigkeit zu bestehen: wann wir es überhaupt mit autobiographischer Literatur zu tun haben.
Ich glaube hingegen, dass bereits an diesem Punkt die Schwierigkeiten beginnen und möchte sie aus der Perspektive der Schriftstellerin, die ich bin, beleuchten.

„Haben Sie das selbst erlebt?“ ist nicht nur eine der häufigsten Fragen nach einer Lesung, sie zielt vor allem genau auf die fragliche Grenzziehung: Hier das selbst erlebte Autobiographische, dort das Erfundene. Aber was bedeutet „das“? Genau dieses Ereignis? Oder ein anderes, das aber zugleich „irgendwie“ ähnlich ist?

Wir könnten uns eine Schriftstellerin vorstellen, die auf ihrem abendlichen Spaziergang für einen Augenblick ein Gefühl großer Verlorenheit empfindet. An den Schreibtisch zurückgekehrt, erwägt sie keinen Moment, dieses Gefühl einer Frau auf ihrem abendlichen Spaziergang zuzuschreiben, sondern sie sucht nach Bildern, nach Figuren, mit denen sie davon erzählen kann. So erzählen kann, dass Leser.innen sich eine Vorstellung machen können.
Vielleicht erfindet sie ein Mädchen, das sich verlaufen hat, oder einen alten Mann, der weiß, dass er das Grab seiner Frau ein letztes Mal besucht. Vielleicht findet die Szene Eingang in den Roman, den sie gerade schreibt und ihr wird die Frage gestellt, ob sie „das“ erlebt hat? Hat sie? Was ist „autobiographischer“: Die minutiöse, detaillierte Schilderung ihres Spaziergangs einschließlich des Hinweises auf einen „kurzen verstörenden Moment der Verlorenheit“ oder ein Text, in dem niemand auftaucht, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit ihr aufweist, der aber von ihrem Gefühl so erzählt, dass er in unterschiedlichen Leser.innen eben dieses Gefühl der Verlorenheit evoziert?

„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“ stellt Eugen Ruge seinen Roman Cabo de Gata voran und Jonathan Franzen bezeichnet in seinem Essay Über autobiographische Literatur zunächst allein solche Texte als autobiographisch, bei denen „die beschriebenen Geschehnisse denen des Autors im wirklichen Leben gleichen“, um unmittelbar danach darauf hinzuweisen, dass seine eigenen Texte, die in diesem eben genannten Sinn keinesfalls autobiographisch seien, gleichzeitig „extrem autobiographisch“ wären – und steigert diesen Widerspruch zum programmatischen, „wichtigen Paradox: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Leben.“

Vor vielen Jahren kam ein älterer Herr nach einer Preisverleihung, bei der ich den prämierten Text vorgetragen hatte, auf mich zu. Er wolle mir gerne persönlich gratulieren, sagte er und dass er sehr berührt sei von der Geschichte – er habe genau das Gleiche erlebt. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es sei seine eigene Geschichte. Aufgeregt stand er vor mir und konnte das Ausmaß an Überschneidung kaum glauben. Auch ich war überrascht, immerhin gab es in dem Text einen Banküberfall mit mehreren Toten. Was mich dann wirklich verblüffte, war, dass es mir beim besten Willen nicht gelingen mochte, überhaupt irgendeine Ähnlichkeit zwischen der von ihm daraufhin recht ausführlich vorgetragenen Lebensgeschichte und meinem Text auszumachen.

Als ich es erlebte, kam mir diese Episode wie eine kleine skurrile Begebenheit vor, heute beschreibt sie für mich sehr zutreffend den Reiz und die ganz besonderen Möglichkeiten, die literarische Texte besitzen: Sie erlauben es uns, Erfahrungen zu teilen. Erfahrungen, die anders waren und zugleich sehr ähnlich – denn darum geht es ja immer in der Literatur: dass sich im Besonderen das Allgemeine spiegelt. Deswegen sind Texte uns „auf unerklärliche Weise oft näher als selbst vertraute Personen“ schreibt Wilhelm Genazino und glaubt, dass aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens die Vorstellung entsteht, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen.“

Erst vor kurzem bat mich eine befreundete Autorin um die kritische Lektüre eines Textes. Mein Eindruck fiel sehr positiv aus, aber irgendetwas beschädigte die Glaubwürdigkeit einer der Figuren. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es die beiden der Realität entnommen „Splitter“ des Textes waren. Kaum jemand, der schreibt und diese Erfahrung nicht bereits gemacht hat. Glaubwürdigkeit oder „Authentizität“ sind immer auch etwas „Gemachtes“ oder „Hergestelltes“, sie entstehen nicht automatisch, nur weil jemand „über sich selbst schreibt“.

