„Ist das autobiographisch?“ Über eine erstaunlich schwer zu beantwortende Frage

Autobiographische Texte erobern die Bestsellerlisten und werden engagiert diskutiert: Nach Karl Ove Knausgård, dem ein weltweites Publikum „auf süchtige Weise verfallen scheint“ (Ursula März), fanden im Frühjahr Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz und aktuell Thomas Melles Die Welt im Rücken derart große Resonanz, dass Richard Kämmerlings bereits fragt, ob die Zukunft der Literatur in der radikalen Autobiographie liegt. (In welche Richtung will die Gegenwartsliteratur?)
Aber ist Thomas Melles Text überhaupt ein Roman? Oder zwar kein Roman, aber Literatur? Und wenn ja, warum? Reichlich Fragen rund um das Autobiographische, aber immerhin in einem Punkt scheint Einigkeit zu bestehen: wann wir es überhaupt mit autobiographischer Literatur zu tun haben.
Ich glaube hingegen, dass bereits an diesem Punkt die Schwierigkeiten beginnen und möchte sie aus der Perspektive der Schriftstellerin, die ich bin, beleuchten.

„Haben Sie das selbst erlebt?“ ist nicht nur eine der häufigsten Fragen nach einer Lesung, sie zielt vor allem genau auf die fragliche Grenzziehung: Hier das selbst erlebte Autobiographische, dort das Erfundene. Aber was bedeutet „das“? Genau dieses Ereignis? Oder ein anderes, das aber zugleich „irgendwie“ ähnlich ist?

Wir könnten uns eine Schriftstellerin vorstellen, die auf ihrem abendlichen Spaziergang für einen Augenblick ein Gefühl großer Verlorenheit empfindet. An den Schreibtisch zurückgekehrt, erwägt sie keinen Moment, dieses Gefühl einer Frau auf ihrem abendlichen Spaziergang zuzuschreiben, sondern sie sucht nach Bildern, nach Figuren, mit denen sie davon erzählen kann. So erzählen kann, dass Leser.innen sich eine Vorstellung machen können.
Vielleicht erfindet sie ein Mädchen, das sich verlaufen hat, oder einen alten Mann, der weiß, dass er das Grab seiner Frau ein letztes Mal besucht. Vielleicht findet die Szene Eingang in den Roman, den sie gerade schreibt und ihr wird die Frage gestellt, ob sie „das“ erlebt hat? Hat sie? Was ist „autobiographischer“: Die minutiöse, detaillierte Schilderung ihres Spaziergangs einschließlich des Hinweises auf einen „kurzen verstörenden Moment der Verlorenheit“ oder ein Text, in dem niemand auftaucht, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit ihr aufweist, der aber von ihrem Gefühl so erzählt, dass er in unterschiedlichen Leser.innen eben dieses Gefühl der Verlorenheit evoziert?

„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“ stellt Eugen Ruge seinen Roman Cabo de Gata voran und Jonathan Franzen bezeichnet in seinem Essay Über autobiographische Literatur zunächst allein solche Texte als autobiographisch, bei denen „die beschriebenen Geschehnisse denen des Autors im wirklichen Leben gleichen“, um unmittelbar danach darauf hinzuweisen, dass seine eigenen Texte, die in diesem eben genannten Sinn keinesfalls autobiographisch seien, gleichzeitig „extrem autobiographisch“ wären – und steigert diesen Widerspruch zum programmatischen, „wichtigen Paradox: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Leben.“

Vor vielen Jahren kam ein älterer Herr nach einer Preisverleihung, bei der ich den prämierten Text vorgetragen hatte, auf mich zu. Er wolle mir gerne persönlich gratulieren, sagte er und dass er sehr berührt sei von der Geschichte – er habe genau das Gleiche erlebt. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es sei seine eigene Geschichte. Aufgeregt stand er vor mir und konnte das Ausmaß an Überschneidung kaum glauben. Auch ich war überrascht, immerhin gab es in dem Text einen Banküberfall mit mehreren Toten. Was mich dann wirklich verblüffte, war, dass es mir beim besten Willen nicht gelingen mochte, überhaupt irgendeine Ähnlichkeit zwischen der von ihm daraufhin recht ausführlich vorgetragenen Lebensgeschichte und meinem Text auszumachen.

Als ich es erlebte, kam mir diese Episode wie eine kleine skurrile Begebenheit vor, heute beschreibt sie für mich sehr zutreffend den Reiz und die ganz besonderen Möglichkeiten, die literarische Texte besitzen: Sie erlauben es uns, Erfahrungen zu teilen. Erfahrungen, die anders waren und zugleich sehr ähnlich – denn darum geht es ja immer in der Literatur: dass sich im Besonderen das Allgemeine spiegelt. Deswegen sind Texte uns „auf unerklärliche Weise oft näher als selbst vertraute Personen“ schreibt Wilhelm Genazino und glaubt, dass aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens die Vorstellung entsteht, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen.“

Erst vor kurzem bat mich eine befreundete Autorin um die kritische Lektüre eines Textes. Mein Eindruck fiel sehr positiv aus, aber irgendetwas beschädigte die Glaubwürdigkeit einer der Figuren. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es die beiden der Realität entnommen „Splitter“ des Textes waren. Kaum jemand, der schreibt und diese Erfahrung nicht bereits gemacht hat. Glaubwürdigkeit oder „Authentizität“ sind immer auch etwas „Gemachtes“ oder „Hergestelltes“, sie entstehen nicht automatisch, nur weil jemand „über sich selbst schreibt“.

Es gehört zur Magie des Lesens, dass die Fiktion uns zur Realität wird und uns umgekehrt das Realistische, das Wahre, als erfunden, als unglaubwürdig vorkommen kann und es gehört daher zum Kern schriftstellerischer Praxis bei Leser.innen genau diesen Eindruck hervorzurufen: dass es sich genau so zugetragen hat, wie es da geschrieben steht. Seit Jahrhunderten spielen Autor.innen mit ihren Leser.innen Katz und Maus, ersinnen immer neue Listen, oder Möglichkeiten (postmoderner) Verwirrung.

Robert Musil unterscheidet im Mann ohne Eigenschaften den Wirklichkeits- vom Möglichkeitssinn. Wer letzteren besitze, denke „wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, (…): Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“ Und Joan Didion notiert einige Jahrzehnte später ganz ähnlich: “… denn ich habe nicht nur immer schon Schwierigkeiten damit, zwischen dem, was passiert ist, und dem, was einfach hätte passiert sein können, zu unterscheiden, sondern ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass diese Unterscheidung, jedenfalls für meine Zwecke, eine Rolle spielt”.
Vielleicht kann an eine klare Markierung autobiographischen Geländes nur glauben, wer über keinen ausgeprägten Möglichkeitssinn verfügt?

