Menschen unterscheiden sich – auch in ihren Schreibstrategien

Man könnte auf die Idee kommen, dass es sich um eine Binsenwahrheit handelt: Menschen unterscheiden sich in allem, also auch in der Weise, in der sie schreiben. Manche schreiben „drauflos“, andere planen detailliert den genauen Aufbau oder Ablauf des Textes. Dabei existieren solche Vorlieben oder „Strategien“, ganz unabhängig davon, ob es sich um das Schreiben von kreativen (literarischen) oder nichtfiktionalen (z. B. wissenschaftlichen oder journalistischen) Texten handelt.

Keine dieser Strategien ist den anderen grundsätzlich überlegen, jede besitzt Vor- und Nachteile, aber erstaunlicherweise denken die meisten Schreibenden, es gäbe den einen „Königsweg“ – und zwar den der Planung: den Plot, wo Geschichten geschrieben werden sollen, die Gliederung, wo es um wissenschaftliches Arbeiten geht.

„Tatsache ist jedenfalls, dass nur die allerwenigsten Studierenden (und Dozent*innen) wissen, dass der Prozess des Schreibens, der irgendwann zu einem fertigen Text führt, hochgradig individuell ist und keinesfalls einem einzigen vorgefertigten ‘Rezept’ folgt.“

Dies Zitat findet sich auf dem Blog des Schreibzentrums der Universität Frankfurt ebenso wie dieser tolle 7-minütige Clip von Birte Svea Philippi (geb. Metzdorf) u.a., der auf sehr unterhaltsame und anschauliche Art vier unterschiedliche „Schreibtypen“ präsentiert:

Und ihr? Habt ihr schon mal die Strategie gewechselt? Oder seid ihr (vielleicht insgeheim) überzeugt, dass eine Strategie den anderen doch überlegen ist? Ich freue mich auf eure Erfahrungen und Eindrücke!

(9) Geschichtengenerator in Aktion

imageWer schreibt oder anderen kreativen Betätigungen nachgeht, steht immer wieder vor der Aufgabe, neue Zugänge zu Offenheit und Experimentierfreude zu finden. Wo verläuft der schmale Grat zwischen hilfreicher (Arbeits)-Routine und einengender Gewohnheit?

Damit der Geschichtengenerator es sich hier auf dem Blog (und in meinem Alltag) nicht allzu gemütlich macht, werde ich ihn zwar weiterhin seine Karten „ausspucken“ lassen, aber ich werde an manchen Freitagen diese Routine unterbrechen und, so wie heute, andere kleine Anregungen vorstellen – oder auch einfach mal etwas länger an einem Punkt verweilen. Heute im Treppenhaus und das hat gleich mehrere Gründe.

Vor allem möchte ich eine Frage aufgreifen, die in Folge (7) des Geschichtengenerators aufkam, nämlich: Wie kann ich eine reale Alltagsbegebenheit in etwas Fiktives verwandeln, vielleicht sogar in eine Geschichte? Diese Frage ist eine der häufigsten, denen ich in Werkstätten begegne und dort lautet meine Gegenfrage meistens: Warum denn überhaupt? Aber natürlich kann es gute Gründe dafür geben (die anderen Fälle klammere ich einmal aus) und der überzeugendste Grund ist, dass das Reale nicht „ausreicht“, dass irgendetwas daran zwar komisch oder tragisch oder irgendwie besonders ist, dass dem Ereignis aber noch etwas fehlt, vielleicht eine Zuspitzung.

Für die unerfahrene Geschichtenerfinderin ist der Hinweis: „Super! Aber da fehlt noch der letzte Kick!“ so hilfreich wie für den unerfahrenen Koch der Hinweis, er müsse nur noch das richtige Gewürz finden. Aber welches denn?!

Die Ausgangssituation hier auf dem Blog war folgende: Ich hatte in einem Kommentar erwähnt, dass ich mich an Heiligabend einmal ausgesperrt hatte und Birgit schrieb daraufhin:

„Mir ist das mal an Neujahr passiert … unten klingelte jemand, ich raste im T-Shirt das Treppenhaus runter, machte die Haustür auf: Keiner da. Ich trotz A…kälte kurz ums Eck geguckt, saustinkig, weil keiner nach Silvester umsonst um ca. 10.00 Uhr aus dem Bett geklingelt werden will. Zurück vor der Tür: Tür zu, kein Schlüssel. Schnee und Eis und ich im T-Shirt. In dem Moment kommt mein “Obermieter” aus der Tür. Schaut mich an und sagt: “Oh luftig angezogen!” Ich: “Ja, ich habe mich ausgesperrt.” Und bevor ich ihn bitten konnte, mich reinzulassen (und evt. sein Telefon zu nutzen, damit ich für die Wohnung einen Schlüsseldienst holen kann), sagte er nur mitleidig: “Ach, das ist aber schlimm – einen schönen Tag noch!” und ging des Wegs. Der ist wirklich von einem anderen Stern…“

Was für eine super Szene, fanden hausauspapier und ich, was kann man da nicht alles draus machen?! Ja, was denn, fragte Birgit zurück und packte mich an der Expertinnen-Ehre  …

Erste Annäherung: Was ist eigentlch das Reizvolle an der geschilderten Situation? Vermutlich, dass etwas passieren MUSS. Nur dünn bekleidet im Treppenhaus, das wird nicht lange gut gehen. Und gleichzeitig gibt es keine einfache Lösung (also einen im Briefkasten versteckten Schlüssel etwa). Geschichten leben von den Schwierigkeiten, mit denen es die ProtagonistInnen zu tun bekommen und diese Schwierigkeiten unterscheiden sich hinsichtlich ihres „dramatischen“ Potentials. In der Realität mag man vielleicht in dieser Situation schon deswegen nicht bei bestimmten Nachbarn klingeln, weil man sie nicht aus dem Bett holen will. Und wenn man es tut? Kommen sie nach dem dritten Klingeln vermutlich mürrisch an die Tür – oder bleiben liegen. Damit wäre unsere Geschichte so schnell wie langweilig zu Ende gegangen.

