(7) Geschichtengenerator in Aktion

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Ich bin mir auch nicht sicher, was mit Tom los ist. Sucht er wirklich etwas oder schaut er sich nur suchend um? Eher unbestimmt, weil irgendetwas nicht stimmt? Und könnte sich dieser Moment in einem

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Treppenhaus  ereignen oder landet Tom erst später dort oder ist vielleicht nur die Rede davon? Und mit wem könnte Tom ins Gespräch kommen, wem begegnen, wessen Hilfe erbitten?

Fragen über Fragen, da ist es gut, dass die dritte Karte für heute eine einfache Lösung zwar nicht erzwingt, aber erlaubt:

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Die Karten lauten also diesmal: „Tom (sucht etwas)“, „Treppenhaus“ und „Ausgeschlossen!“.

Ich freue mich auf Eure Geschichten, Notizen und Skizzen. Auf kleine Wortspiele oder Gedichte – es ist wirklich alles erlaubt und es soll vor allem eines: Eure Schreibfreude wecken!

Wer den Geschichten-Generator noch nicht kennt, findet hier weitere Informationen.

95 Comments

  1. Gerade eben war es noch da! Kann man sich denn nicht eine Sekunde umdrehen?! Es war bestimmt nur eine Sekunde und jetzt ist dieses weiße Ding weg. Mit seinen Eltern und mit der Hand dran, an der es geschaukelt hat. Dabei war Tom doch nur neugierig gewesen, weil im Treppenhaus nach jemandem gerufen worden war, der genau so mit Nachnamen hieß wie er und er noch nie jemanden gesehen hatte, der „Be“ mit Vornamen hieß. Geht das überhaupt?! Zu allem Überfluss war Tom so winzig, dass er die Person, die so hieß gar nicht sehen konnte. Und jetzt war auch noch das weiße Ding weg und er war ganz alleine hier und kam die graue Wand nicht hoch. Das war doch zum Weinen. Und gruselig, weil es so dunkel und so kalt hier war.

    Dann knallte auch noch eine Tür. Tom wollte losheulen, das tat in den Ohren weh und gleich käme bestimmt jemand, der ihn übersehen und einfach zerquetschen würde.

    Aber dann hörte er eine Stimme: „ Was? – Nein. Ausgeschlossen! Nichts zu machen.“ Knall. Pause. Rascheln. Dann. „Sag mal, Beate, hast du die dritte Tomate gesehen?“

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      1. Meinst du dieses Club Mate? Ich kenne das nicht, begegnet mir als Erwähnung nur immer wieder.

        Aber ob eine Menschen-Frau mit einem Tomaten-Kind (seine Eltern waren ja schon/noch im „weißen“) was trinken geht? Ich muss mal Vespers Die Reise lesen vielleicht lässt sich so eine Trip-Fantasie simulieren. Dazu wäre deine Idee natürlich gut. Sie darf nur keine Bloody Mary trinken (oder doch, in der Trip-Fantasy gäbe es dann einen „Kindermörderin!“-Shitstorm durch ausgewachsene Tomaten Beate gegenüber in den Sozialen Netzwerken vitter [vegetable twitter, wäre ein kleiner Kunstgriff zurück auf Vesper, der im Wahn seine Mitmenschen als Vegetables bezeichnete] und fruit bowl 🙂 )

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          1. Was ein Skandal! Tom ist doch ein Gemüsekind, da vergreifen sich jetzt schon Frauen an Kindern, wehrlosen Baby-Tomaten (und Gurken und Paprika und Möhren, die Fälle sind nur noch nicht bekannt geworden…). Im Ernst, so was durch den Kakao ziehen wäre sehr makaber, und das würde ich auch nie schreiben, nicht mal als Parodie auf die ganzen Hetzer in diversen Netzwerken. Also durchbrennen ist nicht. Zumindest nicht mit Tom. Da Beate sich aber in der selben Wohnung mit Toms Vater – Tom Senior – befindet, und der erwachsen ist… Toms Mutter – ich vermute sie heißt Tomma und kommt aus frisischen Gefilden, wo der Name herstammen soll -, könnte natürlich, da sie ja auch erwachsen ist mit dem Menschen, der Tom verloren hat…