Aber auch eine andere Automatismus-Annahme läuft ins Leere: Der Vorwurf, wer über sich selbst schreibt, könne, ja müsse sich zu ernst nehmen, stelle auf übertriebene Weise das eigene Ich in den Mittelpunkt der Welt, überzeugt nur auf den ersten Blick.
Tatsächlich gibt es autobiographische Texte, die weit über sich hinausweisen, wie beispielsweise Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion, Die zitternde Frau von Siri Hustvedt oder Wie wir begehren von Carolin Emcke. Das Besondere des selbst Erlebten, das Spezielle verweist auch hier jeweils auf etwas Allgemeines. Immer geht es um ein Thema, das eine nicht loslässt, um das Gefühl, dass etwas, das man selbst erlebt hat, eine Seite aufweist, die bislang übersehen oder nicht hinreichend verstanden wurde. Auch hier geht es um das Teilen, das Austauschen von zentralen Erfahrungen des Lebens: Was bedeutet es, über den Verlust eines geliebten Menschen fast verrückt zu werden (Didion)? Was können wir heute wissen über das Ineinander von Körper und Psyche (Hustvedt)? Wie kann sich ein Begehren entwickeln, für das es zunächst keine passenden Worte zu geben scheint (Emcke)?
Obwohl sie von Intimem berichten, bleiben diese Texte diskret. Umgekehrt gibt es fiktionale Texte, in denen die eigenen Erfahrungen so schlicht, so unreflektiert Niederschlag gefunden haben, dass tatsächlich der Eindruck entstehen kann: Hier kreist jemand allein um sich selbst ohne je die Leser.innen-Perspektive einzunehmen.

Es kommt mir so vor, als wäre die ganz große Begeisterung für einen bestimmten Typus autobiographischen Schreibens (Knausgård) nur zu haben, wenn wir in einer Weise an „die Wahrheit“ des Erzählten glauben, die sich schwer vereinbaren lässt mit dem, was wir „eigentlich“ wissen: über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen, darüber, dass wir unsere Lebens-Geschichten immer wieder umschreiben und schließlich über die Unterschiede zwischen dem Erleben und der Schilderung des Erlebten.
Zu glauben, dass man ertrinkt, ist etwas ganz anderes, als mit dem Medium der Sprache wiederzugeben, wie es ist zu glauben, dass man ertrinkt: „Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt, ist nicht wahr“, sagt Herta Müller in ihrer Poetikvorlesung In jeder Sprache sitzen andere Augen, und in einer weiteren Vorlesung heißt es: „Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort“.

Ähnlich. Eindeutig. Identisch. Etwas ist ähnlich und doch anders. Es sind folgenschwere Verwechslungen, in die das Reden über das Autobiographische so schnell gerät.
Wenn wir über uns selbst schreiben, kann das unterschiedlichste Formen annehmen. Es kann einer bewussten Absicht, einer inneren Notwendigkeit folgen oder es können sich unbemerkt Fäden hinter dem Rücken unseres Bewusstseins in unsere Texte einweben. Manchmal irren wir uns über die Motive unseres Schreibens, manchmal erzählen die Leerstellen unserer Texte mehr über uns als die Zeichen, die sie enthalten. Ob ein Text autobiographisch ist, scheint mir also eine reichlich komplizierte Frage …

Ich freue mich über Kommentare und Fragen!

77 Comments

  1. Guten Morgen liebe Jutta ein sehr spannendes Thema, das ich schon lange für mich reflektiere. Mein (sehr subjektives) Resümee: nichts, was geschrieben wird, ist nicht auch ein Stück weit autobiographisch. Keine Autobiographie ist nicht auch ein Stück weit Fiktion. Vielen Dank für deinen klugen Text, der meine Denkmaschine gleich am Montagmorgen angeworfen hat😀ich wünsche Dir eine entspannte Woche! Liebe Grüße Carmen

    Gefällt 3 Personen

  2. Ein sehr anregender Text. Das Thema ist präsent und spannend – vielleicht auch, weil Fiktion und Realität in unserem täglichen Leben immer mehr an klaren Grenzen verlieren und weil wir es auch eher zulassen können, denn die Grenzerfahrungen sind es, zu denen uns die Worte fehlen. Wunderbares Zitat von Herta Müller, das du anführst: Wir denken nicht immer in Worten. Wie wahr! Und das, was wir denken, dann in Worte zu fassen, ist persönlich (autobiografisch) gefärbt, was sonst? Danke und lg, Peggi

    Gefällt 2 Personen

  3. Auch von mir meinen Dank, da ich mir nie so dezidiert und differenziert übers Thema Gedanken machte. Mir schien völlig klar, was auch gingerpoetry meinte: Alles Schreiben ist autobiografisch. Aber durch Deinen Text hab ich jetzt doch auch andere Perspektiven gefunden. Meinen Dank.

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Jutta, gerade heute Morgen las ich in dem Buch von Conny Palmen: „Erbschaft“ eine Passage über das autobiographische Schreiben, sie bzw. die Protagonistin, selbst Schriftstellerin, sagt, dass jegliche Geschichte Autobiographisches in sich trägt-
    Ja und doch sehe ich auch den Unterschied, wenn ich jetzt zum Beispiel an Knausgard denke, zwar lässt er auch offen was wirklich so erlebt wurde und was er dazu erfand, aber letztlich bleibt es bei einer Art Nabelschau, die mich anfangs faszinierte, später ermüdete … ganz anders war/ist es bei Ulla Hahns Trilogie, in der es klar ist, dass sie persönlich Erlebtes mit in den Plot verflochten hat, aber es nicht der Schwerpunkt ihres Schreibens ist … diese Trilogie ist mein Highlight des Jahres, neben wenigen anderem, ist mir sehr viel näher als Knausgards ewige Wiederholungen … aber nun …
    so, und nun lese ich noch die anderen Kommentare.
    Danke für deins, ich wünsche dir von Herzen eine gute Woche
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Ulli, vielen Dank für diesen Einblick und Vergleich autobiographischer Lektüren! Für mich ist eine wichtige Frage: Schreibt der oder diejenige mit dem Bewusstsein, dass die eigene Geschichte zwar für uns selbst, aber eben nicht zwangsläufig auch für andere etwas Besonderes ist? Und: Würde sie beschädigt, wenn sich herausstellte, dass sie nicht nur in Details von der Realität abweicht?
      Auch dir sehr herzlich eine gute Woche!

      Gefällt 2 Personen

  5. Ich würde gerne etwas dazu sagen, kann es aber nicht, denn es ist für mich etwas sehr diffuses, nicht wirklich ausdrückbar. Du kennst Texte von mir, Jutta. Nicht irgendwas in zehn Minuten für den Generator, sondern das Zeug was bei mir oft hinter Passwort steht. Natürlich ist das als Fiktion nichts was ich selbst erlebt habe in diesen Texten. Aber eben doch. Denn ich muss die Handlung nicht gehabt haben um die innere Empfindung dieser Charaktere, die sonst auch für mich nicht funktionieren, zu haben, durch etwas, das ganz ähnliche Mechanismen in einem auslöst. Erst wenn ich diesen Auslöser habe komme ich den Charakteren in den Kopf und das muss ich. Macht jetzt im Lesen, oder? Aber vielleicht weißr du dennoch ungefähr was ich zu sagen versuche.

    Gefällt mir

    1. Ich bilde mir ein: ja, ich verstehe, was du meinst und ich bilde mir weiter ein, dass es auch Franzen in seinem Paradox genau darum geht: Manchmal enthalten „erfundene“ Geschichten so viel mehr von uns als solche, die auf der „Handlungsebene“ unserer ähnlich sind. Und umgekehrt gilt es ja auch und kann für ebensolche Verwirrung sorgen: Wir nutzen, was um uns herum geschieht als Material, ohne dass es irgendetwas Substantielles mit uns zu tun hat – und wundern uns, wenn das als hochgradig autobiographisch zu tun hat … Oder ist es noch etwas anderes, dem du auf der Spur bist?

