Christoph ist verschwunden – literarische Hinweise dringend erbeten!

Kürzlich hatte ich hier im Blog davon berichtet, dass mir über die langjährige Arbeit am Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ (erscheint im Februar 2015 bei Klöpfer & Meyer) der erste Satz verloren gegangen war: Christoph ist verschwunden. Und vermutlich, um mir den Abschied zu erleichtern, hatte mir Dorothea eine kleine Notiz zu Christoph geschenkt, was mich nun auf die Idee bringt, dass es großartig wäre, eine Sammlung von (eher) kurzen Texten, Spekulationen, Hinweisen oder Such-Tipps hier im Blog zu sammeln – die alle mit dem Satz vom verlorenen Christoph beginnen. Der dann immerhin nicht verschwunden wäre …

Bin sehr gespannt, ob und wo ihr Christoph gesehen habt? Hat er vor, wiederzukommen? Wie geht es ihm? Und reden wir wirklich über denselben Christoph?

 

Nachtrag vom 11.12.14:

Nicht nur in der virtuellen Welt, sondern auch in der sehr realen „Schreib-Werkstatt“-Welt zieht die Suche nach Christoph ihre Kreise – eine besonders schöne Version von Sabine Breitbach füge ich hier ein:

Frau Hansen war die erste Kundin, wie fast jeden Morgen. „Moin Christoph“, sagte sie und wollte wie immer fünf Krosse und zwei Kornknacker, ach nee doch lieber drei. „Hab garnicht mit dir gerechnet. Ich dachte, du wärst verschwunden.“
Christoph, der gerade ein Blech Brötchen in den Korb geschüttet hatte und schon wieder in die Backstube hetzte, bevor ihm die Ladung Croissants verbrennen würde, fragte nur „Wie komm se denn da drauf ?“
Zurück am Ofen dachte er dann: „Na, schön wärs. Dann müsste ich hier nicht schwitzen und mir die Finger verbrennen und Mehlsäcke schleppen.“
Der Nachbar Unger, der wie immer ein Käsebrötchen mit Käse wollte und das wie immer unerklärlicherweise komisch fand, fragte: „Was machst du denn hier? Ich dachte du wärst weg.“ Auch der Schuhmacher von gegenüber, der diesmal nur drei Flaschen Kakao nahm, wunderte sich. „Ach Christoph, doch nicht verschwunden?“
Die kannten ihn alle noch aus der Zeit, als er gerade mal so über den Tresen kucken konnte und mit dem Einmaleins mit 23 kämpfte, dem damaligen Preis für die Krossen. Viel hatte sich seitdem nicht verändert, hier gab’s immer noch reichlich Handarbeit, sein Vater wollte es so. Für die Kunden war er nur der Sohn vom Bäckermeister Tophoven. Und sie würden ihn wohl noch mit seinem Vornamen anreden, wenn er schon keine eigenen Zähne mehr hätte, mit denen er sie freundlich angrinsen konnte. Das war Order seines Vaters: ‚Und wenn se Himbeerdrops mit Senf wollen, der Kunde ist König, also immer freundlich bleiben.‘
Aber was hatten die heute bloß alle mit dem Verschwinden, als hätten sie sich abgesprochen? Immer, wenn er nur kurz durch den Laden huschte, um Brot zu bringen oder Brötchen oder die ersten Plunderteilchen, machte schon wieder jemand so eine sonderbare Bemerkung.
Die konnten sich die Bäckerei ohne ihn doch gar nicht vorstellen, aber er hatte mal ganz andere Pläne gehabt. Straßenmusik wollte er machen, Polarforscher werden, oder Postbote, oder Gärtner, irgendwas draußen, aber dann hatte er doch alles so gemacht, wie sein Vater es gewollt hatte, mit seinem Schulabschluss hatte er auch keine große Auswahl. Und jetzt drehte er Brötchen und schoss Brot in den Ofen und der Laden lief und er lief mit. Zwei seiner Kollegen in der Berufsschule hatten schon im ersten Lehrjahr einfach eine Mehlallergie bekommen, aber er hatte nicht mal den leisesten Husten.
Dann war Mittag, Feierabend, und er zog sich ein trockenes Hemd an und die Jacke und hielt sein weißes Bäckergesicht in die dünne Wintersonne. Er hatte die Wahl, endlich mal an die frische Luft zu kommen oder sich aufs Ohr zu legen. Wahrscheinlich wäre ein Nickerchen vernünftig, aber er entschied sich für eine kleine Fahrradtour, ein bisschen verschwinden dachte er und grinste grimmig.
Schon auf den ersten Metern lüftete sich das Rätsel um das ganze Gerede. Direkt vor der Ladentür, am Haltestellenhäuschen, hing ein Plakat. ‚Christoph ist verschwunden‘ stand da in riesigen Lettern, und an der nächsten Haltestelle war es das gleiche.
Christoph zählte 12 Plakate an den Haltestellenhäuschen, während er aus der Stadt fuhr und noch zwei große Plakatwände mit dem gleichen Text. Dann stieg er vom Rad und las das Kleingedruckte. Es war ein Wettbewerb, von einem dieser Privatsender. Es wurden Ideen gesucht für eine ihrer schon ewig dauernden Serien, die er nie sah. Da lag er nämlich schon längst im Bett. ‚Warum ist Christoph verschwunden? Wo ist er hin? Wird er zurückkehren?Wird er schon vermisst?‘
Christoph fuhr vorbei am botanischen Garten und am Tierheim und vorbei am Biohof Voigt und über die Bahngleise Richtung Süden und er fand sich so anwesend wie schon seit Jahren nicht mehr.
„Hallo Christoph!“, sprach er mit sich selbst. „Lange nichts von dir gehört. Wie schön, dass du wieder da bist.“ Und nach einer Pause: „Wo geht’s jetzt lang?“
„Egal“, antwortete er sich selbst, fuhr in die langgezogene Kurve gleich hinter Riede und dann mit Schwung den Hügel hinunter. „Erstmal verschwinden“ und dann kam er außer Sicht und war auch schon weg.