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          2. Da kann doch der Kleine nichts dafür wenn das weiße Ding mit seinen Eltern drin plötzlich weg ist, nur weil er Neugiernase schauen wollte wie Leute, die „Be“ heißen aussehen…

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  2. Auf dem Nachhauseweg gingen sie schweigend neben einander her. Eigentlich hatte sie daheim bleiben wollen, endlich mit Tom reden, ihn zwingen zuzuhören, ihm noch einmal klarmachen wollen, dass es so nicht weiter gehen konnte, dass sie es satt hatte. Aber dann war Tom nach Hause gekommen, hatte ihr von der Einladung erzählt. „Ganz spontan, Nina und Erkan haben uns etwas zu erzählen.“ In großer Runde hatten gesessen und Nina hatte Photos gezeigt von einem Fachwerkhaus. „Über 100 Jahre alt, aber noch gut in Schuss. Mit einem großen Garten und viel Platz zum Spielen.“ Und dabei hatte Erkan Nina in den Arm genommen und zugezwinkert. Nina hatte geschluckt. Zwillinge, vierter Monat, renovieren, alle wollten helfen. Plötzlich wurde ihr schlecht. Abrupt war sie aufgestanden, aus dem Restaurant gestürmt, so dass Tom nur mit Mühe hatte folgen können. Jetzt standen sie im Treppenhaus. Ein Kind … Immer suchte Tom nach Ausreden, Immer war ein neues Projekt wichtiger, mal eine Traktorfahrt durch die Eifel mit Senioren, mal eine Trekking-Tour in Neufundland für gestresste Manager. Nie war Zeit für eine Familie. Sie wollte ihre schicke Altbauwohnung mit abgezogenen Dielen und bodentiefen Fenster und Hochglanzküche nicht mehr, in der Kinder nur stören würden. Und keine einzige Minute mehr mit Tom. Ausgeschlossen! Unvermittelt stürmte sie die Treppe hoch, nahm sie zwei Stufen auf einmal, schloss die Tür auf und warf sie mit einem Schwung zu. Tom würde draußen bleiben müssen. Kein Platz mehr für ihn in ihrem Leben.

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  3. Tomcat

    Tom der Kater will mal raus,

    der Weg geht durch das Treppenhaus

    im Hof sucht er sich eine Ecke,

    mit Sonnenschein auf warmem Stein

    da liegt er dann und schläft fast ein

    entspannt bei der Holunderhecke.

    Doch manchmal zaubert er auch was,

    das macht ihm und den Kindern Spaß.

    Der Abend kommt, er hats genossen

    Und will nun heim zum Abendbrot.

    O jemine, o bittre Not,

    Der Pförtner hat ihn ausgeschlossen.

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  4. Don`t think twice.
    (Bob Dylan oder auch Perlengazellen-Variation).

    „Uns ging es sowieso nicht mehr gut“, sagte Tom und nahm seinen Koffer, der schon gepackt an der Tür stand.
    Sie sah ihn an und erwiderte, es habe ja noch nie ein „wir“ und „uns“ gegeben.
    Er zog die Tür hinter sich zu. Im Treppenhaus bemerkte er, dass er alle Schlüssel in der Wohnung vergessen hatte.
    Er zuckte mit den Schultern. Nicht das erste Mal, dass er sich aus einem Leben ausschloss.

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  5. Danke für die Anregung. Ich habe seit einiger Zeit in einer Geschichte festgesteckt und da kam Tom mit seiner Suche gerade recht und hat sie wieder in Bewegung gebracht. Bin noch dabei. Wenn sie runder wird gebe ich Bescheid. Aber sie wird wohl zu lang für einen kleinen Kommentar bei wordpress…

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  6. noch ein Textchen:

    „Du hast die Schlüssel drinnen stecken lassen!“ Martha sagte es halb vorwurfsvoll, halb hämisch. Denn Tom machte bekanntlich nie Fehler, und so sagte er prompt: „Ausgeschlossen!“
    Er suchte noch immer in sämtlichen Taschen nach dem Schlüsselbund, fassungslos, dass er, ER, so schusslig sein konnte, als Martha mit dem Mann vom Schlüsseldienst im Schlepp die Treppe hoch kam und durchs ganze Treppenhaus rief: „Na, haste ihn gefunden, Tom?“

