Fundstücke: „Rezeptlosigkeit als Rezept“(Wilhelm Genazino) …

… ist der Titel eines Artikels über den französischen Nobelpreisträger Claude Simon, enthalten in Wilhelm Genazinos Aufsatz-Sammlung „Der gedehnte Blick“ (2004). Der Text beginnt mit einem Simon-Zitat aus dem frühen Roman „Das Seil“ (1947): „Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass das beste Rezept, ein Meisterwerk zu schaffen, das Fehlen von Rezepten ist.“

Genazino weiter: „Jeder Autor ist zu jeder Zeit umzingelt von wohlfeilen Repepten, mit denen er jederzeit hereinfallen kann und die er deshalb – und dieser Hochmut will erst einmal auf der Welt sein – allesamt mißachten muß. Zweitens ist der Satz ein Geständnis: Kein Künstler kann ein Meisterwerk intendieren; ein Meisterwerk ensteht, wenn es entsteht, ohne Absicht. Es verdankt sich dem Zufall. Drittens ist der Satz ein Paradoxon: Aus der Rezeptlosigkeit wird ein neues Rezept.“

16 Comments

      1. …wobei (ich muss jetzt schnell schreiben, bevor ich es vergesse) immer noch die Gefahr besteht, ich bekomme das Meisterwerk hin, doch weiß ich nicht mehr, wo ich es hingelegt habe; so ganz habe ich das Selektieren dann auch nicht im Griff.

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        1. Aber sind das nicht die schönsten Momente eines Autorenlebens, in denen man einen Zettel findet, eine Datei öffnet und einige Zeilen liest, die so großartig sind, dass sie unmöglich aus der eigenen Produktion stammen können – und dann sind sie doch tatsächlich eine, schon vergessene, eigene Notiz?

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          1. Ich habe bislang einen Text geschrieben (hier bei wordpress, doch ich verrate jetzt nicht welchen), von dem ich jetzt schon weiß, er ist mir gelungen.

            Ansonsten, ich hatte immer Probleme mit Schreiben auf Zetteln. Recht unwahrscheinlich, dass mir davon irgendwann einmal ein Text wieder unter die Nase kommt und ich könnte es nicht glauben usw………

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        1. Ich könnte Sie fragen, in Bezug auf Was?, denn ich wäre ja in der Lage, es gleich wieder zu vergessen und so wäre es nicht indiskret oder doch nur für ein kurzen Moment, allerdings das Netz vergisst nie und so stelle ich die Frage zurück bzw. vergesse, sie je gestellt zu haben.

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  1. Wieder so ein Zufall: Am Wochenende habe ich den xten Versuch, wieder einmal was von Claude Simon zu lesen, abgebrochen. Seine Rezeptlosigkeit mündet in die berühmten Mäandersätze, die oft über mehrere Seiten reichen. Schon genial, aber leseunfreundlich. Genazinos Schlußsatz, das Paradoxon, empfinde ich angesichts meiner Simon-Lektüren auch als feine, hintersinnige Ironie.

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    1. Mir ging es in der Vergangenheit sehr ähnlich. Vielleicht kann uns beiden in der Zukunft bei erneuten Lektüreversuchen weiterhelfen, was Genazino im weiteren Verlauf des Textes schreibt:
      „Ein ernst zu nehmender Autor konnte nach dem Krieg kein psychologisches, surrealistisches, expressionistisches, naturalistisches, agitierendes, psychoanalytisches (und wie die Rezepte alle hießen) Buch mehr schreiben. Die Kriegserfahrung hatte auch das Vertrauen in die ästhetischen Verfahren zerstört. … Deswegen gibt es in dieser Literatur statt extra erfundener Romanhandlungen nur noch die wortwörtliche Spannung darüber, wie ein Protagonist die (zum Beispiel) Unverständlichkeit des eigenen Überlebens dadurch fixiert (verwindet, bannt, erträgt, bestaunt), indem er sein Material von einem immer wieder anderen Ende her neu aufrollt und neu versteht.“

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      1. Das kommt bei der „Akazie“ durchaus so rüber…und ist natürlich auch ein herausragendes Stück moderner Literatur, experimentell fast. Dennoch…weil es vielleicht auch diese Thematik ist, ich tat mir schwer damit, da fällt mir Joyce geradezu leicht im Vergleich.

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