 

69 Comments

    1. Liebe Marga, vielen Dank für deinen “Hinweis”, dessen Lektüre mir große Freude bereitet hat – und auch dafür, dass du die Bitte um Hinweise weiterreichst. Die Idee mit der Serviette gefällt mir ganz besonders – bestimmt hat er irgendwo eine Notiz hinterlassen!

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    1. Jetzt waren wir gerade gleichzeitig auf der Seite der jeweils anderen 😉 Was mir besonders gefällt sind die kurzen Sätze, in denen wir ganz beiläufig mehr über dieses etwas rätselhafte Arrangement erfahren: “Wir hatten ihn nicht eingeladen”, oder “Ich war froh, dass er weg war”. Und eben überhaupt: die Rätselhaftigkeit! Herzliche Grüße – und besten Dank für diesen “literarischen Hinweis”!

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      1. Wieso Version? Ich kenne „Cristoph“, wie er hier noch genannt wird, und die Monika, die er jetzt ist. Für mich ist er einfach ein Freund. Und die Geschichten, die über sein Verschwinden erzählt werden, sind eben nur Geschichten. Ich hätte diese andere, aber ich habe es „Christoph“/Monika versprochen, sie für mich zu behalten. Und Freundschaft ist mir dann doch wichtiger, als eine weitere Version beizusteuern, ob sie nun aufregend erzählt ist oder nicht. Verstehen Sie bitte, dass „Christoph“/Monika gerade keine einfache Zeit durchmacht. Vielleicht kann er/sie später, wenn sich, wie man sagt, die Wogen geglättet haben, selbst erzählen. Drängen werde ich ihn/sie nicht dazu.
        Freundlichst
        Ihr Herr Hund

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        1. Lieber Herr Hund, bitte enschuldigen sie! Das ist eine Berufskrankheit, die bei mir immer wieder – und meist schubweise – ausbricht: Alles wird mir zu Geschichten … Manchmal frage ich die Frau, die ich liebe, ob die Erzählzeit zur erzählten Zeit in einem rechten Verhältnis steht und ob der Spannungsbogen nicht ein wenig früh einsetzt – wenn sie mir von ihrem Arbeitstag erzählt. Solche Sachen … Und nur so konnte es eben auch passieren, dass mir Christoph wie eine fiktive Gestalt vorkam – dabei sollte gerade ich das doch besser wissen. Also: Grüßen Sie, wenn Sie mögen Christoph/Monika und richten Sie ihm/ihr bitte meine vollkommen geduldigen Grüße aus – er/sie soll sich alle Zeit lassen und sich freuen, einen so guten Freund wie Sie an seiner/ihrer Seite zu haben!

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  1. Vielen Dank für die Inspiration! Ich war seit einiger Zeit schreibabstinent und habe mit diesem Satz meinen Gedanken einmal wieder freien Lauf lassen können. Es tat gut und hat Spaß gemacht. Veröffentlichen werde ich meine Geschichte um Christoph nicht, es schrieb sich darin zu viel Persönliches von meiner Seele.
    Herzliche Grüße
    Mme C.

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  2. Liebe Frau Reichelt, wenn Ihr Christoph schwarzkieseltiefblickig ist, dann ist er vielleicht der meine.
    Danke für diese schöne Idee, ich konnte trotz Zeitmangel nicht widerstehen. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch, bitte mit o.