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    1. Einer der großartigen Aspekte am Schreiben ist ja, dass wir über die Zeit „bestimmen“ können: In einem Satz können wir Jahrzehnte vergehen lassen oder ein ganzes Buch handelt nur von einem Tag. Du gehst sehr gnädig mit Tom um, aber mir scheint, die Suche hätte noch etwas mehr Raum und Drama vertragen können ;-

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      1. unbedingt! 🙂 Mir gings hier eigentlich um die Doppelbedeutung des Wortes.

        und wo ich schon mal dabei bin, noch eine Kurzszene:

        „Bitte“, sagte Tom, „Ich heiße Thomas! Tho-mas, nicht Tom. Du sagst ja auch nicht Treppeha und WohnuTü, Klavi-Unterri und Hex-küch, oder?“ „Is gut, Tom! Werd mich bessern! Und nu mach mal, du bis dran mit Geben. Wie lange soll ich noch auf meine Karten warten? He, Tom, biste taub? Was suchst du denn die ganze Zeit rum?“ „Das Kartenspiel ist nicht komplett. Ein As fehlt.“ „Ausgeschlossen! Gib ma her, ich zähl durch. 32 Karten, Tom, sind alle da.“

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        1. Liebe Gerda, was für eine vielversprechende „Ausgangslage“ und wie gut, dass dieses tombedingte Elend offenbar bald ein Ende hat 😉
          Bei dem Link ist dir ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen, den korrigiere ich, ja?! Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag!

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  7. Toms Lied von der Wiedergeburt

    Im Treppenhaus
    des Altstadtbaus
    hab’ ich mal was verloren.
    Ich suchte tagelang
    und fand
    es schließlich hinter Rohren
    und Farbe, die verwittert war.
    Das sehe ich noch vor mir, klar,
    aber:
    Ob ich noch weiß,
    was das wohl war?
    Was ich damals verloren
    im Treppenhaus
    des Altstadtbaus?
    Ausgeschlossen!
    Ich weiß nur noch
    vom Dreck hinter den Rohren.
    Vom Kosmos, unverwechselbar,
    Substanzen, nicht zu definieren,
    mit Staubgebilden, Spinnenschlieren,
    Insektenleichen, trocknen Tieren.
    Und Farbe, die verwittert war.
    Doch das, was ich verloren?
    Keine Ahnung. Bloß noch das:
    Ich habs gespült
    und mich gefühlt
    wie plötzlich neugeboren.

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  8. Treppenkind
    Ich sass oft als Kind nach der Schule vor der Tür weil ich meine Schlüssel zu Hause vergesen hatte.
    Oft sass ich dort mehrere Stunden auf den Steintreppen mit einem Hefter als Isolation unter dem Hintern, weil eine Nierenentzündung wollte ich dann doch nicht.
    Wir wohnten in einem Neubaublock auf der ersten Etage, also mussten fast alle anderen Hausbewohner an mir vorbei. Da es öfter vorkam und ich mich schämte und nicht bemitleidet werden wollte, hatte ich mir eine kleine Show ausgedacht: Jedesmal wenn ich die Haustür hörte und jemand kam die Treppe hoch, tat ich so als wäre ich gerade gekommen und kramte emsig in meiner Tasche nach dem nichtvorhandenen Schlüssel, insgeheim wartend dass die Person an mir vorbei ging, eine Tür oben ins Schloss fiel und ich mich wieder auf die Treppe setzen konnte.
    Manchmal musste ich meine kleine Suchshow mehrere Male abspielen bevor mich ein Elternteil oder eines meiner Geschwister erlöste.

    Erst sehr viel später dachte ich so bei mir, vielleicht hast du ja die Schlüssel mit Absicht vergessen und dich so aus einem Leben ausgeschlossen an dem du nicht teilhaben wolltest? Auf der Treppe sitzen stellte in dem Sinne eine impotente Nicht-Lösung dar, an der wirklichen musste ich erst noch arbeiten.

