(15) Schreiben und Scham

Wer schreibt, dem begegnet die Scham. Manche haben ständig mit ihr zu kämpfen, um andere scheint sie einen Bogen zu machen – und schlägt dann kurz vor der Abgabe einer wichtigen Arbeit zu. Über die unterschiedlichen Formen und Funktionen der Scham und warum das schwierige Schreiben über Schambehaftetes zugleich hilfreich sein kann, darüber informiert ungemein interessant und vielseitig der Sammelband Schreiben und Scham. Wenn ein Affekt zur Sprache kommt, herausgegeben von Monique Honegger.

„Das ist doch viel zu schlecht!“ (Kompetenzscham); „Was verrate ich damit über mich? Ist das nicht viel zu persönlich?“ (Intimitätsscham) „Das kann ich dir unmöglich schicken!“ (Zeigescham). Die Scham zeigt sich in unterschiedlichen Situationen und je stärker sie Besitz von uns ergreift, desto weniger sind wir in der Lage, sie zu erkennen, sondern starren nur noch auf den (vermeintlich) missratenen Text, der vor uns liegt. Hat jemals ein Mensch etwas so Belangloses geschrieben?

Wenn wir uns diese bange Frage stellen, wenn wir in einem zweiten Schritt weiterfragen, ob aus diesem sagenhaft schlechten, nicht irgendwie ein halbwegs guter Text werden könnte und wie das anzustellen ist – dann sollten wir der Scham einmal freundlich zuwinken, denn ohne sie würden wir vermutlich bedenkenlos jede „Trivialitätsschwelle“ unterschreiten und uns erst gar nicht um „literarische“ oder andere Kriterien Gedanken machen.

Wie alle anderen Gefühle auch, hat die Scham also auch eine positive Seite, ist nicht nur Barriere, sondern auch Türe und das Durchschreiten dieser „Schamtüre“ (Honegger) ermöglicht oft erst Entwicklungsschritte, die sonst unterblieben wären. Alles gut also? Leider nicht, denn die Scham kann Gefühle des Selbstversagens verursachen, die noch über, manchmal sehr ähnlichen daherkommende, Schuldgefühle weit hinaus gehen: Flüstert die Schuld uns ins Ohr: „Das hast du schlecht gemacht“, raunt die Scham: „Du bist schlecht“ und nimmt damit die ganze Person und nicht ein (korrigierbares) Verhalten in den Fokus.

Aus welchen Quellen kindlichen Erlebns sich ein solch machtvolles Gefühl des Ungenügens nährt, wie wir im Schreiben sowohl passive Wünsche nach Anerkennung und aktive nach „frecher Präsentation“ („Schaut, da bin ich!“) realisieren, darüber schreibt Markus Fäh sehr gut les- und nachvollziehbar in seinem Beitrag Hölle und Glückseligkeit. Psychoanalytische Überlegungen zur Scham beim Schreiben. Zudem beantwortet er die Frage, warum wir uns dieses Wechselbad der Gefühle überhaupt antun. Was haben wir schreibend zu gewinnen? „Wir müssen uns im Schreiben dem Schamproblem stellen, sonst können wir gar nicht anfangen zu schreiben, wir können es im Schreiben aber auch meistern, weil wir all das, was wir schreiben, nicht wirklich tun müssen.“ Wir müssen es nicht nur nicht tun, wir können damit spielen, wir können unseren gegensätzlichen Wünschen Ausdruck und Gestalt geben und dadurch „kreative Lösungen“ auch da finden, wo sie uns in der Realität nicht möglich waren oder sind.

Zwei Beispiele dafür, wie das Schreiben über Schambehaftetes sehr konkret helfen kann, Scham zu überwinden, liefert der Beitrag Schreiben statt schämen – Mit Sprache aus der Enge finden von Elena Ibello, Andrea Keller und Daniel Perrin. Wir sind arm war der Titel einer Schreibwerkstatt, die Andrea Keller 2010 im Auftrag der Caritas Zürich realisierte und in der von Armut Betroffene selbst zu Wort kamen. Es braucht keine große Phantasie um sich vorzustellen, wieviel Scham dafür von den Teilnehmenden zu überwinden war und was es andererseits für sie bedeutete, eigene Kreativität (wieder) zu entdecken und sich schließlich von „Armutsbetroffenen, die gerne schreiben“ in „Schreibende, die von Armut betroffen sind“ zu wandeln. 