Es gehört zur Magie des Lesens, dass die Fiktion uns zur Realität wird und uns umgekehrt das Realistische, das Wahre, als erfunden, als unglaubwürdig vorkommen kann und es gehört daher zum Kern schriftstellerischer Praxis bei Leser.innen genau diesen Eindruck hervorzurufen: dass es sich genau so zugetragen hat, wie es da geschrieben steht. Seit Jahrhunderten spielen Autor.innen mit ihren Leser.innen Katz und Maus, ersinnen immer neue Listen, oder Möglichkeiten (postmoderner) Verwirrung.

Robert Musil unterscheidet im Mann ohne Eigenschaften den Wirklichkeits- vom Möglichkeitssinn. Wer letzteren besitze, denke „wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, (…): Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“ Und Joan Didion notiert einige Jahrzehnte später ganz ähnlich: “… denn ich habe nicht nur immer schon Schwierigkeiten damit, zwischen dem, was passiert ist, und dem, was einfach hätte passiert sein können, zu unterscheiden, sondern ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass diese Unterscheidung, jedenfalls für meine Zwecke, eine Rolle spielt”.
Vielleicht kann an eine klare Markierung autobiographischen Geländes nur glauben, wer über keinen ausgeprägten Möglichkeitssinn verfügt?

Aber auch eine andere Automatismus-Annahme läuft ins Leere: Der Vorwurf, wer über sich selbst schreibt, könne, ja müsse sich zu ernst nehmen, stelle auf übertriebene Weise das eigene Ich in den Mittelpunkt der Welt, überzeugt nur auf den ersten Blick.
Tatsächlich gibt es autobiographische Texte, die weit über sich hinausweisen, wie beispielsweise Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion, Die zitternde Frau von Siri Hustvedt oder Wie wir begehren von Carolin Emcke. Das Besondere des selbst Erlebten, das Spezielle verweist auch hier jeweils auf etwas Allgemeines. Immer geht es um ein Thema, das eine nicht loslässt, um das Gefühl, dass etwas, das man selbst erlebt hat, eine Seite aufweist, die bislang übersehen oder nicht hinreichend verstanden wurde. Auch hier geht es um das Teilen, das Austauschen von zentralen Erfahrungen des Lebens: Was bedeutet es, über den Verlust eines geliebten Menschen fast verrückt zu werden (Didion)? Was können wir heute wissen über das Ineinander von Körper und Psyche (Hustvedt)? Wie kann sich ein Begehren entwickeln, für das es zunächst keine passenden Worte zu geben scheint (Emcke)?
Obwohl sie von Intimem berichten, bleiben diese Texte diskret. Umgekehrt gibt es fiktionale Texte, in denen die eigenen Erfahrungen so schlicht, so unreflektiert Niederschlag gefunden haben, dass tatsächlich der Eindruck entstehen kann: Hier kreist jemand allein um sich selbst ohne je die Leser.innen-Perspektive einzunehmen.

Es kommt mir so vor, als wäre die ganz große Begeisterung für einen bestimmten Typus autobiographischen Schreibens (Knausgård) nur zu haben, wenn wir in einer Weise an „die Wahrheit“ des Erzählten glauben, die sich schwer vereinbaren lässt mit dem, was wir „eigentlich“ wissen: über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen, darüber, dass wir unsere Lebens-Geschichten immer wieder umschreiben und schließlich über die Unterschiede zwischen dem Erleben und der Schilderung des Erlebten.
Zu glauben, dass man ertrinkt, ist etwas ganz anderes, als mit dem Medium der Sprache wiederzugeben, wie es ist zu glauben, dass man ertrinkt: „Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt, ist nicht wahr“, sagt Herta Müller in ihrer Poetikvorlesung In jeder Sprache sitzen andere Augen, und in einer weiteren Vorlesung heißt es: „Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort“.

Ähnlich. Eindeutig. Identisch. Etwas ist ähnlich und doch anders. Es sind folgenschwere Verwechslungen, in die das Reden über das Autobiographische so schnell gerät.
Wenn wir über uns selbst schreiben, kann das unterschiedlichste Formen annehmen. Es kann einer bewussten Absicht, einer inneren Notwendigkeit folgen oder es können sich unbemerkt Fäden hinter dem Rücken unseres Bewusstseins in unsere Texte einweben. Manchmal irren wir uns über die Motive unseres Schreibens, manchmal erzählen die Leerstellen unserer Texte mehr über uns als die Zeichen, die sie enthalten. Ob ein Text autobiographisch ist, scheint mir also eine reichlich komplizierte Frage …

Ich freue mich über Kommentare und Fragen!