    Danke Jutta und Birgit, die mir zu dieser Erinnerung mit ihrer Geschichte verholfen hat.
    https://saetzeundschaetze.com/2016/02/26/don-t-think-twice-its-all-right/

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    1. Vielen Dank für diese Treppenhaus-Szene, die bei mir sofort Erinnerungen weckte: Ich habe mich mal an Heiligabend ausgeschlossen, als alle außer mir in der Kirche waren. Dummerweise als sie gerade erst aufgebrochen waren. Wollte nur mal kurz mit dem Hund raus … Und vielleicht hatte das auch einen Sinn, der mir damals verborgen blieb.

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      1. Mir ist das mal an Neujahr passiert … unten klingelte jemand, ich raste im T-Shirt das Treppenhaus runter, machte die Haustür auf: Keiner da. Ich trotz A…kälte kurz ums Eck geguckt, saustinkig, weil keiner nach Silvester umsonst um ca. 10.00 Uhr aus dem Bett geklingelt werden will. Zurück vor der Tür: Tür zu, kein Schlüssel. Schnee und Eis und ich im T-Shirt. In dem Moment kommt mein „Obermieter“ (das ausgewachsene Riesenbaby, das über mir wohnt) aus der Tür. Schaut mich an und sagt: „Oh luftig angezogen!“ Ich: „Ja, ich habe mich ausgesperrt.“
        Und bevor ich ihn bitten konnte, mich reinzulassen (und evt. sein Telefon zu nutzen, damit ich für die Wohnung einen Schlüsseldienst holen kann), sagte er nur mitleidig: „Ach, das ist aber schlimm – einen schönen Tag noch!“ und ging des Wegs. Der ist wirklich von einem anderen Stern…

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        1. Was ich zuerst dachte, war oje, das kann der doch nicht machen. Du im T-Shirt im Winter… aber dann kamen mir ganz viele Fragen: bist du hinterhergelaufen? Was hast du gemacht? Wie lange warst du in der Kälte? Wer hat dir geholfen…etc. Oder auch: wo war er in Gedanken, dass er die Situation nicht richtig mitbekommen hat? Und deshalb stimme ich da Jutta zu: Super Textanfang- macht neugierig, weil ich gerne wissen mag, wie es weiter geht…!

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          1. Also nicht nur, weil ja Zustimmung immer eine feine Angelegenheit ist: So wie sich für Menschen, die zeichnen oder malen die Wahrnehmung verändert, so verändert sie sich auch, wenn wir regelmäßig schreiben. Was könnte der Keim einer Geschichte sein und was eher nicht? Das bedeutet ja nicht, dass wir über all das schreiben müssen … aber dass wir den Blick schärfen und so unserer Chance steigern, tatsächlich zu „unseren“ Themen und Fragen und Geschichten zu kommen 😉

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          2. Liebe Jutta, dann gib du als Profi mal einen Tipp: Was tun, wenn man sich vom echten Erleben momentan dann nicht lösen kann und es deshalb schwer fällt, die Geschichte anderweitig weiterzuspinnen? Jetzt bin ich gespannt 🙂

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          3. Liebe Birgit, du denkst bestimmt, ich habe deine Frage gestern gelesen und bin daraufhin erschrocken verstummt … War aber nicht so ,-) Ist aber, wie du dir denken kannst, ein etwas weiteres Feld und weil es eine Frage ist, die SEHR oft auch in Werkstätten auftaucht und ich gerade gar nicht glauben kann, dass ich dazu noch nicht so ganz explizit geschrieben habe, würde ich gerne einen kleinen Post dazu schreiben. Was meinst du?

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          4. Dich schreckt auch gar nichts 🙂 Ja, aber ich merke, dass ich bei meinen Schreibversuchen oft doch an dem, was ich tatsächlich erlebe, haften bleibe – und würde mich doch gerne manchmal dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Von daher: Wenn Du dazu aus dem Nähkästchen plauderst und einen Beitrag schreiben würdest, fände ich das genial und hilfreich !