Es gibt weitere Beiträge, die eher Grundsätzliches behandeln, wie z. B. Scham, Schuld, Schreiben von David Garcia Nuñez und Matthias Jäger oder Scheitern, Scham und Produktion von Geri Thomann, aber auch solche, die konkreteren Fragestellungen nachgehen, wie etwa eine sehr interessante Fallanalyse des Spielfilms The Words von Daniel Ammann (in diesem Film geht es um einen Schriftsteller, der ein fremdes Manuskript als eigenes ausgibt, großen Erfolg damit hat und später dem tatsächlichen Urheber begegnet). Das vollständige Inhaltsverzeichnis lässt sich auf der Verlagsseite des Psychosozial Verlags einsehen.

Ich habe das Buch vor einigen Monaten entdeckt, ich habe es rasch und begeistert gelesen und nun für diesen Beitrag ein zweites Mal konzentrierter und nicht weniger begeistert. Obwohl ich mich dem Thema schon aus unterschiedlichen Perspektiven genähert habe, obwohl in meinem Alltag das komplementäre Thema Ermutigung bereits eine große Rolle gespielt hat, sind mir durch die Lektüre einige grundlegende Aspekte erstmals klar geworden. Für Menschen, die professionell Schreibprozesse anderer begleiten, ist dieser Sammelband also eine absolute Bereicherung! Und Ähnliches gilt vermutlich auch für Menschen, denen die Scham beim Schreiben sehr im Nacken sitzt: Zu lesen, dass es (vielen) anderen ähnlich geht, dass der Umgang mit der Scham genauso ein (Lern)-Prozess sein kann, wie das Schreiben selbst und dass sie uns da, wo sie uns so richtig im Griff zu haben scheint, mehr über uns als über unsere Texte erzählt, kann vielleicht schon etwas Bewegung in die manchmal so festgefahrene Angelegenheit bringen …

Diesen Beitrag habe ich bereits 2016 veröffentlicht, aber weil er inhaltlich sehr gut zum Thema des letzten Beitrags passt, möchte ich ihn gerne nochmal hier für die Virtuelle Schreibwerkstatt verwenden. Am Freitag gibt es den nächsten Post – dann auch wieder mit einer sehr konkreten Schreibanregung. Ich freue mich auch bei diesen etwas allgemeineren Beiträgen über Eindrücke, Fragen, Austausch!

Schreiben und Scham (Monique Honegger Hg.)

Reihen-Umschlaggestaltung für den Psychosozial-Verlag, Gießen Info zu Hintergrund Raster-Bild: Raster für Fond: Covermotiv in Fläche von ca 25 x 25 cm einbauen und in Bitmap wandeln. Einstellung Bitmap: Halbtonraster 10 p per inch Winkel 45°

Wer schreibt, dem begegnet die Scham. Manche haben ständig mit ihr zu kämpfen, um andere scheint sie einen Bogen zu machen – und schlägt dann kurz vor der Abgabe einer wichtigen Arbeit zu. Über die unterschiedlichen Formen und Funktionen der Scham und warum das schwierige Schreiben über Schambehaftetes zugleich hilfreich sein kann, darüber informiert ungemein interessant und vielseitig der Sammelband Schreiben und Scham. Wenn ein Affekt zur Sprache kommt, herausgegeben von Monique Honegger.

„Das ist doch viel zu schlecht!“ (Kompetenzscham); „Was verrate ich damit über mich? Ist das nicht viel zu persönlich?“ (Intimitätsscham) „Das kann ich dir unmöglich schicken!“ (Zeigescham). Die Scham zeigt sich in unterschiedlichen Situationen und je stärker sie Besitz von uns ergreift, desto weniger sind wir in der Lage, sie zu erkennen, sondern starren nur noch auf den (vermeintlich) missratenen Text, der vor uns liegt. Hat jemals ein Mensch etwas so Belangloses geschrieben?

Wenn wir uns diese bange Frage stellen, wenn wir in einem zweiten Schritt weiterfragen, ob aus diesem sagenhaft schlechten, nicht irgendwie ein halbwegs guter Text werden könnte und wie das anzustellen ist – dann sollten wir der Scham einmal freundlich zuwinken, denn ohne sie würden wir vermutlich bedenkenlos jede „Trivialitätsschwelle“ unterschreiten und uns erst gar nicht um „literarische“ oder andere Kriterien Gedanken machen.

Wie alle anderen Gefühle auch, hat die Scham also auch eine positive Seite, ist nicht nur Barriere, sondern auch Türe und das Durchschreiten dieser „Schamtüre“ (Honegger) ermöglicht oft erst Entwicklungsschritte, die sonst unterblieben wären. Alles gut also? Leider nicht, denn die Scham kann Gefühle des Selbstversagens verursachen, die noch über, manchmal sehr ähnlichen daherkommende, Schuldgefühle weit hinaus gehen: Flüstert die Schuld uns ins Ohr: „Das hast du schlecht gemacht“, raunt die Scham: „Du bist schlecht“ und nimmt damit die ganze Person und nicht ein (korrigierbares) Verhalten in den Fokus.