      Gefällt 1 Person

      1. Jein. Ich kenne es so, aber auch anders, praktisches Beispiel:

        In meiner derzeit laufenden Sache ist die Protagonistin etwa mein Jahrgang. Sie hat ein Handicap, aber ein ganz anderes, aber wenn sie als 6-jährige auf dem Spielplatz Angst hat, hat sie das aus denselben Gründen wie ich (keiner spielt mit einem, die Kinder denken man ist ansteckend), ich sage so was nur nicht wörtlich. Weil sie aber in einem ganz anderen Kontext lebt als ich und in einer Situation ist in der ich nie war, hat das im Gesamten nichts mit mir und meiner Biografie zu tun. Es ist lediglich ein Element, dass ich übertragen habe. Und so was habe ich mit anderen Sachen ja auch in anderen Stücken gemacht.

        Gefällt mir

        1. Ich finde dieses Beispiel sehr spannend. Auch weil es zeigt, wie unterschiedliche Bedeutung manche Wörter für uns haben (oder unterscheiden sich darüberhinaus auch die Vorstellungen, die wir uns machen von uns, von anderen? Ich bin mir da gerade unsicher …) Für mich wäre eine große Übereinstimmung in einem Gefühl, so wie hier bei dir mit der Angst, etwas, wovon ich nicht sagen würde: Es hat im Gesamten nicht mit mir und meiner Biografie zu tun. Aber gleichzeitig weiß ich, was du meinst – glaube ich …

          Gefällt mir

          1. Ich weiß nicht ob ich dir das in Kurzfassung erklären kann, ich habe da jetzt lange drüber nachgedacht wie ich das mache: Wenn ich dir sage, dass die Angst in dem Beispiel dadurch, dass sie eine Erfahrung ist die so viele Betroffene gemacht haben für mich etwas ist, dass ich als eine Art Kollektiverfahrung verstehe, ist das nachvollziehbar für dich? Es ist etwas, das so oft vorkommt, dass es „jeder“ (bewusst in Anführungstrichen) kennt, und weil das so ist, kann ich es von meiner persönlichen Erfahrung trennen. Auf einen nicht-betroffenen Leser wirkt das natürlich als eine spezielle Erfahrung, aber ich kann darauf keine Rücksicht nehmen sonst müsste ich Arbeitsblätter verfassen.

            Gefällt mir

          2. Ich habe tatsächlich ein bisschen gebraucht … Zunächst habe ich gedacht, dass es ja in dem Moment des Erlebens „eigentlich“ egal ist, wer in vergleichbaren Situationen Ähnliches empfindet. Dass mein Empfinden ja nicht weniger „meins“ wird, wenn viele andere es teilen. Aber dann ist mir klargeworden, dass ich das auch kenne. Und ich finde deinen Begriff „Kollektiverfahrung“ übrigens sehr hilfreich für das Verständnis. Es scheinen mir bestimmte Situationen zu sein, in denen das Individuelle im Kollektiven aufzugehen scheint … Ich glaube es reicht nicht, dass viele einzelne andere das Gefühl kennen (z.B. Verliebtheit). Vielen Dank für diesen Hinweis – das ist etwas, über das ich noch nie nachgedacht habe!

            Gefällt mir

          3. Nichts zu danken. Ich glaube, es ist leicht nicht darüber nachzudenken. Beispiel: Eine Gastarbeitertochter in meinem Alter erzählte mir, dass es früher Schulspeisung an ihrer Schule gab, sie aber nicht teilnehmen konnte. Da habe ich mir auch gedacht, das muss hart gewesen sein in die Mensa zu müssen, aber nicht mitessen zu können. Sie: Das sei nur für mich als Nicht-Muslima schwer vorstellbar, muslimische Schüler mach(t)en die Erfahrung jeden Tag, wenn es in der Speisung nur Gerichte mit Schweinefleisch gibt. Auch so eine kollektive Erfahrung, die sich (von einer muslimischen Person) verwenden ließe wie von mir die Angst. Nix besonderes, geht allen so.

            Gefällt mir

          4. … noch immer finde ich es schwierig, die richtigen Worte dafür zu finden. Mir ist vollkommen klar, dass so ein sich wiederholendes Verhalten, so eine „Normalität“ aufhört, der „Aufreger“ zu sein, der es für jemanden wäre, der erstmalig oder nur gelegentlich damit zu tun hätte. Aber in meiner Vorstellung bleibt da (wie tief abgesunken auch immer) ein Rest an Wut oder Empörung oder Verletzung – weil es ja eben nicht „allen“ so geht, weils es ja eben doch auch etwas besonderes ist. Aber vielleicht geht da auch meine Freude an der Küchenpsychologie mit mir durch – in diesem Fall hoffe ich auf deine Nachsicht …

            Gefällt mir

          5. Ich brauche keine Nachsicht zu haben, denn es gibt alle diese Emotionen, die du benennst bei mehr oder weniger betroffenen Menschen sicher. Kenne ich auch einige. Aber sei du bitte nachsichtig mit mir, dass ich dir jetzt keine Facharbeit zu den Identitäts- und Lebenskripten der Leute in die Kommentare tippen kann, warum das so ist. Ich könnte dir auf Anhieb auch keine Fachliteratur verlinken oder benennen, ist ja kein pädagogisches Seminar hier. Hat wie so vieles komplexe mal wieder mit Familienstrukturen und Co. zu tun.

            Gefällt mir

    1. Liebe Claudia, ja, das ist (leider) so – und tatsächlich war er auch schon mal noch viel länger 😉 Aber dann habe ich mir gedacht, dass ich ja ein paar Details auch noch hier im anschließenden Austausch unterbringen kann. Und eine ganze Reihe von Fragen, die sich für mich auch noch mit diesem Thema verbinden, versuche ich in einem Text unterzubringen, der mal ein Buch werden könnte …
      Aber vor allem wollte ich dir schon mal kurz schreiben, dass ich mich schon sehr auf deine Fragen und Anmerkungen freue – du weißt ja, wie sehr ich sie schätze! Bis bald also!