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    1. Liebe Frau Knobloch, zuerst war ich mir sicher: Nein! „Schwarzkieseltiefblickig“ ist mein Christoph nicht – es muss sich um jemand anders handeln. Aber nun bin ich mir auf einmal nicht mehr sicher. Ich halte für möglich, dass er es vielleicht doch sein könnte? In einer Stimmung, die ich noch gar nicht bei ihm erlebt habe? Was wissen wir schon über andere …

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      1. Tja, vielleicht hat ihm ja Melancolia den Blick geschwärzt? Ich kann Ihnen nur beipflichten: Was wissen wir schon über andere…

        Herzliche Dankesgrüße für eine Krätzechristophwomöglichspinnerey, Ihre Frau Knobloch.

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    1. Liebe Silvia Meerbothe, schönen Dank für diesen Hinweis! Was mir besonders daran gefällt, ist die Frage, ob vielleicht in Christophs Umgebung bereits andere Menschen verschwunden sind? Da scheinen mir weitere Geschichten zu lauern … Herzliche Grüße!

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  3. Christoph, welch sanfter, wohlklingender, vielversprechender Name. Wurde Christoph diesem Namen gerecht? Wenn er es nicht tat oder konnte, musste er deshalb verschwinden? Setzte er sich in Szene, um von sich abzulenken? Benutzte er sein angeborenes Talent, um aus dem Blickfeld seiner Umgebung zu gelangen. Oder ist Christoph ein Baby, ein Kleinkind, Jugendlicher, Mann, Vater Ehemann, Freund oder Greis?.Ein Mythos. Eine Vision von….
    Wenn es so sein könnte, dann lebt ein jeder Christoph in uns. Suchen wir ihn in uns und der Satz lässt sich finden. So auch Christoph. Die Frage ist nur will ich Christoph finden, er nimmt mir meine Ruhe, Er macht mich neugierig. Ich muss loglisch, rational, struktuiert vorgehen. Es bringt meine Gefühlswelt in Aufruhr. Ich empfinde Sorge, Trauer, Angst und Wut. Vielleicht irgendwann Erleichterung und Freude. Wenn dies Christroph schafft, verzeih ich ihm, dass er abgehauen ist. Aber verzeihen werde ich ihm nicht die Stunden der Suche,

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    1. Liebe Irene, ich habe mich ja nun selbst jahrelang mit der Frage beschäftigt, wo dieser Satz hinführen könnte, welche Geschichten sich daraus entwickeln könnte – oder ihm vorausgegangen sein mögen. Und ja: es bleibt mit dem ersten Satz ja nahezu alles möglich! Herzliche Grüße!

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  4. Guten Tag werte Frau Jutta,
    ich muss gestehen, ich traf ihn auch. So stelle ich mich hiermit ahnungslos und bisher nicht begegnet, bei Ihnen vor.
    Gern hätte ich meine Sichtung als Pingdingsabumsda eingefügt, doch ist mir dieses technische Hochwissen leider nicht geläufig.
    Vorstelligst, Frau Ahnungslos, mit bestem Gruße

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    1. Mir ist das selbst auch noch immer ein wenig rätselhaft, was genau passiert, wenn ich auf „Rebloggen“ klicke – aber in deinem Fall hat es funktioniert! Wer hier liest, findet den Link auf deinen Blog und damit deine schöne Christoph-Version …

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  5. Liebe Jutta Reichelt! Wunderbare Idee,ich werde sicher noch etwas Zeit benötigen, um alle Christoph – Geschichten zu lesen,aber ich mag sehr die unverwechselbaren Farben der Geschichte und ihres jeweiligen Schöpfers.Freundliche Grüße, Grüße Mensch Päddra

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    1. Liebe Sylvia, toller Text und schöner Blog – um es sehr kurz auf den Punkt zu bringen, was ja sonst eher nicht meine Art ist 😉 Aber da ich erst gestern aus dem Urlaub zurückgekehrt bin und jetzt direkt ganz schön was los ist (ich bin u.a. für den Virenschleuderpreis nominiert) versuche ich mich mal in der knappen Variante – demnächst kehre ich dann sicherlich wieder in den ausführlicheren Modus zurück … Herzliche Grüße!

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      1. Liebe Jutta, ich habe selbstverständlich schon den erhobenen Daumen angeklickt und geteilt habe ich dich auch. Oh je, das hört sich doch blutrünstiger an, als es ist. Auf jeden Fall ist auf meiner Facebookseite die Werbetrommel gerührt.
        Gutes Ankommen im schönen Bremen und liebe Grüße.

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        1. Liebe Sylvia, vielen Dank! Für die guten Wünsche, fürs Anklicken und Verbreiten! Wenn es jetzt so direkt nach dem Urlaub nicht drunter und drüber ginge, wüsste ich, was ich um 18 Uhr mache! Aber bestimmt liest du nochmal in Bremen, oder?! Beste Grüße!

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  6. Super! Eins von beiden wird klappen – da bin ich mir sicher! Und im Lisboa lese ich nächstes Jahr wahrscheinlich auch. Da fällt mir ein: Ich muss dringend die neuen Termine auf dem Blog einfügen 🙂 Für heute wünsche ich dir jedenfalls eine gute Lesung und schöne Resonanz!

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