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    2. Komme gerade mit dem Hund zurück, da steht mein Sohn im Windfang (damit ihn keiner sieht) und kommt mir mit verlegenem Lächeln entgegen: er sei zur Halbzeitpause mit dem Pennyboard raus, ohne Schlüssel. Zur Halbzeit stand es 1:1, jetzt muss er schnell den Anschluss suchen. Leider heißt mein Sohn nicht Tom …

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        1. Keine Ahnung an welcher Stelle der Kommentar jetzt landet, bezieht sich auf die Treppenkinder. Wurde das nicht auch diverse Male im Kinderfernsehen in den 70ern bei der „Rappelkiste“ thematisiert? Ich weiß es nicht genau, bin zu jung, aber wir hatten das mal geschaut, weil wir dem Atelier-Kind doch immer Retro-Zeugs zeigen (meine Geberation hatte den Nachfolger „Bettkantengeschichten“ von denselben Machern), und da war meine ich oft was mit Kindern, die Nachmittags allein waren (weil Eltern auf Arbeit etc.), sich draußen „rumdrücken“ mussten etc. Weiß das zufällig einer ob so was damals im Fernsehen thematisiert wurde? (Die Sendung muss ab Mitte der 70er gelaufen sein.)

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  9. Pingback: Tom – Tageslyrik
  10. Ausgeschlossen, Treppenhaus, Tom (sucht etwas)