      Gefällt 2 Personen

      1. Liebe Jutta,
        einen Tag mal nicht hingeschaut und schon stehe ich vor einen großen Diskussion, die dein Text ausgelöst hat. Du hast damit wohl ein ganz wichtiges Thema getroffen!
        Ich bin am Montag so freudig erstaunt über deinen Text gewesen, weil er ja genau das Thema beleuchtet, das mich auch durch die Melle-Lektüre (und Bakkers „Jasper und sein Knecht“), die Zeitungsartikel dazu sowie Lars` Kommentar auf meinem Blog auch gerade sehr beschäftigt. Und schon einmal in Studienzeiten sehr beschäftigt hat, als es um Max Frisch (Stichwort: Tagebücher) ging.
        Ich finde deine Überlegungen aus der Position der Schriftstellerin, wie das Authentische und das Fiktionalisierte sich immer wieder umkreisen und ineinander ragen, sehr überzeugend (und finde ja schon, dass ein Lebenslauf, den wir zu einer Bewerbung schreiben, ein fiktionalsiertes Werk ist :-)). Ich mag diesen Sätze ganz besonders: „Das Besondere des selbst Erlebten, das Spezielle verweist auch hier jeweils auf das Allgemeine“. Und dann ist ein Text ja auch Literatur, geht über den bloßen Bericht eines Erlebens, der daher trivial wirkt, weit hinaus. Dieser Satz passt für mich sehr gut auf Melles und Bakkers Texte: sie erzählen vom Einzelschicksal aus, aber indem sie auswählen und sprachlich gestalten, indem sie auch reflektieren und einordnen und indem sie Hintergründe beleuchten werden die Geschichten verallgemeinerbar.
        Und noch eins: Manches lässt sich auch vielleicht gar nicht bzw. nicht so überzeugend als Roman erzählen. Es wird ja oft in der Holocaust-Literatur davon gesprochen, dass die unfassbaren Erlebnisse, allein aus ethischen Gründen, gar nicht als Roman erzählt werden können. Und Bakker erzählt eine Geschichte aus seiner Familie (in zwei Generationen hintereinander ertrinkt ein Kind), von der er meint, dass sie in einem Roman gar nicht erzählt werden könnte, weil sie zu unwahrscheinlich erscheine. Dass also nur der „authentische“ Text diese Unwahrscheinlichkeit glaubhaft machen könne. Das ist vielleicht auch bei der Aufdeckung dieser verheerenden Krankheitsgeschichten immer so.
        Trotzdem bleiben Fragen: Ist nicht doch eine Geschichte, die das Ettikett „Roman“ trägt, die mit erfundener Geschichte und erfundenen Figuren arbeitet – auch wenn da immer wieder Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle des Autors einfließen – anders zu bewerten als eine Geschichte, die ganz klar die Biografie eines Autors widerspiegelt, als ein Text, der eben schon als Tagebuch kenntlich gemacht ist? Ist nicht auf jeden Fall die Wirkung auf den Leser eine andere, ist durch dieses Ettikett seine Erwartung an den Text ncht eine andere? Ist dem Leser immer so deutlich, welche „Arbeit am Leben“ durch das Schreiben, durch das In-Worte-Fassen hier vorgenommen werden musste? Liest er nicht doch anders und nimmt das Gelesene 1:1 für die „wahre Geschichte“? Hier wäre also nach der Wirkung auf den anderen Part der Kommunikation zu blicken, auf den Leser und seine Erwartungen an den Text.
        Und dann gibt es ja auch noch die Marketingstrategien, über die im Essay auf tell-review gesprochen wurde, das Ineinanderfließen von Autor, Text und sein Bild in der Öffentlichkeit. Das empfinde ich aber mehr als ein grundsätzliche Phänomen, das abgelöst von den einzelnen Büchern betrachtet werden kann.
        Die Frage nach dem Autobiografischen, nach dem Authetischen ist also eine spannende Frage. Klarheit haben deine Überlegungen dazu auf jeden Fall gebracht. Aber alle Fragen sind m.E. noch nicht beantwortet. Es bleibt also spannnd.
        Viele liebe Grüße, Claudia

        Gefällt mir

        1. Liebe Claudia, vielen herzlichen Dank für diesen Kommentar, für deine Überlegungen und die Fragen, die du darin stellst! Ich gewinne dadurch in kleinen Schritten mehr Klarheit – denn für mich bleibt tatsächlich noch immer einiges unklar/unbeantwortet. Und ich werde jetzt auf Anhieb auch gar nicht auf sämtliche der von dir angesprochenen Punkte eingehen können (obwohl ich sie alle sehr wichtig finde).
          Ein Punkt, der mir im Zusammenhang mit einigen der Fragen, die du stellst, wichtig vorkommt, ist die nach der Relevanz des jeweiligen „Etiketts“. Es gibt viele autobiographische Romane, die sehr nah entlang des eigenen Lebens erzählt sind und die als Text „funktionieren“ – ganz unabhängig von der Frage, wie groß der Grad der Überschneidung ist und ob die Leser.innen überhaupt davon wissen. Und es gibt andere Texte, die eine „Beglaubigung“ durch die Realität zu benötigen scheinen – weil sie, ganz wie du ja schreibst, sonst unglaubwürdig würden und weil es für ihr „Funktionieren“ notwendig ist, dass es sich genau/halbwegs so, wie geschildert zugetragen hat.
          Eindruckvolles Beispiel ist sicherlich der Skandal um den Text „Bruchstücke“, der als authentisches Zeugnis eines KZ-Überlebenden viel Anerkennung und Zustimmung fand – und sämtliche vormals vorhandenen Qualitäten einbüßte, als sich herausstellte, das der Autor nie in einem KZ gewesen war.
          Was gewinnt ein Text, was verliert er – je nachdem, wie wir ihn einordnen? Interessanterweise gibt es ja in Melles „Sickster“ die Schilderung einer Paranoia, die ich schon ganz oft als Lektüre empfohlen habe und die ich auch nach der (sehr interessierten) Leküre von „Welt im Rücken“ für stärker und überzeugender halte.
          Maxim Biller, dessen Aussagen zu Melle ich im Literarischen Quartett vollkommen unterkomplex und schlicht blöd fand, hat ja moniert, dass der Text überhaupt keine Dramtaturgie aufweise. Das scheint mir ein zentraler Punkt zu sein. Ist der Text so „gemeint“ – als Roman. Oder eben nicht … Was meinst du denn eigentlich dazu 😉
          Ich werde weiter nachdenken und grüße dich sehr herzlich!

          Gefällt mir

          1. Liebe Jutta,
            mir geht es ja ähnlich wie dir: das Thema ist so differenziert, dass mir auch immer wieder neue Fragen, neue Aspkete durch den Kopf gehen, wenn ich meine, gerade irgendwo ein bisschen mehr Klarheit gewonnen zu haben. Das Thema wäre mal ein schönes, um ein Bloggerwochenende lang gemeinsam darüber nachzudenken :-). Das wäre doch mal ein toller Plan, oder? –
            Das Literarische Qurartett habe ich nicht gesehen. Aber dass „Die Welt im Rücken“ keine Dramaturgie habe, das stimmt ja nicht. Der stetig abwärst weisende Weg in die Krankheit auf der einen Seite, der auf der anderen Seite – knapp – geschilderte Weg hinaus: das ist ja schon fast klassisches fünfgliedriges Theater. Und während ich das so voller Überzeugung schreibe, denke ich: dann kann es doch auch ein Roman sein. Und habe gleich die nächste Frage, denn bisher habe ich Melles Text überhaupt nicht als Roman angesehen.
            Viele Grüße, Claudia

            Gefällt mir

          2. Das finde ich eine tolle Idee – ein Bloggerwochenende lang darüber nachdenken! Ich hatte sowieso überlegt, da noch ein bisschen „dranzubleiben“‚ – angesichts der Vielzahl an Fragen, die wir ja noch nicht einmal vollständig in den Blick genommen haben 😉 Zum Beispiel fällt es mir schwer für einen Zufall zu halten, dass es drei Männer sind, die mit ihren Büchern diesen ganz großen Hype entfachen. Vor einiger Zeit las ich einen Artikel (den ich leider nicht mehr finde …), darüber, dass in feuilletonistischen Texten die Verwendung autobiographischer Details als mutiger Schritt gefeiert wird, wenn die Autoren Männer sind, während bei Autorinnen schnell von peinlicher Selbstentblößung die Rede ist.
            Und was die Frage nach dem Roman und Melle betrifft: Ich teile diese Einordnung auch nicht (sofern man sie überhaupt für sinnvoll hält), aber es scheint mir ein wiederholter Vorwurf gegenüber Melle zu sein – ja auch von Lars, wenn ich es richtig verstanden habe – dass der Text „zu sehr“ Literatur ist …
            Also, zurück zu deiner schönen Idee! Ich bin ja im Unterschied zu dir ganz unerfahren, was solche „Gemeinschaftsaktionen“ betrifft und gerade in einer Phase, wo ich leider wirklich geizig bin mit meinen schmalen Schreibzeiten bin. Ich bin auf jeden Fall dabei, wenn es „nur“ darum ginge, einen Beitrag zu schreiben und natürlich bei anderen zu lesen und zu kommentieren. Meinst du, das könnte schon reichen? Anders gesagt: Lass uns etwas machen, das keinen großen Drumherum-Aufwand erfordert. Was meinst du?

