Schreiben Sie eine Geschichte mal nicht zu Ende!

Oft halten wir am Anfang nicht mehr als einen losen (Geschichten)-Faden in der Hand. Eine Figur oder richtiger: Umrisse einer Figur. Vielleicht sehen wir eine Frau am Frühstückstisch, die laut zu sich sagt: „Heute nicht!“. Die aufsteht und sich einen Mantel anzieht.

Oder wir sehen einen Jungen mit einem Schulranzen, der viel zu groß, viel zu schwer scheint, wir sehen diesen Jungen auf seinem Schulweg. Er geht langsam und wir vermuten, dass er auch schneller voran kommen könnte. Und während wir darüber nachdenken, sehen wir, wie der Junge in diesem sehr langsamen Tempo an dem Schuleingang vorbei geht. (Falls Ihnen gerade sehr plastisch der Eingangsbereich Ihrer Schule vor Augen steht, machen Sie sich doch ein paar kurze Notizen.)

Wir wissen nicht, wo diese beiden Figuren hingehen und wir wissen auch nicht, was mit ihnen nicht stimmt. Ob überhaupt etwas mit ihnen nicht stimmt. Und wir müssen es auch nicht wissen! Wir können die Anfänge einer Geschichte aufschreiben – und müssen kein Ende finden! Jedenfalls nicht sofort.

Ein Ende zu finden ist oftmals keine leichte Sache, aber wir erhöhen unsere Chance, ein gutes, ein „richtiges“ Ende zu finden nicht dadurch, dass wir von Anfang mit gesenktem Kopf danach suchen. Oft liegt das „gute Ende“ etwas abseits des Wegs und nur, wenn wir die Nerven behalten und uns nicht durch ungebetene Stimmen im Kopf („Kannst du nicht einmal etwas zu Ende machen?!“) verrückt machen lassen.

Vor allem, wer mit dem Schreiben anfängt, wer noch auf der Suche nach einer regelmäßigen Schreibpraxis ist, sollte sich nicht scheuen, immer neue Texte zu beginnen. Figuren oder Szenen nachzugehen. Sie so konkret wie möglich zu notieren und an einem Ort aufzubewahren, an dem sie sich begegnen können (einer Datei oder zumindest einem gemeinsamen Ordner, einer Kladde oder einem Stapel). Und wenn es uns dann noch gelingt, nichts erzwingen zu wollen, fügt sich oft, fast ohne unser Zutun etwas zusammen  und bringt uns einem „guten“ Ende einen großen Schritt näher – während wir auf dem Rad sitzen oder in der Badewanne liegen oder eine Zucchini klein schneiden.

Nachtrag vom 08.10.2015: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 16.01.2014. Heute las ich zu meinem kürzlich veröffentlichten Beitrag „Das größte Problem beim Schreiben …“ einen schönen Kommentar, der mich an diesen Beitrag erinnerte und mir als eine sinnvolle Ergänzung vorkam. Wie immer freue ich mich über Anmerkungen und Erfahrungsberichte!

10 Comments

  1. Diese Sache mit dem „Nie was zu Ende schreiben“ macht mich persönlich ja oft so mutlos. Ich fange immer an, bin voller Ideen, dann habe ich erstmal keine Zeit, alles liegt brach – und dann verlässt mich der Mut meine Ideen weiterhin gut und interessant zu finden.

    …..aber vielleicht ist das mal eine Idee: einfach so lange brach liegen lassen, bis es mich wieder packt und mich weiter vorantreibt. 🙂

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    1. Meine Erfahrung ist, dass beide „Extreme“ manchmal helfen. Liegen lassen, aber auch: ein Ende zu schreiben, dessen einzige Funktion darin besteht, ein Ende zu haben – sei es noch so vorläufig. Manchmal hilft das „schlechte“ vorhandene Ende ein „besseres“ entwickeln zu können. Es ist leider oft mühsam mit den Enden, da kann ich auch ein langes Lied von singen … Grüße und: unbedingt dran bleiben! 😉

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  2. Liebe Jutta, gedacht habe ich es schon öfter, jetzt schreibe ich es endlich auch mal auf: Ich finde, du hast eine ganz feine Art, das Geschichten-Schreiben zu lehren (auch wenn es hier ja gerade darum geht, sie einfach mal unvollendet zu lassen und in Ruhe abzuwarten, ob und wie die Saat des Anfangs aufgeht). Ist bestimmt richtig schön in deinen Schreibwerkstätten. 🙂

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    1. Liebe Maren, ich freue mich sehr über deine freundliche Bemerkung! In der Schule hatte ich einen Mathe-Lehrer, der hat immer die „durchschnittlich“ guten Schüler etwas erklären lassen, denen der neue Stoff auch nicht „auf Anhieb“ eingeleuchtet hatte. Die konnten viel besser als die „Einser“ oder der Lehrer selbst erklären, weil sie wussten, wo es bei ihnen „gehakt“ hat. Ich bin überzeugt, dass es bei mir ähnlich ist: Ich habe nicht mit fünf im Sandkasten schon Haikus geschrieben – und davon profitiere ich jetzt 😉

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