    Der Kaffeeduft und zog seine Bahn. Von der Küche ins Wohnzimmer, über den Flur hinaus ins Treppenhaus. Langsam beinahe schleichend legte sich das Aroma auf die Treppenstufen, wie ein Nebelschleier. Vorbei an den Wohnungstüren der Mieter und vermischte sich mit denen aus den Wohnungen dringenden Gerüchen. Es roch orientalisch und heimisch. Über allem lagen die Röststoffe, des Kaffees. Sie überwiegten.
    Kaffee- Zeit
    „Nun musste er kommen, glaubst du nicht auch, dass er bald hier sein müsste“; dabei wandte sie sich fragend an dem im Sessel sitzenden Ehegatten. „Es ist noch nicht 15:00 Uhr“. „Du bist zu früh“. „Geduld, Geduld“.
    Ein Seufzer löste sich aus ihrer Brust. Ich weiß. Nur, er war schon so lange nicht mehr hier. Du hast recht, ich erwarte ihn sehnlichst. Seine Geschichten, die er mitbringt, sind kurzweilig. Es lässt uns vergessen, dass wir alt sind.
    Nein wir sind nicht alt, unsere Körper funktionieren nur nicht mehr so wie früher, das ist alles.
    Sei geduldig, im bedächtigem liegt auch ein Reiz.
    Vielleicht sollten wir in eine andere Wohnung ziehen, gab sie zu bedenken. Mit nicht so vielen Stufen. Die vierte Etage hatte seine Vorteile, aber bestimmt ist es leichter, wenn wir unten in Parterre wohnen würden. Die schweren Tüten vom einkaufen haben schon ein Gewicht. Der Gang in den Keller um Vorräte herbeizuholen tut das seinige.
    Gut wir müssen nicht mehr die schweren Eimer gefüllt mit Kohle und dem Holz hinauf tragen. Das ist eine positive Errungenschaft, aber wenn ich ehrlich bin, so fehlt mir der Küchenofen. Das Knistern des brennenden Holzes. Der Duft des Kuchens aus dem Backofen. Das Surren, des siedenden Wasser. All diese wohltuenden Geräusche der Behaglichkeit.
    Am Abend, wenn wir das Licht sparten, erfreute uns der Ofen mit seinem glühen, und so manches Spektakel spiegelte sich an der Wand. Wir sprachen von Dingen die nicht wirklich real waren, aber uns alle sehr ängstigten. So spannend konnten die Abende sein, ohne Fernsehen.
    Sie setze sich neben ihn, nahm seine raue, rissige Hand in die Ihrige und sprach weiter. Nur um die Wartezeit zu verkürzen.
    Montags, jeden Montag stieg eine Wolke von kochender Schmierseife bis nach oben. Sie kam von unten aus der Waschküche. Flink öffneten wir die Flurfenster und der Geruch entwich auf wundersame Weise. Anstelle dessen verbreitete sich der Wohlgeruch frisch gewaschener, gekochter Wäsche. Man konnte sich vorstellen, wie weiß sie gekocht war. Etage, um Etage durchzog es das Treppenhaus. Der schwere Wäschekorb mit der nassen Wäsche, geschleppt von müden und den Kräften schon fast entledigt trugen Frauen, Müttern, oder Großmütter, in Weiden geflochtenen Behältern nach oben. Anschließend wurde die Bodentür verschlossen. Nur der Hausmeister hatte noch einen Schlüssel.
    Dann war Mittagszeit. Es wurde ein Eintopf auf den Tisch gestellt, das war Usus. Montags der Waschtag war damals Hochleistungssport für die Frauen, im Anschluss folgte eine Woche mit Wäschepflege, bügeln, stopfen, flicken, falten und einräumen
    Davon sprach sie, als die Türklingel schellte. Das alte Klingelzeichen dreimal kurz zweimal lang und wieder dreimal kurz. Schnell lief sie zum Schlafzimmerfenster, öffnete dieses und schaute hinunter. Tom trat aus dem Schatten der Haustür und winkte nach oben.
    Er ist es, er ist es.
    Der Türdrücker wurde betätigt. Lange, sehr lange wurde darauf gedrückt. Die Tür sollte sich öffnen für ihn, dem Heimgekehrten. So kam er sich auch vor. Heimgekehrt in seine Kindheit. Langsam trat er ein in eine Welt, die längst vergangen. Beim einatmen sog er alle Gerüche die sich in dem Putz der Wände eingenistet haben, mit beiden Nasenflügel in seine Lungen. Die Vergangenheit lebte.
    Zwei Filme spielten sich in seinem Kopf ab. Die wichtigsten Stationen seiner Kindheit ungewollt und nicht gesteuert belagerten ihn. Ausgelöst, durch die ins Gemäuer eingeschlossenen Gerüche.
    Aus dem Keller glaubte er noch Kohle war zu nehmen, obwohl keine Kohle mehr gelagert wurde. Selbst die Waschküche verbreitet ihren Eigengeruch.
    Links neben der Haustür waren die Briefkästen. Tom kramte in seiner Hosentasche nach seinem Schlüsselbund. Er will nicht sagen dass er suchte, aber bald kam es ihm so vor. Den kleinen Schlüssel hatte er an seinem Bund gehakt, um sich unnötige Wege zu sparen. Er öffnete den Briefkasten und entnahm einen Briefumschlag. Dann schloss er wieder ab.
    Langsam ging er an den unteren Wohnungen vorbei. Hier wohnten Lydia und Heinz. Kinder in seinem Alter, sie heckten so manche Streiche aus. Bis eines Tages Lydia nicht mehr kam. Auch nicht in die Schule. Sie kam überhaupt nicht mehr. Sie hatte sich ansteckt. „Kinderlähmung“ . Es hörte sich so schrecklich an und es war auch schrecklich. Es war Sommer. Die Kinder wollten doch spielen,
    stattdessen mussten sie zu Hause bleiben, und Zuckerstückchen essen. Die ihnen eine Krankenschwester verabreichte. Alles unter Aufsicht. Die Eltern von Lydia weinten, später sind sie aus diesem Haus gezogen.
    Tom nahm die Stufen die nach oben führten. Bis zum ersten Absatz. Ein Flurfenster das auf Kippe stand, flutete frische Luft in das Haus, gleichzeitig brachte es Helligkeit in das kühle, fast sterile Treppenhaus. Tom hielt inne. Nun noch den zweiten Absatz. Links und rechts die Eingangstüren der anderen Mieter. Er kannte sie nicht mehr. Die langjährigen Mieter sind verstorben. Die Enkel wohnen mit ihren Eltern in einen anderen Teil dieser Stadt. Zufällig hatte er sie getroffen. Mit ihnen gesprochen, aber die Verbundenheit fehlte plötzlich. Sie haben sich verändert, er hatte sich auch verändert. Aber so, dass man nicht mehr mit einander spricht, war ihm fremd.
    Er blickte zu seinen Füßen, die Stufen sind die Gleichen geblieben, dachte er. Blank gescheuert und ausgetreten. Breit und tief genug um einen sicheren Tritt zu haben. Selbst das Treppengeländer aus schwerem Holz gedrechselt und poliert, bietet vor der Tiefe des Treppenhauses Sicherheit. Immer noch wird ihm ein bisschen schwindelig, wenn er sich über das Geländer beugt und hinunter sieht. Es war verboten auf dem Handlauf rücklings runter zu rutschen. Es war verboten, aber erwischt worden ist keiner.
    Er lächelte, ob er heute wieder ihre legendäre Torte bekommt. Oder nur einen trockenen Zitronenkuchen. Mal sehen wie er im Kurs steht. An Hand des Kuchens konnte er deutlich die Stimmung messen. Danach richtete es sich was er erzählte. Es gab viel zu erzählen. Zu planen. Erneuerungen standen im Raum.
    Die Wohnungstür öffnete sich, da bist du ja, Junge. Strahlend streckten sich ihm Arme entgegen und er wagte einen Blick über ihre Schultern auf den Wohnzimmertisch. Da stand sowohl Torte als auch Zitronenkuchen auf dem Tisch. Er dachte bei sich heute ist nichts
    “ ausgeschlossen“ und begrüßte seinen Vater.