            Gefällt mir

  6. Ich denke schreiben ist immer auch zu einem Teil autobiographisch. Womöglich manchmal nur erahnbar aber ohne das selbst denke ich ist schreiben nicht möglich.
    Bei Dichtung noch viel stärker bzw. Grundsätzlicher. Ich denke weiter darüber nach.

    Gefällt mir

        1. Vielen Dank, das freut mich sehr! Ich denke allerdings auch wirklich schon sehr lange über diese Fragen nach und an welchen Stellen sie auseinandergehalten werden können – und manchmal kommt es mir so vor, als wenn ich über das Autobiographische in meinen Texten schon nachgedacht hätte, als es noch gar keine Texte gab 😉

          Gefällt mir

          1. Beim Malprozess stellt sich diese Frage auch / und ich stelle für mich fest dass es fiktional konzepttechnisch zwar geht / aber oftmals Seele fehlt.
            Und so sehe ich es beim memorierenden Texten ebenso.
            Ich kann mich selbst nicht verlassen.
            Weder im Schreiben noch im Malenden.
            Herzlich L.

            Gefällt 1 Person

  7. Liebe Jutta, dein inspirierender, kluger Text hat zweierlei in mir bewirkt. Zum einen das Vorhaben, Autobiographisches noch mehr fiktional zu verschlüsseln, damit es im Leser realer werden kann; zum anderen, fiktionale Texte autobiographischer zu sehen.
    Auch ich werde deinen großartigen Beitrag ausdrucken, um ihn eingehender zu studieren. Und ich freue mich sehr, wenn das Thema einmal ein Buch werden sollte.
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 3 Personen

    1. Das ist eine ganz wunderbare Rückmeldung! Ich freue mich wirklich sehr darüber und würde diesen Satz gerne noch etwas individueller und damit womöglich überzeugender gestalten und habe nun mehrere Minuten über eine entsprechende Formulierung oder Wendung nachgedacht, habe sogar erwogen zu erwähnen, dass ich mir keine schönere Resonanz vorstellen kann, was ich aber nun lieber doch nicht mache, weil ich fürchte, es könne mir als Übertreibung ausgelegt werden – also, es ist doch immer wieder die gleiche Frage: Was schreibe ich denn nun?! Sehr herzliche Grüße!

      Gefällt 3 Personen

  8. Ein spannendes Thema, zu dem ich noch zwei Fragen beisteuern möchte.
    Wenn Zuhörer oder Leser fragen: Ist das autobiografisch?(als wüsste ich das so genau) frage ich mich, ob es den Text verändert, wenn sie wissen, für welchen Satz ich aus der Erinnerung schöpfe, für welchen aus meinem Fundus an Gelesenem oder Gehörtem und wann ich eine Geschichte erfinde, um mit ihr zu erzählen, was mich beschäftigt. Lässt sich ein Text dann anders lesen, wenn diese Frage beantwortet ist? Wenn sie sich überhaupt so klar beantworten lässt?
    Und die Leser, die ihre eigenen Geschichten in einer anderen lesen? Sie suchen nach Wiedererkennbarem, vielleicht Erklärungen. Ich behaupte (etwas gewagt), auch die sind Autobiografen, auf der Suche nach ein paar Sätzen oder einer Geschichte, die ein wenig auch ihre eigene erzählt, sie ihnen begreifbarer, erzählbarer macht, die Leserinnen, die einem ein Buch in die Hand drücken mit der dringenden Bitte, es auch zu lesen, weil es sie so berührt hat. Oder gehe ich da zu weit mit meiner Lesart des Autobiografischen?

    Gefällt mir

    1. Das sind auch für mich zwei sehr interessante Fragen! Und spannenderweise verändert sich der Text für manche Leser.innen in genau entgegengesetzte Richtungen: Entweder positiv (gut, wenn es autobiographisch ist, „glaube“ ich dem Text )und negativ (ist das Literatur oder nur autobiographisch?). Mein Eindruck ist, dass sich die Anteile in den letzten Jahren verschoben haben: das Autobiographische sich für viele Leser.innen vom Malus zum Bonus verwandelt hat.
      Und an dem „sich in Geschichten wiederfinden“ finde ich besonders interessant (und will mich da als die Leserin, die ich selbst bin auch gar nicht ausnehmen), dass wir in der Regel im Text verorten, was doch erst durch unsere Lektüre entsteht …

      Gefällt 1 Person

  9. Danke für diesen feinen differenzierten Beitrag, liebe Jutta. Auch ich werde ihn sicher noch mehr als einmal lesen. Was ist das nur immer mit dem Autobiografischen? Die Frage zielt ja in aller Regel auf die äußeren Geschehnisse ab. Schön, wie du das am Beispiel des abendlichen Spaziergangs relativierst. Darf ich deine Auswahl an Zitaten noch um eines erweitern, das nicht ganz zu passen scheint, aber m.E. auch wieder doch: „Das Schöne an Fiktion ist, dass man eine Lüge erzählen kann, um die Wahrheit zu sagen.“
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 4 Personen

    1. Liebe Maren, ich freue mich über deine Zeilen sehr (mein Vorschlag zum gemeinsamen Alsterpaddeln im kommenden Sommer hat dich vermutlich nicht erreicht? ;-)! Zumal das mal wieder ein sehr, sehr schöner Zufall ist: Ich lese gerade Markus Zusaks „Der Joker“, weil die Klasse, die ich beim Schreiben eines „Schulhausromans“ unterstütze, dieses Buch gelesen hat – was natürlich toll ist … Und das Zitat bringt zudem einen für mich sehr wichtigen Aspekt hinzu: Bei welchen Texten würden wir es angemessen finden, von Lüge und Wahrheit zu reden? Bei „normalen“ Romanen sicherlich nicht und ich denke auch nicht bei „autobiographischen“ Romanen. Sobald „Roman“ draufsteht, gibt es keine Lügen mehr. Oder? Es braucht also einen Autor, eine Autorin, die zumindest auch „außerhalb“ des Textes sagt: (Genau) so ist es gewesen. Sehr herzliche Grüße!

      Gefällt mir

      1. Manche besonders klugen Sätze haben das Zeug, einen leicht irre zu machen. 😉 Zusaks Gedanke zu „Lüge“ und „Wahrheit“ begleitet mich übrigens auch beim biografischen Schreiben, in dem die „wirklichen“ Geschehnisse ja anerkanntermaßen einen hohen Stellenwert haben. Er weitet auch hier den Blick für eine tiefere „Wahrheit“, für die Geschichte eines Menschen, die erzählt sein will.
        Herzliche Grüße!
        P.S. Dein Paddelvorschlag hat mich erreicht, ich habe sogar geantwortet – schau mal in deine Kommentare… 😉

        Gefällt 1 Person

        1. Ich hatte gerade am Wochenende wieder einen Kurs „Meine Geschichte schreibe ich selbst“ und ich mag daran sehr den Doppelsinn von „meine“ Geschichten: die, die ich erlebt habe und diejenigen, die ich erfunden/geschrieben habe. Und zumindest bei mir enthalten die erfundenen oft mehr von „mir“ oder ergeben auf eine Weise, die mir erst mit der Zeit verständlich geworden ist „meine Geschichte“. Aber das ist ein weites Feld 😉

          Gefällt mir

  10. auf irgendeiner Ebene ist alles Biografisch, man schreibt immer aus dem eigenem Kontext und seinen eigenen Verbindungen heraus, anders geht es ja gar nicht – is wahrscheinlich eher die Frage was man wie definiert… so denk ich da drüber 😉 eins habe ich festgestellt es gibt Texte da ist der/die SchreiberIn zu nah dran, das funktioniert meistens nicht so gut und bedarf dann etwas vergangener Zeit oder einen wirklich guten Lektor bzw Lektorin

    Gefällt 2 Personen

      1. Ja, aber das ist ja auch nicht schlimm, man muß ja nicht immer etwas bestimmtes (er)schaffen, schreiben ist ja auch eine wunderbare Methode für die Seele, und man kann den text ja dann auch erst malliegen lassen und später weiterschauen. Es sind ja alle Freiheiten gegeben.

