Menschen unterscheiden sich – auch in ihren Schreibstrategien

Man könnte auf die Idee kommen, dass es sich um eine Binsenwahrheit handelt: Menschen unterscheiden sich in allem, also auch in der Weise, in der sie schreiben. Manche schreiben „drauflos“, andere planen detailliert den genauen Aufbau oder Ablauf des Textes. Dabei existieren solche Vorlieben oder „Strategien“, ganz unabhängig davon, ob es sich um das Schreiben von kreativen (literarischen) oder nichtfiktionalen (z. B. wissenschaftlichen oder journalistischen) Texten handelt.

Keine dieser Strategien ist den anderen grundsätzlich überlegen, jede besitzt Vor- und Nachteile, aber erstaunlicherweise denken die meisten Schreibenden, es gäbe den einen „Königsweg“ – und zwar den der Planung: den Plot, wo Geschichten geschrieben werden sollen, die Gliederung, wo es um wissenschaftliches Arbeiten geht.

„Tatsache ist jedenfalls, dass nur die allerwenigsten Studierenden (und Dozent*innen) wissen, dass der Prozess des Schreibens, der irgendwann zu einem fertigen Text führt, hochgradig individuell ist und keinesfalls einem einzigen vorgefertigten ‘Rezept’ folgt.“

Dies Zitat findet sich auf dem Blog des Schreibzentrums der Universität Frankfurt ebenso wie dieser tolle 7-minütige Clip von Birte Svea Philippi (geb. Metzdorf) u.a., der auf sehr unterhaltsame und anschauliche Art vier unterschiedliche „Schreibtypen“ präsentiert:

Und ihr? Habt ihr schon mal die Strategie gewechselt? Oder seid ihr (vielleicht insgeheim) überzeugt, dass eine Strategie den anderen doch überlegen ist? Ich freue mich auf eure Erfahrungen und Eindrücke!

Ist Schreiben wie Backen, wie Kochen, wie Fußballtraining ohne Ball?

Wir können nicht alles wissen. Und wir können nicht nur dann handeln, wenn wir alles wissen, was zu wissen interessant oder sinnvoll oder vielleicht auch notwendig wäre. Und sehr oft wissen wir noch nicht einmal, wo genau die Grenze zwischen dem Erforschten und dem Unerforschten verläuft, also zwischen dem, was wir zumindest theoretisch wissen könnten.

Zum Beispiel weiß man immer noch nicht – und das finde ich wirklich sehr verblüffend – ob es sinnvoller ist, wenn Fußballprofis ihre Ausdauer mit oder ohne Ball trainieren. Es gibt eine kleine Fraktion von Trainern, die immer mit Ball trainieren und eine größere, die bei Ausdauereinheiten den Ball in der Regel weg lässt. Beim Fußball werden Milliarden bewegt, es wird ein riesiger Aufwand betrieben, aber es ist bislang nicht gelungen, diese Frage empirisch zu klären. (Jedenfalls habe ich vor zwei Jahren einen entsprechenden Artikel gelesen, sollte sich daran etwas geändert haben, freue ich mich über Hinweise!)

Wir sind also darauf angewiesen, zu spekulieren, Vorstellungen davon zu entwickeln, wie bestimmte Prozesse funktionieren, wie wir z. B. etwas lernen können oder wie wir uns in bestimmten Bereichen verbessern können. In unsere Vorstellungen davon, wie „üben“ funktioniert, fließen  ganz individuelle Erfahrungen, aber sehr oft denken wir spontan an so etwas wie Vokabeln lernen oder Tonleitern oder Schrittfolgen.

Der Unterschied zwischen Kochen und Backen besteht darin, dass man sich beim Backen an Rezepte halten muss. Man kann nicht, jedenfalls nicht in vergleichbarer Weise so „improvisieren“, wie man das beim Kochen tun kann. Man muss die Regeln sehr viel präziser anwenden.

Ist Schreiben wie Kochen oder wie Backen? Gibt es „Fingerübungen“?

Musik, Schauspiel, Sport – überall gibt es „Schulen“, haben Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wer am besten lernt. Fortschritte macht. Bei mir wird immer mit Ball gespielt. Und deswegen gibt es auch keine „Aufgaben“, sondern „Anregungen“. Deswegen ist immer „alles erlaubt“.

Darauf wollte ich gerne hinweisen, bevor der Geschichtengenerator morgen wieder ein paar Karten ausspuckt …

Wie immer freue ich mich über Anmerkungen, Erfahrungen oder Widerreden!

Fundstücke: „Rezeptlosigkeit als Rezept“(Wilhelm Genazino) …

… ist der Titel eines Artikels über den französischen Nobelpreisträger Claude Simon, enthalten in Wilhelm Genazinos Aufsatz-Sammlung „Der gedehnte Blick“ (2004). Der Text beginnt mit einem Simon-Zitat aus dem frühen Roman „Das Seil“ (1947): „Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass das beste Rezept, ein Meisterwerk zu schaffen, das Fehlen von Rezepten ist.“

Genazino weiter: „Jeder Autor ist zu jeder Zeit umzingelt von wohlfeilen Repepten, mit denen er jederzeit hereinfallen kann und die er deshalb – und dieser Hochmut will erst einmal auf der Welt sein – allesamt mißachten muß. Zweitens ist der Satz ein Geständnis: Kein Künstler kann ein Meisterwerk intendieren; ein Meisterwerk ensteht, wenn es entsteht, ohne Absicht. Es verdankt sich dem Zufall. Drittens ist der Satz ein Paradoxon: Aus der Rezeptlosigkeit wird ein neues Rezept.“