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  11. tom das treppenhaus und ausgeschlossen / dazwischen und daneben pendle ich den füller und versuche mit worten einer idee zu folgen / nichts an spuren passt wie ich es will oder denke oder nur annähernd es in meine richtung geht / erkenntnis: zum auftragsschreiber tauge ich nicht / weitere erkenntnis: erzwingbar ist eine schlechte note und daraus selten gutes entsteht / ich kritzle generiere schmiere kladdestiniere versuche stammle wiederhole den ansatz / dann mache ich wieder tee / dies gelingt / eintauchen in worte mit dem ziel eine geschichte zu formen / es bleiben versuche / ich werfe den teebeutel ins treppenhaus / stelle mir tom als einbrecher vor / ausgeschlossen / ist das nicht.

    aber die idee war gut / womöglich.
    dafür lese ich hier freudig feine ergebnisse und flaniere die geschichten aus / so hat alles sein gutes und es darf / müssen sollte es nie.
    herzlich lz.

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  12. liebe jutta,
    durch den blog „sätze&schätze“ bin ich auf deinen blog aufmerksam geworden, den ich sehr gut finde. vor allem die kategorie „irrtümer des schreibens“ gefällt mir, bin ich doch auch eine von denen, die oft zweifelt am eigenen tun.
    den geschichtengenerator habe ich zum anlass genommen, eine kleine fingerübung zu schreiben, was mir viel spaß gemacht hat.
    ich möchte die kleine episode auf meinem blog posten und frage, ob ich verlinken darf.
    hier ist mein beitrag:
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    „Tom, nun mach schon“, sagt sie und sieht sich um.
    Er kramt in seinen Hosentaschen, Jackentaschen, Hemdtaschen.
    „Hast du ihn?“
    „Nein“, antwortet er. „Wir müssen bei ihr klingeln.“
    Sie rollt mit den Augen, er klingelt bei Frau Wolf. Die Wohnungstür öffnet sich.
    „Hallo, Frau Wolf“, sagt er. „Können wir Ihr Telefon benutzen?“
    Frau Wolf starrt ihn an, die Arme vor der Brust verschränkt.
    „Wir haben uns ausgeschlossen und unsere Schlüssel und Handys liegen in der Wohnung.“
    Frau Wolf guckt erst ihn, dann sie an. Unten knallt die Haustür zu, ein Briefkasten wird geöffnet.
    „Kommt erst mal rein“, sagt Frau Wolf und gibt den Weg in ihre Wohnung frei. Während die beiden eintreten, sucht Frau Wolf die Telefonnummer vom Schlüsseldienst raus.
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    liebe grüße,
    kimi 🙂

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