        Gefällt 1 Person

  11. Liebe Jutta,

    ich finde die Frage total spannend, auch wenn ich nicht selbst schreibe. Aber in dem neuen Roman von Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“ geht es auch ganz viel um Autobiografisches kontrastiert mit dem „Ausgedachten“.

    Ich fand ihre Herangehensweise spannend, denn einer von de Vigans erfolgreichsten Romanen ist auch autobiografisch inspiriert, es geht um den Suizid ihrer Mutter und jetzt verhandelt sie in ihrem neuen Roman genau diese Frage nach dem Echten und nennt ihre Figur auch noch Delphine. Diese Delphine steckt in einer ziemlichen Schreibkrise nach einem Roman über den Tod ihrer Mutter und vor allen Dingen deswegen, weil sie eine Person trifft, die ihr nahezulegen versucht, man könne nur über das Echte schreiben, weil die Leser*innen das so wollen. Und dann gerät auf einmal alles außer Kontrolle. 😉 Ein toller Roman, in dem der Figur nicht nur einmal die Frage gestellt wird, ob sie „das alles“ so erlebt habe… Und wenn dann auch noch Roland Barthes zitiert wird, fange ich an diese riesige Spielerei in ihrem Roman abzufeiern.

    Und ich finde deine Ausführungen zu dem Thema total spannend. Denn auch wenn ich Knausgard gerne gelesen habe, ist das doch auch dieses „vermeintliche“ Echte, was im Moment gut funktioniert. Aber warum verkauft sich denn die „wahre Geschichte“ besser als die Geschichte an sich? 🙂

    Liebe Grüße, eva

    Gefällt mir

    1. Liebe Eva, vielen Dank für diesen Tipp – ich bin wirklich gespannt und sehr neugierig, das hört sich wirklich nach einem Text an, der mir sehr gefallen könnte!
      Warum es überhaupt dieses Interesse am vermeintlich Echten gibt, darüber habe ich mich gerade mit Gerda begonnen auszutauschen. Aber für mich bleibt da bisher ein unverstandener Rest … Herzliche Grüße und nochmals schönen Dank!

      Gefällt mir

  12. Ich habe deinen klugen und das Thema nach vielen Seiten hin erörternden Beitrag sowie auch die Kommentare gelesen. Mein aktuelles Nachdenken zum Autobiographischen kommt grad aus einer ganz anderen Ecke. Autobiographisches hat, wie du schreibst, momentan einen riesigen Zulauf. Warum? Weil die Leser annehmen, dass das dort Dargestellte authentisch sei. Sie sind süchtig nach Authentischem. Schlüsselloch-Gucken, heimliches Beobachten hinter der Gardine, Big Brother Show, Selbstentblößung in den Social networks – all das sind grassierende Sucht-Haltungen nach „authentisch Erlebtem“ anderer, vielleicht, um die eigene Erlebnisschwäche zu überlisten.

    Wenn ein Autor Fiktives als autobiographisch hinstellt, nutzt er diese menschliche Neigung und baut darauf seinen Erfolg. Und ein Haufen Rezensenten setzt sich dann auf seine Fersen, um „Weizen vom Spreu“ und „Wahrheit“ von „Dichtung“ zu trennen. Das ist ein Riesengeschäft.

    Die Verführbarkeit der Menschen durch „Authentisches“ hat aber auch einen gefährlichen Aspekt. Sie gehört zum Arsenal der Propaganda-Macher. Beispiel: Kürzlich schickte mir eine Freundin einen Artikel der ZEIT mit der Aufforderung: „Lies das bitte“. In dem Artikel kämen Menschen zu Wort, die in Aleppo eingeschlossen seien. Sie würden von ihrer täglichen Not, vom Heldentum, vom Überleben berichten. … Anstatt gerührt oder mitfühlend zu reagieren, war ich sauer: Ich glaubte keinen Moment, dass es sich um authentisches Material, um Augenzeugen-Berichte handelte. Für mich waren das in einer Schreibstube zusammengeschriebene Erzählungen, die einen einzigen Zweck erfüllen sollten: auf dem tatsächlichen Leiden der Menschen ein propagandistisches Süppchen zu kochen.

    Wo ist die Klammer zu deinem Text? Das Schlimme an solchen „autobiografischen Texten“ ist, dass sie die Leichtgläubigkeit der Menschen benutzen, um eine Lüge als Wahrheit zu erzählen.

    LG Gerda

    Gefällt mir

    1. Liebe Gerda, vielen Dank für deine Gedanken zum Thema!
      Meine Vermutungen, woher diese ungeheure (Sehn)sucht nach Echtem, nach Authentischem kommt, gehen in eine ähnliche Richtung. Hast du am Sonntag die Laudatio von Seyla Benhabib für Carolin Emcke gehört? Sie zitiert dort Benjamin mit der Beobachtung, dass nach dem 1. Weltkrieg die „Erfahrung im Kurse gefallen sei“. Und fragt dann, was das bedeute?
      „Zunächst einmal heißt es, dass die Kommunikation von Erfahrungen durch den Austausch von Informationen und Phrasen ersetzt wurde.“
      Ich glaube, dass das eine ganz wichtige, zentrale Beobachtung ist: vielleicht gelingt es vielen Menschen kaum einmal sich über zentrale Erfahrungen des Lebens mit anderen auszutauschen? Was meinst du? In jedem Fall aber schon mal herzliche Grüße!

      Gefällt mir

  13. Ein sehr feiner, weiser und beeindruckend ästhetischer Essay zu einem Thema, das mich seit vielen Jahren immer mehr und immer intensiver beschäftigt, die osmotische Grenze zwischen privatem und beruflichem, nicht nur das Schreiben betreffend, aber auch.

    Sehr viel biografische Blogeinträge habe ich schon geschrieben, seit nahezu zehn Jahren, erst im inzwischen untergegangenen Blog.de-Universum, danach dann im WP-Kosmos.

    Sehr oft bin ich dann oft ungläubig gefragt worden: das hast du doch niemals selbst erlebt!?
    Und umgekehrt: hatte ich mal wieder ein Poem komponiert, das mit meiner Biografie fast nichts zu tun hatte, wurde sofort angenommen, ich hätte das Geschriebene natürlich selbst erlebt, und wäre nun zu bedauern…

    Trotzdem möchte ich mit dem Wort „osmotisch“ andeuten, dass die Grenze, über die wir hier reden fließend ist, ja sein muss, und das in beide Richtungen!
    So wie ich das auch in meinem Poem unter „über mich“ vor einigen Jahren schon beschrieben habe.

