(9) Geschichtengenerator in Aktion

imageWer schreibt oder anderen kreativen Betätigungen nachgeht, steht immer wieder vor der Aufgabe, neue Zugänge zu Offenheit und Experimentierfreude zu finden. Wo verläuft der schmale Grat zwischen hilfreicher (Arbeits)-Routine und einengender Gewohnheit?

Damit der Geschichtengenerator es sich hier auf dem Blog (und in meinem Alltag) nicht allzu gemütlich macht, werde ich ihn zwar weiterhin seine Karten „ausspucken“ lassen, aber ich werde an manchen Freitagen diese Routine unterbrechen und, so wie heute, andere kleine Anregungen vorstellen – oder auch einfach mal etwas länger an einem Punkt verweilen. Heute im Treppenhaus und das hat gleich mehrere Gründe.

Vor allem möchte ich eine Frage aufgreifen, die in Folge (7) des Geschichtengenerators aufkam, nämlich: Wie kann ich eine reale Alltagsbegebenheit in etwas Fiktives verwandeln, vielleicht sogar in eine Geschichte? Diese Frage ist eine der häufigsten, denen ich in Werkstätten begegne und dort lautet meine Gegenfrage meistens: Warum denn überhaupt? Aber natürlich kann es gute Gründe dafür geben (die anderen Fälle klammere ich einmal aus) und der überzeugendste Grund ist, dass das Reale nicht „ausreicht“, dass irgendetwas daran zwar komisch oder tragisch oder irgendwie besonders ist, dass dem Ereignis aber noch etwas fehlt, vielleicht eine Zuspitzung.

Für die unerfahrene Geschichtenerfinderin ist der Hinweis: „Super! Aber da fehlt noch der letzte Kick!“ so hilfreich wie für den unerfahrenen Koch der Hinweis, er müsse nur noch das richtige Gewürz finden. Aber welches denn?!

Die Ausgangssituation hier auf dem Blog war folgende: Ich hatte in einem Kommentar erwähnt, dass ich mich an Heiligabend einmal ausgesperrt hatte und Birgit schrieb daraufhin:

„Mir ist das mal an Neujahr passiert … unten klingelte jemand, ich raste im T-Shirt das Treppenhaus runter, machte die Haustür auf: Keiner da. Ich trotz A…kälte kurz ums Eck geguckt, saustinkig, weil keiner nach Silvester umsonst um ca. 10.00 Uhr aus dem Bett geklingelt werden will. Zurück vor der Tür: Tür zu, kein Schlüssel. Schnee und Eis und ich im T-Shirt. In dem Moment kommt mein “Obermieter” aus der Tür. Schaut mich an und sagt: “Oh luftig angezogen!” Ich: “Ja, ich habe mich ausgesperrt.” Und bevor ich ihn bitten konnte, mich reinzulassen (und evt. sein Telefon zu nutzen, damit ich für die Wohnung einen Schlüsseldienst holen kann), sagte er nur mitleidig: “Ach, das ist aber schlimm – einen schönen Tag noch!” und ging des Wegs. Der ist wirklich von einem anderen Stern…“

Was für eine super Szene, fanden hausauspapier und ich, was kann man da nicht alles draus machen?! Ja, was denn, fragte Birgit zurück und packte mich an der Expertinnen-Ehre  …

Erste Annäherung: Was ist eigentlch das Reizvolle an der geschilderten Situation? Vermutlich, dass etwas passieren MUSS. Nur dünn bekleidet im Treppenhaus, das wird nicht lange gut gehen. Und gleichzeitig gibt es keine einfache Lösung (also einen im Briefkasten versteckten Schlüssel etwa). Geschichten leben von den Schwierigkeiten, mit denen es die ProtagonistInnen zu tun bekommen und diese Schwierigkeiten unterscheiden sich hinsichtlich ihres „dramatischen“ Potentials. In der Realität mag man vielleicht in dieser Situation schon deswegen nicht bei bestimmten Nachbarn klingeln, weil man sie nicht aus dem Bett holen will. Und wenn man es tut? Kommen sie nach dem dritten Klingeln vermutlich mürrisch an die Tür – oder bleiben liegen. Damit wäre unsere Geschichte so schnell wie langweilig zu Ende gegangen.

Also müssen wir uns etwas einfallen lassen! Vielleicht wäre der Silvester-Abend  geeigneter und unsere „Heldin“ möchte einfach nur allein sein. Dann klingelt es. Vielleicht die Mutter, die nun doch noch mal nach ihr sehen will? Das darf nicht wahr sein! Dann ist da keiner. Und jetzt seid ihr dran! Welche feierwütigen oder sonstwie „unmöglichen“ Nachbarn könnten es unserer Heldin schwer machen, um Hilfe zu bitten? Oder gibt es doch einen Zweit-Schlüssel? Aber wo könnte der sein, dass sie auf dem Weg dorthin ein mittleres Abenteuer zu bestehen hat? Oder fällt ihr ein, dass im Keller … ja, was könnte im Keller sein?

Zweite Annäherung: „Ich muss jetzt … Nein! Unmöglich! Ich kann unmöglich jetzt dahin gehen und xy. Ausgeschlossen! Lieber sterbe ich, als dass ich … “ Auch das ist natürlich immer möglich: Nach Gefühlen suchen, sie „größer“ machen und dann wieder zurück gehen und schauen, in welchen, vielleicht ganz anderen Szenen sie sich unterbringen ließen?

Dritte Annäherung: Was fällt euch ein zu dieser Ausgangsszene?! Nehmt auf, was ihr mögt – ein Detail, ein Einfall, eine Assoziation!

Wer schon länger diesem Blog folgt, weiß von meiner Sympathie für literarisch unterschätzte Orte (hier habe ich in diesem  Zusammenhang über den Supermarkt geschrieben) und dazu zählt ganz sicher das Treppenhaus. Daher also heute die Einladung, das Treppenhaus zu bevölkern. Mit Figuren, die sich ausgeschlossen haben oder nicht. Sich ärgern oder nicht. Es vielleicht ja auch sehr entschiedenen Schrittes durchqueren, auf dem Weg – wohin?!

 

(7) Geschichtengenerator in Aktion

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Ich bin mir auch nicht sicher, was mit Tom los ist. Sucht er wirklich etwas oder schaut er sich nur suchend um? Eher unbestimmt, weil irgendetwas nicht stimmt? Und könnte sich dieser Moment in einem

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Treppenhaus  ereignen oder landet Tom erst später dort oder ist vielleicht nur die Rede davon? Und mit wem könnte Tom ins Gespräch kommen, wem begegnen, wessen Hilfe erbitten?

Fragen über Fragen, da ist es gut, dass die dritte Karte für heute eine einfache Lösung zwar nicht erzwingt, aber erlaubt:

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Die Karten lauten also diesmal: „Tom (sucht etwas)“, „Treppenhaus“ und „Ausgeschlossen!“.

Ich freue mich auf Eure Geschichten, Notizen und Skizzen. Auf kleine Wortspiele oder Gedichte – es ist wirklich alles erlaubt und es soll vor allem eines: Eure Schreibfreude wecken!

Wer den Geschichten-Generator noch nicht kennt, findet hier weitere Informationen.