Aus welchen Quellen kindlichen Erlebns sich ein solch machtvolles Gefühl des Ungenügens nährt, wie wir im Schreiben sowohl passive Wünsche nach Anerkennung und aktive nach „frecher Präsentation“ („Schaut, da bin ich!“) realisieren, darüber schreibt Markus Fäh sehr gut les- und nachvollziehbar in seinem Beitrag Hölle und Glückseligkeit. Psychoanalytische Überlegungen zur Scham beim Schreiben. Zudem beantwortet er die Frage, warum wir uns dieses Wechselbad der Gefühle überhaupt antun. Was haben wir schreibend zu gewinnen? „Wir müssen uns im Schreiben dem Schamproblem stellen, sonst können wir gar nicht anfangen zu schreiben, wir können es im Schreiben aber auch meistern, weil wir all das, was wir schreiben, nicht wirklich tun müssen.“ Wir müssen es nicht nur nicht tun, wir können damit spielen, wir können unseren gegensätzlichen Wünschen Ausdruck und Gestalt geben und dadurch „kreative Lösungen“ auch da finden, wo sie uns in der Realität nicht möglich waren oder sind.

Zwei Beispiele dafür, wie das Schreiben über Schambehaftetes sehr konkret helfen kann, Scham zu überwinden, liefert der Beitrag Schreiben statt schämen – Mit Sprache aus der Enge finden von Elena Ibello, Andrea Keller und Daniel Perrin. Wir sind arm war der Titel einer Schreibwerkstatt, die Andrea Keller 2010 im Auftrag der Caritas Zürich realisierte und in der von Armut Betroffene selbst zu Wort kamen. Es braucht keine große Phantasie um sich vorzustellen, wieviel Scham dafür von den Teilnehmenden zu überwinden war und was es andererseits für sie bedeutete, eigene Kreativität (wieder) zu entdecken und sich schließlich von „Armutsbetroffenen, die gerne schreiben“ in „Schreibende, die von Armut betroffen sind“ zu wandeln. (Das andere Projekt „Schreiben über das Sterben“ richtete sich an eine sehr heterogene TeilnehmerInnen-Gruppe und wollte Erkenntnisse zu der Frage befördern, was diese jeweils motiviert, sich mit dem Thema zu beschäftigen und welche Form sie dafür jeweils wählen.)

Es gibt sowohl weitere Beiträge, die eher Grundsätzliches behandeln, wie z. B. Scham, Schuld, Schreiben von David Garcia Nuñez und Matthias Jäger oder Scheitern, Scham und Produktion von Geri Thomann, aber auch solche, die konkreteren Fragestellungen nachgehen, wie etwa eine sehr interessante Fallanalyse des Spielfilms The Words von Daniel Ammann (in diesem Film geht es um einen Schriftsteller, der ein fremdes Manuskript als eigenes ausgibt, großen Erfolg damit hat und später dem tatsächlichen Urheber begegnet). Das vollständige Inhaltsverzeichnis lässt sich auf der Verlagsseite des Psychosozial Verlags einsehen.

Ich habe das Buch vor einigen Monaten entdeckt, ich habe es rasch und begeistert gelesen und nun für diesen Beitrag ein zweites Mal konzentrierter und nicht weniger begeistert. Obwohl ich mich dem Thema schon aus unterschiedlichen Perspektiven genähert habe, obwohl in meinem Alltag das komplementäre Thema Ermutigung bereits eine große Rolle gespielt hat, sind mir durch die Lektüre einige grundlegende Aspekte erstmals klar geworden. Für Menschen, die professionell Schreibprozesse Anderer begleiten, ist dieser Sammelband also eine absolute Bereicherung und uneingeschränkt zu empfehlen! Und Ähnliches gilt vermutlich auch für Menschen, denen die Scham beim Schreiben sehr im Nacken sitzt: Zu lesen, dass es (vielen) anderen ähnlich geht, dass der Umgang mit der Scham genauso ein (Lern)-Prozess sein kann, wie das Schreiben selbst und dass sie uns da, wo sie uns so richtig im Griff zu haben scheint, mehr über uns als über unsere Texte erzählt, kann vielleicht schon etwas Bewegung in die manchmal so festgefahrene Angelegenheit bringen …

Monique Honegger (Hg.) Schreiben und Scham. Wenn ein Affekt zur Sprache kommt.
Gießen: Psychosozial Verlag, 2015  (29,90 Euro)