    Herzliche Herbstgrüße vom Lu alias Finbar

    Gefällt mir

    1. Lieber Lu, vielen Dank für diese freundliche Rückmeldung – ich freue mich sehr darüber und kann dem Bild, der Vorstellung einer „osmotischen“ Durchdringung vollkommen zustimmen! Und auch diese seltsamen Verwechslungen kenne ich wirklich gut – auch von anderen Autor.innen. Von Javier Marías gibt es einen Roman (ich glaube es ist „Alle Seelen“), in dem genau dieses Motiv auftaucht: Menschen, die sich in einem Text wiedererkennen, obwol sie gar nicht „gemeint“ waren und umgekehrt solche, die sich beklagen, dass sie nicht auftauchen, obwohl …
      Sehr herzliche Grüße!

      Gefällt 1 Person

  14. Liebe Jutta,
    dieser Eintrag beschäftigt mich auf unterschiedliche Weisen (danke dafür!) und ich habe ganz viele Fragen. Die eine Frage stellt sich mir gleich zu Beginn, da du auf den Artikel „In welche Richtung will die Gegenwartsliteratur“ verlinkst. Ich stelle nur eine Frage in den Raum: wenn ich, eine vollkommen unbekannte Person, irgendetwas über mich in der Art und Weise, wie es Melle oder Stuckrad-Barre über sich geschrieben haben, schreiben würde: wer würde es lesen? Oder noch einen Schritt davor: wer würde es verlegen? Ohne etwas darüber zu sagen, ob es sich um Literatur oder eben nicht handelt- wird es nicht auch deshalb gekauft, weil diese Menschen bekannt sind? Und was würde das für die „Gegenwartsliteratur“ bedeuten? Würde sie noch eine größere Kluft darstellen- Newcomern noch weniger die Möglichkeit bieten zu erscheinen?
    Und zu der Frage, wann etwas autobiografisch ist:
    ich denke, das ist es immer. Genauso, wie ich meine, dass es immer fiktiv ist und immer wahr. Nicht „entweder oder“, sondern „und.“ In meinen Augen ist „Wahrheit“ etwas Wandelbares und Vielfältiges. Wenn ich heute etwas anders sehe, als ich es früher gesehen habe, dann habe ich doch nicht früher plötzlich gelogen?
    Und sinngemäß steht am Ende des Artikels „In welche Richtung will die Gegenwartsliteratur“ noch, dass die Hoffnung besteht, dass sich Melle und Co nachdem sie ihre Bücher geschrieben haben, jetzt wieder frei für Fiktion gemacht hätten.Das hat mich aufmerken lassen und irritiert. Du schreibst für mich sehr verständlich von dem Beispiel des Gefühls verloren zu sein, auf einem Spaiergang. Zunächst dachte ich: lässt sich dieses Beispiel eines flüchtigen Gefühls mit den „existenziellen“ Gefühlen von Melle und Barre vergleichen? Doch da komme ich zu dem Schluss, dass das Gefühl, also das extreme Gefühl für eine derartige Autobiografie ja zumindest in dem Gefühl des Schreibens ja schon überwunden sein muss. Denn das Schreiben an sich schafft eine Reflexionsmöglichkeit und Distanz zum Geschehen. Und dadurch wird es in dieser Situation des nachträglichen Schreibens fiktiv. Folglich nichts anderes, als es das Schreiben von Fiktion tut. Dort wird ebenso Erlebtes umgewandelt. Auf die Reise geschickt.
    Jetzt frage ich mich aber auch, ob nicht eben gerade Fiktives eine sogenannte Erkenntis im Schreiben für die schreibende Person fördern kann? Also, dass das generell geht, weiß ich. Da stellt sich mir eher die Frage wodurch es geschieht. Und da fällt mir etwas auf: habe ich das Gefühl eine Situation bereits analysiert und relektiert zu haben, bin ich eher bereit etwas autobiografisch dazu zu schreiben, weil ich dann das Gefühl hätte, es einer Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Ist es fiktiv- schreibe ich intuitiver. Und dann BE-schreibe ich vielleicht wirklich zunächst etwas, ohne es überhaupt verstanden zu haben. So schreibe ich automatisch in der Weise „show don’t tell“. Und dadurch entwickele ich mich mit der Geschichte mit. Also stellt die Geschichte eine autobiografische Entwcklung dar, oder?
    Und in meinen Augen stimmt das auch, dass Erlebtes nicht immer in Worten vorhanden ist und es deshalb auch immer fiktiv wird, wenn es in Worte gefasst wird.
    Ich wollte mich kurz fassen, aber das hat nicht geklappt… 😉 Herzliche, nachdenkliche Grüße von Pauline

    Gefällt mir

  15. Liebe Pauline, vielen Dank für deine Überlegungen! Nur zu einer deiner Fragen kann ich auf Anhieb (nun gut ,-) etwas sagen: Ich stimme dir vollkommen zu, die Bekanntheit von Welle und Stuckrad-Barre spielt eine erhebliche Rolle dafür, dass und wie diese Texte überhaupt eine Öffentlichkeit finden – aber das trifft ja (leider) auch auf alle anderen literarischen Texte zu.
    Was ich sehr spannend finde, ist deine Frage, ob das Autobiographische nicht immer schon „verstandener“, reflektierter ist als das Fiktive? Ich finde gerade gute Gründe, diese Frage sowohl zu bejahen als auch zu verneinen … Vielleicht versuche ich, mir „das Fiktive“ überhaupt nochmal vorzuknöpfen in einem Beitrag? Gerade reizt es mich, aber erstmal muss ich mich mit ein paar anderen Fragen rumschlagen, die ganz überwiegend erheblich prosaischer sind ,-) Ich grüße dich sehr herzlich (wir bleiben da einfach noch ein bisschen dran, oder?!)

    Gefällt 1 Person

  16. Hallo Jutta,

    danke für Deinen interessanten Beitrag, der auch bei mir einige Überlegungen angestoßen hat. Ich unterscheide zwischen Schreiben als Selbstklärungsprozess: dessen Ergebnisse bleiben bei mir unter Verschluss. Würde ich die Resultate veröffentlichen, auch wenn ich es in eine für andere interessante und lesbare literarische Form brächte, dann wäre das für mich autobiografisches Schreiben. Aber warum sollte ich das tun? Erstens wäre es sehr fraglich, warum sich dafür jemand interessieren sollte. Und zweitens wäre es für mich so, als würde ich nackt auf die Straße gehen.

    Dass viele Menschen Freude daran haben, als Beobachter/innen am Leben anderer Menschen teilzuhaben, zeigt der Erfolg der sogenannten „True storys“. Davon gibt es in jedem größeren Zeitschriftenhandel mindestens drei oder vier Hefte. Allein der Kelter Verlag vertreibt 15 Zeitschriften mit Titeln wie „Meine Lebenslüge“, „Mein Gewissen“, „Meine Lebensbeichte“. Eine „True story“ verkauft sich umso besser, je kunstvoller es der Autor/in gelingt, den Anschein von Authentizität zu erwecken. Die Aufmachung suggeriert, es handele sich um wahre Geschichten. Sie bedienen gleichermaßen das Sensationsinteresse der Leser/innen und ihr Bedürfnis nach Anteilnahme und Mitgefühl. Das kann nur mit dem Anschein von Echtheit funktionieren. Wenn darüber stünde: „Wahre Geschichte, ausgedacht von XY für ein Honorar von 200 €“, dann würde sich das nicht verkaufen, die Illusion ist Teil des Geschäftes. Natürlich unterscheidet sich der Leserkreis von den Leser/innen, die Stuckrad – Barre oder Knausgård lesen: aber ist es aus diesem Grund keine Literatur? Ist es unehrenhaft, True Storys zu schreiben, weil damit zwar das Interesse der Leser/innen bedient wird, diese aber darüber getäuscht werden, dass es Autor/innen sind, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, und eben nicht „Herr H. oder Frau Z. von nebenan“?