Also müssen wir uns etwas einfallen lassen! Vielleicht wäre der Silvester-Abend  geeigneter und unsere „Heldin“ möchte einfach nur allein sein. Dann klingelt es. Vielleicht die Mutter, die nun doch noch mal nach ihr sehen will? Das darf nicht wahr sein! Dann ist da keiner. Und jetzt seid ihr dran! Welche feierwütigen oder sonstwie „unmöglichen“ Nachbarn könnten es unserer Heldin schwer machen, um Hilfe zu bitten? Oder gibt es doch einen Zweit-Schlüssel? Aber wo könnte der sein, dass sie auf dem Weg dorthin ein mittleres Abenteuer zu bestehen hat? Oder fällt ihr ein, dass im Keller … ja, was könnte im Keller sein?

Zweite Annäherung: „Ich muss jetzt … Nein! Unmöglich! Ich kann unmöglich jetzt dahin gehen und xy. Ausgeschlossen! Lieber sterbe ich, als dass ich … “ Auch das ist natürlich immer möglich: Nach Gefühlen suchen, sie „größer“ machen und dann wieder zurück gehen und schauen, in welchen, vielleicht ganz anderen Szenen sie sich unterbringen ließen?

Dritte Annäherung: Was fällt euch ein zu dieser Ausgangsszene?! Nehmt auf, was ihr mögt – ein Detail, ein Einfall, eine Assoziation!

Wer schon länger diesem Blog folgt, weiß von meiner Sympathie für literarisch unterschätzte Orte (hier habe ich in diesem  Zusammenhang über den Supermarkt geschrieben) und dazu zählt ganz sicher das Treppenhaus. Daher also heute die Einladung, das Treppenhaus zu bevölkern. Mit Figuren, die sich ausgeschlossen haben oder nicht. Sich ärgern oder nicht. Es vielleicht ja auch sehr entschiedenen Schrittes durchqueren, auf dem Weg – wohin?!

 

Notiz: Der Komposthaufen, das Schreiben, meine Ideen und ich

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ich an ihn denken würde: den Komposthaufen. Solange ich keinen Garten hatte, dachte ich, dass man auf einen Komposthaufen fröhlich werfen kann, was im Laufe eines Gartenjahres an Gestrüpp und Gartenabfall anfällt – und dann nach einem Jahr so automatisch wie geheimnisvoll mit neuer Erde belohnt wird. Aber das ist nicht so. Es bleibt für mich geheimnisvoll, aber automatisch geschieht nichts …

Ein Komposthaufen ist „voraussetzungsvoll“ und benötigt genügend Feuchtigkeit und Sauerstoff und man kann auch nicht nur „Gestrüpp“, also holziges Zeug drauf werfen, sondern muss in einem ausgewogenen Verhältnis Grünzeug aufschichten (aber Rasenschnitt wiederum auch nicht frisch von der Rasenkante weg – sonst bildet er faulige, filzige Matten), damit die Wärme oder gar Hitze entstehen kann, die Voraussetzung für den Verrottungsprozess ist.

So ähnlich stelle ich mir die Arbeit meines Gehirn vor und so, wie es ziemlich lange gedauert hat, bis der Komposthaufen in unserem Garten „angesprungen“ ist, hat es auch ziemlich lange in meinem Leben gedauert, bis ein kreativer Ideenhaufen entstanden ist. Er war auch nicht geplant. Ich habe einfach ziemlich viel Zeug gelesen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die wenig miteinander zu tun hatten, weil sie mich interessierten.  Ich konnte mich nicht gut konzentrieren und daher konnte ich mir auch kaum etwas merken.  Aber den geheimnisvollen Prozessen des Komposthaufen möglicherweise verwandt, ist aus all dem Zeug, das sich über viele Jahre angesammelt hat, etwas entstanden.  Hat sich entzündet oder sortiert oder bewegt und auf einmal ergänzen sich entlegene Lektüren mit eigenen Fragen und ich freue mich über die Entdeckung konzentrierten Arbeitens und über zahlreiche Ideen. Für ganz unterschiedliche Texte, für Workshops und Schreibwerkstätten, für Projekte und auch für diesen Blog …

Es gibt so viele Beiträge, die ich geplant und z. T. angekündigt habe, die mich auch interessieren, aber ich finde einfach nicht die Zeit dafür sie (zu Ende) zu schreiben. Deswegen habe ich mir schon oft vorgenommen, kürzere Beiträge zu schreiben, die nur eine Notiz sind, ein Schlaglicht werfen, einen ersten Hinweis liefern, usw. Ich habe im Dezember bereits einen Versuch gemacht und über den „Blog als Arbeitsjournal“ geschrieben und das ging auch in eine gute Richtung – aber ich merke, dass es eine Art Hemmung oder Widerstand bei mir gibt, als wenn die LeserInnen Anspruch auf mehr als nur eine kurze Notiz hätten. Der reflektierende Teil meines Selbst weiß, dass das Unsinn ist, der andere Teil lässt sich möglicherweise besänftigen, wenn ich „Notiz“ oben drüber schreibe – dann ist es schon mal kein Etikettenschwindel. Und jetzt muss ich schnell aufhören, sonst entsteht hier etwas, das man vielleicht einen „Widerspruch in sich selbst“ nennen könnte …

Was meint Ihr? Wie ? Wollt Ihr auch gerne manchmal kürzer schreiben – oder länger? Freue mich auf Kommentare!