    Jeder literarische Text (und vielleicht könnte man der Einfachheit halber jeden veröffentlichten Text als „Literatur“ bezeichnen, um sich unabhängig von der Einordnung in verschiedene Genres zu machen) eröffnet Raum für Fantasien in den Köpfen der Leserinnen und Leser, das ist ja das Ziel der Veröffentlichung. Viele dieser Fantasien drehen sich offenbar nicht nur um die Geschichte, die erzählt wird, sondern auch um die Person der Autor/in. Das lässt sich nicht verhindern, damit müssen Autor/innen zu leben lernen, aber die Interpretationen und Spekulationen können sie getrost an die Leser/innen zurückverweisen, wenn es sich um fiktive Geschichten handelt.

    Als Leserin fesseln mich interessante Geschichten. Dazu gehören auch Autobiografien, wenn es sich um interessante Menschen oder Zeitzeugen handelt (bei Knausgård habe ich nach 30 Seiten aufgegeben). Wenn ich mich nicht informieren, sondern unterhalten möchte, ist es mir vollkommen egal, ob das „wirklich“ so passiert ist oder ob es ausgedacht ist, da freue ich mich, wenn mich die Geschichte berührt oder zum Nachdenken bringt und gut geschrieben ist. Als Autorin (die übrigens keine „True storys“ schreibt, ich muss mit dem Schreiben nicht meinen Lebensunterhalt verdienen) liebe ich die Freiheit, Figuren zu konstruieren und neue Geschichten zu erfinden, das macht mir selbst viel mehr Spaß als die Beschränkung auf mein eigenes langweiliges kleines Leben. Natürlich fließen meine Gedanken, meine Gefühle, meine Erfahrungen und meine Werte in meine Geschichten ein, nur das ermöglicht mir ja eine sinnvolle Aneinanderreihung der Buchstaben zu verständlichen Sätzen, aber die Fiktion schützt und umhüllt mein privates Ich wie ein Kleidungsstück, und sie stellt mir wie ein gut gefüllter Theaterfundus alle Möglichkeiten zur Verfügung, bunte und vielfältige Geschichten zu erzählen. Oder anders ausgedrückt: wenn ich mich als Autorin den Fantasien der Öffentlichkeit preisgebe, dann tue ich das lieber, wie eine Schauspielerin, im Schutz der Kostümierung, die die jeweilige Inszenierung lebendig werden lässt, als als Titelbild eines Herrenmagazins .

    Sorry, das ist jetzt ein sehr langer Beitrag geworden, aber ich fand es wirklich interessant, über das Thema nachzudenken. Danke für die Anregung dazu!

    Herzliche Grüße von Ryka

    Gefällt mir

    1. Liebe Ryka, vielen Dank für diesen interessanten Kommentar! Mir gefallen die Bilder sehr, die du für das Erfinden verwendest und vielen Dank auch für den Hinweis auf die „True Stories“, von denen ich nicht wusste. Es scheint mir diesen Fernseh-Formaten zu ähneln, die unter „Scripted Reality“ zusammengefasst werden. Was ich daran besonders interessant finde, ist die Frage, ob die Zuschauer.innen/Leser.innen nicht „eigentlich“ doch wissen, dass es nur Fake ist? So wie wir umgekehrt beim Lesen von Romanen immer wieder „vergessen“, dass es sich um erfundene Personen handelt – sonst könnten wir ja nicht mitfiebern und mitleiden, was wir ja immer wieder tun … Viele Grüße aus Bremen!

      Gefällt mir

  17. autós heisst so in etwa „selbst“ und Autor/innen sind die, die selbst schreiben. Wundert es wirklich, dass sie über sich schreiben? Und zwar, wie ich denke, in jedem Buch? Auch das Ausmalen von so nicht existierenden Menschen oder Szenen, die Erfindung ganzer Welten, ist für mich auf eine Art autobiografisch, ohne dass es mich zu sehr juckt, herauszufinden, was denn jetzt das Eigene und das eigen Erfundene ist. Für mich ist das Wort „authentisch“ das wesentlich gefährlichere in diesem Zusammenhang, weil es eine Echtheit suggeriert, die es meines Erachtens so nicht gibt. Die Menschen beim Wort nehmen gilt für mich sowohl bei der Lektüre als auch im „wirklichen“ Leben. Wie authentisch sie sind, geht mich dabei nichts an. Jemand, der oder die „offen“ rüberkommt, ist sicher sympathischer als ein/e verschlossene/r Zeitgenosse/in. Aber die Erfahrung, dass vermeintlich authentische Menschen innen hohl sind, hat wohl jede/r schon mal gemacht. Bleiben wir bei den Autor/innen. Sie schreiben. Sie schreiben sich selbst. Oder wie sie die Welt sehen, schmecken, fühlen. Ob es mit der wirklich erlebten Welt identisch ist, bleibt – zurecht – ihr Bier. Prost.

    Gefällt mir

    1. Vielen Dank für diese Überlegungen! Mir ist das bedenkenlose Einfordern von Authentizität und die Vorstellung von Echtheit auch suspekt. Gleichwohl können wir, fürchte ich, auch nicht vollständig darauf verzichten. Aber das scheint mir ein weites Feld, das mir noch immer Rätsel aufgibt …

      Gefällt mir

  18. Hallo, liebe Jutta,

    sorry, es hat ein wenig gedauert mit einer Antwort. In der Zwischenzeit habe ich in dem Buch „Story“ von Robert McKee noch ein paar Ideen gefunden, die auch sehr gut zum Thema passen: „Die Story ist Metapher für das Leben, (…) die literarische Umwandlung von Leben selbst in eine stärkere, klarere, bedeutsamere Erfahrung. Sie macht die Innenlandschaften unserer Tage ausfindig und gestaltet sie um in ein Erzählen, das unser Leben bereichert. (…) Alles passiert: alles Vorstellbare passiert. Aber Story ist nicht Leben in Wirklichkeit. Bloßes Vorkommnis bringt uns nicht mal in die Nähe der Wahrheit. Was passiert ist Faktum, nicht Wahrheit. Wahrheit ist, was wir über das, was passiert, denken.“

    Ein „Prost“ an Stefanie
    und herzliche Grüße
    von Ryka

    Gefällt mir

    1. Vielen Dank für den Hinweis! Ich suche seit vielen Jahren nach einem Zitat von John Irving (ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es sich in „Witwe für ein Jahr“ befindet) das in eine ähnliche Richtung geht und zwar etwa so: Dass wir aus jedem tatsächlichen Geschehen durch Veränderung, durch Erfindung immer eine „noch bessere“ Geschichte machen können, als die „Realität“ uns zu erzählen scheint … Wobei als „autobiographisch“ etikettierte Texte einen Spezialfall darstellen … Herzliche Grüße auch an dich!

      Gefällt mir

  19. Grad gefunden:
    „Die Vermutung, daß mit Fantasie angereicherte Realität wahrer ist als blanke Realität, steigt in mir auf wie eine hochfliegende Lerche. …
    Da ich beim Schreiben die Realität nur als Mehl für das Backen eines Fantasiekuchens ansehe, interessiert mich ihre ausschließliche Beschreibung kaum.“
    (Katrine von Hutten, Wie das Leben geht, 15. Mai 1988)

    Gefällt mir

Ich freue mich über Kommentare!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s